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einen Besuch abgestattet, um ihn seiner berühmten Juwelen- sammlung zu berauben, aber noch nie war es ihnen geglückt, auch nur einen Pokal zu erringen. Schließlich sandte der Lord die ganzen Kostbarkeiten zu sicherer Aufbewahrung zu seinem Bankier. Kürzlich aber war es doch einem Mann gelungen, eine namhafte Summe auf einen Check ausgezahlt zu sehen, der die nachgeahmte Unterschrift des reichen Lords trug; dieser erfand nun eine sehr komplizierte Unterschrift, die den Fälschern durchaus trotzen sollte.
Nicht weniger als sieben Leute wanderten ins Gesängnis wegen verschiedener Versuche Lord Beausarris' Namen auf Checks und Schriftstücken zu fälschen.
An einem Aprilvvrmittag saß Beausarris allein bei einem guten Frühstück, als der Postbote ihm einen Brief von einer Dame brachte, von der man sagte, sie sei berufen, die Gattin des Lords zu werden. Der Bries war von Klarissa Marshton.
„Liebster", lautete er, „wir haben unsere Abreise bis morgen verschoben. Es würde mich sehr freuen, Dich heute nachmittag zu sehen. Deine Klarissa."
- Beausarris war verstimmt, daß Klarissa sich noch in der Stadt befand, und daß er seit vier Tagen versäumt hatte, sie zu besuchen. Er war überzeugt, daß sie und ihre Eltern bereits nach Monte Carlo gereist wären. Beausarris hatte von Klarissa selbst vor einer Woche erfahren, daß sie London verlassen würden, und daß Lord Marshtons Haus während oer Abwesenheit der Familie vermietet wäre. Eine Stunde nach dem Frühstück setzte sich der Lord in einen schneidigen „Hansom" und fuhr nach Lord Marshtons Haus in Süd-Kensington. Nach 20 Minuten scharfer Fahrt langte er an. Er bezahlte den Kutscher, stieg die Stufen hinauf und klopfte an die Thür.
„Miß Marshton zu Hause?" fragte er den Diener, der auf fein Klopfen herbeikam.
Der Mann verbeugte sich, während er die Thür weit öffnete. Beausarris sah den Mann zufällig an und fand es seltsam, daß Marshtons wenige Tage vor ihrer Abreise einen neuen Diener engagiert hatten. Dennoch erregte dieser Umstand keinen Verdacht bei ihm. Er folgte dem Mann nach dem kleinen Salon auf der Rückseite des Hauses mit dem unbestimmten Gefühl, daß etwas Außergewöhnliches ihm bevorstände.
Ohne ein Wort führte der Diener Beausarris in den Salon und zog sich zurück. Die Thür hatte sich aber kaum geschlossen, als zwei Männer eintraten. Beide waren von mittlerer Größe. Der eine war brünett, untersetzt und trug eine goldene Brille, der andere war blond mit einem offenen, ehrlichen Gesicht, starkem blonden Bart und etwas fremdländischem Accent.
Beausarris verbeugte sich in seiner kalten, steifen Art; doch bevor er Zeit hatte, zu überlegen, wer die beiden Männer seien, fragte der ältere von beiden mit einiger Zuvorkommenheit:
„Sie wünfchen Miß Marshton zu sehen?" —
„Das ist der Zweck meines Besuches", versetzte Beausarris leichthin. „Darf ich---
„Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, daß sie in Monte Carlo ist", sagte der Mann mit einer zweiten, aber ironischen Verbeugung.
„Wie? Ich bitte meine Ueberraschung zu verzeihen; aber erst heute morgen empfing ich ein Billet von ihr, in dem sie mich hat, heute nachmittag hier vorzusprechen. Ich vermute, daß der Brief zu spät befördert wurde; ich bedaure sehr, die Herren, denen Lord Marshton sein Haus vermietet, gestört zu haben."
„Ich bin Baron Bertulli, der Mieter dieses Hauses", versetzte der brünette Herr. „Soweit ist Ihre Vermutung richtig. Der Brief aber wurde von meinem Freunde hier, Herrn Paul Panier, geschrieben", indem er auf den blonden Herrn wies, der sich darauf sehr förmlich verbeugte.
Beausarris erkannte sofort, daß er zum Zwecke eines abgefeimten Betruges gefangen war.
„Und darf ich fragen, aus welchem Grunde Sie mich mit einem gefälschten Briefe hierher gelockt haben?" Er musterte die Männer verdrossen von Kopf bis Füßen.
„Wir haben dabei einen besonderen Zweck im Auge. Sie werden einsehen, daß all Ihre fein ausgesonnenen Pläne, Ihre Juwelen und unermeßlichen Reichtümer für sich allein zu behalten, unzulänglich sind. Wir werden uns einen Teil Ihres Vermögens nehmen, welches Sie ja allein doch nie verbrauchen können."
