Der Reichspräsident zum KirchenkonM.
Das ^eichsoberhaupt bittet alles zu tun, um in Verhandlungen mit den Beteiligten den Kirchenfrieden wiederherzustellen.
Ein (Schreiben an den Reichskanzler.
Berlin, 30. Ium. (1DXB.) Reichspräfi- denk o. Hindenburg Hal an Reichskan;- l e r h i l l e r in der Frage der Auseinandersetzungen in der evangelischen Kirche folgendes Schreiben ge- richtet.-
Sehr verehrter Herr Reichskanzler!
Die Auseinandersetzungen in der Evangelischen Kirche und die Gegensätze, die zwischen der preußi- schen Staatsregierung und der Leitung der preutzi- schen Evangelischen Landeskirchen entstanden sind, erfüllen mich als evangelischen Lhri- sten wie als Oberhaupt des Reiches mit st ä r k st e r Sorge. Zahlreiche an mich gerichtete Telegramme und Zuschriften bestätigen mir, daß die deutschen evangelischen Christen durch diese Auseinandersetzungen und durch die Sorge um die innere Freiheit der Kirche aufs lief st e bewegt sind. Aus einer Fortdauer oder gar einer Verschärfung dieses Zustandes mutz schwerster Schaden für Volk und Vaterland erwachsen, und die nationale Einheit leiden. Vor Gott und meinem Gewissen fühle ich mich daher verpflichtet, alles zu tun, um solchen Schaden abzu- wenden.
Aus meiner gestrigen Besprechung dieser Fragen mit Ihnen weitz ich, datz Sie, Herr Reichskanzler, diesen Sorgen voll st es Verständnis entgegenbringen und bereit sind, auch Ihrerseits zur Ueberbrückung der Gegensätze mitzuhelfen. Deshalb habe ich die Zuversicht, datz es Ihrer staatsmännischen Weitsicht gelingen wird, durch Verhandlungen sowohl mit den Vertretern der beiden in Widerstreit befindlichen Richtun- gen der evangelischen Kirche als auch mit den Vertretern der preußischen Landeskirchen und den Organen der preuhi- schen Regierung den Frieden in der evangelischen Kirche wiederherzustel- l e n und auf dieser Grundlage die angeskrebte Einigung der verschiedenen Landeskirchen herbeizuführen.
Mit freundlichen Grützen bin ich
Ihr ergebener
(gez.) von Hindenburg.
Reichskanzler Hitler hat den Reichsminister des Innern Dr. Frick bereits beauftragt, Verhandlungen im Sinne des vorstehen- den Schreibens des Herrn Reichspräsidenten einzuleiten.
Der Reuambau der Kirche kann beginnen.
Berlin, 30. Juni. (TU.) Der R e i ch s m i nist e r d e s I n n e r n hat unter dem 30. Juni an den Wehrkreispfarrer Müller folgendes Schreiben gerichtet:
„Sehr geehrter Herr Wehrkreispfarrer! Nachdem mich der Herr Reichskanzler mit der weiteren Behandlung der evangelischen kirchlichen Einigungsbestrebungen betraut hat und Sie mir über den derzeitigen Stand der Verhandlungen Bericht erstattet haben, ersehe ich aus diesem Ihren Bericht, daß das Einigungswerk bei treuer Mitarbeit der Be- teiligten b a l d i g ft fein Ziel erreichen wird.
Ich wünsche Ihnen für das unter Ihrer Führung stehende Werk und für die erste Sitzung des Ausschusses für die Schaffung einer neuen Verfassung 6er deutschen evangelischen Kirche vollen Erfolg und Gottes Segen. Ich habe das Vertrauen, daß Sie als Bevollmächtigter des Herrn Reichskanzlers das große Werk für Kirche und Volk b a l d z u einem guten Abschluß führen werden."
