Ausgabe 
9.5.1939
 
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Zeit ist man bemüht, hier Abhilfe zu schaffen. Wegen der großen ernährungspolitifchen Bedeutung hat die Regierung sich veranlaßt gesehen, durch viehseuchenpolizeiliche Anordnungen geeignete Grundlagen zu schaffen für eine planmäßige Be­kämpfung dieser Zuchtkrankheiten, die schon jetzt erfreuliche Erfolge gezeitigt hat.

Im Anschluß an den Vortrag zeiate er noch eine Reihe von Lichtbildern, die das gesprochene Wort, das durch die populärwissenschaftliche Art des Vor­trages bereits sehr aufschlußreich war, noch in bester Weise ergänzte. Der Eindruck von der grosten Be­deutung der Arbeit auf dem Fachgebiet des Vor­tragenden wurde schließlich noch durch die Vorfüh­rung eines Films verstärkt, der die Tätigkeit der Geburtshilfe bzw. des tierärztlichen Eingriffes vor der Geburt zwecks Erhaltung des Muttertieres in anschaulicher Weise zeigte. Schließlich führte Pro­fessor Dr. K üst seine stark interessierten Besucher noch durch die Räume seines Instituts, wo er sie die praktischen Arbeitsstätten und deren Nebenein­richtungen sehen ließ und in großen Zügen erläu­terte. Dabei gewann man den Eindruck, daß ein Neubau für dieses Institut, der bereits geplant ist, eine besondere Notwendigkeit darstellt.

Oberarzt Dr. Sell

machte in der Orthopädischen Klinik die Besucher in anschaulicher Schilderung zunächst mit den Auf­gaben der orthopädischen Wissenschaft und Praxis bekannt. Dabei erhielten die Hörer einen Einblick in die mannigfachen orthopädischen Krankheiten und die Maßnahmen der Wissenschaft zur Heilung oder mindestens zur Linderung der Leiden der Patienten. Man lernte auch erkennen, in welch vielseitiger Weise heute für die orthopädischen Kranken die Er­rungenschaften der Wissenschaft und Forschung nutz­bar gemacht werden, um das Lebenslos dieser Volksgenossen nach Möglichkeit leichter zu gestalten und ihnen ein fruchtbares Wirken im Rahmen unserer Volksgemeinschaft zu bieten.

Sodann erfolgte ein Rundgang durch die Klinik, bei dem sich die Gäste von den hervorragenden Einrichtungen dieser Heilstätte überzeugen konnten.

Professor Dr. Scharrer

sprach in seinem Agrikulturchemischen Institut vor den interessiert lauschenden Hörern über dieAuf­gaben der Landwirtschaftschemie im Kampf um unsere Nahrung sfreihei t". Nach einem kurzen Hinweis auf die Grundlagen der Pflanzenernährung wurden zunächst die wichtigsten Aufgaben der Landwirtschaftschemie auf diesem Ge­biet besprochen. Diese Maßnahmen bestehen darin, bei Erreichung größtmöglicher Erträge die Qualität der Ernteprodukte zu steigern, insbesondere hinsicht­lich des Eiweiß- und Fettertrages, und die Boden­fruchtbarkeit zu erhalten bzw. nach Möglichkeit zu erhöhen. Die einzelnen Maßnahmen, die nötig find, um dieses Ziel zu erreichen, und die große Bedeu­tung einer entsprechenden Versorgung unserer Kul­turpflanzen mit den unbedingt nötigen Nährstoffen für Güte und Menge der Ernteerträge, wurden an einigen Beispielen kurz erörtert und moderne Ver­fahren zur Bestimmung der Düngebedürftigkeit des Bodens besprochen.

Im zweiten Teil des Vortrages wurden einleitend di2 wichtigsten Grundlagen und Grundtatsachen der tierischen Ernährung erörtert und jene Faktoren besonders hervorgehoben, die heute in ernährungs­physiologischer Hinsicht von größter Bedeutung sind. Dazu gehört insbesondere, unsere landwirtschaft- Ilichen Nutztiere möglichst auf wirtschaftseigener Grundlage bei gleichzeitiger Leistungssteigerung und Gesunderhaltung zu füttern. Dabei spielt wiederum das Eiweißproblem eine Hauptrolle, und dieses wird daher im Verein mit Mineralstoff- und Vita­minfragen, sowie ^utterkonservierungs- und Ein- fäuerungsfragen besonders erörtert. Ferner hat in der heutigen Tierernährung die bestmögliche Aus­nutzung des Wirtschaftsfutters und ein weitgehen­der Ersatz von Produkten des Getreidebaues durch solche des Hackfruchtbaues eine besondere Bedeu­tung. Sodann wurde über landwirtschaftliche und -technologische Maßnahmen berichtet, durch die es ermöglicht wird, die Ernährung der Nutztiere mög­lichst wirtschaftseigen zu gestalten.

