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ichts wird langsamer vergessen als eine Beleidigung, und nichts eher als eine Wohlthat. Luther.
(Nachdruck verboten.) „Es sah eine Linde ins tiefe Thal." Novelle von R. Litten.
(Fortsetzung.)
Und wie gut es sich hier dein Hans, dem steten, Begleiter der beiden, zuhört! Ja, das muß man dem Jungen lassen, er redet wie ein Buch. Aber immer handelt eS sich um die alten Heidengötter, an die kein vernünftiger Mensch mehr glaubt. Vielleicht nur der Doktor Hanne- mann, der Onkel des Hans. Sie nennen ihn den Griechen, und Brigitte hat ihn mit eigenen leibhaftigen Augen gesehen, wie er vor einem der weißen Marmorbilder, welche auf hohen Postamenten zu Dutzenden in einem seiner Zimmer — sein Allerheiligstes nennt er es — umherstehen, verweilt und schier andächtig aufgeblickt hatte. Von ihm hat sicher auch der Neffe diese Liebe zu den toten Göttern geerbt. Ob aber ohne Schaden für seine Seele? Die alte Frau schüttelt jedesmal leise den Kopf, wenn sie in ihrem Gedankengang wieder bei dieser Klippe angelangt ist. Sie ist eine gute, gläubige Christin, die an jedem Sonntag in dem alten schmucklosen Kirchlein den grauen Kops tief über das Gesangbuch beugt; sie findet es auch nicht recht, wenn map den lieben Gott nie in seinem Hause, wo er doch am sichersten zu finden fein muß, aufsucht, aber auf den Doktor oder den Hans etwas kommen lassen — nimmermehr. Die beiden sind ja ihrer armen Frau — in Gedanken nennt sie ihre Herrin nie anders — und des Kindes beste Freunde; wie können sie da anders als gut und brav sein?
Frau Brigitte nickt ein paarmal energisch mit dem grauen Kopfe, dann läßt fie die klappernden Nadeln ihres Strumpfes ruhen ünd schaut sich um.
Wo nur die Kinder sind? Wenn Elfe sich nur nicht zu arg erhitzt! Da kommt sie eben einen der schmalen Gänge hinunter, der Hans hinterher. Das kurze weiße Nöckchen bauscht sich um ihre leichte Gestalt, die goldig schimmernden, kurzen Locken flattern um das glühende Gesicht, die kleinen schmalen Füßchen berühren kaum den Erdboden. Mit einem jubelnden Aufschrei wirft sich das zierliche, graziöse Geschöpf vor der alten Frau ins duftende Kraut.
„Wieder die erste am Ziel, Gitta! Ich hab's dem Hans gleich gesagt, daß er mich nicht haschen kann! Aber
jetzt bin ich müde, ganz schrecklich müde! Weißt Du wohl, was ich möchte, Hans?"
Sie sieht den Knaben, welcher sich neben sie ins Gras gleiten läßt, eindringlich an. Er tvirft das blonde wellige Haar aus der breiten Stirn und schüttelt lächelnd den Kopf. Zirm Sprechen ist er noch zu atemlos.
Elfriede sieht ihn schmollend von der Seite an.
«Ach geh, Hans Volkmann, Du bist häßlich! Du weißt schon, was ich möchte. Ein schönes Märchen erzählen sollst Du!"
Sie nickt der Frau zu, dann kauert sie sich dem Knaben gegenüber und sieht ihn mit vor Erwartung glänzenden Augen an. Er legt die geschmeidige Gestalt bequemer auf dem grünen Lager zurecht, schiebt den Arm unter den blonden Kopf und erzählt das Poetische Märchen vom Phaeton.
Als er geendet, wendet er lächelnd den Kopf: „Nun, hat es Dir nicht gefallen, Elfe?"
Die Kleine hebt die Augen, in denen große Thränen stehen.
„Wunderschön war es", sagt sie tiefaufatmend, „aber guch sehr traurig! Der arme Phaeton, die Strafe war sehr hart für ihn! Meinst Tu nicht auch, Gitta?"
Die alte Frau, deren klappernde Nadeln längst ruhen, nickt ernsthaft.
«Aber doch gerecht. Was Deines Amtes nicht ist, da laß Deinen Vorwitz, und Hochmut kommt vor dem Fall. Aber nun", sie macht Miene sich zu erheben, „kommt, Kinder. Die Sonne wird bald untergehen!"
Sie rollt ihr Strickzeug zusammen, aber Elfe hält ihre Hand fest und drückt sie auf ihr Bänkchen zurück.
«Du scherzest gewiß, Gitta! Sieh doch, wie die Sonne strahlt, sie denkt noch gar nicht ans llntergehen. Ich muß doch auch erst meinen Kranz vollenden, Du weißt, ich habe ihn Mama versprochen."
Dabei kauert sie schon wieder im Grase und nestelt mit den kleinen Fingern an einem Gewinde von zweifelhafter Schönheit, welches bis jetzt neben ihr auf einem! Taxusgebüsch gehangen. Hans reicht ihr die Blumen zu, unscheinbare sch wach duftende Dinger, wie sie auf jeder Wiese wachsen, und plaudert dabei mit ihr.
Endlich ist das Werk vollendet. Elfe drückt sich ihren Kranz uuf das dichte Lockengewirr, springt auf untt plaudert dabei mit ihr.
Endlich ist das Werk vollendet. Elfe drückt sich ihren Kranz auf das dichte Lockengewirr, springt auf und stellt sich vor Frau Brigitte.
„Und nun noch ein Lied, Gitta, eines von Deinen wunderschönen alten Liedern, sonst bekommst Du mich nicht fort. Ich laufe Dir davon und verkrieche mich, hinter den ersten besten Grabstein."


