Ausgabe 
1.1.1893
 
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AnterchtErLMgsbLÄtt jum Gietzemev Amzeigev (GenevnL Anzergev)

Nr. 1

ISS 3.

J

Sonntag, den 1. Januar

Zum neuen Jahre.

Schon wieder ging ein Jahr hinab, Versinkend in dem Strom der Zeiten. Und Blumen streu'n wir auf fein Grab, Wie wir sie jedem Tobten weihten. Was einst verhüllt und dunkel war, Strahlt heut' im Hellen Tageslichte, Und was es nahm und uns gebar, Gehöit von nun an der Geschichte.

Vergangenheit, ein seltsam Wort! Wie tröstlich klingt es hier ddm Emen! Und einen Andern seh' iy dort Um sie des Schmerzes Thräne weinen. O Zeit, du Bmme blühend roth, Wie freudvoll dich die Menschen grüßen! Und morgen liegst du welk und tobt, In Nichts verweht zu unser'n Füßen.

Ein Jahr verging. Als wär' es heut', Hör' ich die vollen Gläser klingen Zum hoffnungsfreud'gen Nachtgeläut Und froh.r Zecher lustig Singen.

Gar Mancher sang mit keckem Muth Der gold'nen Zukunft seine Lieder, Der heute still und einsam ruht. Kein Neujahrsmorgen weckt ihn wieder.

Ein schweres, thränenreiches Jahr!

Es kam und ging, Gott Lob, zu Ende. Und wem es holv und freundlich war, Der falte dankbar seine Hände. Und wer ein köstlich Gut verlor Und weinend klagt in dieser Stunde, Der richte hoffend sich empor: Die Zeit bringt Balsam seiner Wunde.

Der Morgen tagt, die Sonne lacht, .

Die einem dunkeln Schooß entstiegen.

So wird auch über uns're Nacht Die Hoffnung und der Glaube siegen. Glück auf! Glück auf zum neuen Jahr! Laßt muthig Hand und Geist uns regen! Vergessen sei, was trübe war: Wir reifen neuer Pflicht entgegen!

Erich zu Schirfeld.

Dämon Gold.

Original - Roman von W. Höffer.

Nachdruck verboten.

Da, wo das Meer eine seiner tiefsten, umwaldeten Buchten eine Strecke weit in das grüne Land hineinschob, auf luftiger Höhe, lag ein alter Herrensitz mit dicht umsponnenen Mauern, mit Erkern und kleinen Thürmchen, die wohl vor Jahrhunderten, in ritterlicher Vorzeit, als Ausguck gedient haben mochten, von denen aber sitzt nur flatternde Fahnen in das Thal hinabwehten, während Dohlzn und Sperber in den Schießscharten nisteten und das rankende Grün allmählich alle Zugänge wie mit dichten Schleiern umhüllt hatte.

Park und Garten führten hinter dem Schlöffe hinab an den Strand und an der entgegengesetzten Seite bis an die Grenzen eines anderen Gehöftes, das zwar bescheidener dreinschaute, bürger­licher und einfacher aber doch nicht weniger behäbig und statt­lich, obgleich die Gebäude offenbar aus der Jetztzeit stammten und das Ganze des eigentlich vornehmen Anstriches entbehrte.

Eine milde Herbstluft wehte über das Land: Georginen und Astern standen in voller Blüthe, und hoch unter dem klar- blauen Himmel tummelten sich zwitschernd die Schwalben in bangen Berathungen über das Wie und Wann der nächsten Reise. Ein schöner sonnengoldiger Tag ging zur Rüste; hell und deutlich sandte die Schloßuhr sechs schwere Schläge über das weite Land dahin.

Vor der Thür des letztgenannten Hauses faß auf einer steinernen Bank, die lange Trottelpfeife zwischen den Lippen, ein alter Herr, ein hoher Achtziger, mit bleichem, feingeschnittenem Antlitz und trotz der Jahre noch lebhaft blickenden Augen, lieber seinen Knieen lag eine prächtige Tigerdecke, er ließ die linke Hand müßig in den dichten Fäden ruhen und spähte hinaus auf die Landstraße, von der jetzt Hufschlag und Hundegebell herüber­klang.

Ein Reiter kam in leichtem Trabe des Weges und winkte schon grüßend von Weitem. Als er näher kam, sah man in ihm einen kräftig gebauten, mittelgroßen Mann von etwa fünfund- dreißig Jahren, mit einnehmenden, freundlichen Zügen und dunkel blickenden Augen. Er trug.einen braunen, lang herabwallenden Vollbart; feine ganze Erscheinung machte den Eindruck der be­wußten Ruhe und der Festigkeit. Wer ihn zum ersten Mal sah, der hatte das Gefühl, als könne er diesem Mayne ver­trauen. Und so war es auch wirklich. Erich Wolfram, der Besitzer von Dornau, galt allgemein für einen vorzüglichen Charakter, er hatte alle Ehrenämter der kleinen Dorfgemeinde