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„Es ward von unfern Vätern mit Treue uns vermacht Die Sage, wie die Väter sie ihnen überbracht.
Wir werden unfern Kindern vererben sie aufs neu: „ Es wechseln die Geschlechter, die Sage bleibt sich treu .
Bis zur Stunde kann das rotbrüstige Vöglein keinen toten Menschen ansehen. Liegt im Walde ein von ihm gewahrter Ermordeter, so bedeckt es dessen blasses Angesicht mit Blättern und Zweigen. ,
Von der Turteltaube erzählt eine schwedische Sage bei Afzelius, daß sie auch in der Nähe des Kreuzes geflogen kam, sich traurig aus einem benachbarten Baume mederließ, und seufzte: Kurrie, Kurrie, Kurrie — was soviel bedeutet habe als „Khrie". Auch die. bei uns heute noch sehr beliebte Schwalbe fehlte nicht aus Golgatha, tote die Skandinavier wissen wollen. „Als der Heiland am Kreuzeching, kam eine Schwalbe gezogen und setzte sich auf das Kreuz, sah die Qualen des Leidenden und zwitscherte: Hugswala, swala, swala honom — Tröste, kühle, kühle ihn . ^ifolge dieses Ausrufes erhielt der mitleidige Vogel den Namen Swala, d. h. auf deutsch Schwalbe, Hin „heil gen Land Tirol" dagegen erzählt man, daß sich dieses buntgefiederte Tierchen am ersten Charfreitag auf der biblischen Schadel- stätte respektswidrig gezeigt hätte, wie Zmgerte tn Innern [ neu aufgelegten Sagenbuche (S. 1i8) in folgender Weise vermeldet: „Als unser Heiland am Kreuze hing, trauerte die ganze Natur. Die Vögel schwiegen, die Baume zitterten, die Erde that sich auf, und die Sonne wurde verfinstert.. Siehe, da hörte Jesus ein fröhliches Zwitschern und erblickte ein Paar Schwalben auf einem Baume, die Miteinander
I um die Wette sangen. Darob wurde unser Herr höchlich erzürnt, und sprach den Fluch über die leicht innigen Vogel
I aus. Deshalb wird man nie eine Schwalbe auf etwas I Grünem sitzen sehen, sondern sie Hüpfen den ganzen Tag I auf kotigen Wegen herum, um ihrer Beute nachzuiagen, I wobei sie immer fast schnattern". Eine ähnliche Gesuhl- I losigkeit legte auch die Elster an den Tag; denn wahrend I alle anderen Vögel voll Mitleid und Trauer nach des I Waldes tiefstem Dunkel flüchteten, um nicht öffentlich Zeuge I der menschlichen Frevelthat sein zu müssen, da schwang sich | nur die freche Elster fröhlich aufwärts und ließ, gleichsam I dem schmerzgepeinigten Gottessohne zu Spott und Hohn I ihre melodische Stimme weithin erschallen. Da traf sie I der wohlverdiente Fluch: das bisherige prachtvolle Ge- | fieber wurde ihr genommen, und ihr herrlicher Gesang I minderte sich zu einem unheimlichen, öden Krächzen herab. I Selbst weniger von der Natur bevorzugte Tiere können I sich des unsterblichen Verdienstes rühmen, am „schmerz- I haften Freitage" auf Golgatha vertreten gewesen zu sem, I nämlich durch die harmlose Eidechse, wie man ttt den I Vorarlberger Alpen wissen will, weshalb sich denn die 1 flinke „Heggoas" (Heckengeis) dort einer gewissen Achtung I und Schonung erfreut. Die Heggoas, so glaubt das Volk I insgemein, hat ein Gerippe, welches das ganze Leiden und I Sterben Jesu Christi, d. h. alle Marterwerkzeuge darstellt: I Hammer, Nägel, Leiter, Kreuz, Geißelstock und Dornenkrone- I Als nämlich Christus so ganz verlassen am Kreuze hing und I alles ihn verließ, soll eine Heggoas herbeigekrochen sem, I die heiligen Blutstropfen mit ihrer Zunge aufzulecken. I Aus Dankbarkeit für diese herzliche Teilnahme hat der I Heiland dem unansehnlichen Amphibium sem ganzes Leiden I in die Gebeine hineingelegt, und das gemeine Volk hat I heute noch die Meinung, daß wer die so hoch verdiente 1 Eidechse thätlich beleidige, eine große Sunde auf I sich labe. Verstocktereil Sinn bekundeten aber I die Fische, welche in der Todesstunde des Erlösers, wo fast die gesamte Natur in tiefe Trauer versunken und selbst die Sonne verfinstert war, noch lustig schnalzten. Zur Strafe dafür haben sie kaltes Blut erhalten und viele von ihnen werden noch heute bei lebendigem Leibe auf- geschnitten — behauptet das oberpfälzische Landvolk.
