Ausgabe 
9.5.1939
 
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nr. 107 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)

Dienstag, 9. Mai (939

Aus der Stadt Gießen.

Ein Morgen im Walde.

Noch hängen die letzten Schatten der Nacht über dem dunklen Walde. Nun steigt der junge Tag aus dem Dämmer herauf, lieber taunasse Gräser tastet flimmernd sich das erste Licht, hüpft von Blatt zu Blatt und malt zitternde Lichtreflexe auf die dunklen Stämme Brandrote Strahlen huschen durch das Stangenholz und setzen warme Farbentöne auf die Rinden. Sie lassen das Alte und das Neue auf­leuchten, das Lebendige und das Tote, das junge Grün und das alte Laub, das dürre Gras und die welken Reifer.

Vor Wochen schon hat der Frühling seinen Einzug in das weite Land gehalten, und wo er mit leisen Sohlen über die Fluren schritt, da erhob sich ein Blühen und Jubilieren. Stiegen auch ab und zu noch manchmal graue Wolkenballen am Himmel hoch, dann wurden sie doch bald wieder siegreich von der Sonne zur Seite geschoben. Warme, weiche Lüfte weckten im Wald den Haselbusch auf, und seine langen gelben Blütenkätzchen, dieLämmer­schwänzchen", wehen im Winde. Am eilenden Bach haben die Erlen ihre Zweige über und über mit roten Troddeln geschmückt und bringen durch ihre lebhaften Farben Abwechslung in die Landschaft. Ein Raunen und stilles Weben von werdenden, kommenden Tagen geht durch die erwachende Natur. In Blüten steht der Weidenbusch wie ein flam­mendes Jubellied des Lebens über des Winters Not und Graus. Denn aller Tod in der Natur ist Wiedergeburt, und im Sterben erscheint sichtbar die Erhöhung des Lebens.

Immer mehr nimmt die Sonne zu an Kraft, und alles drängt sich zum Lichte. Wie kriecht und krabbelt, flirrt und schwirrt, summt und brummt es, wenn die Sonne über den dunklen Ackerschollen liegt und es in der Luft von silbernen Pünktchen schimmert. Strahlend entfalten sich die gelben Sterne ;bes Löwenzahnes und des Huflattichs und stark -riechend die rosaroten Blüten des Seidelbastes. Auf- .gebrochen sind die dunklen, saftigen Knospen der 'Bäume. Aus den Wipfeln schlanker Kiefern tönt Les Täubers Liebeswerben und der Drossel Ruf. »Schon in der Vorfrühe, wenn noch die Dämmerung aibcr den dunklen Wäldern liegt, begrübt sie mit chellem Ruf den jungen werdenden Tag. Stark Duften die roten Blüten des Seidelbastes, und vom 'Winde bewegt schaukeln die weißen Kelche der ^Kuckucksblumen. In den Fichtendickungen zirpen mit Dünnen Stimmchen die 'Goldhähnchen und tönen die Lieder unserer anderen kleinen Freunde aus der Wogelwelt, die dem geheimnisvollen und ewig rätscl- Ühasten Triebe ihrer kleinen Herzen folgend aus den unendlichen Weiten afrikanischer Steppen kommend «nieder bei uns eingetroffen sind. Von Ast zu Ast lobolzt die Meise.

Vorsichtig äsend stehen einige Stücke Rehwild auf der Waldblöse. Aufgeschreckt durch zwei Eich­hörnchen, die keckernd den Stamm einer hohen Aichte in Spiralen herabrukschen, wirft der Bock sichernd auf. Aber bald beruhigt er sich wieder, Denn er weiß, daß solange der Zaunkönig noch mit hochgestelltem Schwänzchen in den Himbeer­stauden herumhüpft und das Rotkehlchen leise tik- ,eent> sein vom Morgenbad noch nasses Gefieder schüttelt, sich ihm nichts Feindliches nähert. Außer­dem sitzt noch ruhig das HähelPaar, wunderliche Laute von sich gebend, auf dem Kiefernast und läßt nch sein Gefieder von der Morgensonne durch­wärmen. Erst wenn laut und rätschend ihr Warnruf rtönt und mit klatschendem Flügelschlag die Tauben «breiten, dann scheint es an der Zeit, sich in Sicher­heit zu bringen.

