Ausgabe 
4.1.1932
 
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Zch hab dir verzieh«!

Vornan von Clotilde von Stegmann »Stein.

Copyright by Martin Feuchtwange r. Halle.

7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Die harten Züge des Mannes wurden weich beim Anblick dieses unbekannten Madonnen- gesichtchens. Wer mochte diese rührende Mädchen- gestalt sein, die um diese Zeit in dem arm­seligen Viertel aufgetaucht war? Welch glück­licher Zufall, daß er, um seinen Weg abzu­kürzen, durch diese Gegend gekommen. Er beugte sich noch einmal prüfend über das blasse Mäd­chen, das sich jetzt langsam aufrichtete und ver­wirrt über die Augen strich.

Er half ihr vollends auf und, mit ehrerbie­tiger Verbeugung einen Schritt zurücktretend, sagte er nun:

Ich hoffe, mein Fräulein, daß dieser Schrecken nun überwunden ist. Gestatten Sie mir aber, daß ich Sie bis zu Ihrem Ziel begleite, denn ich könnte es nicht verantworten, Sie noch ein­mal unbeschützt einer ähnlichen, fatalen Situation ausgesetzt zu wissen."

Birgit, in deren Wangen bei den Worten des Fremden langsam die Farbe wiederkehrte, sah ihren Beschützer dankbar an:

Sie sind sehr liebenswürdig", erwiderte sie einfach.Ich glaube, ich bin schon am Ziel. Dies oder das nächste Haus" sie sah an den schlecht beleuchteten Nummern einpormuß es sein. Ich suche hier eine arme Familie, bei der es gilt, Not zu lindern."

Sie ging schnell ein paar Schritte weiter, machte halt und wandte sich zu dem Unbekannten.

Hier ist es schon. Darf ich Ihnen nun für Ihre ritterliche Hilfe danken? Wer weiß, wie es mir ohne Ihr Dazwischentreten" sie schauerte noch einmal zusammen in der Erinnerung an die eben durchlebte, häßliche Szeneergangen wäre."

Mit einer scheuen und doch anmutigen Gebärde reichte sie ihm die Hand, von der sie den grauen Wildlederhandschuh gezogen hatte. Er beugte sich über diese kleine Hand, von der ein Duft zu ihm emporströmte, wie von frischen Veilchen, wenn die erste Frühlingssonne sie zum Leben erweckt hat.

Es war mir eine Ehre, Ihnen einen Dienst erweisen zu dürfen, mein gnädiges Fräulein. Ich hoffe, daß Sie nun ungefährdet heimkommen werden."

Noch einmal verbeugte er sich, dann schritt er schnell und elastisch in die Dunkelheit der Seiler­gasse hinein.

Mit hochklopfendem Herzen schritt Birgit Si­belius die knarrenden, schiefen Treppenstufen hin­auf, die zu der ärmlichen Dachwohnung der Fa­milie Schliecker führten.

Einen Augenblick hielt sie auf dem Treppen­absatz inne. Noch einmal dachte sie an die schreck­lichen Minuten zurück, die sie soeben durchlebt und aus denen sie durch das Dazwischentreten des sympathischen Unbekannten errettet worden war. Diese fremde Stimme in ihrer dunklen Nuhe hatte sie nicht etwas gehabt vom Klang der Stimme des geliebten Vaters? Und diese ruhigen, beherrschten Augen, wie tief und warm waren sie in ihre Seele gedrungen!

Hätte sic einen Bruder besessen, sie hätte sich ihn so gewünscht, wie diesen Fremden. Siedachte noch einmal an den Augenblick zurück, da sie ge­borgen an seiner Brust geruht, geborgen und be­schützt wie ein Vogel, der vom Sturm verschlagen wurde.

Unö dennoch, wie anders war es und im gleichen Augenblick schoß eine Glutwelle durch ihren Körper, als sie am Mittag auf dem heimlichen Spaziergang an der Schwedenschanze am Herzen Hans Egons geruht, als seine leiden­schaftlichen Küsse ihr Gesicht überflutet hatten!

Lärmende Kinderstimmen rissen sie aus ihren Träumereien und erinnerten sie an ihre Pflicht. Sie klopfte an die Tür mit dem eingedrückten, verbeulten Namenschild, auf dem das Wort Schliecker" kaum noch zu lesen war, so sehr hatten Kinderhände daran gearbeitet. Und schon öffnete sich die Tür.

Ein paar Flachsköpfe, ärmlich, aber sauber gekleidet, schauten neugierig heraus, um dann, als sie Birgit erkannten, mit einem Iubelruf auf sie zuzustürzen. Wie kleine Pferdchen schnupperten sie an der Handtasche Birgits, und kleine Finger- chen versuchten, den Verschluß zu öffnen.

Birgit wehrte lachend diesen stürmischen An­griff ab.

Ihr Nangen! Wollt ihr wohl warten und still sein! Ihr wißt, Mutter soll keinen Lärm

hören! Wer sich jetzt ganz artig dort auf die Küchenbank hinsetzt und ganz ruhig ist, der..."