Ein Ausruf
-es Wehrkreispfarrers Müller
Berlin, 1. Inli. (TU. Mehrkreispfarrer 211 ü l- l e r veröffentlicht folgenden Aufruf:
„Die Rot in Kirche und Volk ist so groß geworden, datz ich aus der Verantwortung meines Auftrages die Führung des deutschen evangelischen Kirchenbundes übernommen habe. Pflicht und Aufgabe ist mir, die Einigkeit und Freiheit der evangelischen Kirche so schnell wie möglich wiederherzu- hellen. Ich bitte alle evangelischen Christen um ihre Fürbitte. Alle Berufenen, insbesondere d i e Führer der Kirchen, bitte ich um ihre Mitarbeit. Unser Herr und Heiland verlangt von uns, datz wir in Liebe und vertrauen den Reubau der Kirche ausführcn. Die Verfassung der beutf<cn evangelischen Kirche soll und muh jetzt i<n kürze st ec Frist aufgerichtet sein. Dann soll das Kirchenvolk sein 3a sprechen, und ich kann zum Führer gehen und ihm sagen, daß die deutsche evangelische Kirche bereit ist zum Dienst an Volk und Vaterland in Gehorsam gegen das Evangelium. So erreichen wir, was wir alle ersehnen, wie es der Ruf der Stunde von uns verlangt. Gott helfe uns allen."
Der Obertirchemat an die beurlauben Geueraisuperintendeuten
Die Geistlichen werden ihrer Pflichten gegenüber den beurlaubten Obern entbunden.
Berlin, 30.3uni. (Sil.) Der kommissarische Präsident des evangelischen Obevkirchenrates hat an die beurlaubten G e n e r a l s u p e r - intendenten der Altpreußischen Landeskirche folgendes Schreiben gerichtet:
„ilm Zweifel zu beheben und Gewissensbedenken zu zerstreuen, erläutern wir den Begriff der „Beurlaubung" vom Amte dahin, daß die davon Betroffenen auch der in Artikel 100 ff. der Berfassungsurkunde genannten Pflichten entbunden sind, sonderlich auch der Aufgabe „Angriffe gegen die Kirche abzuwehren". Der Schritt des Herrn Staats- kommisfars und die Tätigkeit seiner Beauftragten bedeuten nach allen von ihnen abgegebenen Erklärungen keinesfalls einen „Angriff" in diesem Sinne. Persönliche psarramtliche Amtshandlungen bleiben natürlich jederzeit freigestellt."
Gleichzeitig hat der evangelische Oberkirchenrat an die G e i st l i ch e n der Altpreußischen Landeskirche folgendes Schreiben gerichtet: „Unter Mitteilung der beigefügten Erläuterungen an die Herren beurlaubten Generalsuperintendenten über eine Befreiung von den Amtspflichten des Artikels 100 ff. der Berfassungsurkunde entbinden wir auch die ihnen bisher unterstellten Herren G e i st l i ch e n von der Beobachtung ihrer auf dem angezogenen Artikel beruhenden Gehorsamspflichten gegen die bisherigen kirchlichen Oberen."
Die wahren Schuldigen an den Wiener Bombenatteniaien.
Feststellungen des nationalsozialistischen „Kampfruf".
Wühlereien der „Schwarzen Front" und der Kommunisten unter Leitung Moskaus
Wien, 30. Juni. (WTB.) Unter dem Titel „Bombenattei.täter keine Rationa sozialisten" weist der „K a m p f r u f" darauf hin, daß, solange die RSDAP. bestand und über ihre vollen Propagandamöglichkeiten verfügte, nicht ein Attentat und nicht ein Sabotageakt vorkam. Das Blatt schreibt: Schon im Spätherbst zeigten sich- allerdings schädliche Einflüsse durch Emissäre der Schwarzen Front. Verräter und Provokateure konnten sich in den Wehrorganisationen der RSDAP., die der Befehlsgewalt der politischen Führung nach den organisatorischen Bestimmungen entzogen sind, einnisten. Schon damals begann d i e Z erseh u n g s t ä t i g k e i t insbesondere in der S S. Es mußten ganze Stürme auf« g e lö st werden. Verräter spannen damals sogar Fäden bis zur „Arbeiterzeitung" und „Roten Fahne". Damals gelang es der politischen Führung, die Wühlarbeit der Schwarzen Front lahmzulegen. Die Fesselung und Knebelung der RSDAP. ermöglichte es der Schwarzen Front, neuerdings innerhalb der Wehrformationen Fuß zu fassen und in diesen Reihen den Rationalbolschewismus zu predigen. Rachdem die Untersuchungen eindeutig ergeben haben, daß die politische Führung der RSDAP. in keinem wie immer gearteten Zusammenhang zu den Dombenattentaten gebracht werden kann, während hier eine unterirdische Front, die nicht nur den Nationalsozialismus in Oesterreich, sondern den Faschismus in ganz Europa stürzen will, an der Arbeit ist, wird es Aufgabe der Gerichte sein, diese Zusammenhänge restlos aufzudecken und diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die die wahrhaft Schuldtragenden find.
