Aus der Provinzialhaupisiadt.
Schlachten und Aufbewahren lebender Zische.
ZdR. Während bisher in den Ländern Bestimmungen galten, die teilweise voneinander abwichen, ist durch eine neue Reichsverordnung eine einheitliche Vorschrift für das Töten und Schlachten sowie für die Behandlung lebender Fische geschaffen worden. Nach dieser Verordnung müssen alle lebenden Fische, die für den menschlichen Genuß bestimmt sind, ordnungsmäßig geschlachtet werden, vorher sind sie mit einem genügend harten, schweren Gegenstand durch Kopfschlag zu betäuben. Der Kopfschlag kann nach dieser neuen Verordnung wegfallen bei Aalen und Plattfischen, für die dann besondere Schlachtvorschriften gelten. Durch diese Schlachtbestimmungen soll vor allen Dingen das rasche Ausbluten des Tieres gewährleistet sein. Lebende Fische dürfen nur dann vom Verteiler an den Käufer lebend abgegeben werden, wenn dieser einen geeigneten Behälter mit genügendem Wasservorrat mit sich führt. Ebenso sind über das Halten lebender Fisch- in Behältern Anordnungen getroffen. Hierbei ist aber der Praxis dadurch Rechnung getragen worden, daß widerstandsfähigere Fische, wie z. B. Aale und Plattfische, in deren Kiemenhöhlen sich die Feuchtigkeit ohnehin besser hält, auch in genügend feuchter Verpackung, also z. B. in feucht gehaltenen Kisten usw., befördert werden können. Dagegen ist das Zurschaustellen lebender Krebse unmittelbar auf Eisstücken verboten, d. h. also, daß irgendeine Unterlage aus Stoff oder anderem Material auf die Eispackung gelegt werden muß. Für die Zurschaustellung von lebenden Fischen in Wasserbehältern ist ausdrücklich angeordnet, daß diese nicht so stark gefüllt sein dürfen, daß die Fische über die Oberfläche des Wassers hinausragen. Schließlich enthält die Verordnung noch Bestimmungen über das Töten von Krebsen, Hummern und anderen Krustentieren sowie über das Töten von Fröschen, die durch schnelles Abschneiden des Kopfes getötet werden müssen, bevor die Schenkel abgetrennt werden.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
NSG. „Kraft durch Freude": Ab 20.30 Uhr allgemeine Körperschule im Lyzeum; 20.30 bis 21.30 Uhr und 21.30 bis 22.15 Uhr (nur für Frauen) Schwimmen im Volksbad; 20 bis 21 Uhr Reiten, 21 bis 22 Uhr Ski-Trocken, Reitschule Schömbs. — NSLB., Abteilung „Höhere Schule", Fachschaft „Neuere Sprachen": 16 Uhr in der Oberrealschule Sitzung. — Stadttheater: 20 bis 23 Uhr „Der Maskenball". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Postillon von Lonjumeau". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Einer zuviel an Bord". — VHC., Ortsgruppe Gießen: 20.30 Uhr Monatsversammlung.
Skadtlhealer Gießen.
Heute von 20 bis 23 Uhr, Verdis Meisteroper „Maskenball". Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: der Intendant. 16. Freitag- Abonnement.
Obst- und Gartenbauverein Gießen.
Am kommenden Sonntag, 2. Februar, findet im Kausm. Vereinshaus, Wernerwall, die Hauptversammlung statt. Näheres in der heutigen Anzeige.
NSB., Ortsgruppe Sießen-Ost.
Oebensmittel-Opferring der Ortsgruppe Gießen-Osi.
Die Sammlung wird Dienstag, 4., und Mittwoch, 5. Februar, von Der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarten zur Eintragung vorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
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Urlaubsfahrt IX/4/36 Allgäu vom 7.—16. Februar.
