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M« ihm ein unve«leichlichs» Frauenherz Liebe und Treue bis in den Tod bewahren würde."
„Alle Wetter," dachte der Profeflor halb erschreckt, „der Mensch liebt die Elisabeth, - da bin ich gründlich auf dem Holzwege gewesen, — nun wird'» gut werden. — Na, sehen Sie," setzte er dann laut hinzu, „was haben Sie sich denn da so sehr um ihn zu sorgen, Herr Hamson? Glaubt denn WEibalo wirklich, daß man betreffenden Orts über seme Per» sönltchkeit noch im Unklaren ist?"
„Natürlich glaubt er das, ich mochte ihn nicht eines Besseren belehren, ohne mit Ihnen, Herr Professor, Rücksprache genommen zu haben, da mir die hiesigen militärischen Per» hältnrffe und die rückwirkende Kraft Ihrer Strafgesetze unbekannt find. Ich begreife es einfach nicht, daß ein Mann wie mein Freund Ehrhard, der drüben im freien Amerika sich eine hochgeachtete Stellung, ein hübsches Vermögen, die absoluteste Unabhängigkeit durch eigene Kraft errungen, sein Leben in dieser engherzigen Heimath, die ihm so grausam mit« gespielt hat, beschließen will. Ich würde in diesen engen Ver» ^n^Ja, weither Herr, dasür ist und bleibt Willibald nun einmal ein Deutscher, unb ich meine, daß sein Heimaths» gesühl dieselbe Berechtigung hat, wie das Ihrige als Ameri» kaner. Vielleicht hätte er niemals an die Heimkehr gedacht, wenn er drüben sein Herzensglück gefunden hätte. Sie würden im gleichen Falle nicht hier in Deutschland bleiben."
„Nun," erwiderte Hamson kurz, „die Frau soll nach dem Worte der Schrift dem Manne folgen und diesen Grundsatz glaubte ich auch von Ehrhard gewahrt zu sehen. Ich bedaure, ihn so schwach befunden, ihn, der mein zweites Ich gewesen, so u wiederbringlich verloren zu haben Meine letzte Aufgabe soll die noch sein, ihn hier so glücklich wie möglich zu sehen und alle Hindernisse für ihn beseitigen zu helfen. Dann wird meines Bleibens hier nicht mehr lange sein; denn selbst die nahe Bekanntschaft mit Willibald hat mich vor Mißtrauen unv kühlem Entgegenkommen auch von Ihrer Sette nicht ganz bewahren können. Ich zürne Ihnen deshalb durchaus nicht, aber es kann mich auch nicht zu längerem Aufenthalte hier verführen. Wenn ich nur über die Zukunft meines Freundes beruhigt wäre, dann würde ich noch heute einen Abstecher nach Paris machen."
Der Profeffor fuhr sich mit der Hand durch das noch volle Haar und war recht zornig auf sich selber. Er hatte heute Gelegenheit gehabt, sich mit dem Consul der Vereinigten Staaten in Hamburg, welcher hier augenblicklich bei Verwandten weilte, zu unterhalten und beiläufig des Herrn Richard Hamson erwähnt, woraus fich der Consul effrig und sichtlich erfreut nach ihm erkundigt und den einer sehr angesehenen reichen Familie angehörigen jungen Gentleman als seinen lieben Freund bezeichnet hatte. Er halte ihn gebeten, den Freund von seiner hiesigen Anwesenheit zu benachrichtigen.
Der Profeffor verhehlte sich die Niederlage, welche er durch sein Mißtrauen erlitten, durchaus nicht.
„Apropos, Herr Hamson," sagte er, „kennen Sie den Consul Dolling in Hamburg?" , _ r
„Consul Dolling? - Gewiß, ist er jetzt in Hamburg domicilrrt?" ,, m. , , . m
„Ja, augenblicklich weilt er hier zum Besuch bei Verwandten. Ich habe ihn heute gesprochen und —"
,,®c hat sich nach mir erkundigt, sehr freundlich, Herr Profeffor," warf Hamson sarkastisch ein.
„Bitte, seien Sie nicht rachsüchtig, Herr Hamson!" bat Jener, ihm die Hand hinhaltend.
Der junge Mann schlug lächelnd ein.
„Diesen Fehler hat man mir nie vorgeworfen, Herr Profeffor, laffen rott’» gut sein, — die kleine Wunde verletzter Eitelkeit wird bald verharscht sein. Haben Sie dem Consul meine Adresse mitgetheilt oder erwartet er meinen Besuch?'
„Er bittet, um fünf Uhr sür ihn zu Hause zu fein."
„Ich danke Ihnen, Herr Profeffor, und nun mein Freund Ehrhard? Was wäre Ihr Rath in dieser Sachs?"