Von diesen eigenartigen Legenden konnte behauptet werden, was Görres von den Volksbüchern sagt: „Wie Windeswehen, wie Kindeslallen ist ihr Reden, das Ohr lauscht den wundersamen Klängen, dem inneren Sinn ist ihr Verständnis gegeben". Ja auch die nachstehenden Verse Chamissos dürften von diesen harmlosen Kindern der Poeste gelten, nämlich:
Worten:
„Ach, umsonst ist sein Bemühen! Allzu tief drang ein die Kron!
Daß die Brust vom Dorn zerrissen, War des Liebeswerkes Lohn.
Und seitdem blieb Brust und Kehle Diesem Vöglein blutesrot, Zur Erinnerung an die Hilfe, Die's am Kreuz dem Heiland bot."
Ebenso wie der Kreuzschnabel war auch das niedliche Rotkehlchen über Vermögen um Linderung der qualvollen Schmerzen des Gekreuzigten bemüht: — es wollte ihm bie tief eingebohrten Dornen aus dem Haupte ziehen, verwundete sich aber dabei so empfindlich an der Kehle, daß es heute noch an dieser Stelle emen roten, blutigen Fl^en als ewig-denkwürdiges Wahrzeichen aufwetst. Der Dtchter erwähnt jener rührenden Begebenheit mit folgenden
sollten, waren dieselben fürsorglich von ihren herzlosen i Eltern eingeschlossen worden. Als nun die den ungluck- I licken Gottessohn begleitende Menge vorbeizog, schrieen I die gefangenen Kleinen unaufhörlich nach Befreiung. Drei- I wal forderte Jesus die betreffenden Eltern auf: „Lasset I die Kinder heraus!" Jedesmal erfolgte aber die lugen- 1 hafte Erwiderung: „Es sind keine Kinder, es sind 1 Schweine!" Hierauf entgegnete der Herr unwillig: „Wenn I es Schweine sind, so sollen es auch Schweine bleiben", — I ein Machtwort, das auch sofort in Erfüllung gegangen I sein soll, wie Bartsch in seinen Sagen aus Mecklenburg I, 1 S. 524 mitteilt. Uebrigens ist diese eigentümliche Legende I fast in allen Gauen Deutschlands anzutreffen, ja am Unterharze erzählt» man noch ergänzend, daß jeder einzelne I Wirbelknochen im Schweinerücken, wenn man ihn von der flachen Seite betrachte, mit einem Kinderantlitze große Ähnlichkeit aufweife, t .
Kaum war „Jesus Nazareuus Rex Judaeorum", tote ihn Pilatus bezeichnete, ans Kreuz geschlagen, so flog auch schon ein Storch, der des Heilandes Qualen bemerkte, herbei j und rief teilnahmsvoll: „Stärket und helfet ihm. Seit jenem Tage wird der langbeinige Frühlingsbote überall, wo er einkehrt, mit Jubel empfangen, und kein Blitzstrahl vermag jemals sein Nest zu zerstören. Aber auch der in unseren Fichtenwäldern sein possierliches Wesen treibende Kreuzschnabel bewies sich dem gepeinigten Gottessohne nach Kräften behilflich: er versuchte mit feinem Schnabel bte Nägel aus den blutenden Wunden zu ziehen. „Allem bte Barmherzigkeit des eifrigen Tierchens war großer als seine Macht. Für den guten Willen jedoch verlieh ihm der Heiland die Auszeichnung, daß er fortan in der heiligen Christnacht aus dem Ei kriechen dürfe,'desgleichen die Kraft, Flüsse und Gicht an denjenigen Menfchen zu heilen- mit denen er einen Raum gemeinschaftlich bewohnen wurde. Von dem Versuche, dem Heilande zu helfen, erhielt es den gekreuzten Schnabel." Bekanntlich hat Mosen diese sagenhafte Begebenheit in das folgende poetische Gewand gekleidet:
Als der Heiland litt am Kreuze, Himmelwärts den Blick gewandt, Fühlt er heimlich sanftes Zucken An der stahldurchbvhrten Hand.
Hier von allen ganz verlassen, Sieht er eifrig mit Bemüh'n An dem einen starken Nagel Ein barmherzig Vöglein ziehn.
Blutbeträuft und ohne Rasten Mit dem Schnabel, zart und klem, Möcht den Heiland es vom Kreuze, Seines Schöpfers Sohn befrei'n.
Und der Heiland spricht in Milde: Sei gesegnet für und für, Trag das Zeichen dieser Wunde Ewig, Blut- und Kreuzeszier.
Kreuzesschnabel heißt das Vöglein; Ganz bedeckt von Blut so klar.
Singt es tief im Fichtenwalde Märchenhaft und wunderbar."


