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oder ein Vater sein Kind, oder ein Kind seinen Vater, oder ein Geschwister das andere, und wer fürbaß jemand weihet, außer der da benannt ist, der muß geben an die Stadt zu Buß 3 Schilling als dick ers thut". In Konstanz kam 1460 ein Verbot heraus, laut welchem jede Person, die „ein Kind hept" — als Patenschaft übernommen hat — „ze Wihenächten weder Bimzelten, Brot, Käß, Hämpli noch sust nit anders senden" sollte. Eine Fürstl. Sächsische Landesordnung vom Jahre 1612 warnt die „ilnterthanen in Städten und Dörfern, daß hinfüro feiner seine Kinder mehr den Tauff--Paten zur Abholung des Neu-Jahres zuschicken" solle, widrigensalls „von jedem Kinde fünff Thaler, von den Paten aber, der das Neue Jahr austeilen lässet, zehen Thaher erleget werden" müßten. Unterm Jahre 1651 eifert eine Weimarische Verordnung darüber, „daß dem Gesinde durch Verehrung der Jahrmärkte, Heiligen Christs oder Neuen Jahres willfahrt werde" und will diese Sitte „bey 3 Gulden Strafe für die Herrschaft" abgeschafft wissen.
Neujahrsnmgänge singender Kinder zwecks Einheimsung buntscheckiger Gaben waren ehemals auch sehr häufig, sind aber mit der Zeit immer mehr und mehr aus der Mode gekommen. Nur einzeln gehen ärmere Vertreter! der schulpflichtigen Jugend uoch zu Verwandten und Bekannten um ein gabenheischendes Neujahrslied zu singen., Immerhin ist auch das gegenseitige Beschenken erwachsener Personen zum Beginn des Jahres noch nicht ausgestorben. In der Eifel, wo man scherzweise einander zuruft:
Glück zum Neujahr!
Lang zu leben, Selig zu sterben!
besteht das übliche Geschenk, dort „Neujährchen" genannt, meistens in einem kleinen Wecken oder einer sonstigen! Backware. Im allgemeinen sind aber die buntscheckigen Neujahrsgeschenke heute weniger ansehnlich! als in mittelalterlichen Tagen, weil Weihnachten den Löwenanteil für sich in Anspruch nimmt.
(Nachdruck verboten.)
Die Seekönigin.
Seeroman von Clark Rüssel.
Erstes Kapitel
Mein Geburtsort New castle am Tyne.
Ich bin nicht nur eines Seemanns Tochter, sondern kann sogar behaupten, daß ich unter Seeleuten geboren wurde und zwar mit demselben Rechte, als ob ich an Bord eines Schiffes das Licht der Welt erblickt hätte. An dem betreffenden Abende nämlich befand sich gerade eine' ganze Gesellschaft von Kapitänen und Steuerleuten im! Wohnzimmer unseres Hauses. Wie meine Mutter oft erzählte, war das Zimmer so voll Tabaksqualm, daß die Gestalten der Gäste nur in schattenhaften Umrissen sichjtbav waren, als der Arzt hereintrat, um meinem Vater die Nach«- richt von meiner Ankunft zu überbringen. Als er ihn nach! längerem Suchen entdeckt zu haben glaubte, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte: „Kapitän, ein kleines Sorgenbündel ist eben für Sie angekommen, ein niedliches kleines Mädchen. Soviel ich! sehen kann, verspricht sie Ihnen ähnlich zu werden." Dann erst bemerkte er, daß er sich an den Unrechten gewandt hatte.
Der Doktor erzählte später die Geschichte nebst allem, was folgte, meiner Mutter.
Als mein Vater die frohe Botschaft hörte, schwenkte er seine lange Tonpfeife, deutete auf die dampfende Bowle: auf dem Tische und sprach!:
„Jungens, hier ist Punsch genug, das Mädel damit zu taufen. Nehmen Sie Platz, Doktor! Setzen Sie sich! Hier ist 'ne Pfeife und da haben Sie 'n Glas. Wie soll fte herßen, Jungens? Ich werde zuletzt reden."
Tiefes Schweigen folgte auf diese Rede. Die Gegenwart des Arztes machte die alten Seebären offenbar befangen.
Mein Vater ließ jedoch- nicht nach«. Er wandte sich an den Jüngsten der Gesellschaft, einen Steuermann, und forderte ihn auf, den Anfang zu machen und einen Namen für dre Kleine vorzuschlagen.
„Na", meinte der Angeredete, „ich für meine Person bin für Polly. Das ist ein praktischer Name. Wenn man's eilig hat, braucht man blos das Ende abzuschneiden und sagt Poll."