„Dem Hauptmann dieselbe vortragen, er ist darin die beste Autorität. Soll ich’s übernehmen?"
„Zu freundlich," erwiderte Hamson zerstreut, da er in diesem Augenblicke eine Stimme draußen auf dem Flur hörte, welche ihm das Blut zum Herzen trieb- Es war Leonore, die ihre heimkehrende Mutter empfing.
„Ich werde Ihren Rath befolgen und selber zum Hauptmann Ehrhard gehen," setzte er hastig hinzu, „ich muß den alten Herrn doch kennen lernen, bevor ich diese Stadt für immer verlaffe. — Bitte, mich Ihren Damen zu empfehlen, Herr Profeffor!"
„Nein, so kommen Sie mir heute nicht fort, Herr Hamson!" rief Jener, seine Hand festhaltend. „Ich will Ihnen erst klaren Wein über die Motive meiner Handlungsweise einschänken, mein junger Freund. Der Hauptgrund meines Mißtrauens gegen Sie bestand in der geheimen Furcht, daß Sie die Neigung meiner Tochter gewinnen und sie über’» Weltmeer entführen könnten. Was wollen Sie, Leonore ist unser einziges Kind, weder meine Frau noch ich hätten das überleben können."
„Und nun sind Sie darüber so plötzlich beruhigt worden?" fragte der junge Mann mit bitterem Lächeln.
„Ich denke doch," nickte der Profeffor, „verheirathet find Sie drüben nicht," setzte er gutmüthig lachend hinzu, „aber da Sie und die Lore hier so ruhig selbander geplaudert haben und Ihre Sehnsucht nach Paris geht, so wird meine Sorge jedenfalls umsonst gewesen fein. Und nun machen Sie mir die Freude, zu bleiben und einen Teller Suppe mit uns zu effen. Ich gehe dann nach Tisch mit Ihnen zum Hauptmann."
„Bedaure unendlich, Herr Profeffor," wehrte Hamson artig, aber bestimmt ab, „ich habe einige sehr nothwendtge Bliese zu schreiben, wäre Ihnen aber sehr dankbar, wenn Sie nach Tisch sich zu mir bemühen und meine Einführung bei dem Hauptmann vermitteln wollten. Darf ich darauf rechnen?"
„Selbstverständlich, aus Wiedersehen dann, mein junger Freund."
Hamson ging. Ohne einen Blick nach dem Hause zurück- zusenden, durchschritt er den Vorgarten, die Augen finster aus den schneebedeckten Boden geheftet. Er ahnte nicht, daß zwei braune Augen ihm sehnsüchtig folgten, daß eine geheime Angst fich in denselben spiegelte und ein ungestüm klopfende» Herz darnach drängte, ihn zurückzurufen.
Bei Tisch war L onore schweigsam. — Es war sehr deprimirend sür sie gewesen, daß ihr Blick durchaus keine sympathetische Kraft beftffen, da Hamson sich doch sonst unzweifelhaft noch einmal umqeschaut haben würde. Es bestand "also keine seelische Verbindung, kein geheimnißvolle? Band jener Herzens-Hypnose zwischen ihnen, welche Wllibald vom Tode gerettet hatte. Diese Erkenntniß war im Grunde eine niederschmetternde für Leonore, welche int Punkte überschwänglicher Verehrung und Huldigung bislang sehr verwöhnt worden war. , , , „
„Ich wollte den Amerikaner zu Tische hier behalten/ sagte der Pcofeflor, „er schützte aber eilte nothwendtge Correspondenz vor."
„Du bist ja auf einmal so entgegenkommend gegen ihn geworden," bemerkte seine Gattin verwundert-
„Na, man kann sich in Betreff eines Menschen mal irren, wa» auch hier gründlich der Fall gewesen ist- Herr Hamson ist ein sehr respectooller Mann aus der besten Familie."
„Daran habe ich niemals gezweifelt," warf Leonore etwas spöttisch hin, „und ich gestehe, Papa, daß ich mich irt diesem Punkte zuweilen Deiner geschämt habe-"
„Oho, Kleine, das muß ich mir denn doch ernstlich verbitten," rief der Profeflor stirnrunzelnd, „wenn ich ihm mißtraute, so war ich im Recht- Man öffnet sein Haus nicht bereitwillig jedem Fremden, zumal wenn man zum Ueberfiaß eine hübsche, heirathsfähige Tochter hat- Jetzt liegt die Sache ander». Ich habe heute mit einem amerikanischen Consul, der mit ihm befreundet ist, gesprochen, und bin auch hinsichtlich meine» Töchterlein» beruhigt worden."


