Ausgabe 
1.1.1901
 
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oimi Hungertuche nagen müssen", wie ein älterer Kultur­historiker berichtet.

Uebrigens ist zu beachten, daß die hohen und, allerhöchsten Herrschaften des fernen Orients auch wieder- durch Neujahrsgefchenke sich erkenntlich zeigten. Der per­sische Schah teilte an alle Stände seines weiten Reiches am neuen Tage des neuen Monats im neuen Jahre" aller­hand mehr oder minder wertvolle Geschenke aus. Heutzu­tage, wo! die Perser ein achttägiges Neujahrsfest (Nasturz") feiern, werden dem gestrengen Herrn des Landes tausenderlei Gaben in unterthänigster Gesinnung gereicht, werden den nahestehenden Personen des Serails sowie überhaupt den zahlreichen Beamtenvon oben herab" mancherlei Aeniter, Würden, Titel und andere Gnadenbeweise zu teil. Aus dieser ursprünglichen Neujahrssitte, daß demütige Unter» thanen ihren despotischen Machthabern und diese wieder den ihnen am nächsten stehenden Hof- und Staatsdienern feierlicherweise Geschenke widmeten, entwickelte sich wiederum das gegenseitige Bescheren bis in die breitesten Schichten selbst. So beschenkte man fufy bereits im alten Indien am Neujahrstage mit Sahne, Käse und allerhand Früchten, während heutzutage in diesem reichen Lande jene meist ver­dienten Darbietungen vollkommen der Würde und den finanziellen Verhältnissen des Schenkenden bezw. Beschenkten entsprechen, also weit wertvoller und augenfälliger sind. Auch in dem jetzt vielgenanntenReich der Mitte", China, bedenkt man sich gegenseitig mit Neujahrsgeschenken, ebenso in Japan, auf Ceylon und in den 'hinterindischen Staaten. Für beanktete Staats- und Kommunalpersonen, z. B. für Mandarinen, Volkslehrer u. s. w. wird reichlich; geopfert, ja ssgar die christlichen Missionare finden ihre Rechnung bei diesen zahlreich fließenden Gaben, wie sie von neu­bekehrten Anhängern herbeigebracht werden.Wie in Europa, so ist es in China üblich, daß d'e Familienhäupter ihrem Gesinde zu Neujahr Kleidungsstücke und kleine Geld­beträge schenken, und daß Geschäftsinhaber ihren Jahres­kunden zum Zeichen ihrer Dankbarkeit Geschenke zukommen lassen." (Klatscher, Bilder aus dem chinesischen Leben 1881. S. 118.)

Aber auch in unserem heimatlichen Erdteile Europa war schon früh das gegenseitige Bescheren zu Neujahr üblich, besonders bei den alten Römern, die jedoch nicht gerade alsErfinder" jenes löblichen Brauches angesehen werden dürfen. Einige Forscher wollen behaupten, daß letzterer auf Tacitus Zeiten zurückzuführen, also etwa ins Jahr 740 v. Chr^ zu verlegen sei, doch dürfte er wohl eher aus dem inneren Hochasien stammen und erst durch die zahlreichen Völkerwanderungen von dort nach! dem Abend­lande überbracht worden sein. Tie römischenStrenae" so wurden die Neujahrsgeschenke in der lateinischen, Sprache genannt waren hinsichtlich ihres Wertes, Zweckes und jeweiligen Gebers sehr verschieden, ebenso wie im fernen Orient. Erst mit dem allmählichen Steigen des römischen Reichtums Und Luxus, besonders in den späteren Jahren der Republik, nahmen auch Pracht und Verschwendung in Beziehung auf die ursprünglich so ein­fachenStrenae" zu. Protzige Patrizier tauschten sogar goldene und silberne Münzen, Becher, Ringe, sowie pracht­volle Lampen, teure Kleidungsstoffe, Medaillen ic. am ersten Tage des Jauusmondes aus. Andererseits ließen sich auch; die römischen Großen von ihren untergebenenFremd-, lingen", die Priester von ihren schutzbefohlenen Leuten, die mächtigen Imperatoren von ihren Würdenträgern, die Patrone von ihren Klienten rc. am Jahresbeginn sehr gern beschenken. Kaiser Augustus war der erste Thrvn- inhaber, der seine Unter ff) einen teilweise durch Gegen­geschenke beehrte, während fein düsterer und menscheu- fcheuür Nachfolger Tiberius am Neujahrstage nicht 'zu sprechen war, um eben etwaigen Beschenkungen und Beglückwünschungen aus dem Wege g,u gehen.