Zum Schluß wurde auf die Zusammenhänge zwi­

schen Pflanzen- und Tierernährung hingewiesen und gezeigt, daß für die Ernährung der landwirt­schaftlichen Nutztiere eine entsprechende Nährstofs- versorgung unseres Grünlandes und unserer Futter­pflanzen von ausschlaggebender Bedeutung ist, und zwar nicht nur für die Erzeugung genügender Mengen an Futter, sondern auch für dessen Quali­tätssteigerung und damit für die Gesunderhaltung und Leistungserhöhung der Tiere.

Professor Dr. Herzog

zeigte im Hörsaal des Physiologischen Instituts vor zahlreichen, mit großer Spannung lauschenden Zuhörern FilmeHeber die biologische Bedeutung der Gewebezüchtung". Bei diesen Filmbildern lernten die Hörer einen sonst wohl nur selten in breiter Oefsentlichkeit sichtbar werdenden Ausschnitt aus der Forschungs- und Lehrtätigkeit des Vortragenden kennen.

Auch bei der Züchtung außerhalb des Körpers in der Brutschrankkultur folgt das tierische Gewebe Gesetzen und sind diese grundsätzlich die gleichen, die im Körper herrschen. So treten in der Gewebs­kultur bei Zusatz von Fremdkörpern oder Tuberkel­bazillen gleichartige Zellformationen auf, werden unbrauchbar gewordene Elemente von Freßzellen (Phagozyten) abgeräumt. Kleine Blutgefäße werden in der Kultur, in der das fließende Blut weg­fällt, aufgelöst, größere durch Zellwucherungen ver­schlossen, wie es im Körper geschieht, wenn die Blut­gefäße außer Funktion gesetzt werden. Auch erfolgt in der Kultur, wie innerhalb des Körpers, um ab- geftoßene Gewebsteile herum eine Abkapselung durch bindegewebige Faserbildung. Man kann bei diesem biologischen Geschehen vomGeist" der leben­digen Substanz sprechen. In diesem Sinne gilt das DichterwortEs ist der Geist, der sich den Körper baut".

Tagung Der Geflügelzüchter in Gießen.

ImBurghof" zu Gießen hielt am Sonntag die Kreisfachgruppe der Ausstellungs- aeflügelzüchter unter guter Beteiligung der Kreisvereine ihre Jahreshauptversammlung ab.

Kreisfachgruppenoorsitzender Heß (Watzenborn- Steinberg) stellte fest, daß von den 18 Ortsvereinen 13 ihre Vertreter zur Kreisversammlung entsandt hatten. Dem Tätigkeitsbericht sei entnommen, daß die Arbeit der Vereine im verflossenen Jahr na­mentlich der Beratertätigkeit der ländlichen Geflü­gelkleinhalter gewidmet war. Die Erfolge waren in allen Orten festzustellen. Der Kreisgruppenvor­sitzende hielt im Geschäftsjahr acht Lehrgänge über Geflügelzucht im Kreisgebiet ab. Weitere Lehrgänge sollen im laufenden Jahr durchgeführt werden.

Den Rechnungsbericht erstattete Kreisfachgruppen- kaffenwalter Hergert (Gießen). Die Gesamtein­nahmen beliefen sich auf 618,51 Mk., die Gesamt­ausgaben auf 405,87 Mark, so daß ein Heberschuß von 212,64 Mark zu verzeichnen war. Die Rechnung war von den Mitgliedern Bauer (Gießen) und May (Lang-Göns) geprüft und für richtig befun­den worden und fand die Genehmigung der Ver- sammluna. Dem Kassenwart wurde der Dank für (eine mustergültige Arbeit ausgesprochen und Ent­lastung erteilt. Es wurde beschlossen, dem Verein Lollar die Unkosten für die Vorbereitung der zwei­ten geplanten Kreisschau durch die Kreisfachgruppe zu ersetzen. Die Kreisgeflügelschau für den kom­menden Winter wurde wieder dem Geflügelzucht- aerein Lollar übertragen und als Ausstellungstag der 19. November d. I. festgelegt.