Nach einer Pause, während der er die Wirkung des eben gemachten Vorschlages auf seine Gäste beobachtet hatte, deutete mein Vater mit seiner Pfeife auf den zunächst Sitzenden, ebenfalls einen Steuermann. Dieser nahm erst einen Schluck Punsche um sich! die Kehle anzufeuchten und bemerkte dann: Er könne nicht leugnen, daß Polly ein brauchbarer Name sei, und würde sich auch hüten, was dagegen einzuwenden, da seine eigene Mutter so geheißen habe. Wenn jedoch das Kind sein eigenes wäre, würde er sich! in Betreff des Namens nicht an die alten Karten halten, sondern selber Lotungen vornehmen und versuchen, etwas Eigenartiges herauszufinden — einen Namen, über den die Leute staunen sollten. Was würde Kapitän Snowdon (mein Vater nämlich) z. B. zu Eurydice meinen?
Er sprach den Namen der Gattin des Orpheus natürlich englisch! aus.
Ein alter Schiffer bemerkte mit rauher Semannsstimme: „Es gab ein Schiff solchen Namens, das nach Hüll gehörte und vergangenes Jahr in Callao war. Es ist ein heidnisches Wort, mein Freund — der Doktor da wird Dir das sagen. Du wirst keinen Pfarrer finden, der darauf eingeht, einem christlichen Kinde solchen Namen zu geben, Snowdon."
Manche Namen wurden- noch in Vorschlag gebracht, aber mein Vater schüttelte zu allen den Kopf.
Endlich sagte ein -alter Schjifser aus North-Shields, dem es schon zu viel wurde, und der kaum die Reizbarkeit, die man fast immer bei älteren Seeleuten findet, bekämpfen konnte: „Hören Sie mal, Snowdon; wir alle haben nachj- gedacht und wieder nachgedacht,, fo daß wir nichts mehr herausfinden können. Wir sind fast bis auf den Grund in unseren Köpfen gekommen, und es hat keinen Zweck, noch tiefer zu gehen. Soll ich Ihnen sagen, warum? Weil Sie schon selbst einen Namen gefunden haben. Unser Freund hat di,e ganze Zeit die Flaggleine in der Hand gehabt", fuhr er zu den anderen gewendet fort, „und wartet nur, bis wir nichts mehr in unserem Flaggenkasten haben, um dann sein eigenes Signal aufzuhissen."
„Nun, ich will es gern zugeben", sagte mein Vater mit strählendem Gesicht. „Ich will sie Jessie nennen. Es war der Name meiner Schwester, und ich! habe ihn so gern, weil etwas von Blu.menduft und Sommerpracht darin ist. Füllt eure Gläser, Jungens, und bietet der Kleinen ein Willkommen auf dem stürmischen Meere des Lebens, während ich gehe, um nach meinem Mädchen zu sehen."
Diese kleine Einleitung zeigt, daß ich nicht nur in Newcastle geboren wurde, sondern, wie ich schon sagte, gerade so unter Seeleuten, als ob ich meinen ersten Schrei in einer Schiffskajüte ausgestoßen hätte. Als Mein Vater zu seinen Gästen zurückkehrte, baten sie ihn, er möchte mich! holen, damit fte mich auch zu sehen bekämen. Wie man mir erzählte, würde es meinem Vater ein Vergnügen gewesen sein, mich in diesen Tabaksqualm zu holen und bei der Gesellschaft die Runde machen zu lassen, wenn der Arzt nicht eine strenge Miene aufgesetzt und erklärt hätte, daß ich in dieser Atmosphäre sofort den Geist aufgeben müßte.
Ich habe mir oft mit heimlichem Vergnügen das Bild ausgemalt, das entstanden wäre, wenn man meinem Vater seinen Willen gelassen hätte. Keine Erinnerung an etwas! wirkliche Geschehenes hätte fester in meiner Seele haften können, als die Vorstellung, wie mein Vater mein winziges Körperchen in den Armen hielt und die dunklen verwitterten Gesichten seiner Freunde auf mein kleines Ge- sichtchen mit jener kindlichen Zärtlichkeit blickten, die des, ehrlichen Seemanns Charakter zu «einem der wenigen liebenswerten Dinge dieser Welt macht.
In jenen Tagen gab es in Newcastle viele altertümliche Häuser, und noch heute gtebt es wohl kaum eine Stadt gleicher Größe in England, die reicher an architektonischen Gegensätzen ist. Namentlich! die in der Nähe des Flusses liegenden Straßen weisen noch viele von diesen zwei bis drei Jahrhunderte alten Gebäuden auf. Eine dieser Gassen, die „Side" mit Namen, ist sehr steil und an ihrem oberen Ende so eng, daß sich die Bewohner der gegenüberliegenden Häuser von ihren Fenstern aus nachbarlich die Hände reichen


