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„Sage mir, Eitel Fritz — ich weiß, Du hast Else einst geliebt — liebst Du sie noch?"
„Ja, Arno — ich liebe sie. — In ihr verkörpert sich für mich der Gedanke von Glück und Frieden — das macht mir ja gerade jenen teuflischen Plan Irmas oder ihrer Mutter so entsetzlich! Nicht so sehr auf die Scheidung kommt es ihnen an, als auf die unedle Rache. Sie wollen mich in meinen tiefsten, heiligsten Empfindungen treffen und vernichten."
„Ich verstehe Dich jetzt. — Ich bin mit Dir auch darin einer Meinung, Eitel Fritz, daß wir jenen Grund beseitigen müssen, schon um — Dein zukünftiges Glück nicht zu gefährden."
„Mein zukünftiges Glück?!" —
„Nun ja", entgegnete Arno mit leisem Lächeln, „Du wirst diese Zeit vergessen, Du bist noch jung, und Du wirst Dir ein neues Glück an der Seile Elses gründen."
„Niemals! — Wie könnte ich jemals vor ihre Augen treten, nachdem ich sie einmal treulos verlassen, das ist vorüber, Arno, — auf immer vorüber. . ."
„Wer weiß. Else Dreymann ist ein edler Charakter — doch laß uns jetzt noch keine Zukunftspläne schmieden. Vorläufig gilt es, Deine Freiheit zu erkämpfen — mit ehrlichen Mitteln. Ich will Dir einen Vorschlag machen. Ich reise "nach Berlin, nm mit Deiner Frau und ihrem juristischen Vertreter zu sprechen, daß sie jene Begründung ihrer Klage zurückziehen oder fallen lassen. Da Ihr keine Kinder habt, so wird sich die Scheidung auch auf anderem Wege bemerkstelligen lassen. Schon manches Ehepaar ist wegen gegenseitiger Abneigung getrennt worden. Bist Du mit meinem Vorschläge einverstanden?!"
„Ja — er erscheint mir als der einzige Ausweg. Ich danke Dir für Deine treue Freundschaft."
„Ich thne nur meine Pflicht. — Aber nun, Eitel Fritz, bitte ich Dich, fasse neuen Mut, und halte den Kopf hoch. Stürze Dich in die Arbeit, das ist das beste Mittel, um das Gleichgewicht der Seele wieder zu gewinnen. Ich sehe ja auch zu meiner Freude, daß Du eifrig über den Rechnungsbüchern sitzst . . ."
„Ja, ich habe ja meinen Inspektor entlassen", erwiderte Eitel Fritz mit trübem Lächeln. „Aber ich finde mich nicht zurecht in den Büchern — ich glaube, ich muß einen tüchtigen Landwirt als Buchhalter zu Rate ziehen, mir kommt es vor, als ob die Bücher nicht in Ordnung wären."
„Wollen wir einmal gemeinsam die Bücher durchsehen?" „Wenn Du mir Deine Zeit opfern willst . . ." „Selbstverständlich! — Also laß einmal sehen, was dieser Leichtfuß Wedemeyer zuwege gebracht hat."
Gemeinsam vertieften sie sich jetzt in das Studium der Bücher, schrieben und rechneten, und verglichen die Einnahmen und Ausgaben, die Kladden und Hauptbücher. Mehrere Stunden saßen sie über den Büchern, Arnos Gesicht nahm einen immer ernsteren Ausdruck an. Endlich stand er auf und sagte:
„Eitel Fritz, dieser Wedemeyer scheint Dich auf eine ganz heillose Weise betrogen zu haben. Manche Punkte lassen die Bücher zu unaufgeklärt, sie sind sehr mangelhaft geführt, es bedarf noch einer eingehenden Prüfung, aber soviel sehe ich doch schon, daß dieser Herr Wedemeyer auf unverantwortliche Weise gewirtschaftet hat. Auf Grund dieser Bücher kannst Du den sauberen Patron wegen Betruges belangen, er wird ohne Frage verurteilt werden!"
„Mir ahnte so etwas."
„Du mußt sofort die Angelegenheit einem Rechtsanwalt oder dem Staatsanwalt übergeben."
„Um Gotteswillen, Arno — auch das noch! — Nein, nein, ich verzichte daraus. Mag er seinen Raub in Sicherheit zu bringe« suchen."
„Eitel Fritz — ich muß Dir offen sagen, es steht mehr auf dem Spiele als Du denkst. Du hast einen großen Kredit bei dem Bankier eröffnet auf Grund des Vermögens Deiner Frau — diesen Kredit hat Wedemeyer auf unverantwortliche Weise ausgenützt, das Guthaben des Bankiers an Dich erreicht eine unverhältnismäßige Höhe — wenn Du das Guthaben nicht decken kannst, hist Du ruiniert."
„Ich habe es gefürchtet", entgegnete Eitel Fritz gefaßt.
