Ausgabe 
24.1.1895
 
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Leonore wechselte die Farbe; was wollte der Vater damit sagen?

-Er wird in diesen Tagen, vielleicht morgen schon, unsere Stadt verlaffen und vorerst nach Paris gehen," fuhr der Profeffor, eifrig essend, fort.Der junge Herr ist ja reich genug, um sich Europa gründlich anzuschauen und die Genüsse der großen Städte auszukosten."

So bleibt er nicht hier bis zu Willibalds Genesung?" fragte Leonore mit großer Anstrengung.

Nun, das nimmt mich auch wunder," rief die Mutter, zumal er doch nicht wissen kann, wie feines Freundes künf­tiges Geschick sich gestalten wird. Ich hielt die Beiden für innig befreundet."

Muß auch seine Richtigkeit gehabt haben," nickte der Vater mit einem schlauen Lächeln,aber neben der Liebe kann eine solche Freundschaft nicht bestehen, das ist eine alte Geschichte. Der Mister Hamson fühlt sich hier überflüssig, langweilt sich zum Sterben und sehnt sich nach den Genüssen einer Weltstadt, was ich einem reichen Manne nicht verdenken kann. Aber, was hast Du denn, Lore?" fragte er plötzlich, die Tochter anblickend.Du ißt ja gar nichts, fehlt Dir etwas?"

Der Appetit, Papa, ich habe Kopfschmerzen, ich möchte mich lieber zurückziehen und ein wenig schlafen."

erst einen Bissen, der Appetit kommt beim Essen."

Ach laß sie doch," wehrte die Mutter, einen besorgten Blick auf die Tochter werfend, welche in der That jetzt sehr bleich aussah,versuche zu schlafen, liebes Kind, ich bringe Dir nachher eine Taffe starken Kaffee."

Leonors nickte der Mutter dankbar zu und verließ das Zimmer.

Es ist nicht recht von Dir, ihr in Allem gleich nach« zugeben," bemerkte der Profeffor, unmuthig Messer und Gabel niederlegend,es wäre eine nette Geschichte, wenn sie sich in diesen Amerikaner wirklich vergafft haben sollte."

Nun, die Partie wäre doch nicht so übel gewesen," meinte seine Gattin,ein so hübscher, liebenswürdiger junger Mann aus guter Familie und dazu reich, unabhängig ich begreife Deine Furcht nicht, Heinrich!"

Der Profeffor schälte sich einen prachtvollen Apfel, zer- theilte ihn sorgsam und präsentirte ein Viertel davon seiner Gattin, die unmuthig ablehnend den Kopf schüttelte.

Du solltest ein wenig davon essen, meine Liebe," sagte er lächelnd,Aepfel beruhigen das Blut. Was nun die gute Partie anbetrifft," fuhr er, das Obst mit großem Appetit verspeisend, nach einer Weile fort,so frage ich Dich selber, ob Du Dein einziges Kind nach Amerika hättest ziehen lassen wollen."

Wenn er Leonore liebte, wäre er sicherlich hier ge­blieben"

Nein, das wäre er nicht, meine Liebe, er erklärte mir nämlich, daß er seinen Freund Willibald nicht begreifen könne, weil dieser entschlossen sei, seine glänzende, einträgliche Stellung drüben aufzugeben und sich hier, wo man ihn gemißhandelt und verstoßen habe, seinen Herd zu gründen. Wenn er sich in Europa eine Gattin erwählen würde, so müsse sie ihm un« bedingt in seine Heimath folgen. Und das ist noch nicht Alles," fuhr der Professor mit gedämpfter Stimme fort, wenn meine Menfchenkenntniß mich nicht völlig im Stich ge- laffen, so mag Willibald sich glücklich schätzen, wenn sein Freund so bald wie möglich das Feld hier räumt, da dieser allem Anschein nach in Elisabeth verschossen ist."

,kNun, da» fehlte wirklich noch," rief die Frau Profeffor förmlich entrüstet,wenn unser Kind Kenntniß davon hätte, würde es sicher cuttet sein. Was meinst Du? Ob ich'» ihr mittheile?"

Weshalb nicht; ist sie krank, dann kann diese M-'xtur ihr gründlich nützen und andernfalls keinen Schaden stiften. Du kannst die Sache ja als meine persönliche Ansicht, doch beileibe nicht als Thatsache hinstellen."

. , ,"Wte sollte ich denn! Das wird so beiläufig erwähnt und dabei die Ehrenhaftigkeit des Amerikaners, der zeitig genug '

für das Eheglück des Freundes das Feld räumt, gebührend hervorgehoben."