Sie hatte noch nicht ausgeredet, als alle drei auf die Dank zustürmten, während das Jüngste, das auf seinen kurzen, dicken Deinen noch nicht so schnell vorwärts konnte, jammernd hinterher wackelte. Dirgit nahm das kleine, schreiende Et­was zärtlich auf den Arm und setzte es vorsichtig auf die Dank.

Paßt mir gut auf den kleinen Walter auf. damit er keinen Purzelbaum macht!" ermahnte sie.

Darauf öffnehe sie ihre Tasche und entnahm ihr ein paar bunte Pfefferkuchen und rotbäckige Aepfel. Mit einem Freudengeschrei griffen die kleinen Hände nach den kostbaren Leckerbissen.

Habe ich euch nun endlich die Mäulchen ge­stopft?" fragte Dirgit lachend und mit dem Finger drohend. Dann ging sie auf den Zehenspitzen ins Nebenzimmer, wo in einem Lehnsessel, noch bleich und verfallen, die Witwe Schliecker saß. Ein Freudenschimmer überzog ihr verhärmtes Antlitz, als sie Dirgit erblickte.

Nun, Frau Schliecker, wie geht es uns heute?"

Wenn ich Sic sehe, geht es mir gleich besser, mein gutes Fräulein Sibelius. Die Medizin des Doktors, den Sie mir geschickt haben, hat schon ein wenig geholfen. Der Husten läßt nach, und ich« bin schon ein wenig besser auf den Füßen. Nur wie ich heute früh versucht habe, zu waschen, da wollte es noch gar nicht gehen."

Aber liebe Frau Schliecker, ich habe Ihnen doch verboten, sich so anzustrengen. Unsere Trina sollte doch morgen zum Helfen kommen. Wir hatten zu Hause schon alles danach eingerichtet."

Frau Schliecker strich sich verlegen über ihre geflickte Schürze.

Verzeihen das gnädige Fräulein,' aber wird so ein feines Herrschaftsmädchen, wie Ihre Trina, nicht die Nase rümpfen über unsere Armeleute­wäsche? Ich bin auch einmal in einem feinen Hause in Stellung gewesen, und ich weiß, da ist man andere Wäsche gewöhnt wie die von meinen kleinen Rangen.

Früher war es bei uns auch anders, Fräulein Sibelius, als die Zeiten besser waren und ich noch nicht krank, und als mein guter Malto" hier zuckte es weh um ihren verhärmten Mund noch seinen Verdienst heimbrachte. Er ver­trank keinen Groschen, das wissen alle Schiffs­herren hier in der Stadt. Damals konnte man sich immer noch etwas anschaffen. Aber damit

ist es nun vorbei. Man kann soviel flicken, wie man will, einmal hat man doch nur Lumpen in den Händen."

Dirgit legte mitleidig ihre kleine Hand auf die verarbeitete Rechte der braven Frau.

Auch das wird sich alles wieder bessern, liebe Frau Schliecker. Vor allem müssen Sie erst wieder auf die Beine kommen, das Uebrtge wird sich finden, dafür lassen Sie meinen Vater nur sorgen. Wie schmeckt denn das Essen aus der Küche vom Frauenverein?"

Frau Schliecker lächelte dankbar.

Sie sollten nur einmal sehen, wie sich meine kleine Gesellschaft draufstürzt. Sie kratzen mir beinah den Boden aus den Töpfen."

Nun!", sagte Dirgit heiter,dann werden wir noch eine Portion zulegen müssen, denn mir scheint mir scheint", sie drohte der blassen Frau mit dem Finger,daß hier die Mutter über den Kindern zu kurz kommt; und doch ist Ihre Kräftigung jetzt die Hauptsache.

Die großen Mädchen sind ja nun glücklich untergebracht, und ich höre zu meiner Freude, daß sie recht anstellig und fleißig sind. Vielleicht kann später einmal die eine oder die andere zu uns ins Haus kommen."

Sie sind ein Engel", flüsterte die Frau, und sah mit ehrfurchtsvollen Dlicken zu dem jungen Mädchen auf.Jeden Abend bete tcf) für Sie und Ihr Glück."

In Birgits seelenvöllen Augen blühte ein ver­sonnenes Lächeln auf. Sie dachte daran, daß zur gleichen Stunde Hans Egon sich rüstete zu dem Weg in das alte Haus der Sibelius' und zu dem Vater. Vielleicht würde das Gebet der ein­fachen Frau sich verbinden mit ihrem eigenen Flehen, daß Gott ihre Liebe krönen möge mit dem Segen des geliebten Vaters.

Als sie nach herzlichen Abschiedsworten das Haus verließ und rasch um die Ecke bog, um in eine belebte Straße zu gelangen, in der keine Ge­fahr lauerte, löste sich aus dem Schatten des gegenüberliegenden Hauses eine hohe Männer­gestalt und folgte der rasch Dahinschreitenden, immer wieder sorgsam umherspähend, ob auch keine verdächtige Erscheinung noch einmal den Meg des fremden Mädchens bedrohen könnte.

Erst als Dirgit Sibelius in die hellerleuchtete Langestraße kam, gab der Unbekannte es auf, ihr zu folgen. Nun war er beruhigt.

(Fortsetzung folgt.)

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