Die Feststellungen des „Kampfrufes", daß die Urheber der Anschläge der letzten Zeit in den Reihen der „Schwarzen Front" zu suchen sind, gewinnen besonderes Interesse durch Mitteilungen des Acht-Uhr-Blattes, das sich als Organ der Sozialen Katholiken bezeichnet. Das Blatt will wissen, daß vor wenigen Tagen in Prag in einer Geheimsitzung der Führerder Kommunistischen Parteien Mittel- europas unter Vorsitz des Leiters der Auslandabteilungen der GPU. beschlossen wurde, alle Kräftedes Marxismus auf den Kampf gegen d e n R a t i o n a l s o z i a l i s - mus zu konzentrieren. Wenn möglich, solle noch im Juli der Generalangriff gegen das nationalsozialistische Deutschland eröffnet werden, wofür die erforderlichen Geldmittel zur Verfügung gestellt würden. Die Kommunistische Partei Oesterreichs habe u. a. Weisungen aus Moskau erhalten, einige Terror- afte gegen nationalsozialistische Führer oder maßgebende reichsdeutsche Persönlichkeiten in Wien zu verüben. Die Attentate sollen aus denReihen derHeimwehr oder derSozialdemokratie erfolgen.
Oie nationalsozialistischen Mandate im Wiener und Salzburger Landtag annulliert.
Wien, 30.Juni. (TU.) Im Wiener Landtag wurden den Nationalsozialisten die Mandate durch Verfassungsgesetz aberkannt. Nach dem einleitenden Bericht des sozialdemokratischen Berichterstatters protestierte Gauleiter Frauenfeld gegen den verfassungswidrigen Beschluß. Der nationalsozialistische Abgeordnete Riehl erklärte, die Vorlage widerspreche der Verfassung. Der Verfassungsgerichtshof müsse einen 'derartigen Beschluß aufheben. Die Vorlage wurde mit den
Stimmen der Sozialdemokraten und der Christlich- Sozialen genau so wie im Niederöstereichischen Landtag mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit genehmigt. Schon vor Beginn der Beratungen war das ganze Rathausviertel von Polizei zu Fuß, verstärkt durch Berittene abge- sperrt worden. Der Kordon wurde von Menschenmassen umlagert, die wiederholt in den Ruf Heil Hitler ausbrachen.
Auch der Salzburger Landtag beschloß einen Gesetzentwurf, wonach die Ausübung der Mandate der Nationalsozialisten in den Vertretungskörpern bei Behörden und sonstigen Körperschaften im Lande Salzburg unterbrochen wird. Im Falle einer Aufhebung des Betätigungsoerbotes für die Nationalsozialistische Partei tritt auch das Gesetz über die Unterbrechung der Mandatsausübung automatisch außer Kraft. Die nationalsozialistischen Abgeordneten erhoben gegen das Gesetz Protest und lehnten jede Verbindung mit den jüngsten Anschlägen ab.
Zeichnet Gpendenscheme für die Arbeitsbeschaffung. Eine Aufforderung des Industrie- und
Handelslagers.
Berlin, 30. Juni. (WTB.) Der Deutsche Industrie- und Handelstag nimmt Veranlassung, erneut auf die große volkswirtschaftliche Bedeutung der Bestimmungen des Gesetzes zur Verminderung der Arbeitslosigkeit über die Ersatzbeschaffungen hinzuweisen, die geeignet find, Produktionsausweitung und Arbeitsbeschaffung wesentlich zu unterstützen. Demselben Ziel dient die Zeichnung von Sp.endenscheinen zur Förderung der nationalen Arbeit. Der Deutsche Industrie- und Handelstag ist mit der Regierung der Auffassung, daß es Pflicht eines jeden Deutschen und einer jeden deutschen Firma ist, Spendenscheine in möglichst großem Umfange zu zeichnen, um auch von dieser Seite her das große Werk zur Verminderung der Arbeitslosigkeit, das die Reichsregierung durch das Gesetz vom 1. Juni 1933 entschlossen eingeleitet hat, zu fördern und zum Erfolge zu führen.
Weitere Oarlehnsbewittigungen im Nahmen des Sofortprogramms.
Berlin, 30. Juni. (WTB.) Das Reichskommiß fariat für Arbeitsbeschaffung teilt mit, daß die Dar« lehnsbewilligungen im Rahmen des Sofortprogramms weitere rasche Fortschritte machen. So sind in der laufenden Woche vom Kreditausschuß der Deutschen Rentenbank-Kreditanstalt abermals zahlreiche Darlehnsanträge im Gesamtbeträge von etwa fünf Mil- Honen Mark genehmigt worden.