Die Fahrkarten für diese Fahrt können von den Teilnehmern auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, abgeholt werden. Die Fahrt geht ab Frankfurt a. M. am 7. Februar, 10.43 Uhr. Rückfahrt erfolgt am 16. Februar. Ankunft in Frankfurt a. M. 19.54 Uhr.
Wissenschaft im Dienst am deutschen Volke.
Am Montag, 3. Februar, findet im Kunstwissenschaftlichen Institut, Ludwigstraße 34, 20 Uhr, der nächste Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Wissenschaft im Dienste am deutschen Volke" statt. Es spricht Professor Dietz über „Deutschesund römisches Recht".
Sportamt „Kraft durch Freude".
heute folgende Kurse:
Allgemeine Körperschule (Frauen und Männer). Don 2.30bis21.45 Uhr: Lyzeum. Dammstraße 46; von 19.45 bis 21 Uhr: Großen- Buseck, Neue Schule.
Fröhliche Gymnastik und Spiele (nur für Frauen). Von 20.30 bis 21.45 Uhr: Lollar, Kantine der Firma Buderus.
Reiten. Von 20 bis 21 Uhr: Reitschule Schömbs.
Schwimmen. Von 20.30 bis 21.30 Uhr: Frauen und Männer, Volksbad; von 21.30 bis 22.15 Uhr: nur für Frauen, Volksbad.
Oie Studentenschaft in einer Front mit dem WHW.
Die ganze Gießener Studentenschaft stellt sich am kommenden Sonntag geschlossen in den Dienst des WhW.
Nachmittags von 12 bis 17 Uhr sammeln die Studenten in ganz Gießen. Am gleichen Abend lädt die Studentenschaft zellenweise 500 bedürftige Gießener Volksgenossen zu einem Abendessen und Kameradschaftsabend ein. Diesen Volksgenossen gehen bis Ende der Woche schriftliche Einladungen zu.
Gießener Bürger! Unterstüht uns in unserer Arbeit und zeigt, daß ihr nach wie vor hinter euren Studenten steht!
Sportlehrer sammeln für das WHW.
Die dem Reichsverband Deutscher Turn-, Sport- und Gymnastiklehrer im NSLB. angeschlossenen Sportlehrer und Gymnastiklehrerinnen veranstalten in Verbindung mit der NSG. „Kraft durch Freude" am kommenden Sonntag, 2. Februar, 20 Uhr, im Caf6 Leib einen Vorführungsabend „Deutsche Gymnasti k".
Aus dem reichhaltigen Gebiet der Leibesübungen werden viele Vorführungen gezeigt, die bestimmt auch das Jnterresfe des Nichtsportlers erregen dürften, Reine Gymnastik wechselt ab mit Darbietungen aus Bodenturnen, Tanz, Boxen usw.
Der Eintrittspreis beträgt 0,50' Mark. Der Ertrag fließt dem WHW. zu. Nach den spoprtlichen Vorführungen findet Tanz statt.
Krastpostverbindung mit Allendorf (Lahn).
Vom 1. Februar ab wird der Ort Allendorf (Lahn) in die Kraftpostlinie Gießen—Rechtenbach —Hochelheim einbezogen und somit einem lang ersehnten Wunsche der Bevölkerung der Gemeinde Allendorf Rechnung getragen. Bisher ist der Ort von der Kraftpost nicht durchfahren worden, weil sich die frühere Gemeindeverwaltung geweigert hatte, sich an der Gewährleistung einer Mindesteinnahme zu beteiligen. Die Fahrzeiten, zu denen Allendorf durchfahren wird, sind in die Fährpläne bereits ausgenommen.
Anmeldung
zur Kaufmannsgehilfenprüfung.
Die Industrie- und Handelskammer Gießen fordert nochmals alle Firmen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach, bei denen kaufmännische Lehrlinge ihre Lehrzeit bis zum 30. Juni dieses Jahres beenden, auf, umgehend die Anmeldung dieser Lehrlinge zur Kaufmannsgehilfen - Pflichtprüfung vorzunehmen. Der späteste Anmeldetermin ist der 5. Februar 1936.
