Ausgabe 
1.2.1900
 
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katen anzunehmen, weil er fürchtete, daß dadurch Ver­zögerung entstehen würde, und bei seinem Selbstvertrauen war er überzeugt, die Sache am besten allein durchführen! zu können.

Mildred wurde mit deu anderen Gefangenen in ein Wartezimmer geführt. Nie zuvor war sie mit so tief ge­sunkenen Geschöpfen in Berührung gekommen, die meisten waren dem Trunk ergeben und führten abscheuliche Reden. Mildred zeigte durch den scharfen Kontrast ihrer bloßen Erscheinung die tiefe Verworfenheit dieser Geschöpfe, und deshalb verfolgten sie sie mit Spottreden. Der Beamte bemerkte dies und suchte sie mit strenger Miene zu schützen.

Jenes Mädchen, das Mildred in der Nacht weinen gehört hatte, schmiegte sich an ihre Seite. Trotz ihrer ver­weinten Augen und trostlosen Miene konnte man sehen, daß es ein sehr junges und hübsches Mädchen war. Mild­red wußte ihr nichts zu sagen, aber sie ergriff die Hand der Fremden, und dieser schweigende Ausdruck von Mild­red rief einen neuen Strom von Thränen hervor. Mild­red legte den Arm um sie, aber ihre eigene Reinheit konnte sie ihr nicht mitteilen. Die Ankunft des Richters verzögerte sich, während das Zimmer der Angeklagten sich füllte. Zum Glück kam Mildred bald an die Reihe und sie wurde in den Gerichtssaal geführt. Mit klopfenden Herzen bemerkte sie ihre Mutter, Bella und Frau Willow mit Robert in den langen Reihen von neugierigen Zu­schauern. Bella warf ihr eine Kußhand zu und versuchte zu lächeln, Robert grüßte sie nur mit einer ernsten Ver­beugung. Nachdem Mildred die Ihrigen erkannt hatte, richtete sie ihre forschenden Blicke nach dem Richter, aber an seinem ernsten, unbeweglichen Gesicht war wenig zu erkennen. Bald erwachten neue Befürchtungen, denn nach einem anscheinend kurzen, oberflächlichen Verhör wurden zwei der Verhafteten zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Das Urteil wurde in so flüchtiger Weise, und in so ge- geschäftsmäßigem Tone ausgesprochen, als ob es sich um Warenballen handelte. Mildred wußte nicht, daß das alte, wohlbekannte Verbrecher waren, und diese anscheinend sorg­lose Rechtsprechung erweckte ihre Befürchtung. Ueber den nächsten Verhafteten aber verhandelte der Richter in ganz anderer Weise. Es war ein Mann von mittlerem Alter und trug elegante Kleidung. Mit nervös zitternden Händen stand er vor dem Richter, der ihn scharf beobachtete, nach­dem er die Anklage wegen Betrunkenheit auf der Straße vorgelesen hatte.

Sind Sie jemals verhaftet gewesen?

Nein, war die leise Antwort.

Treten Sie näher, ich möchte mit Ihnen sprechen.

Ein Polizist faßte den Mann am Ellbogen und führte ihn vor die Schranken. Nun erzählen Sie mir die Sache, begann der Richter, und der Angeklagte sprach leise einige

as du thun sollst, thu' Ohne Rast und Ruh', Sei's auch noch so schwer! Doch was gegen Pflicht Dich verlockt, thu' nicht, Lockt's auch noch so sehr!

Badenstedt.

Nachdruck verboten.

Heimatlos.

Roman von E. P. Noe.

(Fortsetzung.)

XXVI.

Ein weiser Richter.

Mildred wußte nicht, wann die unendlich lange Nacht zu Ende sei; denn kein Tageslicht fiel in ihre Zelle. Das Weib gegenüber war still geworden, andere Gefangene waren gebracht worden, darunter auch ein junges Mädchen, dessen Schluchzen kläglich anzuhören war. Die meisten Ge­fangenen waren betrunken oder gleichgiltig. Der Ort war Mildred so schrecklich geworden, daß sie froh war, als der Polizist kam, um sie in den Gerichtssaal zu führen. Sie war beinahe einer Ohnmacht nahe, als sie daran dachte, daß sie im Tageslicht durch die offenen Straßen geführt werden solle. Doch Robert erschien in Begleitung eines Kellners, der eine Tasse Kaffee brachte und ihr mitteilte, daß ein Wagen auf sie warte. Mit Thränen in den Augen dankte sie Robert.

Mister Atword, murmelte sie, ich habe so viel Güte nicht verdient! Verzeihen Sie mir!

Die Beamten mahnten zum Aufbruch. Sie trank den Kaffee und bald bestieg sie den Wagen, in welchem ein Polizist sich ihr gegenübersetzte.

O Gott, wie bleich sie ist! stöhnte Robert, während er auf den Bock sprang. Es war noch früh am Tage und die Straße noch still. Der Regen hatte aufgehört. Robert hatte eine schlaflose Nacht zugebracht. Mister Wentworth war nicht in der Stadt und wurde erst nach zwei Tagen wieder erwartet. Dann hatte Robert den Richter aufge­sucht, vor welchem Mildred am folgenden Tage erscheinen sollte, zu seiner Enttäuschung aber erfahren, daß auch er erst zur Eröffnung der Gerichtsverhandlung aus einer benachbarten Stadt zurückerwartet werde. Er hakte gehofft, der Richter werde ihn anhören und ihm bei der Aus­führung seines Planes zur Entdeckung der wirklichen Schuldigen helfen. Trotzdem beschloß er, keinen Advo­