Ausgabe 
14.9.1895
 
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Stämme in den nordamerikanischen Waldungen," entgegnete der Baumeister ruhig. i

ßSo ist e», aber woher wissen Sie er? Oder sahen Sie auch diese Riesenwaldungen von Illinois und Texas?" fragte der Oberförster überrascht.

In jenen Waldungen bin ich vielleicht besser zu Hause, al» in denen unseres Vaterlandes; oft gar nur. zu oft habe ich bewundert die Baumriesen von Arkansas und Wis- consin," sagte Heyd, der hinabsah und die blaue Fläche des großen Sees erblickte, in dessen Mitte sich eine herrliche Insel erhob, auf deren Bäumen die Reiher ihren Stand hatten.

An einer Eiche ließen sich Beide nieder und hatten den Wald des jenseitigen Ufers vor sich, vor dem die breite Wasser­fläche sich malerisch ausdehnte.

Als Oberförstercandidat nahm ich ein Jahr Urlaub," begann er,und studirte die Wälder Nordamerikas von Osten nach Westen und von Norden nach Süden. Interessante botanische Studien habe ich dort gemacht und all' mein Wissen niedergeschrteben- Interessant sind auch Land und Leute, aber wo ich auch hinkam, überall fand ich Deutsche und war der Ort auch noch so klein- Den Rest meines Urlaubs verbrachte ich in New-Orleans und Mexico, wo ich natürlich auch oft und gern jenes herrliche Volkslied hörte, womit Sie mich da­mals sehr erfreuten. Ost und gern gedenke ich dieser schönen, sorgenlosen Zeit, die zu der besten meines Lebens zählt. Und Sie, Herr Baumeister, waren wohl dort auch bei einer Eisenbahn wie hier bei uns?"

O nein, Herr Oberförster. Ich machte die andere Runde durch dieses Land und baute dann Häuser. Nicht aus Sand und Stein warm diese, sondern au» Holz, wie Sie ja so viele Farmhäuser im fernen Westen gesehen und in dem der Sean- dinavier und viele Volksstämme sich sehr wohl fühlen. Vier Jahre war ich bei einem Waldfürsten. Wo wir unsere Bäume fällten, waren auch gleich unsere Schneidemühlen und Zimmerplätze, und wie hier die Bauhölzer die Weichsel und ihre Nebenflüsse hinunterschwimmen, so brachten wir fix und fertige Wohnhäuser und so weiter stromabwärts oder land­einwärts mit der Eisenbahn. Oft, wenn ich geschäftlich die Wälder bereiste, kam ich vierzehn Tage lang nicht aus dem Sattel und das war eine schöne Zeit/' sagte Heyd, der wie in Gedanken auf den See sah.

Und doch, Herr Baumeister, zog es Sie gewiß wieder nach der alten Heimath und nach der Scholle, wo Ihre Wiege stand."

Nun, wie man es nehmen will, Herr Oberförster. Es gibt auch viele Deutsche, die dort glücklich und zufrieden leben, die wohl freudig ihrer Heimath gedenken, aber doch nie um­kehren mögen au« dem Lande, wo fie die Existenz gefunden, die fie hier vergebens gesucht und deren Kinder, in freier Luft aufgewachfen, die Heimath ihrer Eltern schlecht behagen würde. Aber wie dem auch sein mag, das goldene kalifornische Zeit­alter ist dort ebenso vorüber, wie bei uns die sogenannte Gründerzeit und ohne Arbeit geht es nun einmal überall nicht I"

Viele Leute würden aber besser thun, wenn sie hier blieben. Mangelt es doch oft genug an Arbeitskräften hier zu Lande und besonders in den östlichen Provinzen. Wer Gelegenheit hatte, das Elend dieser Auswanderer in Hafen­plätzen zu sehen, dem könnte fich das Herz umdrehen."

Der Meinung bin ich auch, Herr Oberförster, aber das Auswandern selbst ist eine Cardinalfrage, die sich nur schwer lösen läßt. Gin Vergnügen ist es den Leuten nicht, die den heimathlichen Herd verlassen, der ihnen theuer ist. Verhält­nisse, Mißernten, Steuern und wie sonst die Gründe heißen mögen, zwingen oft den anspruchslosesten Landmann zu Schul­den und er müht sich redlich ab für die nächste Ernte, welche ihm oft nicht mehr gehört, wenn die Halme aus der Erde kommen. Denn wie jeder Mensch sein Beste« will, so greifen auch diese Menschen nur in der Hoffnung zum Wanderstabe, er dort besser zu finden. Mit schwerem Herzen ziehen sie dahin im festen Glauben, daß ihr Cours der richtige sei. Viele Menschen werden auch verschleppt von gewissenlosen

Agenten, die schlimmer sind als die schlimmsten Raubthiere Gott sei's geklagt. Von diesen Auswanderern gehen gar viele in Kummer und Elend zu Grunde und sterbend sehen sie noch im Geiste, was ihnen lieb und theuer war: Ihre fernen An- verwandten und ihr trautes Hetmathsdorf."

