Ausgabe 
9.11.1893
 
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Ich habe das Theater noch wenig besucht," entgegnete Martha,doch kürzlich hörte ichNorma" und war sehr ent­zückt davon. Wenn ich so unglücklich wäre wie sie, würde ich am liebsten sterben."

Nach Jahren erinnerte Curt sich dieser Worte und er wußte, daß sie Martha aus tiefstem Herzen gekommen waren.

Während Curt so mit ihr plauderte, entzückt von dem Liebreiz ihrer Züge und dem Wohlklang ihrer Stimme, wurde Martha scharf beobachtet von Melanie von Selten, welche an diesem Abend ihr Schicksal ahnte, und von Baron Maflol, der Martha inniger liebte, als Worte auszudrücken vermögen.

Als der kleine Kreis aufbrach und die Gäste sich verab­schiedeten, hörte Melanie, wie ihr Verlobter auf die eine Be- merkung Marthas bezüglich eines baldigen Wiedersehens ent­gegnete:Nein, ich glaube nicht. Ich gehe auf Reisen und es werden Jahre vergehen, ehe ich wieder hierher komme. Doch die Erinnerung an den heutigen Abend genügt mir."

* *

An diesem Abend stand Melanie von Selten lange, nach­dem ein Jeder sich zurückgezogen hatte und tiefe Stille über dem Hause lag, stumm und bleich in ihrem Zimmer am Fenster. Sie hatte die Fenster geöffnet und ließ die milde Nachtluft hereinflrömen, daß sie ihr die Stirn kühlte, auf der ein dumpfer schwerer Schmerz zu lasten schien. Melanie hatte geweint, bis der Thränenquell versiegt war. Ihr Kummer war erschöpft und das matte Mondlicht fiel auf ein in seiner ruhigen Er- gebung wahrhaft überirdisches Antlitz.

Hier und da schimmerte ein Stern an dem stillen Nacht­himmel; die ganze Natur schien zu schlummern; die Vögel waren verstummt, die Blumen waren zur Ruhe gegangen und der Mond schien über Alles zu wachen.

Diese tiefe, heilige Stille that auch Melanie wohl. Der Sturm der Sturm eines wilden, leidenschaftlichen Kummers mar vorüber, die Stille der Natur gab ihr Ruhe. Die Welt mit Allem, was darinnen war, sah unter dem Licht der ' himmlichen Kerzen so klein und nichtig aus. ,

Wie Melanie so dastand, hielt ste dar Schicksal drerer Menschen in Händen. Sie wußte jetzt, daß Curt eine Andere mehr liebte als sie; ste wußte auch, daß er zu ehrenhaft war, um sich von seinem einmal gegebenen Wort freimachen zu wollen und wäre es auf Kosten feines ganzen Lebensglückes.

Ja, ihr Leben lag in Trümmern vor ihr. Sie hatte keine andere Liebe, keine andere Hoffnung, kein anderes Glück gekannt als ihn. Nie hatte sie einen Wunsch, eine Absicht, eine Hoffnung gehabt, die nicht in ihm gipfelte. Stets war ihr ganzes Bestreben sein Glück gewesen, und jetzt mußte sie erkennen, daß ste die einzige Wolke war, die sein Leben trübte.

Nein, nein! Alles Andere war beffer als das. Lieber sollte ihr eigenes Leben zu Grunde gehen, als daß er sie aus bloßem Pflichtgefühl zur Gattin nahm, während fein ganzes Herz einer Anderen gehörte.

* *

Am nächsten Morgen, bald nach dem Frühstück, fuhr die Gräfin Roddeck aus, und Melanie wartete im Frühstückszimmer, bis Curt herunterkam.

Er sah müde und angegriffen aus, als habe ihn die ganze Nacht hindurch der Schlaf geflohen.

Ich will ihn bald von diesem bitteren Schmerz befreien," dachte Melanie,obgleich ich dabei mein eigenes Herz mit Füßen trete." m

Curt," sagte sie laut in freundlichem Tone,hast Du nicht eine halbe Stunde Zeit für mich?"

Arme Melanie! Sie sah, wie ein Schatten über seine Züge glitt.

Ich möchte ein ernstes Wort mit Dir reden," fügte sie hinzu, und es entging Curt nicht, daß sie tief bewegt war. Antworte mir aufrichtig," sprach sie weiter,wen hast Du in der ganzen Welt am liebsten?"

