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1.2.1900
 
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Worte. Mit neu erwachender Hoffnung sah Mildred, wie der Ausdruck auf dem Gesicht des Richters sich veränderte und milderte. Der Angeklagte erhob seine Augen zu dem Richter, während dieser sprach, und schien neu belebt zu sein. Der Richter brachte seine Ermahnung zu einem prak­tischen Schluß, indem er sagte: Versprechen Sie mir, daß Sie mit Gottes Hilfe dem Laster entsagen werden!

Das Versprechen war augenscheinlich ausrichtig und kam von Herzen.

Geben Sie mir Ihre Hand darauf! sagte der Richter.

Der Mann fuhr zusammen, als ob er seinen Ohren nicht trauen könnte. Dann ergriff er die Hand des Richters, während seine Augen feucht wurden.

Sie sind frei. Guten Morgen!

Der Fremde verließ mit strahlender Miene den Ge­richtssaal.

Auch in Mildreds Herzen, erwachte die Hoffnung wieder, und dann wurde ihre Aufmerksamkeit von dem Schicksal des weinenden Mädchens in Anspruch genommen, welches jetzt an die Reihe kam. Mildred kannte nicht die Anklage, erriet sie aber nur zu wohl an dem Gesicht des Richters, als der Beamte, der sie verhaftet hatte, in leisem Ton seine Meldung machte. Sie wurde vor die Schranken gerufen, und der Richter begann, sie zu befragen. Anfangs war sie nicht im stände, zu antworten, und wäh­rend sie zitterte und schluchzte, erschien sie als die Ver­körperung der Beschämung und der Gewissensbisse, welche die gefallene Weiblichkeit niederdrücken, ehe das Herz ver­härtet ist. Geduldig hörte der Richter an, wie das Mädchen mit zuckenden Lippen seine erbarmungswürdige Geschichte erzählte, und dann sprach er leise und in eindringlichem Tone zu ihr, welcher in ihr verzweifeltes Herz drang. Eine gütige, schützende Hand hätte sie dann zur Tugend zurückführen können, als der Richter ihr die Freiheit gab, aber wer empfing sie, als sie ihr Gesicht der gaffenden Menge zuwandte, um zu gehen; Vielleicht eine großherzige Frau, welche eine irrende Schwester zu retten kam? Oder ein Abgesandter einer der vielen kostspieligen Wohlthätig- keitsanstalten der Stadt? Nein, nur das niedrige Weib, das mit Leib und Seele Handel trieb und das mit Geier­blicken die Szene beobachtet hatte.

Sie war bereit, die Strafe zu bezahlen, wenn nach dem Buchstaben des Gesetzes eine solche ausgesprochen wor­den wäre, sie allein empfing das freundlose, schwache Ge­schöpf, dessen armselige Besitztümer sie in Pfand hielt und dem sie Schutz versprach, vor dem unerträglichen An­starren, mit welchem die Menge solche Opfer der Gesell­schaft verfolgt. Das hübsche, bleiche Gesicht und die zarten, weißen Hände waren ein deutliches Zeichen von der Cha­rakterschwäche und dem Mangel an Willenskraft der Klei­nen, welche nun mit ohnmächtigem Widerstreben wieder hilflos in die Gewalt der Harpyie fiel.

Das unglückliche Mädchen sollte wohl noch oft vor diesen Schranken erscheinen.

Mit bewölkter Stirn beobachtete der Richter die Folgen seiner Milde und wandte sich dem nächsten Fall zu. Jetzt wurde Mildreds Name aufgerufen, und ein Gemurmel der Erwartung lief durch den Saal; denn augenscheinlich war die Angeklagte nicht von gewöhnlicher Art, und manchem war der Fall schon bekannt. Das junge Mädchen wurde vor die Schranken geführt. Gern hätte sie sich daran an­geklammert, um ihre zitternde Hand zu stützen, doch sie sammelte ihren Mut, um dem Unvermeidlichen entgegen­zutreten. Während der Richter sie aufmerksam betrachtete, entging es Mildred nicht, däß in seinen Augen ein freund­licher Glanz erschien.

Zuerst machte der Beamte, der sie verhaftet hatte, seinen Bericht, und darauf wurde die ältere der beiden Frauen, welche sie durchsucht hatten, ausgerufen. Der Richter hörte sie mit ernster Miene an und sah von Zeit zu Zeit die Angeklagte an, aber immer begegnete er dem­selben klaren, standhaften Blick. Dann bestätigte die zweite Frau die Thatsachen, und darauf wurde auch der Geschäfts­führer, Mister Bissel, vorgefordert. Dem wachsamen Auge des Richters entging der Blick voll Abscheu nicht, welchen Mildred nach diesem Manne richtete.