Höher ist die Sonne gestiegen. Langsam hoppelt iin Hase die Waldschneise entlang. Von Zeit zu Zeit letzt er sich auf die Hinterläufe, macht ein Männchen md läßt seine langen Löffel spielen. Schimpfend liebt die Amsel, die eben noch mit viel Getöse in dürren Laub nach Schnecken und Würmer suchte, lb, denn sie hat Meister Reinecke gemerkt, wie er rmgsam und leise durch den Wald schleicht, so ge-

Hochschultvoche der Ludwigs-Llniversität Gießen.

Vorträge und Besichtigungen am ersten Tage.

Am gestrigen Montag nahm die Hochschulwoche der Ludwigs-Universität Gießen, die in den großen Rahmen der Gaukulturwoche des Gaues Hessen- Nassau eingespannt ist, ihren Anfang. Der erste Tag brachte eine Reihe von Vorträgen und Be­sichtigungen in Instituten unserer Veterinär-Kli­niken, die besonders von einer Anzahl Interessenten aus dem Kreise der Tierschutzarbeit besucht waren.

Professor Dr. Schauder

brachte im Veterinär-Anatomischen Institut vor einer stark investierten ZuhörerschaftVeteri­när-Anatomische Vorweisungen zum Tierschutz". Dabei machte er seine fesselnden Darlegungen noch besonders interessant durch Er­klärungen an Hand von Präparaten und von Modelle, wobei die Maßnahme des Tierschutzes, wie überhaupt eine liebevolles Verhalten des Men­schen gegenüber den Tieren in ihm einen warm­herzigen Fürsprecher hatten.

Nach kurzer Uebersicht über die Lehr- und For­schungsgebiete des Veterinär-Anatomischen Jnstitu-

werden, sowie Leistungssteigerung der Tiere für die Volkswirtschaft erzielt werden können.

profeffor Dr. Küst

gab seinen Hörern in der Ambulatorischen und Ge­burtshilflichen Veterinärklinik in einem fesselnden Vortrage einen umfassenden Ueberblick überD i e Bedeutung der Zuchtkrankheiten un­serer Haustier für die Volksernäh­rung". Seine Darlegungen bereicherte er durch eine Reihe von Hinweisen und Beispielen aus un- serm engsten Heimatgebiet, in dem sich die Arbeit seines Instituts zu einem bedeutenden Teile. ab­wickelt.

Die Sicherstellung der Ernährung unseres Volkes aus eigener Kraft ist eine zwingende Notwendig­keit. Die Fett- und Fleischversorgung spielt hierbei eine maßgebliche Rolle, und diese muß durch eine Vermehrung der Produktion auf allen Gebieten der Tierzucht und Verbesserung in der Haltung erreicht und gesichert werden. Die mit Erfolg immer mehr gesteigerten Leistungen auf diesen Gebieten können

durch verschiedene Momente wesentlich beeinträchtigt werden, wobei die Zuchtkrankheiten unserer Haus­tiere eine maßgebliche Rolle spielen. Diese führen bei Störungen der regelmäßigen Fortpflanzung durch Ausfall an Nachwuchs und an Milch nicht selten zu einer erheblichen Beeinträchtigung in der Fett- und Fleischversorgung. Die Bangkrankheit und die übrigen Zuchtkrankheiten haben in den letzten Jahren infolge ihrer immer wachsenden Ausbrei­tung eine außerordentlich große wirtschaftliche Be­deutung erlangt. Die direkten Verluste betragen jährlich viele Millionen, und schon seit längerer

Beiratssihung der

Industrie- und Handelskammer Gießen.

les ging der Vortragende auf das -neue deutsche Reichs-Tierschutzgesetz vorn 24.11.1933 ein, welches als Kulturfortschritt die grundlegende Aenderung brachte, daß das Recht der Tiere, um ihrer selbst willen geschützt zu werden, Anerkennung gefunden hat (Tierschutzrecht). Nicht die wesentlich verschärften Strafen dürfen von Tierquälerei und Pslichtver- gessenheit des Menschen gegenüber dem Tiere ab- schrecken, sondern es gilt, darüber hinaus als ethische Verpflichtung sich selbst und andere zum Mitgefühl mit dem Tiere, einem der höchsten sitt­lichen Werte des Volkes, zu erziehen. Dagegen wird noch oft verstoßen, nicht so sehr aus Böswilligkeit als aus Unverstand und Gleichgültigkeit. Solcher Unkenntnis, durch die häufig gegen den Tierschutz zum vorübergehenden oder gar dauernden Schaden des Tieres gefehlt wird, kann anschauliche Auf­klärung über den funktionellen Bau und die Schmerzempfindung der Tiere, im besonderen der Gebrauchstiere, zweckdienlich entgegenwirken.

