Ausgabe 
14.9.1895
 
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meine freie Zeit in frischer Luft zu, bekommt mir besser. Aber war gibt es Neues?"

Halten gestern Liebesmahl, Graf Hollheim ist Rittmeister geworden und commandirt nach Pofen."

Ei der taufend, |roetbe ihm gleich drahtlich gratuliren," sagte Hellmuth und ließ das Fenster herunter, während sich der Zug in Bewegung setzte.

Aber vorgestern," erzählte der Baron weiter, ^vorgestern war eine tolle Sache, von Hartung hatte eine Stange Gold gelassen"

Die Sie natürlich gewonnen I" ergänzte Hellmuth.

Nein, leider nicht, bin gerade noch mit blauem Auge davongekommen," entgegnete Walten und legte seine Büchse und Patronentasche in's Netz.Wetten auf Pulle Sect, wer von uns besser schießt?"

Ohne Zweifel Sie, bester Baron, aus dem sehr einfachen Grunde, weil ich nicht mitschießen werde!"

Nanu und warum denn nicht?" fragte von Walten überrascht.

Habe Augenschmerzen, da ich anstrengend an Zeichnungen gesessen."

O, das ist schade ma foi! Waren wohl in letzter Zeit häufig unten, lieber Hellmuth?"

Ach ja fast alle Mittwoch. Waren kürzlich beim guten Amtsvorsteher. Haben dort alten spanischen Wein ge« trunken, a la bonne heure. Sein Neffe sandte ihm ein Fäßchen aus Barcelona, aber ganz exquisit." Und er bewegte den Zeigefinger nach den Lippen.Kannte aber diese Nummer noch aus Studentenbummel; hinterläßt unter Umständen haarigen Brummschädel. Na, damals hatte ich von Spanien lange Zeit genug. Adio, goldenes Pincenez, adio, neuer Hut; dagegen fand ich an diesem Abend etwas, was ich erst am nächsten Morgen im Spiegel entdeckte. Himmel, wie sah ich aus, wenn ich nicht genau gewußt hätte, daß ich es war, ich hätte mich wahrhaftig nicht wiedererkannt. Und wie ttaurig still stand mein bemooster Kleiderschrank! Mußte wohl Thürs für Hausthüre gehalten haben sie war nach innen geöffnet und Füllung eingedrückt und mit Ueberzieher, den ich sonst immer reinhängte, stand ich am Morgen schon auf, als mahnte er mich zum Frühschoppen. Möchte wohl wissen, wie diese Sorte dem Ribold auf Heideflteß bekommen ist," sagte Hellmuth lachend.

Alter spanischer Wein," bemerkte Walten mit Betonung, Donnerwetter, bas ist ein Gedanke."

Ja, aber warum kommen Sie denn nicht öfter mit?" Wissen ja, lieber Hellmuth I Dienst, wieder Dienst, Ein» ladungen, Umstände," und er bewegte ein paar Mal den Kopf hin und her,reißt gar nicht ab. Aber ä propos, was macht denn Ihre Segelei?"

Na, ich danke, haben schon tüchtig gewettsegelt, waren Sonntag Alle in Zoppot."

So ging die Unterhaltung weiter; es tanzte die Land­schaft vorüber, bis sie am Ziele waren und ihr Coupes ver­ließen.

Bor dem Stationsgebäude stand Heyd mit dem Bau­führer und dem Bahnmeister in eifriger Unterredung. Als der Zug einfuhr, empfahl sich Heyd und begrüßte alsbald die Ankommenden.

In des Oberförsters Wagen ging es schnell vorwärts, der bald vor dem Gasthofe hielt. Der Baumeister sprang vom Wagen, holte schnell Büchse und Patronenkästchen und bald verschwand der Wagen im Walde.

Werden heute gutes Scheibenlicht haben, Wetter hat sich brillant gehalten," sagte der Baron.

Vor einer Stunde hörte es erst auf zu regnen und ob­schon e« stundenlar g gegossen, ist es nun so heiß wie vordem," entgegnete Heyd.

Habe schon bedauert, daß Herr Hellmuth am Schießen nicht theilnehmen kann."

Wegen Augenschmerzen, Arthur," fiel der Ingenieur dem Baron schnell in's Wort.

Mußt Dich mehr schonen, Karl, und Dein Sinnen und

Trachten nicht ausschließlich auf'» Arbeiten richten," sagte der Baumeister und dachte: Ich weiß ganz genau, warum Du nicht mitschießt, denn in Deinen Ohren schallt das Echo von Lindenheim und Deine Augen sehen die wilde Taube am Eichenstamme am stillen Waldsee!