Der Landesfachgruppenvoxsitzende Maas (Darm­stadt) überbrachte die Grüße des Landesverbands Hessen-Nassau und sagte der Kreisfachgruppe Gie­ßen seine Unterstützung bei der Erreichung der Ge­nehmigung zur kommenden Kreisausstellung zu. Als Preisrichter für die Ausstellung sollen die Herren Weber (Weinheim), Gutmann (Vilbel), Lud­wig M o g k (Echzell) und N e r n (Pohl-Göns) ge­wonnen werden.

Die Kreisfachgruppe beschloß, auch für dieses Jahr einen ansehnlichen Betrag für die Bewertung der Tiere auf der Kreisausstellung zur Verfügung zu stellen. Es sollen deshalb für jedes Mitglied 0,10 Mk. zur Stärkung des Ehrenpreisfonds erho­ben werden.

Einige Vereine planen auch im kommenden Win­ter Ausstellungen abzuhalten. Diese Ausstellungen wurden wie folgt festgesetzt: Klein-Linden am 20. Januar 1940, Großen-Linden am 13. Januar 1940, Londorf am 17. Dezember 1939, Lang-Göns am 12. November 1939 und Holzheim am 17. De­zember 1939.

Züchtertag.

Am Sonntagnachmittag trafen sich im Saale des Burghof" diele Züchter aus den Kreisen Gießen, Friedberg, Büdingen, Lauterbach, Alsfeld und Wetz­lar zu einem Züchter tag der Ausstellungsgeflügel- züchter, zu dem die Landesfachgruppe Hessen-Nas­sau eingeladen hatte.

Vereinsführer Bauer vom Gießener Verein er­öffnete mit Worten herzlicher Begrüßung die Ver­anstaltung. Sodann sprach der Landesfachgruppen­

vorsitzende Maas Darmstadt) herzliche Begrü- ßungs- und Dankesworte.

Preisrichter und Kreisfachgruppenvorsitzender des Kreises Friedberg, Jean Kolter (Bad Nauheim), hielt sodann einen lehrreichen Vortrag über das ThemaZuchtgrunds ätze und Bewer­tungsfrage n". Einleitend schilderte er den Jdealtyp bei den vier anerkannten Rassen Reb­huhnfarbige Italiener, Weiße Leghorn, Rote Rhode- länder und Weiße Wyandotten und führte auch die Nutzfähigkeit der anderen Rassen vor Augen. Alle Züchter müßten sich mit aller Kraft dafür einsetzen, die vom Reich gestellten Aufgaben zu lösen. Er be­tonte dabei ausdrücklich, daß nicht Höchstleistung eines einzelnen Tieres, sondern eine gleichmäßige Hochleistung aller Tiere zu erzielen sei. Es stelle da­bei die Zucht auf Leistung bedeutend höhere An­forderung an einen Züchter, als die Zucht auf Schönheit. Was die Geflügelzüchter leisteten sei Dienst an der Ernährung des ganzen Volkes.

Landesfachgruppenleiter Maas sprach dann eingehend über das ThemaVier fahres- vlansarbeit der Geflügelzüchter". Er führte u. a. aus, daß in der Betreuung und Bera­tung der ländlichen Geflügelkleinhalter den Mit- alieoern der Vereine eine besondere Aufgabe gestellt sei, die zu lösen die vornehmste Aufgabe aller Züchter sei. Er behandelte eingehend die Fragen der Fütterung, der Leistungsfähigkeit und der Unter­bringung und ermahnte, in allen Fragen das gute Beispiel vorzuleben. Der Redner gab noch die Richt­linien über die Zuschüsse bekannt. Es werde heute gewährt: auf Stallumbauten für den Quadratmeter 1,50 Mark, bis zum Höchstbetrag von 15 Mark, für Stallneubauten 3 Mark für den Quadratmeter, bis zum Höchstbetrag von 30 Mark, für Kükenheime 50 v. H., bis zum Höchstbetrag von 15 Mark, für Eintagsküken 15 Pf. und für Junghennen 50 Pf. Alle Züchter, sagte der Redner am Schluß, sollten an der Durchführung der Reichsmaßnahmen Mit­arbeiten zum Wohle der Allgemeinheit.

