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toeife geöffnet, und so konnte die Person, die Von draußen kam, rasch an der Loge vorüber und geräuschlos die Treppe hinaufgeschlichen sein. ■•
„Diese Auskünfte sind von großer Bedeutung", bemerkte der Komnlissar. „Dieser Zeuge — Keßler sagten Sie doch?"
„Jawohl, Herr Kommissar."
„Konnte er Ihnen noch andere Auskünfte und Details geben?"
„Er glanbte bemerkt zu haben, daß der Fremde, mit dem er sich unter der Hausthür gekreuzt hatte, von großer Gestalt und elegantem Aeußeren gewesen war, der einen Ueberrock von grüner Farbe anhatte, und dessen Kragen hochgestülpt war." Diese Angabe stimmte vollkommen mit dem überein, was der Portier über die Person gesagt hatte, der er beiläufig um 11 Uhr abends das Thor geöffnet hatte. Ohne Zweifel war der, welcher um 10 Uhr das Haus betreten, und um 11 Uhr verlassen hatte, ein und dieselbe Person.
Aller Wahrscheinlichkeit nach war sie zu Frau von Sanden gegangen, da doch die anderen Mietparteien versichert hatten, zu so spater Stunde keinen Besuch mehr empfangen zu haben.
„War Ihnen vielleicht zufäUig eingefallen", fragte der Kommissar, „Herrn Keßler zu interpellieren, ob er Herrn von Sempach kenne?"
„Ich habe ihn gefragt, er kennt ihn aber nicht."
„War er ihm niemals im Hause begegnet?"
„Keßler meinte, es wäre möglich, doch hätte er dann dessen Namen nicht gewußt."
„Nachdem Sie diesen Zeugen ausgehört haben, haben Sie sich gleichzeitig über seine Person informiert?"
„Ja, mein Herr, er lebt sehr zurückgezogen, still und in sehr geregelten Verhältnissen."
„Sehr geregelte und zurückgezogene Leute pflegen sonst gewöhnlich um 10 Uhr nach Hause zu kommen; er ?>eht jedoch um 10 Uhr aus. Wohnt er im Hause schon eit langer Zeit?"
„Seit ungefähr sechs Monaten."
„Womit beschäftigt er sich?"
„Mit nichts. Er scheint von seinen Renten zu leben." Der Polizeikommissar fand weiter keine Zeit, sich über Herrn Keßler zu erkunoigen, da sich eben die Thür öffnete und der Ches der Kriminalpolizei, Geh. Regierungsrat P . . . ., und der Untersuchungsrichter eintraten, den der Gerichtshof sofort nach Kenntnisnahme des Mordes mit der Verfolgung dieser geheimnisvollen Angelegenheit betraut hatte.
5. Kapitel. 1 !
Der Kommissar eilte sofort diesen Leiden Amtspersonen entgegen und berichtete ihnen über seine bereits gepflogenen Aufnahmen und Erhebungen.
„Mein Kompliment", sagte der Untersuchungsrichter, >,ich hätte ebenfalls nicht rascher und geschickter handeln und vorgehen können. Teilen Sie mir noch einmal mit, was Sie über die ganze Geschichte denken. Es ist mir von Wichtigkeit und von Nutzen zu wissen, ob wir mit unseren Eindrücken und Mutmaßungen übereinstimmen."
„Nach meiner Meinung", äußerte sich der Kommissar, >,wohl verstanden, bis auf weitere Erhebungen hin und unter dem Siegel der Verschwiegenheit, scheint das Verbrechen infolge eines Streites zwischen zwei Geliebten begangen."
„Auch ganz mein Gedanke. Mso wäre demnach der Mörder kein anderer als Baron Franz von Sempach."
„Wles scheint dafür zu stimmen: die Angaben des Kammermädchens Minna, die der Portiersleute und die uns gegebenen mehrfachen Beschreibungen des Verehrers der Frau von Sanden einerseits — andererseits die Daten über den Unbekannten, der um 10 Uhr das Haus betreten und es wieder um 11, also nach vollbrachter That, verlassen hatte. Auch noch ein anderer Grund bestärkt mich in der Ihnen eben ausgesprochenen Idee: nach einer aufmerksamen Prüfung aller Möbel und Schlösser, nicht nur im Salon, sondern aulh im Schlaf- und Toilettenzimmer, konnte ich Nirgends die Spur eines Einbruchs entdecken. Es scheint demnach kein Raubmord vorzuliegen. Die können selbst in einer halboffenen Lade eines kleinen Roccoco-Schreibtisches, der im Salon steht, zwei Banknoten je 100 Mark und etliche Goldstücke je 20 Mark finden.", „Das beweist noch nicht", bemerkte der Geheime Re
gierungsrat näher tretend', „daß diese Lade nicht vielleicht eine größere Summe enthalten hat. Wie oft kommt es vor, daß der Verbrecher, um den Verdacht von such ab- zuwälzen, und das Gericht auf Irrwege zu leiten, einen Teil seiner Beute opfert, den größeren Teil aber davon- trägt, und den kleineren zurückläßt."
