Ausgabe 
26.5.1900
 
Einzelbild herunterladen

294

leichtgeschürzten Horen voranschtoebt, brachte das alles in dem für Sie bestimmten Gemache unter, und stellte mich dann selbst handausstreckend in das Portal meines Schlosses.

Jst's recht, ist's billig, daß ich noch heute so stehe, daß ich noch immer danach schmachte. Sie den Laren meines Herdes zuzuführen? Und Sie wissen, Doktor, Sie sind mir diese Revanche schuldig! Sie führten mich in Ihre Domäne, den Tempel der Kunst daß es mit geringem Erfolge geschah, daß mir noch heute ein leidlich hübsches Kind von Fleisch und Bein anbetungswürdiger erscheint, wie alle Mediceischen und Kapitolinischen Venusse der Welt, ist wahrlich nicht Ihre Schuld ist es da zu viel verlangt, wenn ich- Ihnen nun auch die Honneurs meines Hauses machen möchte? Und ich denke, es soll Ihnen darin be­hagen. Schloß Heiking liegt hübsch, inmitten von Bergen und Wäldern, hat einen guten Tropfen im Keller und schnelle Rosse im Stalle.

Nur das Ewigweibliche werden Sie vermissen, oder sind Sie auch in dieser Beziehung Antikenliebhaber und nehmen mit meiner guten alten Tante vorlieb, welche schon seit Jahren hier neben mir haust? Ich, hätte Ihnen, auf Wort, eine andere Augenweide gegönnt, eine junge Schloßfrau, mit einem Gesichtchen nun. Sie werden es sehen, und mein Leben lang will ich vor dem Belvederischen Torso in Bewunderung erstarren, wenn Sie es nicht helle- nenhaft schön nicht wahr, so lautet doch der höchste Ausdruck Ihres Entzückens? finden. Aber es war nämlich ein Aber dabei, mein lieber Professor! sie wollte nicht. Unbegreiflich, nicht wahr?' Schneidiger Kerl, Gardcoffizier, lange Ahnenreihe, auch sonst kein Stiefkind von Dame Fortuna, die inneren Vorzüge nicht mal mit­gerechnet, aber sie wollte nicht, wie sie schon oft nicht wollte. Und das Aergste, man kann ihr dabei nicht ein­mal böse sein, das ist ihren bittend hingehaltenen kleinen Pfötchen, den verschleierten dunklen Augen gegenüber gar nicht möglich. Ich verkehre auch nach wie vor in Melling­hausen. Gestern war ich dort, und wissen Sie, womit ich Komtesse Frieda beschäftigt fand? Mit Ihrem Buche, Sie Glücklicher, und so vertieft war sie, daß sie ordentlich zusammenfuhr, als ich vor ihr stand. Und wie sie staunte, wie rot und glühend sie vor Interesse wurde, als ich ihr mitteilte, daß ich Sie kenne, daß ich Sie halb und halb erwarte. Ich sollte es Ihnen eigentlich nicht verraten, und Sie haben es auch wahrlich kaum um mich verdient, aber wahr ist es, daß die sonst so Stolze, Spröde wie elektrisiert aufsprang und meinen Arm ergriff.

Er kommt! Hans Volkmann kommt zu Ihnen?" Und wie atemlos sie dabei war und wie wunderschön!

Uff! Soeben beginne ich die vierte Seite, eine Leistung, wie sie seit meiner Schuljnngenzeit einzig in den Annalen meines Lebens dasteht und hoffentlich dastehen wird. Wissen Sie nun wenigstens, was Sie nach Bewältigung dieses Manuskriptes zu thun haben, nota bene, wenn Sie nicht schon entschlüpft sind und sich bis zum Antritt Ihrer Stellung von jemand anderem entführen ließen? Also, Sie schnüren Ihr Ränzel, werfen sich in den nächsten Zug und sind morgen in aller Gottesfrühe auf dem Bahnhof zu G., wo ich Sie mit meinen beiden Goldfüchsen ich gebe Ihnen mein Wort, die Sonnenrosse sind Ackergäule dagegen in Empfang nehme.

Also nun ernstlich: A rivederci!

So gegeben im Jahre des Heiles 1888 . .

Arnold Clemens, Baron von Heiking".

Professor Volkmann hatte den Brief zusammengefaltet legte nachdenkend einen Moment die Hand über die Augen' stand dann auf, beschrieb ein paar Karten und klingelte feinem Diener.

Einige Stunden später sah er in einem Eisenbahn­wagen und fuhr in die mondhelle, laue Sommernacht hinein.

(Fortsetzung folgt.)

Der Stifter der Brüdergemeine.

Zum 200. Geburtstag Zinzendorfs, des Begründers von Herrnhut. (26. Mai.)

Von Dr. Ernst Wilms.

Nachdruck verboten.