Als letzten Vortrag hörten die Züchter die Aus­führungen von Vereinsführer Bauer (Gießen), eines erfahrenen und intensiv arbeitenden Ausstel- lungsgeflügelzüchters, über das ThemaAllge - meineZuchtfragen,vondem Gedanken derSchönheitszuchtaus gefehe n". In fei­ner Einleitung sprach Züchter Bauer über die ideale Seite der Geflügelzucht für jeden arbeitenden Men­schen, über die Entspannung des Menschen nach harter Tagesarbeit, über das Gebundensein an Heim und Scholle. Er wandte sich auf Grund seiner langjährigen Erfahrung namentlich an die Heran­wachsende junge Generation und streifte die Fra­gen: Rasse, Platzsorgen, Farbenschlag, Tierankauf, Bezug von Bruteiern, Abstammung, Zusammen­stellung von Zuchtstämmen, Erkennung der Feh­ler und bergt mehr. Er machte klar, daß nur Aus­dauer und Beharrlichkeit zum Ziele führten.

Den Vorträgen schloß sich eine fruchtbringende Aussprache an, an der sich namentlich die Preis­richter beteiligten.

Nach Schluß- und Dankesworten der Herren Maas urtb Bauer wurde der anregend verlau­fene Züchtertag in üblicher Weife geschlossen.

Hitler-Jugend Dann 416.

Fliegergefolgschaft 1/116 Gießen.

Heute, 9.5., treten sämtliche Jg., die am 20.4. aus dem Jungvolk überwiesen wurden, um 19.15 Uhr an der Medizinischen Klinik (Klinikstraße 32) in Uniform zur segelflugtauglichen Untersuchung an. Es ist mitzubringen: HI.-Gesundheitspaß und 30 Pf. für Flugbuch und 30 Pf. für Arbeitsbuch sowie ein Lichtbild.

Ferner treten die Jg. zur Untersuchung an, die 1939nochnicht untersucht wurden. Mitzubringen ist ebenfalls das Flugbuch.

Wirtschaftspolitische Arbeitsgemeinschaft.

Die nachstehend aufgeführten Jg. treten am 10. 5., um 20.30 Uhr, zum Dienstabend im Sitzungs­saal des Arbeitsamtes Gießen, Bahnhofstraße 90, in Uniform an. Betr. Jg. PH. Boll, H. I. Henning, K. Pauly, K. Ruiter, W. Schmidt, H. Weil. Nicht­erscheinen hat Ausschluß zur Folge.

DOM - u.IM- Untergau 116 Gießen

Betr. Ausstellung:Unser Dorf- und Hausbuch".

Im Rahmen der Kulturwoche findet diese Aus­stellung im Museum statt. Sie ist für unsere Mädel kostenlos zu befichttgen. Die M.- und JM.-Grup- penführerinnen machen in ihren Einheiten noch einmal auf den Besuch aufmerksam. Die Arbeits- gemeinschaft für Volkskunde 3a/116 geht geschlossen hin.

Betr. VDW.-Werk Gr. la/116, Gymnastik.

Die Gymnastilstunde ist vomerlegt worden und findet jetzt immer Mittwochs, 20.15 Uhr, in der Schillerschule statt.

Don der Universität Gießen.

Der nb. ao. Professor Dr.-Jng. Dr. med. vet. Paul Luy wurde beauftragt, in der Veterinär­medizinischen Fakultät der Universität Gießen die Vertretung der freien Professur für Veterinär. Physiologie wahrzunehmen. Professor Luy habili­tierte 1930 in Hannover für Physiologie und med. Chemie. Gleichzeitig wurde er Leiter der Apotheke der Tierärztlichen Hochschule in Hannover und er­hielt einen Lehraufttag für die Abhaltung von pharmazeutischen Hebungen. 1935 wurde er dort zum nb. ao. Professor ernannt. Seine besonderen Arbeitsgebiete sind Physiologische Chemie der Kör­perflüssigkeiten, Intermediärer Stoffwechsel unb Toxikologie der Flußsäure und des Quecksilbers.

Treudienst - Ehrenzeichen bei der Reichsbahn.

Für 25jährige Dienstzeit wurden den Reichsbahn- bediensteten der Bahnmeisterei 1 Gießen: Ludwig A g e l, Rottenmeister, Friedrich Weber, Rotten­führer und Daniel Seibel, Betriebsarbeiter, das Treudienstehrenzeichen nebst Urkunde durch den Dienstvorsteher der Bahnmeisterei 1 in feierlicher Weise ausgehändigt.

Monatsappell der Kavalleristen.