An einer Reihe von Beispielen mit Vorweisungen anatomischer Präparate hauptsächlich des Bewe- gungs- und Verdauungsapparates und des Nerven­systems wurde das erwiesen und zugleich betont, daß durch üerhünftiaen Tierschutz gesundheitliche und somit auch wirtschaftliche Schäden vermieden

Nach kurzen Begrüßungsworten gedachte Präsi­dent Dipl.-Jng. Sch r o t h zunächst des verstorbenen Hauptgeschäftsführers Dr. Fröhlich. Sein Nach­folger, Syndikus Dipl.-Kfm. Klementz, behan­delte anschließend in einem eingehenden Referat den neuen Finanzplan unter Berücksichtigung der Durch­führungsverordnung vom 26. April d.J. Ausgehend vom (sinn und Zweck des Gesetzes schilderte er an­hand von praktischen Beispielen die Auswirkung der Mehreinkommensteuer, sowie Steuergutschein­ausgabe auf die Wirtschaft und die übrigen Steuer­pflichtigen. Seine Ausführungen über den Inhalt der Durchführungsverordnung ließen erkennen, daß der Gesetzgeber den berechtigten Wünschen und Be­langen aller betroffenen Steuerpflichtigen durch die Bestimmungen der Durchführungsverordnung weitgehendst Rechnung tragen will.

Nach einem eingehenden Finanzbericht des Vize­

präsidenten Niederhausen über das abgetan« jene Geschäftsjahr sprach Dipl.-Volkswirt Krauss über die kürzlich ergangene Anordnung zur Besei­tigung der Uebersetzung im Einzelhandel. Präsident Dipl.-Jng. Schroth behandelte anschließend ver­schiedene allgemein-wirtschaftliche Fragen und wies in feinen Ausführungen besonders darauf hin, daß die gesamte Kammerarbeit auf eine möglichst lebens­nahe Verbindung mit allen Firmen ausgerichtet sein muß und daß zur Verwirklichung dieses Zieles neben Vortragsveranstaltungen auch auswärtige Sprechstunden in aller Kürze eingerichtet werden.

Nach Bekanntgabe einiger geschäftlicher Mittei­lungen durch den Hauptgeschäftsführer wurde im Verlaufe einer allgemeinen Aussprache die Frage des Arbeitseinsatzes, wie überhaupt die Lage auf dem Arbeitsmarkt lebhaft erörtert.

räufchlos, daß er an keinem Blatte rührt und keinen Halm knickt. Lebhaft gehen die bernsteinfarbenen Seher umher, unruhig spielen die Gehöre nach der Dickung, und sichernd prüft die lange spitze Nase den eben aufkommenden Wind. Etwas scheint ihm heute nicht geheuer zu sein, denn leise, wie er ge­kommen, schnürt er wieder zurück, um erneut Witte­rung zu nehmen. Dann scheint auf einmal etwas besonderes feine1 Aufmerksamkeit zu erregen. Unver­wandt mit triefenden Lefzen schaut er nach jiiner kleinen sonnigen Erhöhung im Walde. Seine Seher funkeln, aufgeregt zuckt die buschige Lunte hin und her. Leise drückt er sich zwischen Dorngebüsch und Farngestrüpp hindurch, macht sich ganz klein, schiebt vorsichtig einen Lauf nach dem andern vor und setzt zum Sprunge an, denn dicht vor ihm, an einem Ameisenhaufen, spaziert gemächlich ein Fasanenhahn hin und her und scharrt nach Käsern und Würmer. Da huscht etwas Rotes durch die Luft, und schon hat der Fuchs den Hahn am Kragen. Mit heiserem Schreckenslaut und heftig mit den Flügeln schlagend sucht der Hahn zu entkommen, aber fest und sicher hat der alte Räuber zugepackt, und bald ist der ungleiche Kampf entschieden.

Heller ist es inzwischen geworden, hoher strömt

strahlende Frühlingssonne/Sonnenflut keuchtet, ver­schwunden sind die brennendroten Lichter auf den Stämmen der Bäume und mit ihnen die Pracht des aufglutenden Tages. O. M,

Vornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Gaukulturwoche: Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr Der Alte geht um"; 10 bis 13 Uhr und 15.bis 18 Uhr im Oberhessischen Museum (Altes Schloß) SonderausstellungDas Haus- und Dorfbuch". Gloria-Palast, Seltersweg:Stimme aus dem Aether". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Spaß­vögel".