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Der Führer der Deutschen Arbeitsfront hat, veranlaßt durch verschiedene Vorkommnisse, noch einmal angeordnet, daß Eingriffe jedweder Art in finanzieller oder organisatorischer Hinsicht gegen die Angestelltenverbände nur oorgenommen werden dürfen, wenn der Führer der Angestellten, Pg. F o r st e r, Gauleiter von Danzig, seine ausdrückliche Genehmigung dazu erteilt hat. Jedet Zuwiderhandlung gegen diese Anordnung wird auf das schärfste entgegengetreten.
Verantwortlich für Lokales, Provinz, Wirtschaft und Sport: I. V.: H. L. N e u n e r.
Peter im Baumgarten.
Von Hans Brandenburg.
Peter im Baumgarten starb im Alter von acht- undzwanzig Jahren. Goethe, der bis zu diesem «ruhen Tode für ihn sorgte, empfing die Nachricht im Arbeitszimmer seines Stadthauses. Es war der Goethe des ersten Jahrzehnts nach der italienischen Reise, der steife Goethe, der immer eine Maske trug, oder der „gemeine", der „gesunkene", der „entsetzliche dicke" Goethe, wie die Oberstallmeiste- rin von Stein ihn nannte, seit er Christiane
u u s als Hausfrau bei sich hatte und ihm ihre Küche zu gut anschlug. Er war als Dichter ver- geffen und ganz in die Natur vergraben: in die Botanik, Anatomie, Farbenlehre. Schiller war soeben bei ihm zu Besuch, zu I ff l a n d s großem Weimarer Gastspiel für einige Wochen von Jena herubergekommen, Schiller wohnte bei ihm, mit ihm sprach er den „Wilhelm Meister" durch, den noch immer nicht vollendeten, mit ihm ging er Abend für Abend ins Theater — es war keine Zeit, Gefühlen und Vergangenheiten nachzuhängen. Und doch versetzte ihn die Todesbotschaft um eine lange Zeit zurück.
Damals, vor zwanzig Jahren, siegelte er seine Briese mit dem Spruch „Alles um Liebe" und schenkte das gleiche Petschaft seiner Freundin Charlotte von Stein. Sie forderte die rechte Liebe, die immer die gleiche bleibt, auch wenn man Entsagung verlangt. Denn diese Geliebte war eine halbe Heilige, und eine halbe Heilige war seine Schwester Cornelia, die fast wie durch die Berührung ihres Gatten gestorben war, eine halbe Heilige war die Herzogin Luise, die keine Liebesfreuden in ihrer Ehe empfand, eine halbe Heilige war selbst die schöne Schauspielerin Corona Schröter die unnahbar blieb, um nicht unter die Komödmntinnen zu sinken. Sie hatten auch ihn auf den Weg zum Heiligen gebracht, sogar die hübschen „Misel" wurden ihm schließlich verleidet — ihm blieben nur die Kinder ...Er war der geliebte Onkel bei Wielands und Herders, bei den lieben Affen und Grasaffen und Meerkatzen der Steins, bei den „durchlauchtigsten Grasäffchen" des Fürstenpaares er lockte als Rattenfänger die Kinderscharen in seinen Garten und in die Auen der Ilm zu Tänzen und Feuerwerken, zu Festen, bei denen seine Diener zu beweglichen Pyramiden aus Leckereien wer- den mußten, zum Schwimmen und Reiten, Bogenschießen, Dogelstellen und Theaterspielen, Stelzen- und Schlittschuhlaufen, Pfannkuchenbacken und Ostereiersuchen. Aber er war auch Berater und Erzieher, uns der Aelteste seiner Geliebten ward sein Pflege- I sohn: Fritz, der Helle Cherub. Und eines Tages I
stand Peter im Baumgarten an seiner Gartentür, ein zwölfjähriger, dunkellockiger Schweizer Hirtenbub mit einer Tabakspfeife im Munde und einem schwarzen Spitz an der Ferse.