Nettelbeck und der Luftschutz.
Jeder weiß, daß im Winter 1806/07 Nettelbeck die Festung Kolberg gegen alle Angriffe des Feindes erfolgreich verteidigte. Wie machte er das möglich? Er rief die gesamte Bürgerschaft, einschließlich der Frauen und Jugendlichen, zur Brandbekämpfung
auf und erreichte auf diese Weise, daß die Beschießung der Stadt keine Katastrophe und Panik zur Folge hatte. Bei Nettelbeck hatte jeder seine bestimmte Aufgabe. Wie dieser Volksheld gehandelt hat, so muß in ganz Deutschland bei einem zukünftigen Krieg gehandelt werden. Da kein Dorf und keine
Olympia der Arbeit, der Reichsberufswettkampf der Beitrag der deutschen Zugend zum wirtschaftlichen Wiederaufbau.
Stadt vor Luftangriffen sicher ist, muß im Geiste Nettelbecks schon im Frieden, Mann, Frau und Heranwachsende Jugend lernen, wie man zweckmäßig die Heimat verteidigt. Der Reichsluftschutzbund hat die Aufgabe, alle Volksgenossen praktisch auszubilden. Werdet Mitglied! Nehmt an den Ausbildungskursen teil!
Der Führer hat die Mütterschulung in den Mittelpunkt des großen Frauenwerks gestellt und hat den Frauen Aufgaben zugewiesen, die bewußt den Familiensinn wieder stärken und der deutschen Frau den Platz zurückgeben sollen, der ihr zugehört und ihr zugehören muß, wenn sie zum Segen ihrer Familie und damit des ganzen Volkes werden soll.
Segen kann aber nur ausgehen von dem Menschen, der den Platz auszufüllen versteht, auf den er gestellt ist, Der für feine Aufgabe die schöne Sicherheit mitbringt, dadurch daß er sie beherrscht. Jeder Beruf will erlernt sein und muß erarbeitet werben. Aber jahraus, jahrein sind junge Mädchen aus ihren Arbeitsstätten in Geschäften und Fabriken in die Ehe gegangen und brachten nur den guten Willen mit, sich mühsam und allmählich die Kenntnisse anzueignen, die von der Hausfrau und Mutter verlangt werden. Wie bitteres Lehrgeld mußte da bezahlt werden, wieviel Kummer folgte daraus!
hier seht die Reichsmütlerschulung ein und ruft euch alle, ihr Frauen und Mädchen, ob ihr älter seid oder jünger, ob ihr in früher Jugend euer täglich Brot in harter Arbeit er-
Für das Rhein-Mainische Wirtschaftsgebiet wurde die Kaufmannsgehilfen-Prü- fung vor einiger Zeit zur Pflichtprüfung erklärt. Jeder Kaufmannsgehilfe hat sich nach Abschluß seiner Lehrzeit vor dem eingesetzten Prüfungsausschuß dieser Prüfung zu unterziehen. Die Anmeldung wird bei der zuständigen Jndustrie- und Handelskammer durch den Lehrherrn oorge- nommen. Nachdem nun bereits einige Prüfungstermine angesetzt waren und in den stattgefundenen Prüfungen eine Reihe von Prüflingen erfaßt wurde, bilden die vorliegenden Prüfungsakten und deren Auswertung gutes Material, um sich über die PfUichten des Lehrherrn gegenüber seinem Lehrling und die Erfüllung dieser Pflichten ein Bild machen zu können.