„Gewiß, Herr Regierungsrat", beeilte sich der Kome missar zu erwidern, „auch das hatte ich bereits vorgesehen. Auch hätte mir die Entdeckung dieses Geldes allein nicht genügt, mir daraus eine Ansicht zu bilden. Sie diente? auch nur dazu, um meinem ersten Gedanken sozusagen mehr Gewicht zu verleihen. Jedenfalls war zwischen den beiden Liebenden ein Streit entstanden; der eine Teil hat gedroht, der andere hat dann in seiner Wut mit der Waffe, die vor dem Kamin gelegen, den Stoß ausgeführt."
„Das stimmt allerdings", sagte der Richter imt einem Blick in die Schriften, die man ihm vorgelegt hatte. Er wandte sich an Minna, die er fragte:
„Kennen Sie diese Waffe? Haben Sie diesen Dolch schon gesehen?"
„Ja, mein Herr, es ist derselbe Dolch, den die gnädige Frau voriges Jahr aus Ostende mitgebracht hat, und der immer auf dem Kaminsims lag."
„Sie sehen", fuhr der Kommissar fort, „eine Vor- absicht scheint hiermit sogar ausgeschlossen. Der Mörder sieht in seiner Wut eine Waffe, ergreift sie und stößt zu. Hätten wir einen gewöhnlichen Mörder vor uns, einen Mörder von Profession, der mit der Absicht gekommen war, zu stehlen und im Notfall zu töten, dann hätte er eine Waffe mit sich gehabt, die er jedenfalls lieber benutzt haben würde als dieses Spielzeug, diesen Dolch, der nur durch ein Wunder den Tod herbeigeführt hat."
Seit einigen Augenblicken war der Untersuchungsrichter in Nachsinnen versunken. „Ja", schloß er endlich, „alles bestätigt unsere ersten Eindrücke. Man muß unverzüglich! Herrn von Sempach vernehmen."
„Ich teile vollkommen Ihre Ansicht, Herr Untersuchungsrichter, und ich hätte mich bereits zu ihm begeben,? wenn Sie nicht inzwischen gekommen wären/'
„Mso handeln Sie, als ob ich nicht gekommen wäre. Suchen Sie ihn sofort auf, bewegen Sie ihn zu reden, und verschaffen Sie sich Gewißheit."
„Ziehen Sie es nicht vor, Herrn von Sempach selbst zu vernehmen?"
„Nein, ich müßte ihn dann selber äufsuchen. Darüber würde eine gewisse Zeit verstreichen. Ich halte es für besser, daß Sie Ihre Fragen, die Sie ja so geschickt zu stellen wissen, an ihn richten, und ihn dadurch zu einem Geständnis verleiten. Ich kenne Sie schon seit langem, lieber Freund. Ich weiß, daß Ihre Verhöre und Informationen ebenso verläßlich sind, wie eine ganz regelrechte Voruntersuchung. Wenn Sie ihm die ersten Fragen gestellt haben, ob sie Ihnen ausreichend scheinen oder nicht,? bringen Sie ihn hierher zu mir. Sollte er irgendwelche Schwierigkeiten' erheben, so haben Sie für ihn eine Vorladung und eine Vollmacht, ihn herzuführen. Bedienen Sie sich je nach Bedarf des einen oder des anderen. Ich unterzeichne beide, weil ich wünsche, für Ihr Vorgehen selber verantwortlich 'zu werden. Ich erwarte Sie hier.? Inzwischen will ich noch die Kammerjungfer Minna vernehmen; denn fie scheint mir nicht alles ausgesagt zu haben und könnte uns noch in einige Punkte etwas Licht bringen."--—:
Eine Droschke brachte den Polizeikommissar in einigen Minuten nach der Wartburgstraße. Er hielt vor einem Privathause von anständigem Aussehen, klingelte und sagte dem öffnenden Diener, er wünsche mit feinem Herrn sofort in Betreff einer wichtigen und dringenden Angelegenheit zu sprechen. .
Nach einer Weile erschien Herr von Sempach.
„Mein Herr", begann der Polizeikommissar alsbald, „ich bin beauftragt, eine höchst delikate und peinliche Mission zu erfüllen in einer Sache, die Sie betrifft^ Ich wurde ersucht, Ihnen mitzuteilen, daß eine Person- mit der Sie in intimen Beziehungen standen, die Ihnen teuer ist, oder war, Opfer eines schweren Unfalls oben Zufalls geworden ist."
„Von welcher Person sprechen Sie, mein Herr?" „Von Frau von Sanden." , . -
„Gott! — Was ist ihr zugestoßen?"'