Die Unverschämtheit dieser Rede machte Beausarris ganz verwirrt. Ganz erstaunt starrte er die Männer an.
„Und was beabsichtigen Sie mit mir zu thun, da ich nun hier bin — und Sie mit mir machen können, was Sie wollen?" —
„Wünschen Sie das wirklich zn wissen?" fragte der Blonde, zum ersten Mal das Wort ergreifend.
Beausarris, der die Frage nur gestellt hatte, um Zest zu gewinnen, machte zwei lange Schritte auf sie zu, und mit der Gewandheit, welche ihn schon auf dem Gymnasium ausgezeichnet hatte, stieß er den „Baron" mit dem Kovf gegen die Wand und schlenderte den zappelnden Herrn Panier über die Rückenlehne eines Armsessels. Dann stürzte er nach der Thür, fand sie aber von außen verschlossen.
Es folgte ein kurzer Kampf, der damit endete, daß Beausarris dura) einen schweren Fall das Bewußtsein verlor . Als er einige Zeit darauf wieder zum Bewußtsein kam, bemerkte er, daß er sich in einem Keller befand. „Das kommt davon, wenn man sich in die Tochter eines Mannes verliebt der sein Haus vermieten muß, um die Kosten eines teuren Aufenthaltes in Monte Carlo zu bestreiten." Er lachte leicht auf.
„Marshtons Weinkeller wahrhaftig! Das ist eine nette Gesellschaft, muß ich sagen. Aber wenn Frechheit ans Ziel kommt, so werden sie das ihre ohne Zweifel erreichen. Ich bin nur neugierig, was sie Vorhaben!" —
Er stand auf und untersuchte jede Ecke und jeden Winkel des Kellers. In einer Ecke stand ein schmales Feldbett imb. daneben ein Waschständer.
„Das ist augenscheinlich mein Nachtquartier", sagte er nachdenklich. „Alle Wetter, sie hätten mir wenigstens einen Wasserkrug mit einem Henkel geben können. Wie mag der famose Baron nur zu den Referenzen gekommen sein, die der alte Marshton doch natürlich beim Vermieten seines Hauses verlangt hat. Schurken! Wie gefährlich ist es doch, sein Haus auf diese Weise zu vermieten. Ich habe rasenden Kopfschmerz." Er sah nach seiner Uhr: „Sechs Uhr. Ich muß also schon über zwei Stunden hier sein."
Er hörte ein leises Geräusch an der Thür, sah sich um und erblickte eine Frau, welche den Schlüssel in der Hand hielt. Sie war schlank, jung, elegant gekleidet und ohne Frage schön.
„Still" flüsterte sie, „sie sind ausgegangen." —
„Wirklich", dachte Beausarris, der gegen schöne Frauen, obwohl er so gnt wie verlobt war, kein Vorurteil hattet „Das ist die interessanteste Sache an dem ganzen Vorfall." — „Baronesse Bertulli, vermute ich", sügte er laut hinzu.
„Ach nein", versetzte sie traurig. „Madame Panier. — Aber sprechen Sie nicht lauter als im Flüsterton, faitt könnten wir gehört werden. Niemand weiß, daß ich hie bin. Ich möchte Ihnen helfen, wenn ich kann."
„Sie können es", sagte er eifrig. „Sie haben den Kellerschlüssel. Aber zuerst sagen Sie mir, warum Ihre Bande mir .diesen Streich gespielt hat." —
„Ich darf nicht, ich darf nicht", flüsterte sie erregt. „Ich würde in die größte Gefahr kommen; sie würden mich töten wüßten sie, daß ich hier bin. Aber ich sah wie Sie heruntergetragen wurden; ich habe Mitleid mit Ihnen, ich — vH, ich muß Sie retten, Sie befreien."
„Nichts ist leichter", versetzte er. „Geben Sie mir den Schlüssel."
„Ach nein." Sie lächelte ihn traurig an. „Karl, der Diener, der Sie einließ, ivird Sie nicht durchlassen, obgleich er keinen Anteil an diesem barbarischen Plan hat."
„Denken Sie denn, daß man mich hier längere Zeit festhalten kann?" fragte er verächtlich. „Bis Mitternacht werde ich schon vermißt iverden, und morgen wird halb London nach mir suchen. Und dann werden sie gefangen werden." —
„Sie schweben in einer Gefahr, die Sie nicht ausdenken können. O, denken Sie nach, wie ich Sie retten kann, während sie fort sind! Schnell! Schnell!"
„Lassen Sie mich nur hier heraus, ich will schon mit Karl fertig werden."
„Sie verstehen nicht. — Aber" — sie hielt inne und ein. Ausdruck der Erleichterung erhellte ihr schönes Gesicht. „Wir könnten Karl bestechen. Nnr um des Geldes wegen ist er in dieser bösen Gesellschaft."
„Was würde er verlangen? Ich habe nicht 200 Mark, nein, keine 100 Mark bei mir."
Sie sah enttäuscht aus.