Nun standen die Männer auf und gingen der Oberförsterei zu. Schon von Weitem hörten sie Clavierspiel.

Meine Tochter ist schon aus der Kirche zurück, dann spielt und singt sie gewöhnlich das: Harre meine Seele, harre des Herrn! Es war ihr erstes Stückchen, das sie spielen lernte, sie liebt es besonders und spielt es sich in Freud' und Leid; freilich, wenn sie ernst gestimmt ist, dann singt sie nicht dazu. Ich erinnere mich noch und mit Wohlgefallen meines ersten Lesestückchene," sprach der Oberförster weiter,auf de« Knieen meines Großvaters mußte ich es lesen und immer wieder lesen oder hersagen, und in seinen Augen glänzte eine Thräne, wenn er hörte:

Komm', lieber Mai, und mache Die Bäumchen wieder grün, Und laß uns an dem Bache Die kleinen Veilchen blüh'n."

Und sehen Sie, Herr Baumeister, diese» kleine Liedchen von Overbeck hat den alten Mann so gerührt, daß er mich oft an sein gutes Herz gedrückt hat, ja daß er sterbend noch dieses Liedes gedachte."

Ja, wie schön sind doch die Erinnerungen an die sorg- losen Kinderjahre, aber auch auf Ihren Knieen sehe ich schon einen Enkel sitzen, der Ihnen dasselbe vorliest," entgegnete Heyd.

Ich sehe es noch nicht," sagte der Oberförster kopf­schüttelnd.

Hertha eilte ihrem Vater entgegen und begrüßte den Baumeister freundlich.

Wir hörten Sie schon aus der Ferne und erfreuten uns an dem Liede, das Sie zum Himmel sandten, Fräulein."

Nun, das freut mich," sagte Hertha lächelnd,wiewohl mein Spiel nicht int entferntesten dem Ihrigen gleicht."

Zu bescheiden, Fräulein, aber es entspricht doch wohl nicht der Wirklichkeit- Die Blumen, die Sie kürzlich pflanzten, habe ich auch schon begrüßt, sie sind alle prächtig aufgegangen; ich kann mir auch nicht denken, daß er anders sein könnte bei Blumen von Ihrer Hand gepflanzt."

Aber, Herr Baumeister," erwiderte Hertha mit leichtem Vorwurf und eine Röthe flog über ihr freundliches Gesicht.

Heyd begrüßte Tante Doctor und wollte sich nun ver­abschieden, aber diese hatte schon ein Gedeck mehr aufgelegt; und wohl oder übel mußte er nun bleiben.

Nach Tisch gingen Alle in den Garten. Noch nie hattr Hertha den Baumeister so aufgeräumt gesehen wie heute.

Woher hatte er nur all' das Wissen und Können und woher all' die Erfahrungen, dieser Mann, der höchsten» 30 Jahre zählte, von bgm es schien, als hätte er eine viel­bewegte, ersahrungsreiche Vergangenheit hinter sich, der so überzeugend, so zum Herzen sprechen konnte wie ein guter Seelenhirte von der Kanzel? Wie interessant sind seine Schil­derungen vom Eisenbahnleben und Eisenbahnbauten und wie hochinteressant seine Erzählungen von Reisen zu Wasser und zu Lande!

Achtes Capitel.

Der Ingenieur Hellmuth betrat den Perron des Legethor- bahnhofes und sah von Waltens Burschen kommen.

Ist der Herr Baron schon eingestiegen?" fragte er diesen.

Zu Befehl, Herr Lieutenant, der Herr Baron stieg so­eben in jenen Wagen, vor welchem gerade der Zugführer geht."

Hellmuth stieg in das Coupse, in dem von Walten schon behaglich Platz genommen, eine Cigarette rauchte und seinen schönen Schnurrbart drehte.

Ah Morgen, lieber Hellmuth, trifft ja famos; aber wo stecken Sie denn eigentlich? Kommen ja gar nicht meyr Clubhaus." ,

Habe jetzt viel zu thun, bester Baron, und bringe dann