Ja, Kind, das wird das beste fein; doch nun bitte ich rasch um eine Taffe Kaffee, ich habe Hamson versprochen, ihn zum Hauptmann Ehrhard zu begleiten, weil er dem alten Herrn noch gar nicht vorgestellt worden ist und gern vor der Abreise seine Bekanntschaft machen möchte."

Na, wenn Ihr da nur keine Niederlage erlebt," meinte die Frau Profeffor, die Klingel ziehend, um abtragen zu lassen

ir 1'5$' der Alte ist zahm geworden. - Ich will meine Torlette rasch ein wenig erneuern."

Nach einer Viertelstunde hatte der Profeffor seinen Kaffee getrunken und das Haus verlaffen. Seine Frau blickte ihm nach und schüttelte dann ungläubig den Kopf.

Ich kann's nicht glauben," dachte sie,er sollte Elisa­beth lieben? Dann müßte er ja ein vollendeter Heuchler sein, da er Leonoren gegenüber seiner Bewunderung doch voll­ständig die Zügel schießen ließ. Ich muß klar darin sehen."

Mit diesem Entschluß brachte sie ihrem Töchterchen den versprochenen Kaffee.

Leonore erschrak heftig, als die Mutter geräuschlos ein- trat. Sie saß vor ihrem zierlichen Schreibtisch, einen elegrn- ten Bogen vor sich, die Fever in der Rechten, träumerisch vor sich hinstarrend.

Ach, Du willst schreiben; nun, das freut mich, dann wird der Kopfschmerz Dich wohl verlaffen haben. Run trinke erst den Kaffee, er wird Dich vollends curiren."

Ich wollte nur einige Zeilen an Elisabeth Ehrhard schreiben," stotterte das junge Mädchen, verwirrt den Bogen in ihre Mapps schiebend,sie erwartet mich heute Abend zum Thee, ich möchte aber lieber daheim bleiben."

Ist auch beffer bei dem Wetter," sprach die Mutter, deren scharfe Augen sehr wohl gesehen hatten, daß die An­rede, welche der sonst noch leere Briefbogen enthielt, nicht an die Freundin lautete.Trink' nur, ich leiste Dir Gesellschaft. Nachher kannst Du Deinen Brief schreiben und ihn noch früh genug hinschicken. Vielleicht hättest Du heute Abend den Amerikaner bei Hauptmanns treffen können," setzte sie, sich behaglich auf das kleine Sopha niederlaffend, hinzu,Papa ist zu ihm gegangen, um ihn auf seine Bitte dem alten Ehr­hard vorzustellen, womit er gleich seinen Abschiedsbesuch ver­binden will."

Leonore war bei den letzten Worten der Mutter zusammen­gezuckt, ihre Hand zitterte so sehr, daß sie die Taffe, welche sie zum Munde führen wollte, rasch hinsetzen mußte.

Wozu'braucht denn Papa mit ihm zu gehen?" fragte sie fast heftig.Elisabeth ist doch hinreichend mit ihm be­kannt."

, «Ach- Du weißt, wie sonderbar der Hauptmann ist, mein Kind! Vielleicht mag Elisabeth es so gewünscht haben. Uebri- gens hatte Papa eine wunderliche Jvee, er behauptete allen Ernstes, daß Herr Hamson in sie verliebt sei und daß er des­halb jetzt so plötzlich die Flucht ergreife. Wenn es wirklich der Fall fein sollte, so ist seine rasche Abreise, welche sonst auch unerklärlich erscheint, ein sehr ehrenhafter Zug an dem mir recht sympathischen jungen Manne"

Die Mutter hatte leichthin gesprochen, doch Leonore dabei charf beobachtet. Diese spielte nervös mit dem Kaffeelöffel, te hielt die Augen gesenkt, um ihre Lippen zuckte es schmerz« Uch und ein zerstreutes Lächeln irrte über ihr blasses Gesicht.

Papa irrt!" stieß sie plötzlich fast heftig hervor.Er liebt Elisabeth Ehrhard nicht, geht auch nicht um ihret- willen fort."

Vielleicht um Deinetwillen, Leonore?" fragte die Mutter eise. Als sich Jene abwandte und schwieg, fuhr sie sanft und eindringlich fort:Habe ich Dein Vertrauen verloren, mein Kind? Sag' an, was quält Dich? Hat Hamson Dich seute beleidigt?"

Nein, Mama, nein, ich fürchte eher" Sie brach ab, erhob sich und trat an'» Fenster.

So hat er um Deine Liebe geworben und Du hast ihn abgewiesen. Ist es nicht so, Leonore?"