Der Kaufmannschaft wurde im Interesse des Berufsnachwuchses durch die Einführung der Kaufmannsgehilfenprüfung als Pflichtprüfung ein großer Dienst erwiesen. Diese Prüfung und ihre Auswertung bieten ein objektives Bild darüber, welche Betriebsarten und welche Betriebe im Prüfungsgebiet zur Ausbildung von Kaufmannslehrlingen geeignet find. Beim Vergleich von vorliegenden Prüfungsarbeiten ist es auch nicht schwer, festzustellen, welche Lehrherrn sich um die Ausbildung ihrer Lehrlinge reichlich sorgen und welche Lehrherrn in dem Lehrling immer noch die billige Arbeitskraft erblicken, der gegenüber sie keine Ausbildungspflichten zu erfüllen bereit sind. Jahrelang wurde um die Einführung der Kaufmannsgehilfenprüfung gekämpft. Der Kampf führte im Interesse des seinen Beruf ernst nehmenden und seinem Nachwuchs gegenüber verpflichteten Kaufmanns zu dem erfreulichen Ergebnis, endlich auch
*♦ Ein voreiliger Frühlingsbote wurde uns gestern von einem langjährigen Bezieher unseres Blattes in Gestalt eines Maikäfers vorgezeigt, den das ganz unzeitgemäß warme Wetter schon zu einem Ausflug in die Lahngärten verlockt hatte.
Kleine Strafkammer Gießen.
Die I. D. aus Büdingen erhielt seinerzeit wegen Vergehens gegen das Lebensmittelgesetz durch Strafbefehl 10 Mark Geldstrafe. Gegen diesen Strafbefehl legte die Angeklagte Einspruch ein, und sie wurde vom Amtsgericht Büdingen zu einer Geldstrafe von 3 Mark verurteilt. Gegen dieses Urteil verfolgte die Staatsanwaltschaft Berufung. In der gestrigen Hauptoerhandlung wurde festge« stellt, daß die Angeklagte als Inhaberin einer Gastwirtschaft im August vorigen Jahres Vanilleeis zum Verkauf anbot, obwohl das Eis der gesetzlichen Bestimmung zuwider nicht den nötigen Eigehalt hatte und daher nur als Speiseeis verkauft werden durfte. Die Berufung der Staatsanwaltschaft wurde kostenpflichtig verworfen.
kämpfen mußtet oder als behütete und um- sorgte Kinder groß geworden seid, alle wollen wir euch erfassen! Gemeinsam sollt ihr lernen, was eurem Frauentum den Sinn gibt, die ed)te Mütterlichkeit, die nicht beim eignen Kinde Halt macht, die hinausstrahlt zu jedem, der ihrer bedarf!
In Gießen beginnt ein Säuglings- Pflegekursus am 5. Februar in Der Universitäts-Kinderklinik. Hier finden die jungen Frauen und Mädchen in gemeinsamer praktischer Betätigung bei Lichtbildern und Vorträgen die ersten wertvollen Grundlagen für die Betreuung der werdenden Mutter und des ^Neugeborenen. Weiter beginnt am 4. Februar ein Lehrgang für Gesundheitslehre und häusliche Krankenpflege im Sanitätsdepot. Neben den allgemeinen Richtlinien über vernünftige Lebensweise, Ernährung, Kleidung, Abhärtung und Körperpflege werden im praktischen Lehrgang Verbände bei Verletzungen und Verbrennungen, die erste Hilfe bis zum Eintreffen des Arztes gezeigt.
Anmeldungen für beide Kurse werden noch angenommen bei: Frau Schön, Moltkestraße 22.
