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auch nicht, daß ihr schönes Gesicht etwas von seiner Jugend« rische verloren hatte und daß sie ernst und bekümmert aussah.
„Warum haben Sie uns nicht einmal besucht?" fragte te, als Antwort auf seinen stummen Blick. „Sie waren mir, als ich Sie neulich auf dem Balle wiedersah, wie ein alter Freund."
„In der Residenz ist es so ganz anders, als wie ich ei gewöhnt bin," fuhr Martha in fchwermüthigem Tone fort, ali hr Begleiter nichts erwiderte, „Jeder spricht dasselbe, man hört nur Complimente und Schmeicheleien! Nur selten scheint Einer für den Anderen wirkliches Interests zu haben. Selbst Sie, Graf Roddeck, stnd hier ein Anderer," sprach ste mit mattem Lächeln weiter, „in Bergsdorf unterhielten Sie sich mit mir, hier aber haben Sie mich vergesten."
Nie vergaß Martha den angsterfüllten Blick, mit dem er sich, als sie dies sagte, zu ihr herabbeugte.
«Um Gotteswillen, Fräulein, still!" hauchte er. „Sie martern mich mit Ihren Vorwürfen; ich will Ihnen sagen, warum ich Sie meide, weil ich auf Wunsch meiner Mutter meine Cousine Melanie heirathen soll und weil wir uns schon als heimliche Verlobte betrachten. Es ist ein Verhängniß, an welches man uns schon als Kinder gebunden hat."
Er sah, wie bei seinen Worten aus Marthas lieblichem Gesicht alle Farbe schwand, wie ihre veilchenblauen Augen matt und trübe wurden, wie ihre süßen Lippen zitterten und dann seltsam still wurden. Er sah das Alles und hätte gern fein Leben dafür hingegeben, wenn er nur ein einziges Wort hätte sagen dürfen; aber seine Ehre gebot ihm Schweigen.
„Martha," klang es leise von seinen Lippen, „später 6e« greifen Sie es vielleicht, was es mir kostet, dies Ihnen zu sagen. Ehe ich Sie in Bergsdorf sah, habe ich nie viel an meine Zukunft und mein Loos gedacht; und damals war schon Alles abgemacht."
Sie wollte ihm Glück wünschen, aber es kam kem Wort über ihre bebenden Lippen.
Inzwischen hatten sie die Geranien mit gleichgültigen Blicken betrachtet und sahen jetzt Gräfin Scherwiz mit Melanie auf sich zukommen. Dem scharfen Blick der letzteren entging nicht, daß das schöne junge Gesicht seltsam blaß war und ein tieftrauriger Ausdruck darauf lag.
Da fiel auch der Gräfin Auge auf ihr Kind und erschrocken fragte ste: „Was ist Dir, Martha? Du siehst so krank aus?'
„Sie haben wahrscheinlich zu lange bet den Blumen verweilt, der starke Duft und die Hitze waren zu viel für Sie," gab Melanie statt der Gefragten zur Antwort, die vergeblich nach Worten rang.
Neuntes Capitel.
Das kleine Diner, welches heute bei der Gräfin von Roddeck stattfand und zu welchem Gräfin Scherwiz und Martha geladen waren, war sehr heiter und animirt. Wo Herbert von Kalborn zugegen war, da konnte es nicht lange still bleiben. Er besaß die glückliche Gabe, überall, wohin er kam, aufzu- heitern und zu amüsiren. Die Wirthin war in bester Stim- mutig, Melanie hatte ihre besonderen Gründe, Alles aufzubieten, die kleine Gesellschaft möglichst zu befriedigen, Gräfin Scherwiz war wie immer liebenswürdig und unterhaltend. Niemand bemerkte Marthas Schweigen und Curts Verstimmung — Niemand außer Melanie, dieser aber entging nichts. .
Nach Tisch wurde geplaudert und musicirt, und noch einmal gewährte Curt stch das Glück, stch mit Martha zu unterhalten.
„Ich muß fort," sagte er sich aber, „wenn ich noch länger hier bleibe, bin ich verloren. Heute Abend will ich noch einmal ihre Gesellschaft genießen und morgen will ich Martha für Jahre zum letzten Male sehen. Inzwischen werde ich mich beherrschen lernen und ste wird sich mit einem anderen Cava- lier verheirathen!" t ,
Heiß und kalt schoß es Curt bei diesem Gedanken durch die Adern, aber er beschloß doch, seinen Entschluß auszuführen.
