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mangel herrscht, ist es aber billiger und zweckmäßiger, aus der Einrichtung eines Elektrizitätswerkes Nutzen zu ziehen, zumal wenn der Preis für Elektrizität mäßig ist.
Zunächst möchten wir für diejenigen, welche mit dem Gegenstand nicht genügend vertraut sind, in Kürze die Wirkungsweise des Elektromotors behcnrdeln. Wenn ein Kupferdraht, durch welchen ein elektrischer Strom fließt, zwischen die Pole eines Magneten gebracht wird, so wirkt auf den Traht eine Kraft ein, die ihn in einer gewissen Richtung fortzubewegen sucht. Diese Kraft hängt einerseits von der Lage des Drahtes zum Magneten ab, dann auch von der Stärke des Stromes im Draht, und schließlich auch von der Stärke, d. h. der Anziehungskraft des Magneten. Je größer der Strom, und je stärker die magnetische Wirkung ist, um so größer ist auch der auf den Draht ausgeübte Zug. Der moderne Elektromotor ist lediglich eine weitgehende Vervollkommnung solch einer Kombination von stromführendem Draht und Magnet.
Ter Magnet besteht in seiner für den Elektromotor zur Verwendung gelangenden Form im allgemeinen aus einem rahmenförmig geformten Eisen mit cylindrisch ausgedrehten Ansätzen, „Polschuhe" genannt. Um den Rahmen ist in Form einer Spule ein Traht gewickelt, durch welchen Elektrizität fließt; durch die Einwirkung der Elektrizität wird in dieser Weise der Eisenrahmen zu einem kräftigen „Elektromagneten". Turch die cylindrisch ausgedrehten Ansätze passiert genau konzentrisch eine Welle, di« an den beiden Enden durch Lager gestützt ist. Auf der Welle ist ein Eisen-Cylinder oder Ring angeordnet, um welchen «ine Anzahl von Drähten aufgewickelt sind. Diese Drähte sind in diesem Falle das, was bei unserem primitiven Motor der stromführende Draht war. Die Drahtenden werden mit Metall-Barren oder Segmenten, die konzentrisch auf der Welle angebracht, aber von einander isoliert sind, in Verbindung gebracht. Das System von Metallbarren wird „Kollektor" oder Kommutator, die Welle samt Eisenring, Kommutator und Drähten „Anker genannt. Zu erwähnen sind ferner noch die aus Metall oder Kohle bestehenden! Bürsten, die am Motorgestell in der Weise montiert sind, daß sie am Kollektator schleifen. Soll dem Motor mechanische Energie entnommen werden, so muß in denselben elektrische Energie hineingesandt werden, und zwar in der Weise, daß der Strom zunächst die Spulen des Eisenrahmens durchfließt, und diesen so zu einem Elektromagneten macht; alsdann oder auch gleichzeitig tritt der Strom durch die Bürsten in die Drahtwindungen des Ankers ein, und macht so diesen gleichfalls zu einem Magneten. Durch Verschieben bei1 Bürsten kann nun erreicht werden, daß die Pole des Elektromagneten denen des Ankers entgegenwirken, und wird dadurch eine Drehung im Anker erzeugt; sobald sich aber der Anker um einen gewissen Teil gedreht hat, steht ein anderes Segment mit der Bürste in Kontakt, und macht der Strom daher den Anker wieder genau in derselben Weise magnetisch, wie kurz zuvor. Da sich dieses Spiel fortwährend wiederholt, muß sich der Anker so lange drehen, als der elektrische Strom in den Motor fließt. Die elektrische Energie ist nun in mechanische Energie umgesetzt, und kann als solche vom Anker entnommen werden, wenn man nämlich auf der Welle desselben eine Riemenscheibe re. anordnet. Tiefer Prozeß läßt sich auch umkehren; man kann auch elektrische Energie in den Motor hineinsenden um mechanische Energie zu gewinnen. Ter Anker wird zu diesem Zwecke an der Riemenscheibe durch eine Dampfmaschine oder dergleichen angetrieben, so »aß der Maschine von den Bürsten elektrischer Strom entnommen werden kann.
Ter elektrische Strom wurde bis vor einigen Jahren nur zum Antriebe von Straßenbahnen und Maschinen verwendet, d. h. in Fällen, wo der Unternehmer selbst eine Generator-Station besaß. Erst in den letzten Fahren ist es durch Errichtung städtischer Elektrizitätswerke in den meisten größeren Städten erreicht worden, den Fabrikanten die Anlage eigener Generator-Stationen zu ersparen. Tie Folge davon war, daß sich der Kraftbetrieb mittels Elektrizität, hinsichtlich der Betriebskosten meist günstiger als bei irgend einem anderen Systeme stellte.
Fabrikbesitzer, welche zum Antriebe ihrer Maschinen Kraft bedürfen, und deren Fabrik nicht zu weit von einem Elektrizitätswerke entfernt ist, haben zwischen drei Arten von Energie die Wahl, nämlich: Tampfkrast, Gas oder Elektrizität. Wir führen hier die Wasserkraft absichtlich
nicht auf, weil diese an örtliche Verhältnisse gebunden ist, also nicht überall in Frage kommen kann. Welcher von diesen drei Methoden wird man nun in jedem einzelnen Falle bei Berücksichtigung einer kleinen Kapitalanlage und möglichst geringer Betriebskosten den Vorzug geben?