UraufführungDer Alle gehl um im Gießener Sladllheater.

Im Rahmen der Gaukulturwoche Hessen-Nassau 1939 findet heute abend im Stadttheater Gießen die UraufführungDer Alte geht um", Volksschauspiel in fünf Akten von Karl Ruckelshausen, in Anwesen­heit des Verfassers statt. Es ist dies das erste Werk des Gießener Autors, das auf unserer Bühne zur Uraufführung gelangt, und das unsere oberhessische Heimat als Schauplatz hat. Spielleitung Hans Geiß-1

(er. Bühnenbild Karl Löffler. Die Trachten wurden von dem oberhessischen Heimatdichter Georg Heß, Leihgestern, zur Verfügung gestellt. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 31. Vorstellung der Dienstag- Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

Gießener Hochschulwoche.

Am heutigen Dienstag, 9. Mai, sind folgende Veranstaltungen vorgesehen:

Vorträge und Besichtigungen: 16.15 bis 18 Uhr (Prof. Brüggemann) Heilstätte Seltersberg, Körner­straße 8; 16.15 bis 18 Uhr (Prof. Gerthsen) Phy­sikalisches Institut, Stephanstraße 24; 20.15 bis 21 Uhr (Prof, von Jaschke) Frauenklinik, Klinik­straße 32; 20.15 bis 21 Uhr (Prof. Weitz) Chemi­sches Institut, Ludwigstraße 21; 21.15 bis 22 Uhr (Prof. Feulgen) Physiologisches Institut, Friedrich­straße 24; 21.15 bis 22 Uhr (Prof. Rudolph) Kunst­wissenschaftliches Institut, Ludwigstraße 34; 21.15 bis 22 Uhr (Prof. Weitz) Chemisches Institut, Lud­wigstraße 21.

Zu sämtlichen Vorträgen und Besichtigungen ist die gesamte Bevölkerung eingeladen. Der Eintritt ist kostenfrei.

Mit dem Gongschlag...

(Line Geschichte von Peter Mattheus.

Wie andere Leute Briefmarken sammeln, so sam­melte Mr. Cormick Berühmtheiten. Nicht etwa die I nterschriften von Berühmtheiten, sondern die Be- lühmtheiten selbst. Er war so reich, daß er sich das 1 iften konnte.

(Er bewohnte ein prächtiges Haus, eine knappe Autostunde von Neuyork entfernt. Das Haus lag in einem großen Garten. Die Besitzung enthielt alles, v'as zur Besitzung eines reichen Mannes gehört, liuch ein Schwimmbassin. Es war ein sehr schönes Schwimmbassin. Ganz und gar gekachelt. Es lag unmittelbar bar unter der Südterrasse des Hauses, cuf der einen Seite beschattet von hohen Bäumen.

Hierher, in dieses Haus, lud Mr. Cormick alle Leute, die sich in der Welt einen Namen gemacht bitten und irgendwann einmal nach Neuyork innen. Ganz egal, ob es sich um Professoren, Gei- qir, Fußballcracks oder Fallschirmabspringer han- dllte. Er pflegte sie mit einem märchenhaften Auto a,'zuholen und mit ihnen auf der Terrasse oder in dir Bibliothek zu frühstücken. Je nach der Jahres­zeit. In einem mehr oder weniger geeigneten tugenblicf tauchte dann der Sekretär mit einem Fotoapparat auf und machte drei Aufnahmen von jfe.r. Cormick und seinem derzeitigen illustren Gast. Iiie beste dieser Aufnahmen wurde ausgewählt, rrnnberte in ein Album und wurde beschriftet, re­gistriert und katalogisiert. In ganz ernsten Fällen lild bei entsprechender Berühmtheit des Opfers ent- i jÄloß sich Mr. Cormick auch zu eigenen Reisen, kmschließlich Sekretär und Photoapparat.

Siebzehn dickleibige Folianten, angefüllt mit Mdern berühmter Leute sämtlich im Gespräch mit Di. Cormick, ruhten in einem feuersicheren Panzer- xjiank und bildeten den Stolz ihres Besitzers. Mr. Eirmicf war sehr glücklich.

Dann geschah die Sache mit Teddy Burns.

Teddy Burns stammte aus den Wäldern Kanadas ie galt als der kommende Mann des Boxrings, k hatte bereits eine hübsche Zahl von Kämpfen ü iter sich, aus denen er ausnahmslos als Sieger jeroorgegangen war. Manche Leute tippten groß ii f ihn. Mr. Cormick lud ihn ein.

