Ausgabe 
1.1.1901
 
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LW

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Ium neuen Jahre 1901.

Von Alwin Römer.

Nachdruck verboten.

Grüß Gott zum Anfang, liebes neues Jahr, Du holde Fee im goldnen Märchenkleide! Ein Diadem schmückt Dir das blonde Haar, Und rosig strahlen Deine Wangen beide. Aus Deinen güt'gen Augen leuchtet mild Für jeden Wunsch ein lächelndes Gewähren, Als trüg' fortan im irdischen Gefild Das Korn wie einstmals hundertfültge Aehren! . . .

Als trieben, wie einst im gelobten Land, Nur Riesentrauben noch des Weinstocks Reben; Als wolltest Du mit Deiner Zauberhand Die Schätze der verborg'nen Tiefen heben;

Als könnte endlich unter Deiner Hut

Das sieche Menschentum Genesung sinden; Als müßte jeder Zwietracht düst're Glut Vor Deines Blickes Himmelsfrieden schwinden! . . .

Verstummte Wünsche rufst Du wieder wach Um Mitternacht, beim ersten Glockentone: Im engen Hüttlein unterm Schindeldach, Im stolzen Königsschloß, auf goldnem Throne! . . . Da ist kein Herz so stumpf und sorgenmatt, Daß es nicht höher jetzt und lauter schlüge;

Und auch- nicht eins so lust- und freudensatt. Daß es nicht noch ein heimlich Hoffen trüge! . . .

Ach, halte Wort, Du junge Lichtgestalt, Bring' endlich der Erfüllung gold'ne Tage! Der wilden Jagd nach; Geld gebiete Halt; Befrei' uns von der Habsucht schlimmer Plage! Der Not und Sorge schließ' die Pforten zu, In lichte Freude wandle jeden Kummer;

Dem müden Pilger aber lös' die Schuh'

Und still' die Sehnsucht ihm nach süßem Schlummer! . . .

Und sorge, daß dereinst nach Kampf und Streit Germanias Söhne, die aus fremden Auen Zu Schirmern deutscher Ehre sich geweiht. Mit reinem Schild die Heimat wieder schauen! . . . Dann aber pflanz' das hehre Banner auf, Um das sich vollversöhnt die Menschheit schüre, Auf daß in des Jahrhunderts langem Lauf Die ganze Welt den edlen Frieden wahre! . . .

(Nachdruck verboten.)

Die Neujahrsgeschenke.

Kulturgeschichtliche Skizze von F. Kunze.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft", meinen wohl zahlreiche Leute, weleye zum Neujahrstage mehr oder minder wertvollePräsentesten" an nahestehende Ver­wandte, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen verabfolgen, ohne jedoch zu bedenken, daß diese löbliche Sitte schon uralt ist. So war es bereits unter den kulti­vierten Völkern des fernen Orients allgemein üblich, sich! am Jahresbeginn zu beschenken, und auch! auf römisch- gallisch-deutschem Boden kannte man schon früh diesen nicht zu verachtenden Brauchs. Aus leichtbegreiflichen Gründen bestanden jene Spenden der grauesten Vorzeit aus unan­sehnlichen und naturwüchsigen Gegenständen, so daß schon aus diesem Umstande geschlossen werden dürfte, daß die ehemaligen Neujahrsgeschenke nichts anderes denn Opfer­gaben waren, welche man den vielvermögenden Göttern zu ge­wissen Zeiten und aus besonderen Veranlassungen feierlichst darbrachte. Dabei griff man, wie schon bei dem frühbiblischen Bruderpaar Kain und Abel zu ersehen ist, in erster Linie zu den von der Natur unmittelbar hervorgebrachten Pro­dukten.

Jedenfalls wollten sich ehemals die heidnischen Opferer für die Wiedergeburt des astronomischen Jahres dankbar gegen die allmächtigen Götter beweisen, wie denn selbst die klassischen Römer ihrem doppelgesichtigen Zeiteugotte Janus am ersten- Tage des Jahres Kuchen, Weihrauch' und Wein .verehrten und seine Statue mit frischen Lorbeer­zweigen bekränzten. Später gingen diese alljährlichen Opfer­spenden auf Könige, Fürsten und Häuptlinge über, welche als ganz besondere Stellvertreter der hohen Unsichtbaren gelten. So bescherten schon die alten Perser ihren Königen bezw. deren provinzialen Statthaltern Korn, Hülsenfrüchte, gebackenes Brot, sowie Kuchen, Eier und kostbare Riechwässer. Mit zunehmendem Gütererwerb und Nationalreichtum, der auch die verderbliche Prachtliebe und entsittlichende Prunk­sucht hob, arteten die bisher so einfachen Geschenke in gleißende Kostbarkeiten, ja sogar in drückende Abgaben aus. So erzählt der Reisende Gmelin, daß ein ihm bekanntes persischer Khan zu Neujahr etwa für 50 000 Rubel an Ge­schenken eingeerntet habe. Ja,so ist es überall in den Reichen Asiens, wo tyrannische Despoten den armen Unter» than drücken und seine Großen im Staate und am Hofe den entbehrlichsten Teil des Eigentums bis auf den letzten Tropfen aussaugen; so ist es in Pegu, so in Siam, so in Tonking, wo der ärmste nicht ausgenommen ist, sollte er cud) das ganze Jahr durch mit den ©einigen darben und