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„Öre", sagte Jerome, mit langsamer, aber nicht lallender Stimme; denn die Aussicht auf die famose „Chance", die ihm der Direktor eröffnet, hatte ihn trotz der schweren Getränke den ganzen Abend über halb und halb klar erhalten. „Ich abe eute eine Entscheidung getroffen, die für unsere Geldverhältnisse von größtem Werts ist: Direktor Krosch vom Budapester Varietee-Theater hat Dich für die nächste Saison zu engagieren gewünscht und ich habe den Kontrakt mit ihm abgeschlossen. Wir werden also die Menagerie für keinen Fall verkaufen. Ende September trittst Du zum ersten Male wieder auf."
„Ich?" sagte Nettchen, deren Stimme völlig heiser klang. Sie war ausgestanden, schwer stützte sie sich auf den Tisch, an dem sie gesessen hatte. Einen Augenblick rang sie nach Worten. Eine Bluttvelle jagte in ihr Gesicht, in ihre Augen trat ein drohender, unheimlicher Ausdruck- und es klang fast wie ein Aufschrei, als sie fortsühr:
„28ie konntest Du es wagen? Du weißt, daß ich nicht mehr auftrete. Nie mehr, wenn erst das Kind da ist!! Nie!!!"
>Me?" fragte Jerome, indem er auf sie zutrat. Auch seine Stimme zitterte, ein finsterer Ausdruck sprühte aus seinem Blick. „Höre", stieß er hervor, indem er sie heftig an der Schulter packte, „die Komödie muß ein Ende haben. Du hast Dich nicht aufzulehnen, verstehst Du mich? Du hast lzu gehorchen, hörst Du? Ich habe den Kontrakt mit Krosch unumstößlich abgeschlossen. Wehe, wenn Du mir dabei entgegentrittst."
Nettchen hatte sich losgerissen. „Fort!" schrie sie mit übernatürlicher Kraft, „bringe mich sticht zum äußersten. Last mich los, rühr mich nicht an--Ich verachte Dich
— ünd Du — wirst mich nicht zwingen — nie — nie---
hinaus!!!"
„Hinaus?" schrie Jerome. Mit einem Sprunge war er neben ihr. Einen Augenblick sah Nettchen seine Augen dicht vor den ihren funkeln, spürte seinen glühenden Atem vor ihrem Gesicht, — dann empfand sie einen Stoß, — taumelnd fiel sie zu Boden. —
Mohlthuende Nacht sank über sie herab.
Das Gepolter hatte die Logisgeberin wach gemacht.
Sie suchte nach Licht, raffte ein paar Röcke zusammen, die sie mechanisch unter den Arm nahm, anstatt sie überzuwerfen, und begab sich murrend und scheltend die Treppe zum Seitre'schen Apartement hinauf.
Droben war schon alles ruhig.
Von Mr. Seitre nichts zu sehen. Im Wohnzimmer, Post dem Sofa, auf den Fußboden ausgestreckt, lag die junge Frau, anscheinend leblos. Als die Französin sich über sie beugte, ihr die Stirn mit Wasser benetzte, öffnete Nettchen die Augen. Teilnähmlos schaute sie in das über sie gebeugte Gesicht. Dann ließ sie sich willig aufrichten und schwankte in ihr Bett.
(Fortsetzung folgt.)
Die Nichtversetzte».
Auch eine Osterbetrachtnng.
Nachdruck verboten.
Wenü ich durch diese Zeilen ein gutes Wort einzulegen beabsichtige für die Nichtversetzten, so schicke ich, gleich voraus, daß nicht jene gemeint sind, die aus Trägheit und Unlust sitzen bleiben, sie verdienen gewiß ernstesten Tadel und strenge Strafe. Ich denke hier vielmehr an diejenigen, welche wohl guten Willen zum Lernen, auch den nötigen Ehrgeiz besitzen, nicht aber die Fähigkeit des schnellen Erfassens und Behaltens. Je mehr solche Schüler fühlen, daß sie trotz aller Anstrengung mit ihren Mitschülern nicht Schritt halten können, um so mehr wird auch die Freudigkeit zur Arbeit schwinden und einer gedrückten Stimmung Platz machen. Für diese ist das Sitzenbleiben, das nochmalige Durchmachen des Klassenpensums eine — Wohl- that. Gar manches ist vom vorigen Jahre doch im Gedächtnis haften geblieben, nun heißt es nur, das fehlende zu ergänzen. Der sonst schwache Schüler fühlt die Flügel wachsen, die schon erlahmte Lust am Lernen stellt sich wieder ein, er v e r st e h t nun das Gelehrte und geht im nächsten Jahre gewiß „vollreis" in die höhere Klasse über.