Ts war ein sehr heißer Sommertag, als Teddy 5 irns erschien. Er war ein netter junger Mann, HI und bescheiden, mit breiten Schultern, sonst £?r schlank. Seine Fäuste sahen gar nicht so ge- itiirlid) aus. Mr. Cormick, der diesmal den Besuch ji.Haus erwartet hatte, empfing ihn in Anbetracht

der herrschenden Hitze in einer kurzen blauen Schwimmhose und schlug vor, rasch vor dem ge­meinsamen Frühstück noch ein erfrischendes Bad zu nehmen. Teddy Burns kam dieser Aufforderung gerne nach. Eine Weile plätscherten beide in dem kristallklaren Wasser umher. Dann ließen sie sich in zwei Liegestühlen am Rande des Bassins nieder und begannen ein Gespräch. Und dabei geschah es, daß Teddy Burns einschlief.

Möglicherweise lag es an Mr. Cormicks Unter­haltung. Möglicherweise war es auch die Sonnen­glut des Tages. Möglicherweise aber war auch die Tatsache schuld, daß Teddy Burns gerade einen Kampf hinter sich hatte und etwas ruhebedürftig war. Kurzum, er nickte ein und schlief etwa zehn Minuten lang durchaus fest. Unterdessen hatte der Diener den Frühstückstisch auf der Terrasse gerich­tet und trat mit einem Gong in der Hand an die Brüstung. Mr. Cormick, der seinen Liegestuhl ver­lassen und sich am Rande des Bassins die Füße gekühlt hatte, erhob sich und betrachtete lächelnd den Schläfer.

Wummmmmm...

Der Gongschlag dröhnte von der Terrasse herab. Teddy Burns taumelte schlaftrunken von seinem Sitz empor. Den Klang im Ohr, gewohnt aus vielen Kämpfen, starrte er blinzelnd vor sich hin. In gleichem Maß benommen von der Hitze und dem Schlaf, sah er zehn Schritt von sich entfernt einen Mann in einer kurzen Hose stehen. Das genügte. Mit vorbildlicher Beinarbeit, die Arme angewinkelt, stürzte er auf den vermeintlichen Gegner los und landete einen kurzen, trockenen Rechten. Worauf Mr. Cormick mit sehr ungraziösem Schwung rück­wärts ins Bassin fiel und das Wasser hoch auf- spritzte.

Teddy Burns Erstaunen war dreifach. Einmal, weil sein Gegner so blitzartig geschwind verschwun­den mar. Zweitens, weil er bei näherem Hinsehen keinen Ring entdecken konnte nicht eine Spur von Seilen. Und drittens, weil der Diener auf der Terrasse mit dem Gong in der Hand völlig erstarrt stand und stumm herunterblickte.

Dann kam Teddy Burns mit einem Schlag die Lage zum Bewußtsein. Tief unglücklich ging er mit einem Kopfsprung in das Becken und half dem hef­tig plätschernden Mr. Cormick, Worte der Entschul­digung murmelnd, auf die Leiter.

Mr. Cormick sammelt immer noch. Aber mit Ein­schränkung. Sportgrößen der schwerkalibrigen Art sind bei ihm gestrichen und kommen nicht mehr in die Sammlung. Grundsätzlich.

Und von noch einer Aenderung ist zu berichten: der Gong ist abgeschafft. Mr. Cormick duldet kein

derartiges Instrument mehr im Haus. Immer, wenn ein Mahl bereitet ist, tritt der Diener vor und sagt sonor, ruhig und voll Würde:Es ist angerichtet!"

(Stimme aus dem Aether."

Gloria-Palast.