„Dir ist kein Berfügungsrecht über das Depot Deiner Frau bei jener Bank zu?"
„Nein . . ."
„Und Deine Frau wird jetzt gewiß das Depot zuriick-
ziehen, die Bank wird von Dir anderweitige Sicherheit fordern — wie willst Du diese leisten?"
„Ich weiß es nicht. . ."
Arno ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. „Dieser Schurke", murmelte er. „Er ist an allem schuld — aber noch ist nicht aller Tage Abend — nein, nein, da muß geholfen werden! — Das darf nimmer geschehen, daß Petershagen unter den Hammer kommt! — Wir müsse« einen Ausweg finden. . . Deine Mutter, wir alle werden! Dir zur Seite stehen . . ."
Eitel Fritz lächelte traurig.
„Ich soll Euch mit in meinen Untergang hineinziehen?" sagte er. „Nein, das wird nicht geschehen . . . und wenn Du auch Opfer bringen wolltest, meine Mutter wird es gewiß nicht thun — sie kann es auch garnicht; denn wovon sollte sie nachher leben? Laß das Unglück seinen Weg gehen, Arno. Was liegt noch an mir, ob ich weiter lebe — ob ich zu Grunde gehe?"
„Du darfst so nicht sprechen, Eitel Fritz. Das ist nicht die Sprache eines Mannes! Ich! reise noch! heute nach Berlin — dann werden wir ja hören. Auch mit dem Bankdirektor werde ich Rücksprache nehmen. Willst Du mir einige Zeilen mitgeben, daß ich in Deinem Auftrage handele, oder willst Du nicht lieber selbst mitfahren?"
„Erlaß mir das, Arno. Ich bin jetzt nicht im stände, klare Entschlüsse zu fassen. Ich habe volles Vertrauen zu Dir . . . Wie Du die Sache ordnest, so muß es gut sein — wenn überhaupt noch etwas zu ordnen ist . . . ."
„Auf den ersten Blick sieht sich alles schlimmer an, als es in Wirklichkeit ist. Heute nachmittag geht der Zug, heute abend bin ich schon in Berlin — übermorgen hast Du bereits Nachricht. Willst Du mir versprechen, bis dahin keinerlei andere Entschlüsse zu fassen?"
„Ja, ich verspreche es Dir..."
„Nun gut — dann auf Wiedersehen. Und Kopf hoch, Eitel Fritz! Noch ist nichts verloren!"
Er schüttelte dem Schwager herzlich die Hände.
„Ich danke Dir für Deine Freundschaft, Arno . .
„Laß das, ich thue, was ich vermag. Soll Ruscha! zu Dir kommen?"
„Nein — ich möchte allein sein . . ."
„Nun gut. Ich verstehe das — solche Dinge «ruß der Mensch mit sich allein abmachen. Also nochmals auf frohes Wiedersehen! Und Kopf hoch! ..."
Stoch ein ehrlicher, herzlicher. Händedruck, dann eilte' Arno davon.
Eitel Fritz war wieder allein. Die aufrichtige warme Teilnahme Arnos hatte ihm wohlgethan; das praktische, thätige Eingreifen des Schwagers hatte ihn aus feinem1 dumpfen Dahinbrüten emporgerissen, und ein leiser Hoffnungsschimmer erglänzte wieder in seinem Herzen. Er ging wieder an die Arbeit, aber die Bücher verschloß er in seinem Schreibtisch, er mußte hinaus in die frische Luft/ in die praktische Thätigkeit, und so begab er sich nach dem' Wirtschaftshvf, um mit dem zweiten Verwalter und den Vögten Stallungen und Scheunen zu revidieren.
Der zweite Verwalter, ein ehrlicher. junger Bursche von einigen zwanzig Jahren, der Sohn einfacher Bauersleute, machte ihn auf manche Schäden aufmerksam, bte seinem Blick bislang entgangen waren.
„Weshalb haben Sie mir nicht früher davon ge-! sprachen?" fragte Eitel Fritz.
„Es war nicht meine Sache, Herr Baron", entgegnete der Verwalter. „Herr Wedemeyer sagte mir, daß er schon mit dem Herrn Baron darüber Rücksprache nehmen würde. Jetzt, wo Herr Wedemeyer fort ist, hielt ich es für mente Pflicht, den Herrn Baron darauf aufmerksam zu machen/-
„Es ist gut — wir werden noch weiter darüber sprechen. Einstweilen vertraue ich Ihnen die Leitung der Wirt^ schäft an." „ , , „
„Ich danke dem Herrn Baron. Ich hoffe, Hchkr Baron sollen mit mir zufrieden fein."
(Fortsetzung folgt).
Mylords Unterschrift.
Nach Tits-Bits.
(Nachdruck verboten.)
Lord Beausarris war ein Mann, der lieber freiwillig 20 000 Mark fortgegeben hätte, als daß er sich um 50 Pfenntg betrügen ließ. Einbrecher hatten schon häufig seinem Palaste