Goethe, den man herbeiholte, da sich der Einlaß Begehrende nicht abweisen lassen wollte, wußte Bescheid. Und er dachte einen Augenblick an den harfespielenden Knaben, den er einmal von Mainz ins Frankfurter Elternhaus heimbrachte. Dieser neue Halbwilde war als ausgesetzter Säugling in einem Baumgarten des Berner Oberlandes gefunden worden, wo er sich der Ziegeneuter über seinem Köpfchen bemächtigt hatte, und hieß für immer nach jenem Baumgarten. „Du hast meinem Freunde, dem Baron von Lindau in den Bergen, wo er sich verflieg, das Leben gerettet?" fragte Goethe. „Ja, freilich!" kam die Antwort. „Du weißt, daß dein Herr unterbeffen als hessischer Offizier in Amerika fiel?" „Ja, freilich!" „Man hat dich im Philan- thropinum zu Graubünden, wohin er dich gab, nicht behalten? Warum nicht?" „Ich war zu bös." „Man hat dich zu mir geschickt?" „Ja, freilich", erwiderte Peter und rief, da sie zu Hause waren, seinem Hänsli.
„Der Junge ist nun mein", schrieb Goethe an Lavater in die Schweiz. Aber Peter malte im Gartenhause die Büste Laoaters mit schwarzer Tinte an, nur Augen und Schnauz weiß lassend, trieb auch sonst tolle Possen, war schmutzig und brachte die Diener und die Köchin zur Verzweiflung. Für die Dauer einer Reise gab sein Beschützer ihn nach Kochberg zu Frau von Stein, ihren Kindern und ihrem Hauslehrer. Dort hielt der kleine Schwyzer Senn im Salon mit der Tabakspfeife seinen Einzug und legte sich im Schlafzimmer mit seinem Hänsli und dessen Flöhen zu dem gleichaltrigen Karl ins Bett. Später erlernte er bei einem Wild- meister in Ilmenau das Jägerhandwerk, was ihm besser anließ als Französisch und Zeichnen, obwohl er zum Zeichnen ein recht artiges Talent besaß.
Goethe lächelte, in Erinnerung versunken. „Seine unerwartetsten Geschenke, seine Naturwesen gab der Himmel an meiner Gartentür ab", dachte er. „An der Gartentür stand eines Morgens als Bittstellerin ja auch Christiane, das bräunliche Mädchen ..."
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Während er so träumte, saß Charlotte von Stein, die gealterte Frau, mit der jungen Frau Schiller vor ihrer Haustür zwischen den Kübeln ihrer Orangenbäumchen. Sie klagte der geliebten 2olo, die für die Dauer von I f f l a n d s Gastvorstellungen mit ihrem Karlchen bei ihr logierte, über Den längst entfremdeten Freund, über seine kalte Höflichkeit^ wenn sie sich trafen, was nur in Gesell- schaft geschah, über das „Kreatürchen", das ihn so heruntergebracht habe, und hatte sie seine alten
Liebesbriefe lesen lassen. Jetzt kümmerte er sich nicht einmal mehr um seinen Pflegesohn Fritz auf der fernen Universität.
Plötzlich erbleichte sie und runzelte die Stirn. Denn Karlchen Schiller kam und brachte Augustchen mit, den Sohn der Vulpius. Aber als der Spröß- ling jener „Person" die fremde Tante mit den Jugendaugen des Vaters anlachte, griff diese dreimal in ihren Beutel, holte dreimal eine Süßigkeit hervor, und bei jeder der drei Gaben sagte der Knirps artig: „Ich bedanke mich", bei der zweiteti fügte er noch hinzu: „Alle Wetter!" und die dritte küßte er. So hatte auch der Vater ein Geschenk an die Lippen geführt.
Dann stürmte Augustchen mit einmal alleine davon. „Er sieht traurig und vernachlässigt aus", sprach Frau von Stein ihm nach, „er gleicht übrigens — ihr. Und er roch, bei Gott, nach Wein. Nun, bei solcher Mutter!" Lotte Schiller lächelte: „Schiller las mir heute morgen aus der Handschrift des Wilhelm Meister: drin stand: ,Die Eigenheit haben wir Weiber, daß wir die Kinder unserer Liebhaber recht herzlich lieben, wenn wir schon die Mütter nicht kennen oder sie von Herzen hassen". Dann nahm sie ihren Karl und ging mit ihm hinein.
Goethe daheim aber träumte weiter von Peter im Baumgarten. Kam er draußen nicht wieder durch die Stadt, hoch auf Stelzen vom Gartenhause her, alle lachenden und schreienden Gassenkinder hinter sich? Stürmt? er nicht die Treppe? Ja, es stürmte die Treppe, die Tür ging auf, und — Peter! wollte Goethe rufen oder auch Mignon! oder Felix! wie Wilhelm Meister, der Pflegevater und Vater. „August?" rief er, denn es war die kleine Natur von seinem eigenen Fleisch und Blut.