Die Kameradschaft ehern. Kavalleristen hielt dies­mal ihren Monatsappell beim Kameraden Ludwig Gerlach in Bieber ab. Kameradschaftsführer Hartmann sprach dabei aus, daß die Treue der Kameraden im Biebertal und besonders Kamerad G e r l a ch , der nicht mehr zu den Jüngsten zählt, für feine langjährige Zugehörigkeit eine Anerken­nung erfahren sollte. Kameradschaftsführer Hart­mann gab einen Rückblick auf die Feier des 50. Ge­burtstages des Führers, bei der auch die Kamerad-

u. mächt frilche femtv/eiche flaut

Eine Frau mit Herz

Roman von Hedda Lindner

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin

22 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Wenn Holk da wäre, würde alles in Ordnung fein, Holk war Klarheit, Sicherheit, Zuverlässigkeit. Wußte er denn nicht, daß sie hier oben schutzlos einem Einfluß überlassen blieb, der schon einmal zerstörend in ihr Leben eingegriffen hatte. Holk durfte sie jetzt nicht allein lassen! Holk mußte kom­men!

Mit zitternder Hand nahm sie den Hörer ab und verlangte Verbindung mit Biringen. Sie versuchte, sich abzulenken, während sie wartete, ordnete sie ihre Schubfächer, blätterte in einem Buch, alle zwei Se­kunden fing sie etwas anderes an. Dann ging das Telephon, es hatte keine halbe Stunde gedauert, aber ihr schien es eine endlose Zeit Biringen meldete sich. Sie fragte nach Holk, es gab ein un­deutliches Gemurmel, darauf eine fremde Stimme: Herr Holk ist vor zehn Minuten nach Gutstadt ge« fahrn, darf ich etwas bestellen?"Nein, danke", sagte Dina tonlos und' legte den Hörer auf; sie mußte zweimal ansetzen, ehe er richtig auf der Ga­bel lag. Sie hatte sich nie, selbst nicht, als ihr Vater starb, so verlassen gefühlt wie in diesem Augen­blick.

An diesem selben Samstagnachmittag, während Dina sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte und ihre Cousine beim Friseur saß, um für den abend­lichen Ball gerüstet zu sein, entstieg dem Schlitten des Claridge ein Mann, dem kein Mensch es an­sah, daß er dazu bestimmt war, in der von Margit v. Roeder inszenierten Komödie nunmehr die Regie zu übernehmen, während sie von diesem Augenblick an zur unbedeutenden Statisttn herabsank.

Aber es war so: alle Dinge, die nachher geschahen, bis zu ihren letzten Konsequenzen, wurden in die­ser einen Sekunde ausgelöst, die der Fremde brauchte, um die Eingangstür des Claridge au durchschreiten.

Aeußerlich sah man ihm diese Bedeutung wahr- lich nicht an. Ein etwas rundlicher Herr, gute Mit­telgröße, bartlos und nicht mehr jung. Als er die Mütze abnahm, enthüllte er eine ansehnliche Glatze, die von einem Kranz dunkelbrauner Haare umge­ben war. Er war ein Mann, der unzählige Male gesehen werden könnte, ohne den geringsten Ein­druck zu hinterlassen.

Er verlangte in etwas fremd klingendem Deutsch ein Zimmer, worauf der Empfangschef sofort in fließendem Englisch antwortete: sein Ohr war so­gar geschult genug, an der gedehnten Sprechweise des nunmehr sich ebenfalls des Englischen bedienen­den Gastes den Amerikaner zu erkennen. Die Ein­tragung bestätigte es.John W. Griffin, Annville, Pa. USA." schrieb er mit klarer und gut lesbarer Schrift auf den Anmeldezettel. Als er zum Lift schritt, wandte er sich nochmals um.Ich sehe, Mi- keny spielt bei Ihnen. Wohnt er hier im Hotel?"

jawohl, mein Herr."

Oh, das freut mich. Ich habe ihn drüben kennen­gelernt. Welche Zimmernummer Hai er?"

226. Dritter Stock."

Okay. Thank you.

Eine Stunde später, kurz nach sieben Hhr klopfte es an die Tür von Zimmer 226.

Der Bewohner dieses Zimmers war soeben be­schäftigt, frisch gebügelte Frackhemden in den Schrank zu räumen.Herein", sagte er gleichgültig, im Glau­ben, daß es das Zimmermädchen sei. Erst als nach dem Oeffnen und Schließen der Tür alles stumm blieb, wandte er sich um.

Das Hemd, das er gerade hielt, entfiel feinen kraftlos gewordenen Händen; es gab einen seltsam schleifenden Laut, als es auf dem glatten Parkett des Bodens noch ein Stückchen weiterglitt.