Seit einiger Zeit, begann der Zeuge, nachdem er ver­eidigt worden war, sind in der Abteilung, wo das Mädchen gebeitete, Spitzen verschwunden, und ich- wurde wachsam,

wie es meine Pflicht ist. Einige verdächtige Umstünde lenk­ten meinen Verdacht auf die Angeklagte, und die Durch­suchung bewies, daß er richtig war.

Was waren das für verdächtige Umstände?

Für einen Augenblick schien der Zeuge in Verlegen­heit zu sein.

Nun, gestern nachmittag ist sie in das Ankleidezimmer gegangen, sagte er.

Gehen die Mädchen nicht alle zuweilen in das An­kleidezimmer?

Ja. Mer etwas in ihrer Miene und ihrem Wesen kam mir verdächtig vor.

Was war das?

Ich kann es nicht deutlich ausdrücken, es war nichts Greifbares, aber die Beweise ihrer Schuld sind in ihren Kleidern gefunden worden.

Und sie verstand sich nur mit Widerstreben dazu, sich durchsuchen zu lassen, das spricht nicht für ein reines Gewissen. Fortsetzung folgt.

Maskenkostüme.

Von Alice Cuno.

Nachdruck verboten.

Ein Zufall führte mich in das Reich des jetzt allgewal­tigen Prinzen Karneval. Ich befand mich in einem großen Masken-Verleihinstitut, dessen sinnverwirrende Fülle und Reichtum beinahe beängstigend auf mich wirkten. Rings um mich herrscht regstes Leben. Männlein und Weiblein, alte und junge, hübsche und häßliche, prüften und kriti­sierten die ausgestellten Kostüme, um schließlich unter all den Herrlichkeiten möglichst den kleidsamsten Anzug heraus­zufinden, mit welchem angethan, sie für wenige Stunden etwas besseres sein wollen, als sonst alltäglich. Für die­jenigen, welche die Gestalt von Menschen längst ver­gangener Zeiten oder ferner Länder anzunehmen streben, ist hier in reichem Maße gesorgt. Stolz und steif stehen hier die schweren gold- und edelsteingeschmücktenhisto­rischen" Kostüme, und die blinkenden Rüstungen der Ritter unserer Sage. Wer man scheint doch für die historischen und nationalen Kostüme ihrer Schwere und Stofffülle wegen nicht mehr recht eingenommen zu sein. Und das mit Recht! Denn es ist ein Vergnügen eigner Art, einen ganzen Abend in einem überfüllten und heißen Ballsaal als Edelfräulein, verpackt in Sammet und Gold, oder als eisen­beschlagener Ritter herumzutanzen. Man giebt jetzt den duftigeren, leichteren Kostümen, welche mindestens ebenso kleidsam und meist weniger kostspielig sind, den Vorzug. Einige derselben vermag man mit ein wenig Geschmack und Geschick ganz gut selbst herzustellen.

Reizend und äußerst kleidsam ist dieKornblume", durch eine einzige große Blüte aus dünner Seide aus dem Kopfe und je einer auf jeder Schulter (an Stelle des Aermels) repräsentiert. Drei übereinander gesetzte, am Rande ausgezackte dünne Seidenvolants bilden den Rock. Die dekolletierte Taille aus blattgrüner Seide ist ein wenig kraus und hebt sich aus einem schmalen, miederartigen Gürtel aus Silberflitter hervor.

Originell ist ein Kostüm, welches wohl zu den aller­neuesten auf dem Gebiete der Karnevalsmode gerechnet werden kann:Die Ansichts-Postkarte". Natürlich ge­hören zu diesem Kostüm eine große Zahl der jetzt die Welt überschwemmenden Boten ans Nah und Fern. Aber wer besäße dieselben heute nicht wohlverwahrt in seinem Al­bum? Zu diesem Kostüm eignen sich am besten Karten mit möglichst bunten und recht ausdrucksvollen Bildern. Der ziemlich fuhfreie Rock besteht aus postgelbem Atlas. Er ist vom Knie ab mit plissierter Gaze in derselben Farbe überdeckt, welche in einem handbreiten Abstand in segk- rechter Anordnung bunte Ansichtspostkarten (ungefähr 6 bis 7 für jede Reihe), übereinander fallend, zieren. Den runden Ausschnitt der gelben, glatten, hinten geschnürten Seidentaille schmücken ebenfalls Ansichtskarten, welche epauletteartig über die kleinen Puffärmel fallen. Eine Riesenpostkarte wird als Schild an roten Atlasbändern befestigt, um den Hals gehängt. Gürtel aus rotem Atlas- band mit großer Schleife, an welchem an zwei langen Bandenden ein roter Pompadour befestigt ist, aus dessen Krause der Kopf einer Tintenflasche hervorsieht. Als Kopsputz dienen, hochstehend arrangiert, mehrere Ansichts-