„Welche Oper mögen Sie am liebsten hören? fragte Curt im Laufe des Abends Martha.
geliebt — und sie sollte nach der Gräfin Wunsch doch nächstes Jahr Curts Frau werben.
Da kam ein Herr, Comteffe Martha um den nächsten Tanz zu bitten, und Melanie blieb mit Curt allein. Da erst schien derselbe aus seinem beängstigenden Traume zu erwachen. Seine Blicke folgten ihrer Gestalt, bis fie ihren Augen entschwunden war, dann wandte er sich mit einem Seufzer zu Melanie.
Der kurze, fchöne Traum war aus! Die kalte, grausame Wirklichkeit lag wieder vor ihm. Was nützte es, daß er sie wiedergefunden hatte? Er mußte ja einer Anderen angehören. Melanie stand vor ihm und blickte ihm mit ernstem, traurigem Ausdruck in die Augen.
„Nicht wahr, Curt," sagte sie sanft, „Du kanntest Fräulein von Scherwiz schon? Du lerntest sie nicht erst heute kennen?" ,, , •
Da fiel ihm ein, daß Melanie jenes Bild gesehen hatte, und verwirrt und verlegen entgegnete er: «Ein einziges Mal habe ich sie früher schon gesehen und zwar" — setzte er m dem Gefühl, daß er Melanie irgend eine Erklärung schuldig sei, hinzu, — „unter so eigenthümlichen Umständen und in so schöner Umgebung, daß ich eine Skizze entwarf. Du hast sie ja gesehen!"
„Ja," lautete deren Antwort, „bas Bild ist ausgezeichnet, Du hast Dir ihre Züge wunderbar eingeprägt, wenn Du sie nur einmal gesehen hattest."
Sie konnte stch diese kleine Bosheit nicht versagen.
„Ein solches Gesicht läßt sich nicht so leicht vergessen," entgegnete er ruhig. „Aber komm', Melanie, laß uns diesen Walzer zusammen tanzen."
Achtes Capitel.
Curt von Roddeck hatte den Muth, die Energie seiner Vorfahren geerbt. Er sagte stch, daß ihm durch seine Liebe eine Gefahr drohe, der er entfliehen müsse und koste es ihm, was es wolle — er blieb seinem Entschlüsse treu.
Jede Einladung zu Bällen, Gesellschaften und anderen Festlichkeiten, wo er gewärtig sein mußte, die Gräfin Scherwiz mit ihrer schönen Adoptivtochter zu treffen, schlug er aus.
So vergingen volle vier Monate, ohne daß Curt die schöne, junge Comteß wiedergesehen hätte.
Inzwischen ward die schöne, reiche Erbin von einer großen Zahl Verehrer umgeben; aber all' die Schmeicheleien und Huldigungen hatten keinen Reiz für sie, mit Freuden hätte sie für ein einziges Wort von dem Grafen Roddeck auf alle die Huldigungen verzichtet.
Eines Tages fand ein großes Fest im Botanischen Garten statt Melanie von Selten hatte den Wunsch geäußert, das Fest zu besuchen, und Curt begleitete die beiden Damen.
Es war ein herrlicher Tag im Juli. Kein Wölkchen war am Himmel zu sehen, und die Luft war mild und balsamisch. Die Gärten waren köstlich hergerichtet, die Blumen standen in schönstem Flor, und die Rosen-Ausstellung entlockte jedem Beschauer einen lauten Ausruf der Verwunderung.
Als Curt mit seiner Braut und seiner Mutter einen schmalen, schattigen Weg hinabging, stießen sie plötzlich auf die Gräfin Scherwiz in Begleitung ihrer Adoptivtochter und mehrerer Herren. Man begrüßte stch, man plauderte und bald sah sich Curt — er wußte selbst kaum wie — an Marthas Seite; mit bangklopfendem Herzen richtete er ein paar leise Worte an ste.
Der Weg war nur schmal und bald sagte die Gräfin von Roddeck: „Wir können doch hier nicht stehen bleiben! Ich muß jetzt zu den Rosen gehen. Curt, Du wolltest Dir doch die Geranien ansehen, die stnd dort."
Curt wandte sich mit Martha der bezeichneten Stelle zu und bald sah er sich mit ihr allein, denn Keiner der Gesellschaft war ihnen gefolgt.
„Die Ausstellung macht Ihnen gewiß viel Vergnügen," brach Curt endlich das lästig werdende Schweigen.
Martha sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten sich und er bemerkte, daß ihre Augen feucht waren; es entging ihm


