Ausgabe 
1.1.1893
 
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in Besitz und war der Helfer und Tröster aller Bedrängten. Nur bte Mütter und Tanten der Umgebung rümpften die Nasen, so oft von ihm gesprochen wurde. Weshalb herrathete er nicht endlich? Ja, nnsh-üb vermied er sogar gesüßemlich allen geselligen Verkehr der Nachbarschaft?

Irgend eine romantische Geschichte muß doch dahinter stecken. Aber welche?

Das war nicht herauszubringen, aber eben deswegen ärgerte man sich so sehr.

Jetzt hielt der Reiter. Ein Knecht nahm ihm das Pferd und die Peusche ab, dann gwg der Gutsbesitzer zu dem alten Herrn und reichte ibm die H rnd, während er mit der Linken die Schulter des Alten liebkosend klopfte.Guten Abend, Großvater 1" sagte er in freundlichem Tone.Es geht Dir hoffentlich ganz nach Wunsch?"

Weshalb fragst Du mich, Erich?"

Nun der Ausdruck Deines Blickes gefällt mir nicht so recht." '

Dann siehst Du sehr scharf, mein Junge. Wirklich, ich dachte eben, daß doch in meinem Alter jeder Tag als ein Ge­schenk zu betrachten ist, und daß man sich vernünftigerweise be- eilen sollte, alle seine Angelegenheiten vollständig geordnet zu- rückzulaffen." r ~

Der Gutsbesitzer lächelte.Großvater", sagte er ttn Ton innigster Ueberzeugung,Großvater, wenn jeder Einzelne so ge­trost seiner letzten Stunde entgegensehen könnte wie Du! Aber hoffentlich stehen alle diese Dinge noch weit, weit hin­aus!"

Der Alte wiegte den Kopf; die Pfeife lag vsrgeffen in seiner Hand, ein halberstickter Seufzer hob die Brust.

G tröst?" wiederholte er.Getrost? Das ist ein dreistes Wort, Erich. Aber", fügte er dann schnell hinzu,unser Ge­spräch ist in eine falsche Bahn hineingerathen, mein Junge. Es war nicht die Furcht vor dem Tode, welche mich vielleicht verstimmte, nein, nur so allerlei Gevankengänge. Das Alter macht empfindlich, egoistisch, es verleitet den Menschen, immer nur an sich zu denken, nur an sich, als wäre er der Mittelpunkt des erschaffenen Alls. Ich hatte vorhin einen Anblick, der mich unangenehm berührte der Gerichtsvollzieher aus der Stadt fuhr mit feiner Ponyequipage voiüber."

Erich nickte.Ich sprach einen Augenblick mit ihm", warf er ein.

Du? Du?"

Und aus den Zügen des Alten sprach ein jähes Erschrecken. Du, mein Junge?"

Der Gutsbesitzer schüttelte in sichtlichem Erstaunen den Kopf.Weshalb mcht, Großvater?" versetzte er.Der Mann ist mein ehemaliger Feldwebel, ein rechtschaffener, ehrlicher Kerl wie nur Einer, weshalb sollte ich also nicht mit ihm sprechen?"

Natürlich, natürlich. Mir läuft nur immer der Tod über das Grab, wenn ich einen von dieser Zunft vor mir sehe."

Obgleich Dir doch durch sie keinerlei Schreckniß droht, Großvater. Nach Dornau kommt sicherlich nie einer."

Sprich nicht so vermeßen, Erich, ich bitte Dich."

Der jüngere Wolfram nahm neben dem Alten Platz auf der Steinbank.Großvater", sagte er nach einer Pause,fängst Du Grillen der letzten Ernte wegen? Sie ist sehr schlecht ausgefallen, und mancher Gutsbesitzer mag mit heimlichem Grauen dem Winter entgegensehen, aber das Alles bedroht doch uns selbst durchaus nicht. Es gehen vielleicht tausend Thaler verloren, während selbst die Einbuße von zehntausend noch keine Gefahr brächte."

Der alte Herr sah plötzlich auf, seine Hände bebten, die Stimme klang verändert.Aber wenn es zwölftausend wären ?" fragte er.Was dann, Erich? Du müßtest Dornau als rui- nirter Mann verlaßen."

