Ausgabe 
26.5.1900
 
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'er sich um Weisheit müht und nicht anwendet die Weisheit, Gleicht dem Manne, der Pflügt und zu säen vergißt.

Joh. Gottfr. Herder.

(Nachdruck verboten.)

Es sah eine Linde ins tiefe Thal."

Novelle von R. Litten.

(Fortsetzung.)

Und dann war er auf diejenige gekommen, deren Rechte er durch den ihm zugefallenen Besitz geschmälert glaubte: auf Elfriede Kraneck. Ob, man nichts von ihr gehört in den langen Jahren?

Kopfschütteln des alten Herrn, der behäbigen Gattin, der fünf rotwangigen Töchter.

Nichts! Die namhafte Geldsumme, welche bald nach ihrem Verschwinden von einem Berliner Bankhause an das hiesige Bürgermeisteramt zur Pflege des Grabes der verstorbenen Frau Kraneck gekommen) wäre noch immer das einzige, was sich! mit dem Mädchen in Zusammenhang bringen ließe. Ob er von der Geldsumme gehört? Aber richtig, wie konnte maw das vergessen, er selbst hätte ja später, als er älter geworden, an das Haus geschrieben, und um Auskunft über den Geber gebeten, aber der Brief war zurückgekommen, bereits seit Jahren existierte die Fir­ma nicht mehr. Vielleicht sei Elfriede schon längst nicht mehr unter den Lebenden, blaß und schwächlich genug hätte sie ja stets ausgesehen.

Hans Volkmann hatte zerstreut zugehört, noch über dieses und jenes ein paar gleichgiltige Fragen gethan, und dann war er weiter gegangen dem stillen Orte zu, wo sein Onkel und des Elfchens Mutter schlummerten. Auch den alten Kirchhof, der noch- immer wie ein Asyl des tiefsten Friedens in deü Bergen lag, hatte er betreten. O Heimat, alte Heimat, mächtige Zauberin, welches Leben, welche Farben verliehest bitt dem fast verblaßten Kinder­traum!

Selbst vor der Feder des Gelehrten, vor den weißen Blättern, welche seine Hand beschrieb, gaukelte er vorüber und rief mit weicher Stimme seinen Namen. Wie manches Mal hatte er da! die Feder sinken lassen und die Hand träumend über die Augen gelegt!

Freilich das alles nur beim Anfang seiner Arbeit. Als er erst die! ersten Schritte in das Griechenland des Altertums, welches den Inhalt seines Werkes bilden sollte, gethan, als er das, was von Kindheit an seine Seele

erfüllt, seinen Verstand beschäftigt, wiedergeben durfte, und als er an der Schaffensfreudigkeit, die ihn durchflutete, an dem Glücke des' Sichfelbstgenügens merkte, daß er es. könne, da flatterte der luftige Traum davon: Die Wirk­lichkeit hatte das Vergangene, der Verstand die Phantasie aus dem Felde geschlagen.

Der Sommer stand noch in voller Blüte, als er an seinem Werke, zu welchem er die Vorarbeiten längst er­ledigt, den letzten Strich gethan. Mit bestem Können, mit vollster Hingabe hatte er es geschaffen, und das lohnte es. ihm reichlich. Glänzende Zeitungskritiken, Anerkennungs­schreiben, lobende Besprechungen von Gelehrten waren gleich, nach dem Erscheinen des Buches zu ihm in sein stilles Tuskulum geflogen, schließlich auch ein großes feier­liches Schreiben an den Professor Dr. Hans Volkmann. Der Lehrstuhl seiner Wissenschaft war an einer namhaften Universität frei geworden, man hatte ihm denselben in schmeichelhaftester Weise angetragen.

Der helle Klang der Korridorglocke ertönte, und gleich darauf erschien sein Diener mit mehreren Briefen. Von seinem Verleger: Die erste Auflage desFührers durch Hellas" finde reißenden Absatz, wenn das so fortginge, müsse man bald an eine zweite denken. Die Redaktion einer großen, rühmlichst bekannten Wochenschrift bittet um eine Serie populärer Beiträge für ihr Blatt. Eine Einladung! des KlubsHarmonia" zu einer Partie nach einem Ver­gnügungsort der Umgegend.

Zuletzt behielt Professor Volkmann ein Schreiben in der Hand, dessen Durchsicht ihn länger und zwar in an­genehmster Art, beschäftigte, wie der heitere Ausdruck seines Gesichts bewies.

Es lautete:Verehrter Professor, Freund und Weg­genosse! Wissen Sie es noch, womit wir vor nahezu zwei Jahren, nachdem wir selbander vier Wochen lang Wolken klassischen Staubes aufgewirbelt hatten, in einer wein­umrankten Osteria der alten Roma Abschied voneinander nahmen? ,A rivederci!' rief ich Sie: ,Auf Wieder­sehen!' Aber, Hand aufs Herz, amico, haben Sie seitdem schon einmal an Ihr Versprechen gedacht, ist es Ihnen, wenn auch nur im Traum Ihrer Nächte, in den Sinn ge­kommen, daß hier im gesegneten Thüringerlande ein Manul lebt, ivelcher des Augenblicks harrt, wo er Sie auf der angestammten Burg seiner Väter begrüßen darf? Sie verstummen, Sie senken beschämt das Haupt.

O, wir Wilde sind doch bessere Menschen! Sofort, als ich von Ihrer Rückkehr nach Deutschland hörte, ließ ich mein bestes Fremdenzimmer lüsten, machte Jagd aus jede Büste in meiner Behausung, welche eine nur halbwegÄ griechische Nase zeigte, riß unbarmherzig eine arme Aurora von der Wand, die schon seit MenscheüUchenken dort den.