Tie Dampfmaschine mag stets dort am meisten angebracht sein, wo es sich um große Anlagen handelt, die verschiedenen Maschinen dicht bei einander stehen, und den ganzen Tag über ohne wesentliche Unterbrechung in Betrieb bleiben sollen. Unter diesen Umständen kann die Tampfmaschine ein Maximum von Kraft bei einem Minimum von Brennmaterial abgeben. Kommt etwa noch dazu, daß Tampf auch für andere Zwecke benötigt wird, wie z. B. für chemische Fabriken, Waschanstalten rc., so wird man mit Tmnpfbetrieb zwei Bedingungen zu gleicher Zeit erfüllen. Während die Dampfkraft unter günstigen Umständen sehr ökonomisch fein kann, hat diese andererseits, den Nachteil, daß sie verhältnismäßig viel Wartung verlangt und auch sehr viel Raum beansprucht; letzterer Umstand ist besonders in dichtbevölkerten Gegenden, wo die Bodenpreise hoch sind, nicht zu unterschätzen; zumal sich ja hierdurch außerdem noch die Baukosten für Maschinen- und Kesselhaus erhöhen.
Durch den Gasbetrieb können unter Umständen diese Nachteile des Dampfbetriebes ausgewogen i»erben, insbesondere, wenn das Gas billig ist.
Ist indessen die maschinelle Anlage über einen sehr großen Komplex weit verstreut, und ist der Betrieb an den einzelnen Maschinen nicht unausgesetzt, so ist der elektrische Antrieb dem Dampf- oder Gasbetrieb bei weitem überlegen. Es bezieht sich dies im allgemeinen auf alle Fabrikbetriebe, die aus einer Reihe von getrennten Räumlichkeiten bestehen. Für kleine Werkstätten, die nur Kraft für 1 oder 2 Maschinen benötigen, ist dieser Vorteil ebenso groß.
Um den Unterschied zwischen dem älteren und dem moderneren Kraftbetrieb zu zeigen, wählen wir, im Anschluß an Chambers Journal (18. Januar 1902), als Beispiel die Einrichtung einer Druckerei. Nach dem alten Muster stellte man für die gesamte Druckerei eine einzige Dampfmaschine auf; in den ernzelnen Arbeitssälen waren Treibwellen montiert, und diese durch Transmissionen der verschiedensten Art von der Zentraldanpchmaschin-e angetrieben. Tie Druckerpressen mußten der Transmission entsprechend aufgestellt werden, von denen sie durch einen Treibriemen ihren Antrieb erhielten. In einer Druckerei ist es nun selten der Fall, daß alle Maschinen zu gleicher Zeit arbeiten. Es müssen hier Formen eingeschoben, Druckcylinder zugerichtet, Probedrucke gemacht, Korrekturen vorgenommen iverden, und alle diese Vorarbeiten nehmen etwa ebenso viel, bisweilen sogar mehr Zeit in Anspruch, wie das eigentliche Drucken selbst. Man kann daher annehmen, daß in einer Druckerei selten mehr als die Hälfte aller Druckpressen gleichzeitig im Betriebe sind. Trotz alledem muh aber die Dampfmaschine mit sämtlichen Transmissionen unaufhörlich weiter arbeiten, und ein stetiger Verlust an Kraft ist die unvermeidliche Folge. Ein solcher Verlust ist schließlich zur Not auch noch zu ertragen. Soll aber eine oder mehrere Pressen Ueberstuuden arbeiten, wie dies ja gerade im Druckereigewerbe sehr häufig vorkommt, so ist der Verlust noch bedeutend empfindlicher; und es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, daß, hier 25—30 Pferdestärken für den Antrieb einer Presse, die vielleicht 3—4 P. S. erfordert, aufgewendet werden.
Hier springt der Vorteil, den der elektrische Betrietz für eine Druckerei haben muß, sofort in die Augen. Jede Maschine erhält ihren eigenen Elektromotor mit leicht erreichbarem Stromunterbrecher, so daß die Presse leicht und ohne Zeitverlust angehalten, und in Betrieb genommen werden kann. Da ist keine Treibwelle und kein großer Treibriemen, die Platz beanspruchen, und die Beleuchtung beeinträchtigen.
Vor allem wird nun aber zum Antriebe der Druckerpressen nur soviel Kraft aufgewendet, als thatsächlich zurzeit im Betriebe erforderlich ist, da doch jede griffe, wenn nicht benutzt, sofort ausgeschaltet werden kaim. Dre Elektrizität bringt daher reichlich 50 Prozent Kraftersparnis, aber auch mannigfach . andere Vorteile. So kann z. B. die Geschwindigkeit einer Presse mit Leichtigkeit gesteigert, diese daher für die verschiedensten Arbeiten verwendet werden.