D^s allerdings, aber dazu gehört vorläufig noch Vieles. Es werden ja doch mcht zehn Mißernten aufeinander folgen"

Still! Wer möchte wohl die Gespenster gleich bataillons­weise aufmarschiren lassen! Das Alles sind Seifenblasen, mein

Junge, sie quellen hervor aus einem Gedanken, der allerdings seine Berechtigung hat."

Nun, Großvater und der wäre?"

Weshalb heirathest Du nicht?" fragte ganz unvermittelt der Alte.

Ein Schatten flog secundenlang über das Antlitz des Gutsherrn.Zunächst doch wohl, weil die Braut fehlt, Groß­vater."

Weiche mir nicht aus, Erich. Ich kenne für Dich eine in jeder Beziehung glänzende Partie!"

Das wäre?"

Bist Du gar nicht neugierig, Näheres zu erfahren?" wenig. Du weißt, daß ich in dieser Beziehung gewissen, rängst verschollenen, von der heutigen Welt verlachten Grillen nachhänge. Ich will, wenn ich einmal heirathe, selbst lieben und vor allen Dingen auch geliebt werden."

Sicherlich. Es gibt in unserer Bekanntschaft eine Dame, von der ich glaube, nein bestimmt weiß, daß sie in Dich vernarrt ist, daß sie nur Augen für Dich hat und mit tausend Freuden Deine Werbung annehmen würde."

So!"

Ach, als ob Du nicht wüßtest, wen ich meine, die ver« wittwete Frau Consul Bürklin ist vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, sie"

Schießt, reitet, rudert, fährt, schwimmt; sie hat, ehe ihr der gute alte Consul begegnete Gott sei es geklagt! jitoei Semester lang studirt."

Ein Beweis ihrer gründlichen Bildung. Auf dem Ruf lieser Dame haftet kein Schatten, Erich."

Behüte! Das wäre auch vollkommen überflüssig, Groß­vater. Es ist des Schlimmen, Unerträglichen ohnehin genug vorhanden, denke ich."

Der alte Herr zuckte die Achseln.Thorheiten, die Frucht zu vieler Mußestunden, Erich. Frau Bürklin kann den Sech­ziger unmöglich aus Neigung geheirathet haben, das siehst Du ein. Die Geschichte ihres Herzens soll erst beginnen, ja, sie hat begonnen, mein Junge, hat tatsächlich begonnen, seit Du in ihren Gesichtskreis tratest."

Der Gutsbesitzer lächelte.Brechen wir ab, Großvater," sagte er.Es widerstrebt mir, über eine Dame in diesem Tone zu sprechen, besonders da sich Deine gutgemeinten Wünsche doch niemals erfüllen können. Mir meine zukünftige Frau mit der Cigarette zwischen den Lippen zu denken brrr!"

Aber sie besitzt sünfzigtausend Thaler!" rief der alte Herr.Ich bitte Dich, Erich, fünfzigtausend Thaler!"

Einerlei! Und wären es ebensooiele Millionen ich mag sie nicht."

In diesem Augenblicke ertönte vom Schlosse herüber eine volle, rauschende Musik. Als die beiden Herren unwillkürlich aufblickten, sahen sie die Uniform einer Husarenkapelle vom Thurme herableuchten. Windgetragen flutheten die Klänge über die ganze Umgebung dahin; Helles Jauchzen vom Dorfe antwortete den fröhlichen Grüßen.

Wieder ein Fest auf Moldt?" fragte beinahe erschrocken der Alte.Was gibt es denn diesmal?"

Erichs Blicke hafteten an den grün umsponnenen Mauern.Den Erntetanz für das Gesinde," antwortete er, außerdem aber eine Art Gartenfest für die Herrschaften. Damen in altdeutschen Costümen werden auf der blankgefegten Tenne mit den Bauernburschen allergnädigst den Ball eröffnen, ebenso die Cavaliere mit den Mägden; später treibt man dann im Park noch Dies und Das, trinkt viel Sect, verpufft ein glänzendes Feuerwerk und amüsirt sich köstlich. Daß die Ge­schichte ein paar Tausend Thaler kostet, daran denkt Niemand."

Bis es zu spät ist, Erich, bis sich das tolle Treiben furchtbar rächt."

Natürlich. Seit drei Jahrhunderten haben die MoldtS zu Molde als Herren auf ihrem Grund und Boden gefeffen jetzt ist der Augenblick nahe, in welchem irgend ein baro- nisirter Finanzmann den schönen Besitz für die Hälfte des Werthes an sich bringt und vielleicht in dem alten Gemäuer