für den Kaufmannsberuf eine Prüfung eingeführt zu wissen, die Dem Kaufmannsgehilfen durch die Prüfungsurkunde bestätigt, daß er in Der Lage ist. Den Anforderungen, die im Rahmen eines Betriebes an ihn zu stellen sind, gerecht werden zu können. Leider ist aber Das Bewußtsein, daß ein Lehrherr bei der Einstellung eines Kaufmannslehrlings diesem gegenüber große Ausbildungspflichten zu übernehmen hat, noch nicht in allen Kreisen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die Prüfungsarbeiten liefern hierfür Den notwendigen Beweis. Die Tatsache, daß man durch Den Lehrherrn anläßlich Der Anmeldung einen Fragebogen ausfüllen läßt, in Dem Diesem einige Fragen über den Ausbildungsgang feines Lehrlings vorgelegt werden, bietet Die Möglichkeit, sich einen genauen Ueberblick zu verschaffen. In sehr vielen Fällen ist schon allein aus diesem Fragebogen zu erkennen, daß viele aus der Lehre Tretende den Anforderungen eines Kaufmannsgehilfen auf Grund ihrer Gesamtausbildung nicht gerecht werden können.
Die Denkweise und Wirtschaftsgestaltung in Der Zeit Des Liberalismus hat Die Ausbildung unseres Berufsnachwuchses oft in Bahnen gedrängt, die meist zu einseitigem Spezialistentum führte. Das nationalsozialistische Deutschland fordert im Interesse von Staat und Wirtschaft eine Lehrlingserziehung auf breiter und sicherer Grundlage Der manuellen Fertigkeiten und Fähigkeiten und des beruflich-fachlichen Wissens und Könnens, Die eine Erziehung des jungen Berufstätigen zum leistungsfähigen und leistungswilligen Volksgenossen ermöglicht. Es geht deshalb auch in der Kaufmannsgehilfen-Prüfung nicht darum, etwa Spitzenleistungen feststellen zu'wollen.
Reichsmiillerdienst im Deutschen Irauenwerk.
Erfahrungen aus derKaufmannsgehilsen-prüsung
23on Kreis-Berufswalter der OAF., Dipl.-Kfm. Wilh. Wertes, Gießen.
MIMn WM«.
Roman von H. von Hellermann.
Copyright 1936 by Aufwärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.
9. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sein Angebot blieb erfolglos bis auf eine Ausnahme.
3m Flur der zweiten Halbetage wurde gesungen. Ein blondes Mädchen öffnete, nahm mit freundlichem Gruß die Karten entgegen. Ein Ausruf des Entzückens: „Aber die sind ja reizend! Wieviel, sagten Sie? Handgemalt? Einen Augenblick, bitte.
Drinnen die frische junge Stimme: „Mutti, sieh mal, wir brauchen doch Karten für die Geburtstage --nur fünfundzwanzig Pfennig, doch ge
schenkt, nicht?"
Eine andere Frauenstimme, die dem Wartenden in ihrem tieferen, weicheren Klang irgendwie bekannt vorkam. Dann lachte das helle Mädchengesicht ihn wieder an. „Vier Stück, bitte — und weiter guten Erfolg!"
Wieder erhob sich Gesang hinter dem die Treppe Hinuntersteigenden. Eine kleine tröstliche Freude war in ihm und ein großes Wundern. Daß es noch solche fröhlichen Menschenkinder gab! —
Unten im Flur blieb Drau stehen, holte seine kleine Barschast hervor und zählte. Zwei Mark zehn. Mit dem Verdienst der letzten Tage etwa acht Mark. Nun konnte er endlich, endlich die nötigen Farben kaufen, weiterarbeiten, das Bild vollenden, von dem er wußte, daß es fein bestes Werk werden würde. Tiefaufatmend straffte er die Schultern. Was scherten ihn Not, was Scham und Demütigung — der Kunst dienen dürfen, war das nicht jegliches Opfer wert?
Er tat ein paar Schritte, im Begriff, das Haus zu verlassen — blieb plötzlich wie angewurzelt stehen und starrte durch die Glasscheibe der Tür hinaus. Ein eleganter, langgestreckter Sechssitzer war vorgefahren — hielt. Der Führer sprang ab, trat an den Schlag, nahm von der im Wagen sitzen
den Dame ein Paket entgegen, eine Weisung wiederholend.
