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Nachdruck verboten.
Roman von Elsbeth Meyer-Förster.
(Fortsetzung.)
Je mehr sich das Wunder ihres Körpers entwickelte, desto stiller wurde Nettchen nun, desto inniger vertiefte sie sich in die Träume für die Zukunft. Ihre quälenden Gedanken um ihr getäuschtes Eheglück streifte sie ab, wie eine lästige Winterhülle, und nur noch Gedanken an das Kind erfüllten sie. Zum Juli würde e& das Licht der Welt erblicken! Und sie sah sich! im Geiste neben dem schwarzen) blauverhüllten Korbwagen hergehen, heiter und ruhig wie andere junge Mütter, die breiten Boulevards im Sonnenschein entlangziehen, bis hinab ins Bois de Boulogne. Der Kampf, der sie in wenigen Jahren so verändert hatte, daß sie sich selbst fast nicht mehr erkannte, der Kampf mit dem ihr angetranten Manne, entschwand mehr und mehr ihrem Gefühlsleben, und Wärme und Innigkeit, die erst durch: die große Vereinsamung in ihr hatten geweckt werden müssen, erfüllten sie ganz. :
Aber je mehr sie sich dem entscheidenden Tage näherte, desto heftiger stellten sich bei ihr die vielen ängstlichen, kleinen Züge ein, welche den Frauen in dieser Zeit einen so hilflosen Ausdruck verleihen. Sie wagte fast nicht mehr auf die Straße zu gehen, und in der Dunkelheit der Abende, an denen sie" allein zu Hause ivar, wurden auch ihre Gedanken dunkel, und sie fürchtete sich tme
Ohne sich nach Nettchen umzuthun, die in einer Neben- kammer die erste, selbstgefertigte Kinderwäsche m die Truhe packte, entfernte er sich wieder, seiner Häuslichkeit grenzenlos überdrüssig. .
Als er spät in der Nacht den Heimweg aus seinem Stammcafee antrat, war er nicht sicher auf seinen Füßen.
Langsam schlenderte er die rue de la paix entlang, dem Opernplatz zu. Diese Straße mit ihren unzähligen Juwelierläden, ihren Diamantenschätzen liebte er. Ganze Reichsvermögen lagen hinter den jetzt fest verrammelten, mit schweren, eisernen Jalousien geschützten Schaufenstern in Gestalt königlicher Brillantgeschmeide ausgebreitet. Stundenlang hätte er diese im Regenbogenlicht flimmernden Steine' betrachten können, — sich in ihr Studium versenken, wie andere sich in ein geheimnisvolles, von Offenbarungen erfülltes Dichtwerk versenken.
Vor dem grande Cafee am Opernplatz horte er sich plötzlich von einer Stimme angerusen.
Er blieb stehen und begrüßte Direktor Frosch, einen kleinen, eifrigen Herrn, der sich in Paris befand, um für sein Budapester Spezialitäten-Theater neue Sterne auszu-
Nettchen saß noch wach auf dem Rand ihres Bettes, als sie ihren Gatten mit raschem, schwerem Schrrtt die Treppen heraufkommen hörte.
Auf ihren Wangen lag Fieberrote. Sie war, al» su Jeromes Nachhausekommen und sein raschesWtedcrforü gehen an dem von ihm im Wohnzimmer zuruckgelassenen Spazierstock bemerkt hatte, in Thränen ausgebrochen, und hatte sich lange nicht beruhigen können.
Ihre Abwehr gegen alle Gedanken, die anderes als ihr Kind betrafen, war in letzter Zeit wieder geringer geworden; je mehr sie sich der großen Entscheidung näherte, desto angstvoller und bedrückter wurde ihre noch nicht völlig stark gewordene Seele. Mit Blicken verzehrenden Neides betrachtete sie die sich im gleichen Zustande tote sie befindlichen Frauen, die ihr begegneten. Sie wurden gekebt- gehütet, geschützt, mit Sorgfalt umgeben. Nur ste, ste allem führte das Leben einer Verlassenen, dem Gatten halb und halb zur Last, in demütiger Angst versinkend.
Und in der einsamen Nacht, in dem entsetzlichen Horchen und Harren auf den Schritt, den sie herbetsehnte, schien ihr ihre bettelnde, demütige Liebe plötzlich als etwas erbärtnliches. Wo war ihr Stolz hin, ihr starker, Heller Mut, ihr Wille und ihre Lebenskraft? Ste war gebrochen, zertreten, tote ein zu Boden geworfener Zweig, unt nur etwas regte sich in ihr, ein Gefühl- das sa)ltmmer war
schlafen, wenn es erst da sein würde, warum nicht in einer Lagerstatt auf dem Sofa? . .