Am beklagenswertesten sind ohne Zweifel jene Schüler, die aus Wunsch der Eltern durchaus die Gelehrtenschule durchmachen sollen und doch zum Kaufmannsstand, fürs praktische Leben weit mehr Anlage zeigen. Latein und Griechisch sind solchen Schülern eine Qual, sie lernen die alten Sprachen nie oder nur mühsam mit Hilfe vieler Nachhilfestunden. Wer aber ersetzt ihnen die verkümmerte Jugendzeit?
Und das Resultat all der pekuniären Opfer von Seiten! der Eltern? — Ein unbefriedigtes Dasein! —
Ist es doch thatsächlich vorgekommen, daß eine verblendete Mutter auf die Vorstellung von Sachverständigen, ihren Sohn aus der Gelehrtenschule fortzunehmen und in die Realschule zu schicken, geantwortet hat: „Es wäre doch eine Schande, wenn ich meinen Sohn aus dem Gymnasium fortnähme, Mährend die Söhne aller unsrer Bekannten dasselbe besuchen."
Das Lebensglück des Kindes wird in solchen Fällen äußeren Rücksichten und alten Vorurteilen geopfert! Einsichtige Eltern werden bei den Sitzengebliebenen fleißig nach der Ursache des Zurückbleibens forschen und nach dieser ihre Anordnungen treffen zum Heile des Nichtversetzten. E. Friedel.
Lttterarisches.
Soeben beginnt die alte bewährte Zeitschrift Daheim ein neues Quartal, welches der Roman von Hanns von Zobeltitz „Die Erben" eröffnet. Die erste Nummer des Quartals bringt ferner eine reizende Novelle von Hermine Villinger „Die Franke" und mehrere sehr feffelnde Artikel, unter anderem über Anton von Werner und über den Kohlenbergbau im böhmischen Streikgebiet. Wie immer ist auch diese Nummer sehr reich ausgestattet. Sie enthält neben einer Fülle gut reproduzierter aktueller Bilder einige meisterliche Holzschnitte nach Gemälden. Die Reichhaltigkeit des Inhalts wird noch durch die der Frauenwelt, unseren Kindern und dem Interesse des Sammlersports gewidmeten Abteilungen des Blattes wesentlich vermehrt. Außer in der Abonnementsausgabe ist das Daheim neuerdings auch in Wochenheften zu dem erstaunlich billigen Preise von je 20 Pfennig in allen Buchhandlungen zu haben.
Kollektion Harileben. Eine Auswahl der hervorragendsten Romane aller Nationen. Achter Jahrgang. Bierzehntägig erscheint ein Band, elegant gebunden 75 Pfennig. Jährlich 26 Bände; bisher Band 1 bis 16 vom VIII. Jahrgang ausgegeben (A. Hartleben'S Verlag in Wien). Mit Freude begrüßen wir jede neue Sendung dieser Romansammlung. Der VIII. Jahrgang der „Kollektion Hartleben", von dem bisher 16 Bände vorliegen, wurde mit dem dreibändigen Roman von Renee de Pont-Iest „Eine vornehme Ehe" eröffnet. Diesem folgte die polnische Arbeit von Elise Orzesko, „Der Australier". Band V—VI brachte „Die gefangene Prinzessin" des Engländers Savage. Band VII Novellen der in der Wiener Gesellschaft bekannten und beliebten Schriftstellerin Baronin Paula Bülow; Band VIII—IX umfaßt Girolamo Rovetta's „Das Idol"; Band X die ungarische Arbeit „AnnaHuszar" von Elek Benedek; Band XI—XII den Roman „Vom Sturm getragen" von M. A. Fleming; Band XII—IXV „Die Studentin" von Jeanne Mairet; Band XV—XVII „Eine schöne Frau" von Louis Letang; Band XVIII—XIX „Ein neues Geschlecht" von B. v. der Lancken; Band XX „Mario" von Memini; Band XXI—XXII „Michelette" von Lescot; Band XXP—XXIV „Irmengarde" von A. v. d. Paura; Band XXV—XXVI „Beaulieu" von Pierre Sales. Wie man hieraus ersieht, bemüht fich die „Kollektion Hartleben" ihrem weiten Leserkreise vorzügliches belletristisches Material in reicher Abwechslung zu bieten.
TaitschrStsel.
Nachdruck verboten.
Die Anfangsbuchstaben nebenstehender Wörter sind mit anderen Buchstaben derart zu vertauschen, daß man ebenso viele neue Wörter erhält, deren Anfangsbuchstaben den Namen eines Romanschriftstellers ergeben.
Auflösung in nächster Nummer.
Feige Ober
Sichel Raum.
Enkel Asche
Leiter Post
Paul Regel
Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer.
Welch' eine Roll im Leben Das Schicksal dir gegeben, Das ist des Schicksals Sache; Doch die erteilte Rolle, Sei sie nun, wie sie wolle, Gut durchzuführen, das ist deine Sache.
Redaktion: «. Burkhardt. -- »ruck und »erlag der Brühl'schen UniversttStS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erdens in Gießen.


