Ausgabe 
9.11.1893
 
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Nntsphaltungsblertt $um Gietzensv Anzergev (Gsnerml-Anzeig-v)

Donnerstag, den 9. November.

Herzenskämpfe.

Roman von Theodor Schmidt.

(Fortsetzung.)

Siebtes Capitel.

Der Abend des Subscriptionsballes war da; in den glänzend erleuchteten Sälen wogte eine vornehme, elegant ge- kleidete Gesellschaft auf und nieder-Comteß Martha" wie der Gräfin Scherwiz' Adoptivtochter allgemein genannt wurde fand allgemeine Bewunderung.

Eine so schöne junge Dame hatte man lange nicht zu sehen bekommen," hieß es allgemein,so jung, so frisch und dabei so anmuthig und unschuldig!"

Curt," sprach sein Freund Herbert zu diesem,Du mußt Dich der jungen Comteffe von Scherwiz vorstellen lasten, ich sage Dir, Du hast eine solche Schönheit noch kaum gesehen; komm', laß uns in den Ballfaal gehen, ich glaube, sie tanzt soeben mit dem Hauptmann Wallbach."

Curt folgte seinem Freunde ohne besonderes Interesse- Was war ihm noch an den Schönheiten gelegen? Sie schritten durch mehrere Gesellschaftszimmer in den Saal. Am äußersten Ende derselben stand eine junge Dame in lebhafter Unter­haltung mit einem älteren Herrn, einem berühmten Maler, dessen Blicke von Bewunderung auf der jungen Dame ruhten.

Steh', das ist sie," sagte Herbert,wie gesällt sie Dir?"

Curt erwiderte nichts, aber sein Antlitz ward leichenblaß und seine dunklen Augen erweiterten sich. Das schöne Mäd­chen vor ihm war dasselbe, deren Bild ihn Tag und Nacht nicht wieder verließ, seit er ihr an jenem Maimorgen in den Bergsdorfer Wäldern begegnet war.

Wie gefällt sie Dir?" wiederholte Herbert lebhaft-

Ich habe sie schon gesehen," versetzte Curt in leisem, ge­zwungenem Tone,ja, sie ist sehr schön."

Herbert schaute seinen Freund verwundert an.

In demselben Augenblick sah Curt, wie seine Mutter sich mit der Gräfin Scherwiz unterhielt und eilends trat er hinzu, um sich dieser vorstellen zu lassen.

Und da geschah, wonach er sich so lange gesehnt hatte.

Während die Gräfin ein paar liebenswürdige Worte an ihn richtete, trat jener Maler mit seiner anmuthigen Beglei­terin heran und die Gräfin stellte Curt dieser vor.

Die Frage, ob sie ihn vergessen habe, war nicht nöthig. Eine tiefe, brennende Röthe ergoß sich über ihr schönes Ant­litz und verwirrt senkte sie die Augen zu Boden. Die Gräfin

wandte sich zu dem Maler und die Beiden waren einige Augen­blicke allein.

Ich bin noch ganz überrascht," Hub Curt von Roddeck an,fo wenig ahnte ich, Sie wiederzusehen."

So haben Sie mich vergessen?" fragte die junge Dame, während es freudig in ihren schönen Augen aufleuchtete.

Ein ganzer Strom leidenschaftlicher Worte drängte sich auf Curts Lippen, doch wagte er nicht, ihnen Ausdruck zu geben.

Endlich, nach minutenlangem Schweigen, versetzte er:Wie wäre es überhaupt Jemandem möglich, Sie zu vergessen, Fräu­lein- Sagen Sie, wie sehen die Bergsdorfer Wälder aus? Sind sie noch so fchön wie damals?"

Ich habe mich schwer von ihnen getrennt," entgegnete Martha,ich wäre lieber noch dort, als hier in der Residenz."

Haben Sie sich in Bergsdorf nie einsam gefühlt?" fragte Curt, über ihre naive Einfachheit lächelnd.

O nein," entgegnete sie lebhaft,nie! Eher fühle ich mich hier bisweilen einsam- Die Residenz ist wie eine neue Welt für mich."

Curt von Roddeck war es auch wie eine neue Welt; er vergaß Alles rings umher, außer daß er sie wiedergefunden hatte, daß er in ihr strahlendes Auge schaute, daß er ihrer süßen Stimme lauschte und ihr leichtes, wechselndes Erröthen beobachtete. Fast mechanisch bot er ihr den Arm und Alles Andere vergessend, nur einander eingedenk, schritten sie durch die verschiedenen Zimmer.

Den nächsten Tanz hatte Martha einem jungen Offizier versprochen, aber sie dachte nicht eher daran, bis der Tanz zu Ende war, der vergessene Tänzer vor ihr stand und sie an ihr Wort erinnerte.

Als sie in ein kleines Nebenzimmer traten, das so recht zu einem traulichen Zwiegespräch geschaffen schien, kam ihnen Melanie von Selten mit ihrer Tante entgegen.

Hätte Curt einen Blick auf Melanies Antlitz geworfen, fo wäre ihm nicht der Ausdruck höchster Ueberraschung ent­gangen, der aber in der nächsten Minute schon einem tiefernsten, fast verzweifelten Zuge wich.

Die Gräfin Roddeck machte die beiden Mgen Damen miteinauder bekannt-

Das also war sein Geheimniß!" dachte Melanie.Wann und wo mochte er sie nur gesehen haben. Wie schön sie war!"

Und schmerzlich berührte es Melanie, als ihr Blick über die vollendet schöne, tadellose Gestalt glitt, aber ein viel tieferes Weh zuckte in ihrem Herzen auf, als sie den veränderten Aus­druck auf Curts Zügen wahrnahm. So hatte er sie noch nie