Schlug Herrn Hellmuth schon Wette auf Pulle Seet vor für i* meisten Ringe, habe natürlich Korb erhalten, würden Sie wohl Wette eingehen, Herr Baumeister?"

Ich bedaure aufrichtig, Herr von Walten, es Ihnen abschlagen zu müssen, nicht, weil ich glaube, daß Sie ein viel besserer Schütze sind als ich, sondern weil Wette und Spiel Dinge find, die ich aus Princip verwerfe," entgegnete Heyd, von Walten ruhig in's Auge sehend.

Aber der Baron konnte diesen Blick nicht ertragen; war es, ob ihm alle seine Schulden auf einmal einfielen oder waren es andere Gründe, jedenfalls ging in seinem Innern etwa» vor, das ihm des Baumeisters Sympathie ganz und gar nicht brachte. Er, der Baron, der überall glänzte und der Löwe des Tages war, fühlte, daß er in diesem Manne einen ge­waltigen Gegner gefunden.Wie er nur spricht," sagte er sich,er, den ich mir immer so harmlos gedacht und dessen stolze Gestalt nicht minder imponirt als meine Silberschnüre, der mir mit seinem klassisch-schönen Gesicht und seinem hoch­aristokratischen Benehmen um verschiedene Längen voraus ist. Nie könnte ich mich mit diesem Manne befreunden." Er haßte ihn förmlich und doch wußte er keinen rechten Grund.

Von Lindenheim her erschallten einige Schüsse, offenbar waren es nur Probeschüffe, um die Wirkung des Pulvers zu probiren oder um zu sehen, ob die Vtsirung richtig sitzt- Als­bald fuhr der Wagen thalabwärts und von weitem sahen sie schon die schwarz-weiß-rothe Fahne auf der Schießhalle und das rothe Fähnchen auf dem Kugelfang. Als der Wagen vor­fuhr, war die Gesellschaft vollzählig.

Der Oberförster, der die Ankommenden schon vor der Thür begrüßte, geleitete sie »ach dem Garten, wo die ganze Gesellschaft versammelt war. Ein frohes, ja theilweise herz­liches Händeschütteln erfolgte nun- Da war die ganze Mitt­wochsversammlung nebst einigen bekannten Familien und drei Artillerie-Offizieren der Thorner Garnison. Der alte Amts­vorsteher konnte nicht schnell genug zu Heyd kommen, während Hellmuth und Ribold sehr lebhaft über die bösen Wirkungen verschiedener Weine sprachen, wobei der Ingenieur herzlich lachte und Ribold sich hinter dem Ohre kratzte. Auch Tante Doctor hatte heute wieder die beste Miene ausgesetzt; es war doch wieder einmal eine andere Gesellschaft, denn die Herren vom Militär sind doch ein besserer Menschenschlag, als das stupide, langweilige Civil, sagte sie sich. Hertha und Gertrud kamen Arm in Arm und strahlten heute in lichten Roben.

An zwei langen Tischen, die im Garten an der Schatten­seite des Hauses aufgestellt waren, wurde der Kaffee getrunken unter heiterem Geplauder, dann vergnügten sich die Damen miteinander, während die Herren nach der Schießhalle ginge», die sich am Ende des Gartens befand, lieber einen Feld- streifen ging die Richtung nach dem Kugelfang, der sich an steiler Anhöhe an den Waldesrand lehnte.

Als die Schützen alle beisammen waren, übergab der Oberförster den Zeigern die neue Scheibe, die sie alsbald auf­stellten. Auf einer Erhöhung in der Halle faß der Secretär Herrmann, der die Schießliste führte. Zu seiner Linken war ein Fernrohr angebracht, das auf die Scheibe gerichtet war.

Es waren neun Schützen. Der Ingenieur aber, welcher unter anderen Umständen sehr gern der Zehnte gewesen wäre, entfernte sich sehr bald, denn seine Zug- und Zielscheibe befand sich im Tannengang, von wo ein helles Lachen herüberschallte. Heyd ließ sich als letzter in die Lists schreiben. Lustig knallte es nun hinaus und vom Walde schallte das Echo zurück.

Ah der Herr Baumeister wird freihändig schießen," bemerkte von Wildenau.

Der Schuß krachte. Die Zeiger kamen und eine Mütze deckte den Spiegel.

Schuß sitzt mitt im Centrum," rief der Secretär.