Curt blickte sie halb fragend, halb bestürzt an.

Wenn man mir diese Frage stellte," fuhr Melanie fort,

so würde ich antworten: meinen Verlobten, Curt von Roddes Inb eben, weil ich Dich so innig liebe, habe ich Dich um diese Unterredung gebeten."

Curt wußte nicht, was er antworten sollte.

Curt," sprach Melanie weiter, während sie ihre Hand sanft auf seinen Arm legte,ich will Dir sagen, wen Du am iebsten auf der Welt hast: Martha von Scherwiz; Du liebst ie, wie Du noch nie geliebt hast und wie Du nie eine Andere auf der Welt würdest lieben können."

Das würde ich nie gesagt haben," erwiderte Curt tief raurig.

Das weiß ich wohl," sprach Melanie,Du würdest mich jeirathen und versuchen, sie zu vergeffeu. Doch ehe es dahin kommt, bringe lieber ich das Opfer. Es wäre thöricht," fuhr sie fort,wollte ich mir den Anschein geben, al» liebte ich Dich nicht. So weit ich zurückdenken kann, bist Du meine ganze Welt gewesen. Wie innig ich Dich liebe, soll meine Handlungs­weise Dir zeigen. Dein Glück liegt mir mehr am Herzen, als mein eigenes, darum entbinde ich Dich von Deinem Ver­sprechen und gebe Dich frei. Weil ich Dich liebe und Dich glücklich sehen will, gebe ich Dir volle Freiheit, zu lieben und zur Gattin zu nehmen, wen Du willst."

Nein, Melanie," wehrte Curt,das würde ich nie ver­langt haben und kann es nicht annehmen."

Das weiß ich," erwiderte ste äußerlich ruhig,aber glaubst Du, Curt, ich könnte Dich heirathen in dem Bewußt­sein, daß Du eine Andere liebst? Und wenn Du mich jetzt hier auf den Knieen bitten würdest, ich sollte die Deine sein, ich könnte es nicht- Ich mache es Dir nicht zum Vorwurf, daß Du Martha liebst, ist sie doch tausendmal schöner als ich."

O Gott, ich wünschte, ich wäre tobt!" rief Curt voll Verzweiflung.Wäre ich doch lieber gestorben, als Dir so viel Kummer bereiten zu müssen!"

Eine Zeitlang werde ich unglücklich fern," erwiderte Melanie tieftraurig,doch der Gedanke, Dich glücklich zu wissen, wird mich aufrichten."

Edles Mädchen!" sagte Curt.

Und er ergriff ihre beiden Hände und zum letzten Male berührten seine Lippen ihre Stirn. Da ward Melanie tobten« bleich.

Geh' jetzt," sprach sie weich,und laß mich mit Deiner Mutter reden."

Curt gehorchte, er hätte kein Wort weiter sagen können; Melanie betrachtete ihn mit thränenfeuchten Augen. Wie ruhig er seine Verabschiedung hingenommen hatte! Er hatte ihr nichts zu sagen!

Curts Herz bewegte ein seltsames Gefühl, halb Freude, halb Schmerz; damals kannte er noch nicht den Werth des Mädchens, das er verloren hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Gemeinnütziges.

Das Waschen mit kaltem Wasser von Gesicht, Hals und Händen, früh, sofort nach dem Aufstehen meist in einem kalten Zimmer, kann wohl nur Denen angerathen wer­den, die über eine robuste Constitution verfügen. Denen ver­ursacht er sogar auch Wohlgefühl. Aber bei zartbenervten Menschen ist es doch immer nicht am Platze. Der menschliche Körper ist fein eigener Thermometer, indem er durchs Gefühl anzeigt, was ihm bekommt oder nicht. Wer einen Schauder verspürt, wenn er feine in hohem Grade erwärmten Hände in das eiskalte Wasser tauchen soll, den will gewiß der eigene Körper mahnen, daß er den schroffen Wechsel nicht gut ver­tragen kann. Wenn man kann, wäscht man sich zuerst warm oder lau, was bekanntlich viel gründlicher reinigt und dann anz kalt nach. Durch die Wärme werden die Poren geöffnet, daß das kalte Wasser besser einzudringen vermag und somit für die Nerven einen viel stärkenderen Einfluß ausübt. Warm