Die Frage nach dem filmgerechten Stoff umschließt wohl noch immer das brennendste Problem unserer Filmproduttion. Es ist in letzter Zeit verschiedent­lich der Vorschlag gemacht' worden, den Rundfunk in den Themenkreis künstlerischer Filmgestaltung einzubeziehen: hier ist ein Versuch, abseits von den oft beschrittenen Wegen Neuland zu gewinnen; hier ist ein Film aus der Welt des Funks. Es ist keine Frage, daß mit der Stellung des Themas zugleich ein neues Problem auftaucht, das gleiche, das sich meistens auch bei einer anderen, aber viel häufige­ren Gattung von Filmen meldet, bei denen es sich nämlich um die Welt des Theaters handelt: in bei­den Fällen ergibt sich die Notwendigkeit, das Cha­rakteristische einer künstlerischen Ausdrucksform mit den grundsätzlich verschiedenen Mitteln einer ande­ren Form aufzufangen und wiederzugeben. Es ist dabei nicht zu vermeiden, daß im Endergebnis man­chesübertragen" wirkt, eben aus zweiter Hand. Dem steht aber als merklicher Gewinn der Umstand gegenüber, daß hier wirklich einmal ein mehr als oberflächlicher Blick in einen Lebenskreis geworfen werden kann, der viel neuer, fremder und unbekann­ter erscheinen muß als etwa die oft und immer ge­zeigte Welt des Theaters. Die Drehbuchverfasser Edgar Kahn / Helmut Käutner (der ehemalige MünchnerNachrichter") und B. E. L ü t h g e sind sich offenbar darüber klar gewesen, daß es hier nicht mit einer schlichten Reportage aus dem Funkhaus und dem Senderaum getan war, denn sie hatten es auf einen Spielfilm, nicht bloß auf einen Kultur­film abgesehen. Die Reportage erlebt man nebenbei; amüsant und lehrreich genug: es gibt auch hier, wie beim Theater und beim Film, die Kehrseite, den Blick hinter die Kulissen, und es wird viele geben, die gern einmal erfahren möchten, wie es da aus­sieht, von wo alltäglich, allabendlich die Stimme durch den Aether zu ihnen in ihr Haus dringt. Die Organisation und die technischen Funktionen in einem großen Sendehause geben -an sich schon aller­lei brauchbare Motive auch für die Filmkamera; wir denken beispielsweise an de>4 luftigen Besuch in derGeräuschkulisse". Aber der Film hatte den Ehr­geiz, nicht nur die technischen Funktionen der jüng­sten Errungenschaft des Jahrhunderts uns ein wenig

bildhaft vorstellbar zu machen, sondern auch art seine heute schon vielfach wieder ganz selbstverständ­lich gewordene Zauberkraft zu erinnern, an jene magischen Möglichkeiten, welche sich in dem Titel Stimme aus dem Aether" andeuten. Es entstand also zugleich und vor allem ein Spielfilm mit einer wechselnden, halb heiteren, halb traurigen, lebendi­gen und zeitnahen Handlung, deren Konflikte sich aus den Wirkungen wie aus den natürlichen @ren* zen dessen ergeben, was wir unter dem Namen des Funks als eine Alltäglichkeit unseres Daseins kennen und besitzen. Daß diese Handlung (die wir nicht nachzuerzählen beabsichtigen) im wesentlichen von jungen Menschen getragen wird, die nach einem Ziel, einer finnvollen Zukunft, einer Bewährung und der Erfüllung eines Traumes suchen, kann diesem Film nur Sympathien gewinnen. Harald Paulsen hat ihn geschickt und lebenswirklich in« szeniert und aus dem neuen Thema, wie uns scheint, alles herausgeholt, was auf den ersten Anhieb zu gewinnen war. Man macht auch die Bekanntschaft mit einer noch jungen Begabung aus dem Nach­wuchs, die unseres Wissens bisher erst einmal vor der Kamera herausgestellt wurde: Anneliese Uhlig ist die Trägerin der geliebten, namenlosen, fernen, zärtlichen Stimme aus dem Aether. Mady Ra hl heißt ihre temperament- und humorvolle Freundin, deren Talente mehr ins komische Fach weisen. Ernst Waldow (Herr Seidelbast) gibt wieder einen jener drolligen Käuze mit verstecktem Gemüt, die ihm unübertrefflich gelingen. Auch Kurt Waitz - mann (bekannt ausUrlaub auf Ehrenwort"), Erich Fiedler, Lotte Werckmeister, Flo­ral h, Ettel und Schroth seien vom Ensemble hervorgehoben. (Terra.)

Im Vorprogramm sieht man einen Sonderbericht der Ufa vom 1. Mai, außerdem einen Kultur- und AufklärungsfilmHinter den Zahlen" und einen originellen und anregenden Vorspann zumFlo­rentiner Hut" mit Heinz R ü h m a n n.

Hans Thyriot.

Hochschulnachrichien.

Dem Professor Dr. Leonhard Franz wurde unter Ernennung zum Ordinarius an der Universi­tät Leipzig der Lehrstuhl für Dor- und Früh­geschichte übertragen.

Professor Dr. Max Dasmer, Ordinarius für slawische Philologie an der Universität Berlin, der im Wintersemester 1938/39 an der Columbus« Universität (USA.) Vorlesungen hielt, hat einen Rus dorthin abgelehnt.