Wenige Minuten später kehrte Augustchen zu Frau von Stein zurück und führte den gemessen schreitenden geheimrätlichen Vater an der Hand. Goethe nahm Platz neben ihr, die immer noch allem unter den Orangenbäumchen auf der Bank saß. „Peter im Baumgarten ift gestorben", sagte er. Und obschon das eine Todesnachricht war — die alte Dame lächelte in der Gemeinschaft der Erinnerung. „Augustchen lebt", flüsterte sie. „Sie müssen» meinem Herzen eigentlich sehr natürlich finden, daß ich das Kind lieb habe". „Wie geht es meinem Sohn Fritz?" fragte Goethe dagegen. „Er wünscht von seinen Büchern nach Breslau geschickt", erwiderte Charlotte v. Stein. „Ich werde sie auswählen und verpacken", sprach Goethe rasch, erhob sich und betrat kurz entschlossen das Haus der Freundin — zum ersten Male betrat er es wieder. Bedächtig ordnete und schnürte er drinnen einen Bücyer- parfen unter den Augen von Fritzens Mutter, und wie er Siegelwachs darauf getropft hatte, da kramte Augustchen ein Petschaft aus der Federschale und
drückte in die weiche Masse die Worte „Alles um Liebe".
Zeitschritten.
— Im Juliheft der „Ze i t w e n d e" (C. H. Beck, München) vergleicht E. Kalkschmidt in einem Aufsatz: „Unser Grenzkampf im Osten" Bismarcks Polenpolitik mit der heutigen polnischen Entdeutschungs- politik. Dieser Vergleich fällt gewiß nicht zugunsten Polens aus. Im Ausland wie bei der innerdeutschen Opposition — Zentrum und Sozialdemokraten — wurde Bismarcks Politik zwar seinerzeit als brutal, ungerecht verschrien, die Tatsachen und Zahlen aber, die Kalkschmidt vor dem Leser entwickelt, reden eine ganz andere Sprache. Auf nationalpolnischer Seite wurde der Abwehrcharakter der preußischen Polenpolitik gelegentlich mit erstaunlicher Offenheit anerkannt. Auch die anderen Beiträge des Juliheftes der „Zeitwende" sind beachtenswert. Von Dr. Paul Rohrbach lesen wir einen Aufsatz über die Amerikanische Jugend. Hans Joachim Moser schreibt über „Richard Wagners Bedeutung für unsere Zeit": Oskar Lang berichtet in der Umschau über Armin Knabs Liedwerk. Beachtung werden auch die aktuellen Randbemerkungen „Zum Briefwechsel Furtwaengler — Goebbels" finden.
— Die „Süddeutschen Monatshefte" machen in ihrem Iuniheft die volkspolitischen Aufgaben und Möglichkeiten in aufschlußreichster Weise der Oeffentlichkeit zugänglich. Mit zahl" reichen Belegen und Karten wird der alte Der- nichtungsplan gegen Deutschland und die La/ze der Deutschen außerhalb der Reichsgrenzen dargelegt. Schonungslos werden die Strukturfehler des Europa von 1919 in Wort und Bild auf- gedeckt. lind endlich wird am Schluß die Synthese geschaffen zwischen Raum und Volk des schwcrkranken Mitteleuropa mit einem Eintreten für eine gesamtdeutsche Geschichtsauffassung.
— Die Julinummer von W e st e r m a n n s Monatsheften ist wieder mit Abhandlungen aus dem Gebiet der Kunst in reichem Maße versehen. Wir nennen nur „Irrfahrten und Schicksale berühmter Kunstwerke" von Otto Müller, „Gedenk- und Ehrenplaketten" von Hanns Bastanier, „Alte Städte Niedersachsens" von Dr. Georg Schnath. Hermann Uhde-Bernays „Komik und Humor in Federzeich. nUn{«^"" D" Sport kommt mit dem Aufsatz von Dr. Max Ostrop „Die höchst« Trophäe im weißen Sport" zur Geltung. Don dem weiteren Inhalt des Heftes seien genannt: „Sommer hinter den Scheunen" von Inge Stramm und „Das Kind Maj" von Hans Kricheldorff, „Jugend und Musik" von Friedrich Herfeld, „Meteorologische Observatorksn" von Carl Hanns Pollog.