Der hinter der Haustür hinausstarrende Mann hatte alles verstanden. Da der Chauffeur ihn beim Eintreten ins Haus dort stehen sehen mußte, machte er sich schnell an seiner Brieftasche zu schaffen. Aber der beachtete ihn gar nicht weiter, sondern eilte der Treppe zu, die er leichtfüßig hinaufsprang.
Die Frau im Wagen saß still da und sah vor sich hin, ganz in Gedanken versunken, Die nicht sehr fröhlich schienen, denn tiefer Ernst lag auf dem schönen Gesicht, das der Mann nun von seinem versteckten Winkel aus in Muße betrachten konnte. Wundervoll edel geschnitten waren die feinen Frauenzüge, reifer und weicher, als er sie in Erinnerung gehabt. Wieder lag Der schwermütige Hauch wie ein Schleier Darüber, verhaltene Trauer um Dem Mund, dessen berückende Süße zu Lachen und Küssen bestimmt schien. Das Kinn war fest, die Stirn trat offen und klar unter dem kleinen Hut hervor. Alles aber überstrahlten die Augen, jene tiefblauen Augen, die er seit jenem Silvesterabend nicht hatte vergessen können.
Schöner, bedeutender war diese holde Frauenerscheinung, als er sie auf dem Bild festgehalten. Gottlob, daß er Geld hatte! „Gesegnet sei jede spendende Hand," dachte er, seinen kleinen Schatz in der Tasche befühlend, ohne den Blick abzuwen- den, „nun kann ich sofort das Fehlende hinzu- fügen —"
. üben ein Helle Mädchenstimme. War es nicht dieselbe, die ihn vorhin so freundlich begrüßt? Da kam der Wagenführer schon wieder die Treppe hinuntergeeilt. Schnell entschlossen trat Drau auf Die Straße, knöpfte seinen Mantel zu, sah Dabei wie zufällig in Den haltenden Wagen. Für Sekunden- lange traf sich beider Blick. Beugte sich das blonde, von edlem Pelzwerk eingerahmte Frauenhaupt nicht ein wenig vor? — Der Chauffeur trat an den Schlag, Drau ging langsam weiter.
Gleich darauf rollte der Wagen leise an ihm vor- !>t.Crr: -uCr diesmal sah seine Insassin geradeaus. Ob sie ihn wohl erkannt hatte? —
_ „ . 11. Kapitel.
Es klopfte.
??nr? versunken in Schaffensseligkeit, horte es nicht. Erst als zum dritten Mal gegen Die Tür gedonnert wurde, erwachte er zur Wirklichkeit.
Deutlich genug stand sie vor ihm in Gestalt seiner Wirtin, die ohne weiteres eingetreten.
„Ach, Sie malen," lächelte sie, näherkommend, Den Mann im weißen, farbenbeklecksten Kittel an, der sich schon wieder seiner Arbeit Angewandt hatte. Warum kam die Frau — Das Licht war günstig wie selten, von einer gedämpften Helle, die alle Farben klar und lebendig aufleuchten lieh.
„Wollten Sie etwas, Frau Müller?" fragte er, nach einem noch feineren Pinsel auf dem Holztisch suchend.
Es schien, daß Frau Alma allerlei auf dem Herzen hatte. Eine ganze Weile plätscherte ihr Redestrom munter dahin, auf dem einzelne Worte wie „Bruder — Theater-Billets —" wie dicke Brocken obenauf schwammen.
„Ja," sagte Drau aufs Geratewohl, als eine unumgänglich nötig gewordene Atempause eintrat, denn ihm war, als sei er etwas gefragt worden.
,„So is recht, das is fein," freute sich die Dicke. „Aber werden Sie auch pünktlich fein? Sie wissen doch nie die Zeit!"
in," erwiderte Drau verträumt und betrachtete ten Blicks sein Werk auf der Staffelei. Nun 5 vollendet. Nur eine hauchfeine Verstärkung d -oldschimmers auf den Schläfenhaaren, und da ein leichtes Mildern des Lichtreflexes auf dem Pelz--
Frau Alma lachte.