Die unter dem Namen der Herrnhuter Gemeinen be­kannten religiös-sozialen Gemeinwesen, wie solche u. a zu Herrnhut, Neudietendorf, Neuwied, Gnadenfeld, Neu­salz, bestehen, haben sich von jeher eines allgemeinen In­teresses erfreut, so wenig ihre religiösen Sonderbestreb­ungen sich auch in unserer Zeit der öffentlichen Aufmerk, samkeit aufdrängen. Mit Verwunderung und Neugier ver­nahmen wir schon in der Schule von Sen frommen Brüdern und Schwestern, die ihre menschliche Gleichheit in ihrer Tracht, sowie in ihren Institutionen zum praktischen Aus­druck bringen, die in inniger Gemeinschaft leben, arbeiten und beten, und unter sich eine Reihe von Sondergebräuchen erhalten oder eingeführt haben, welche uns weltlich ver­anlagten Seelen in vieler Hinsicht kurios erscheinen. Wie wir aber auch über die Herrnhuter denken, wie wir uns zu ihren religiösen Svnderanschauungen stellen mögen dre Gerechtigkeit müssen wir ihnen widerfahren lassen' dap sie ruhige, friedliche, feißige Menschen und daß manche chrer sozialen Einrichtungen unserer Bewunderung würdig

Am 26. Mai 1900 sind 200 Jahre vergangen, seit der Mann, mit dessen Namen die Stiftung der Herrnhuter- Gemeinen unzertrennlich verbunden ist, das Licht der Welt erblickte. Es ist dies Graf Nikolaus Ludwig von Zinzen- dorf und Pottendorf. Die Brüdergemeine ist aber nicht eigentlich das Werk seiner bewußten Absicht, obgleich er ihrer Entwickelung sein ganzes thatenreiches Leben ge­widmet hat, sondern mehr ein Produkt zufälliger Um- stände. Ihren Ursprung führt sie in Wirklichkeit auf die sogenannten böhmischen oder mährischen Brüder zurück eine im 15. Jahrhundert in Böhmen im Anschluß an die Hussitenbewegung entstandene religiöse Brüderschaft. Durch d.en-30 jährigen Krieg fast ganz aufgerieben, sammelten srch Reste von ihnen in Mähren an, einige dieser wanderten ivegen ihres Glaubens mit hartnäckiger Erbitterung ver- folgt, aus und kamen im Jahre 1722 in die Oberlausitz um sich da ruhige Wohnplätze zu suchen. Ein hier bereits anwesender Landsmann und Glaubensgenosse, Christian David, erhielt von dem jungen Grafen Zinzendorf das Versprechen, den Exulanten eine geeignete Zuflucht zu verschaffen. Während aber der Graf an andere Orte hin- schrieb, um sein Versprechen wahr zu machen, führte der Student Marche die Exulanten bei Zinzendorfs frommer Großmutter, der Frau Landvogtin von Gersdorf zu Hennersdorf, ein. Zunächst wollte diese, durch schlechte Erfahrungen mißtrauisch gemacht, von den Fremden nichts wissen, auf Marches Zureden schickte sie aber doch die Aus- Wanderer nach Berthelsdorf, einem ihrem Enkel gehörigen, von ihr kurz vorher diesem verkauften Gute, um dort vorläufig Unterkunft für die Armen zu beschaffen. Ueber die Art, tote daselbst die Gründung von Herrnhut zu stände kam, erzählt Freiherr v. Schrautenbach,daß Marche, der die Exulanten auf dem Wege nach Berthelsdorf begleitete, auf der Höhe des Hutberges auf der Landstraße geäußert habe:Wie, wenn Ihr Euch hier anbautet?"Wo nehmen toir aber Brod her in dieser Wüste?" anttoortete eine Frau. Daraus ertoiderte Marche:So Du Glauben hast, sollst Du die Herrlichkeit Gottes sehen." Alle knieten nieder und beteten, und die Ratlosen schwankten lange, bis endlich Christian David seine Zimmeraxt mit den entscheidenden Worten in einen Baum schlug:Hier hat die Schwalbe ihr Haus gefunden und der Vogel sein Nest, nämlich Deine Altäre, Herr Zebaoth." (Ps. 84, 4.)

Die Genehmigung der Landvogtin ward nach längerem Widerstände erteilt, den Ansiedlern Holz angewiesen, auch schenkte Dnen die Gräfin eine Kuh, damit sie für ihre Kmder Milch hätten. Am 17. Juni 1722 wurde der Bau begonnen, und der neue Ort erhielt den Namen Herrnhut, weil die Ansiedelung am Hutberge errichtet war, also, tote' der Haushofmeister des Grafen, Heitz, sich ausdrückt,nicht nur unter des Herrn Hut stand, sondern auch alle Etntoohner aufdesHerrnHut standen". GrafZinzen-