Die exaltierte Freude ferner Frau auf das „Ereignis konnte er durchaus nicht teilen. Er sah eine Last, eine Qual, in diesem ihm von der Zukunft aufgeburdeten Geschenk. Er hatte keine Mittel, um sich die Extravaganz eleganter Kinderwagen zu gestatten. Er würde nicht darben und entbehren, um diesem zu erwartenden Fraulein Tochter und der Mama alle Bequemlichketten zu schaffen.
!" rief er, „lieber Seitre, das ist ein Zusammentreffen! Wollte morgen extra zu Ihnen hinauf, um Ihnen einen Vorschlag lzu machen. Höre, daß Madame Settre ihren Kontrakt gelöst hat. Die müssen Ste mir uber- lassen, mein lieber Seitre. Geflugeldressur — das ist ne dkummer, die wir noch nicht gebracht haben. Außerdem soll sie höllisch fesch sein, diese kleine Berlinerin." -
Meine Frau ist augenblicklich letder ntcht tmstande, ein Kind. ,, . 1 Ihr Anerbieten anzunehmen." Jerome machte em paar
Jerome empfand die Unbequemlichkeiten, welche der I bezeichnende Bewegungen. „Aber wenn Ste bts zum Herbst! veränderte Zustand für sein und Nettchens Leben brachte, I warten wollen?" . , ,
von Anfang an als etwas lästiges, das ihn mtt Unmut I „Ich zahle ihr 500 Francs den Monat! ries der erfüllte. Seit einiger Zeit trat Nettchen nicht mehr auf I A^iite, indem er Jerome beim Aermel ergrtff. ,,^ch tann der Bühne auf, und der Verdienst von ihrer Sette fiel I dieses illustre Honorar aussetzen, wetl mente Chancen auf also fort. Auch das geflügelte und vierfüßige Personal I ber Milleniumsausstellung beruhen. Kommen Ste her, müßte bis zur Zeit, wo sich ein Käufer für dasselbe finden I ta^en Sie uns für Oktober, November und Dezember den würde, in Pflege gegeben werden; denn Nettchen hatte I Kontrakt aufsetzen." — ihrem Manne erklärt, daß sie nach der Geburt des Kindes 1 .......< ™ .
auf keinen Fall ihren Beruf wieder aufnehmen werde. Der Gedanke, das Kind allabendlich zu verlassen, um fremden Leuten Narreüspossen vorzumachen, erfüllte ste mit Abscheu. — ,
Je mehr sich die alleintge Verantwortltchkett für den Hausstand und dessen Kosten auf Jeromes Schultern nteder- senkte, desto finsterer würde dessen Wesen, desto barscher und härter zeigte er sich. Von dem geschmeidigen, eleganten Mann, dessen vornehmes Aeußere noch immer die Augen aller Frauen aus sich lenkte, blieb für das Haus nur die Eleganz der hellen Anzüge und blendenden Kravatten übrig. Der falsche Jerome Seitre, der leichtlebige, vtel- bewunderte Artist, spazierte in den Boulevards, der wahre über, ein kaltherziger Egoist, voll enger Berechnungen und grausamer Ichsucht, kehrte immer dusterer in das kleine Heim auf Montmartre zurück.
Eines Tages, als Jerome das Vorzimmer betrat, das zu dem Appartement der Seitres gehörte, sah er einen großen, schön angestrichenen Kinderwagen stehen, mit weißen Mullgardinen, blauem Futter und funkelnden, vernickelten Spiralen. Er maß den Wagen mit Augen, tote ment etwa ein bissiges Tier mißt, machte einen Bogen rund herum und trat in das Wohnzimmer. ___
Auf dem Tische sah er einen Zettel Kegen. Es war
die Rechnung sür den gelieferten Wagen, welche von der . ~ *... _•
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acht Uhr bis früh um vier. Jetzt war sie körperlich ermattet bis zum Umsinken; aber m ihren Augen blitzte fieberhafte Kampfbereitschaft. .
Sie erwiderte nicht den Gruß ihres Mannes, der ut dem dunklen Zimmer nach Licht tastete, Asesbranute,' beleuchtete der Schein Jeromes fahles, schon leicht verwüstetes Gesicht, über dem der unsichere, verschleierte Ausdruck der halben Berauschtheit lag.


