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dors erhielt zwar von alledem Nachricht, aber doch so wenig bestimmt, daß, „als er am 22. Dezember seine Gemahlin Erdmuth Dorothea Gräfin Reust, mit der er am 7. September zu Ebersdorf verbunden worden, das erste Mal zu seiner Großmutter nach Hennersdorf führte, er verwundert war, an der Landstraße im Walde ein neues Haus zu finden.
Wir fragten: Wem ist dieses Haus?
Die Leute sprachen: Euer!
Da stiegen wir geschwind heraus Und wärmten uns am Feuer. Wie war doch unser Herz entbrannt, Da Pilger vor uns standen, Die weit von ihrem Vaterland Die freie Gnade fanden.
Gras Zinzendorf, der nun der neuen Ansiedelung die aufmerksamste Fürsorge widmete, war in Dresden geboren; an seiner Wiege stand der Pietismus Pate in Gestalt seines Taufpaten Spener, dessen Anhänger bekanntlich! zuerst den Namen Pietisten führten. Sechs Wochen nach des Sohnes Geburt starb der Vater, vier Jahre später vermählte sich die Mutter wieder mit dem preußischeu Generalfeldmarschall von Nazmer. Dies war der Grund, weshalb der junge Graf seiner Großmutter, der Frau von Gers- dorf zur Erziehung übergeben wurde, einer gelehrten und frommen Dame, der Verfasserin geistlicher Lieder und poetischer Betrachtungen, in deren Hause er täglich Vorlesungen aus der Bibel und den Schriften frommer Männer hörte. Seine Tante hielt morgens und abends mit ihm Betstunden. Zahlreiche fromme Männer, wie Spener, Francke usw. verkehrten^ im Hause. Da außerdem sein Hofmeister derselben Glaubens- und Geistesrichtung huldigte, so war es kein Wunder, dah der Knabe schon! frühzeitig zu religiöser" Schwärmerei zu neigen anfing. Schon im Alter von 4 Jahren bekümmerte ihn der Tod Christi außerordentliche, im siebenten und achten regten sich so ernstliche geistliche Anfechtungen, daß sie ihn oft um seinen Schlaf brachten und er nur „durch ernstliches Gebet und demütigen Umgang mit Gott Sieger zu bleiben im stände war". Oft schrieb er Briefe an seinen lieben Heiland und warf sie zum Fenster hinaus in der Hoffnung, er werde sie schon finden.
Nach, zurückgelegtem zehnten Jahre kam er in das Pädagogium zu Halle, wo unter Franckes Aufsicht seine religiöse Schwärmerei neue Nahrung fand, und wo er bereits einen „Orden zum Senfkorn" stiftete, dessen Statuten schon das Ziel aussprechen, dem später das Leben Zinzendorfs gewidmet war, und das außer im unentwegten Festhalten an Jesu Lehre und einem frommen Wandet auch in der Bekehrung der Juden und Heiden bestand. Sein treuester und liebster Freund in dieser Zeit war der Baron Friedrich von Wallewille aus Bern, mit dem er zeitlebens in innigster Verbindung' blieb, und der immer als sein treuer Mitarbeiter neben und mit ihm wirkte. Schon jetzt begann Zinzendorf sein ganzes Leben nach der Bibel einzurichten, er hielt Fasten, strafte sich für begangene Sünden usw. 1716 bezog er die Universität zu Wittenberg, wo er Rechtswissenschaft und Theologie studierte; sein Herzenswunsch war, Geistlicher zu werden, aus Rücksicht auf seine Familie allein widmete er sich einem weltlichen Berufe, obwohl er im intimeren Kreise gern predigte, auch verfaßte er damals schon religiöse Gedichte und Schriften. Nach beendetem Studium ging er, wenn auch nicht gern, auf Reisen. Seine Cousine, die er liebte, opferte er seinem Freunde Heinrich! von Reust, der sich mit ihr vermählte, während er selbst später die Schwester eben dieses Freundes heiratete. 1721 trat er als Hof- und Justizrat in die Dienste der Dresdener Regierung; in Dresden hielt er alle Sonntage in seiner Wohnung bei offenen Thüren eine Versammlung, in der er predigte. In diese Zeit fällt nun die Gründung Herrnhuts, das sich! durch neue Emigranten und zuströmende Neubekehrte bald vergrößerte.