„Wenn man dieses Lachen malen konnte, so würde es aus lauter Fettflecken bestehen," dachte Drau. Und mußte beim Gedanken lächeln — was Frau Alma auf ihre letzte Bemerkung bezog.
Sie trat noch näher, so nahe, daß Drau die Wärme ihres Körpers spürte, betrachtete Das Bild und schnalzte mit der Zungenspitze. „Herrlich is das geworden, aber ganz prima," lobte sie, die Hände über den Leib gefaltet, der nirgends anfing und nirgends aufhörte, „wie Sie Das so aus’m Kopfe bringen —!" Die kleinen Augen blinzelten zu ihm empor, listig neugierig, mit einem Schuß von Mißtrauen. „Phantasie" hatte er auf Befragen erklärt. Na ja, hier war noch nie ein MoDell gewesen. Aber ob er am Ende auswärts —? So ein schöner Mann--Sie seufzte zärtlich. Der war anders
als Die anderen, denen schon ihr Herz gehört. Bloß ein bissel zu ernst! Den mußte man aufmuntern, daß er endlich mal merkte, auf welcher Seite sein
Brot gebuttert war! So ein luftiger Schwank wie heute abend loste Zunge und Herz.
„Das wird Ihnen schon gefallen," sagte sie aus ihren Gedanken heraus, „wir haben feine Plätze. Der Herr, wo sie meinem Bruder gegeben hat, das ist nämlich Der Held. Was Der wohl verdient in der Woche? Wer Das hätte, was?"
„,3a, ja," tagte Drau, Da es offenbar von ihm erwartet wurde. Noch eine Idee Gold ...
„Ci Gott, hoffentlich is mein Kohl nich angebrannte! Wenn ich große Wäsche hab, koche 'ich immer Rindfleisch mit Kohl, da nützt man das Feuer aus. Ihre Oberhemden hab ich gleich mitge- waschen. Aber die sehen bös aus. Sie, Da müssen große Flicken rein. $)aben Sie schon gehört. Daß die Emma — was die Tochter vom Dienstmann Abel ist — von ihrem Bräutigam sitzengelassen wurde? Na ja, wenn eine immer in Seide und Pelz herumlaufen will, da weiß ein Mann Bescheid, da steckt nichts Solides hinter, nich?"---
Dem schweigend Arbeitenden war es, als ob mit Der unaufhörlich schwatzenDen Frau eine erstickende Wolke von Küstendunst und Wäschedampf ins Zimmer gedrungen war. Das soeben noch von taulicher Stille, von hehrem Schöpfungswunder erfüllt gewesen. Nun machte Der Alltag sich breit. Wich Die holde Erscheinung auf der Leinwand nicht ängstlich und abweisend vor ihm lurücf, verloren die Farben nicht den leuchtenden (yranj, der eben noch sein Herz entzückt?
Wann ging das Weib endlich? Die grelle Stimme stach weiter in sein Ohr. „Wenn sie noch ein Wort sagt, erwürge ich sie," dachte Drau in Dumps auf- steigendem Grimm. Unerträglich war das Gewäsch. Seine Hand krampfte sich um Die Palette.
„Also, um sieben gehen wir los," plapperte es weiter, „ich ziehe Das neue blaue an, muß mich doch feinmachen für Sie, was?!" Ein fteundschaft- licher Puff in die Seite. Seine Hand, ohnehin unsicher geworden, rutschte aus — aus einem haarfeinen Strich wurde ein breiter Goldstreifen, Der lief quer über Den ganzen Hintergrund.
„Na sowas," sagte die Dicke ganz gemütlich — und verstummte vor dem flammenden Zorn in des Mannes Augen, der mit fahlem Gesicht herumgefahren war und mit der Hand nach Der Tür wies — „Raus!"
(Fortsetzung folgt!)