Anders gesonnen war der nach ihm thronende Caligula; Henn dieser geizige Landesvater ließ öffentlich bekannt machen, daß er die von seinem genannten Vor­gänger verweigerten Strenae gern annehmen würde, zu welchem Zwecke er sich! am Neujahrstage im Vorhofe seines Palastes aufhielt, um das gabenbringende Volk selbst zu entlasten. Der ihn im Regiment ablösende Claudius verbot wiederum die Neujahrsgefchenke, doch ließen sie fast seine

sämtlichen Nachfolger zu einer weitgehenden nationalen Verpflichtung ausarten. Noch unter Theodosius (379 bis 395 n. Chr.) brachte der römische Stadtpräfekt am 1. Januar die uraltenstrenas solemnes" als eine Art Opferspende. im Namen des Senats dem gefürchteten Imperator dar, und auch in den weitesten Schichten des Volkes beschenkte man sich wieder gegenseitig. Als jedoch vornehme Bürger Roms das persönliche Verteilen der widmenden Gaben zu beschwerlich und gewöhnlich erachteten, brachte man sie aufgeputzt in niedlichen und sauberen Körbchen unter, um sie in dieser Form einander zeremoniell am Jahres­beginn zu übersenden. Maler und Plastiker ahmten diese schön angeordneten Widmungen bildlich! nach und stellten sie in echt spekulativer Weise zum Verkauf auf den Märkten aus. So formte der kunstfinnige Posis in Rom Äepfel, Trauben und andere Früchte so naturgetreu in Wachs nach, daß sie von echten nicht zu unterscheiden waren. Selbst Kuchen und niedliche Figuren aus Mehlteig und Honig wurden zum beglückenden Anfänge des Jahres als passende Geschenke ausersehen, ja selbst Geld kam schon zur Ver­wendung.

Im klassischen Griechenland schienen die Neujahrs­geschenke auch bekannt gewesen zu sein, wenn auch nicht in dem Umfange wie bei den Römern.Merkwürdig ist es, daß in einigen Gegenden Griechenlands das Wort! Strena sich erhält und die bei Gelegenheit des neuen Jahres gebotenen Geschenke und Geldspenden bedeutet". Auch in der Bibel treffen wir einzelne Nachrichten von Beschenkungen zju Neujahr an. In christliche Kreise scheint die uralte Gewohnheit aber -erst durch römischen Einfluß gedrungen zu fein. Zwar 'eiferte die aufstrebende Kirche ziemlich kräftig gegen die herkömmliche Unsitte, und! Augustinus mahnt, die untergebenen Gläubigen, anstatt der Strenae lieber Almosen auszuteilen, aber der ererbte Brauch war zu tief eingewurzelt und hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten, wenn auch das sättigende Uebermaß und die ungesunde Ueberschwenglichkeit, welche die römische Heidenwelt in den Neujahrsspenden bekundet hatte, vom reformierenden Christentum bedeutend herab­gesetzt wurde. Bei den alten Deutschen will man die Neujahrsgeschenke bereits vor Karl dem Großen an der Tagesordnung gewesen fein lassen, und zwar sollen damals Geldbeträge dazu verwendet Wörden sein, während in mittelalterlichen Tagen vorwiegend aller­hand Bekleidungsstoffe und neuerdings Geld, Back­waren, Pfefferkuchen, Wein re. ausersehen werden. Im Kloster Günterskhal bei Freiburg i. B. erhielten ums Jahr 1500 als Neujahrsgeschenke: der Visitator ein Paar Hand­schuhe und der diese Spende nebst den üblichen Glück­wünschen überbringende Knecht 5 Schillinge. Den Beicht­vater bedachte man mit 8, die Frau Schpeiberin mit 4, den Klosterpfründner mit 3, die Kellnerin im Hause sowie die am Thore mit je zwei Schillingen. Alle diese Geschenke begleiteteein Hafelein Latwergen" sowie ein Lebknchn. Solche Lebkuchen sowie deren anno 1510 die dortigen Nonnen in zwei Tagen 100 große, mittlere Und- kleine zubereiteten, erhielten auch die Freiburger Stadtheriren zurn neuen Jahre. (Vgl. Birlinger, Ans Schwaben II. 26.)

Nun ist hierbei zu bedenken, daß die damaligen Neu­jahrsgaben zugleich auch; die heute noch weit mehr aus­geprägten Weihnachtsgeschenke mit vertraten, weil eben das ganze Mittelalter hindurch allen Ländern, die von, der römischen Kirche direkt abhängig waren, das Christ­fest als Jahresanfang galt, weshalb wir heute noch reden vomJahre des Herrn" oder vomJahre des Heils". Als sich König Heinrich; III. von Frankreich am Jesugeburts- tage 1254 in Vaseonien bei Besancon aufhielt, überreichte er dortigen einflußreichen Personen wertvolle Geschenke in Gestalt kostbarer Kleider und anderer begehrenswerter Dinge. Mit solchen Weihnachtsbescherungen wollte näm­lich die allzeit politische 'Kirche ihr Jesugeburtsfest über die aus dem römischen Heidentum überkommenen erheben. Hin und wieder suchte man die überkommenen Geschenke zum Jahresbeginn behördlicherseits zu dämpfen. So lautet ein diesbezügliches Verbot der Stadt Ravensburg! ans dem 14. Jahrhundert also:daß niemand den anderen zu Weihnachten weihen (beschenken) soll. Es wollte denn ein Mann seinen Priester oder seinen Amtmann ehren.