Graf Zinzendorf entwickelte im Interesse der neuen Gemeinde eine fieberhaft rege Thätigkeit, wie er überhaupt ununterbrochen in weiteren Kreisen für seine Ideen zu wirken suchte. Legte er doch eine eigene Buchdruckerei in Ebersdorf an, um nützliche und fromme Schriften darin Herstellen zu lassen und zu verbreiten. Am 12. Mai 1727
ward der Verband der Einwohner von Herrnhut durch Annahme eines Statuts bekräftigt; der Graf und sein Freund Wallewille wurden zu Vorstehern erwählt. Dieses Statut ersetzte inan 1728 durch ein anderes, worin Herrnhut für ewige Zeit von aller Dienstbarkeit und Leibeigenschaft mit allen seinen Bewohnern freigesprochen wurde. Ferner fanden sich in demselben noch folgende erwähnenswerte Vorschriften: „Ein jeder Einwohner soll arbeiten und sein eigen Brod essen. Wer aber Alters, Krankheit oder Unvermögens wegen es nicht kann, den soll die Gemeine ernähren. Kein Streit soll in Herrnhut über acht Tage dauern; auch soll eher keine Klage angebracht werden, als wenn keine Güte (und zwar binnen dieser acht Tage) verfangen will. Alsdann soll die Sache vor die Aeltesten gebracht werden usw. Es sollen ohne Licht keine Zusammenkünfte gestattet werden" usw.
Während sich die neue Gemeine kräftig entfaltete und bald sogar ansing, allenthalben Proselyten zu machen, ja sogar.Missionare unter die Heiden zu schicken, hatte der fromme Stifter mancherlei Verfolgungen zu erdulden. Seine Bestrebungen erregten Anstoß unter den strengen Protestanten, man schalt ihn abtrünnig und verleumdete ihn bei der Regierung, sodaß ihm 1727 das Abhalten von Hausgottesdieusten untersagt wurde. Zinzendorf nahm bald darauf seinen Abschied aus dem Staatsdienste, um seinen innigsten Wunsch, in den geistlichen Stand zu treten, auszuführen. Unter demt Namen Ludwig von Freideck ging er als Hauslehrer nach Stralsund, wo er sich als Kandidat der Theologie examinieren ließ, aber erst 1737 kam er dazu, sich der theologischen Prüfung zu unterziehen, woraus seine Ordination als Bischof der mährischen Brüder volllzogen wurde. Ein Jahr vorher erfolgte seine Ausweisung aus Sachsen, deren Folge in einem unsteten Pilgerleben bestand. Der Graf widmete sich voll und ganz der Propaganda für die sich immer mehr ausdehnende Brüdergemeine, für die er als Prediger und in Schriften wirkte. Wir finden ihn bald hier, bald dort, in Jena, Frankfurt, Amsterdam, London, Tübingen, Livland, ja der Unermüdliche reiste wiederholt nach Amerika, um den Negern und Indianern das Evangelium zu predigen. Alle Mühsale und Strapazen ertrug er geduldig, obwohl sein Körper nicht zu den stärksten zählte. Des öftern blieb ihm unk seiner Gemahlin sogar die Not nicht fern. „Dieses Jahr", schreibt er 1736, „leben wir meistenteils von verkauftem Schmuck, Gold und Silber; doch kann meine Gemahlin nicht umhin, zur Bestreitung der Notdurft einige Schulden zu machen". Zinzendorf nahm alle Prüfungen mit Herzensfreudigkeit hin, hatte er sich doch früher „Armut, Schmach und Freude daran" gewünscht. Auch der Tod seiner meisten Kinder traf ihn schwer, von zwölf Kindern verlor er neun, darunter seinen bereits zum Jüngling erwachsenen Sohn Renatus, nur die Töchter blieben ihm.
Im Jahre 1747 durfte er endlich! in sein Vaterland zurückkehren. In seiner Thätigkeit brachte dies nur im sofern einen Unterschied hervor, als er sich der Leitung von Herrnhut jetzt wieder persönlich zu widmen vermochte; er war aber auch der natürliche Führer und Berater der inzwischen entstandenen anderen Gemeinden und unternahm im Interesse seiner Sache noch mehrere große Reisen, wie er auch für dieselbe die weitgehendsten finanziellen Opfer brachte. 1756 entriß ihm der Tod seine geliebte Gattin, ein Jahrspäter vermählte er sich zum zweiten Male mit Anna Nitschmann, der Aeltesten der Gemeinde und seiner treuen Gehilfin in Beziehung auf seine Lebensarbeit. Wenige Jahre später — am 9. Mai 1760 — endete sein arbeitsreiches Dasein ein sanfter Tod, und am 16. Mai erfolgte unter ungeheurem Menschenandrang seine feierliche Beisetzung.
Mochte Gras Zinzendorf immerhin ein religiöser Schwärmer sein, so war er doch ein wahrhaft frommer und auch! edler Mann, der Gut und Blut seiner Idee zum Opfer brachte. Unter den Einrichtungen, die er geschaffen, befindet sich mehrlei nützliches und nachahmenswertes: er starb mit dem freudigen Bewußtsein, seine Aufgabe auf Erden erfüllt zu haben und zeigte sich in seiner letzten kurzen Krankheit lebhaft und vergnügt. Mit Christus, welcher der Gemeine seit 1741 als eigentlicher Aeltester gilt, glaubte er in innigster Verbindung zu stehen, er unter-