Du?" sagte er nur. John W. Griffin lächelte fast gemütlich: ,Zn ganzer Person. Du erlaubst, daß ich mich setze." Damit saß er auch schon in einem der tiefen Sessel, hotte eine schwarze Brasil aus der Tasche, biß die Spitze ab, die er ungeniert auf den Teppich spuckte, und griff nach der vor ihm liegenden Streichholzschachtel. Diese belanglosen Be- wegungen verrieten eine gestraffte Energie, die zu dem gemütlichen Lächeln und zu der ganzen Er­scheinung des Mannes im Widerspruch stand.

Erst als die Zigarette brannte, wandte er sich wieder Mikenn zu.Willst du fürne Schneeplastik da unten Modell üben, daß du so angenagelt da­stehst?" fragte er spöttisch.

Mikeny ging darauf nicht ein.Wie kannst du es wagen, hierher zu kommen?" brach er los. Der keuchende, gepreßte Ton seiner Stimme verriet eine ungeheure Aufregung.

Aber ich bitte dich" Der andere hielt bas Spöttisch-Heberleaene bei.Warum soll Mister John W. Griffin aus USA. nicht die Schönheiten eines Winteraufenthattes in Arosa genießen?"

Also Griffin heißt du jetzt?" sagte Mikeny ver­ächtlich.

Ganz recht. Den Namen August Holtermann habe ich als zu populär inzwischen abgelegt." .

Timotheus Bruuns vermutlich aus dem gleichen Grunde?" Griffin stieß einen leisen Pfiff aus. Bist doch ein Köpfchen, mein Junge. Hast gleich auf mich getippt?"

Nicht nur ich. Die Polizei auch, wie du wohl wissen wirst."

Mr. Griffin zeigte grinsend einen neuen goldenen Eckzahn, der seine MuNdpartte gründlich veränderte. Natürlich weiß ich das. Aber kein Mensch wird auf den Gedanken kommen, daß John W. Grifsin mit Timotheus Bruuns etwas zu tun hat."

Mikeny mußte ^ugeben, daß die Verwandlungs­kunst dieses Mannes wieder erstaunlich war. Er hatte die Berichte über den Diebstahl desBlue Ray" genau verfolgt und die eingehende Beschrei­bung des vermeintlichen Täters oft genug gelesen. In dem glatzköpfigen, beweglich rundlichen Herrn vor ihm konnte niemand den schlanken würdigen Reverend mit dem dichten weißen Haar und der gemessenen Haltung vermuten. Die Gefahr der Ent­deckung war nicht groß, aber das besserte feine Stimmung nicht.Unb was willst du hier?" fragte er brüsk.

Oh diesmal scheint dein Köpfchen dich im Stich zu lassen", sagte John W. Griffin offenbar auf­richtig bedauernd.

Nicht ganz. Aber eines laß dir gesagt sein: ich mach die Schweinerei nicht mehr mit!"

Die treuherzigen Augen des Mr. Grifsin ver­änderten sich jäh. Sie wurden wachsam und tückisch wie die eines gereizten Raubtieres.Sieh mal an! Der Herr ist augenblicklich wohl gut bei Kasse und hat den allen Sam nicht nötig. Aber nachher, wenn wieder alles verpokert ist und man weder die Gagen noch die Hotelrechnungen bezahlen kann, dann heißt es: Sam, ich brauche Geld! Na, und habe ich es dir nicht immer gegeben?"

Ja und dich tausendfach bezahlt gemacht, du Hund! Erst hieß es Päckchen Kleinigkeit im Artistengepäck wo ich doch auch gefällig war oh, ich kenne die ganze Walze noch, die du damals vor drei Jahren aufzogst, als ich in Rio im Dreck saß"

Na ja, aber es funktionierte doch. Der Herr Mikeny der berühmte Herr Mikeny brachte so schöne Sachen in seiner Geige mit über die Grenze und verdiente ein so schönes Stück Geld dabei, daß er pokern und trotzdem noch die besten Leute für seine berühmte Kapelle bezahlen konnte. Ohne den allen Sam wärst du damals gepfändet worden, mein Junge und verreckt."

Unb mit dem alten Sam bin ich ein Hand­langer von Verbrechern geworden. Der Teufel mag wissen, wie es enden mi b", sagte Mikeny bitter.

Du mußt das nicht so grob ausdrücken", Mr. Griffin ging wieder zu seinem gemütlichen Ion über.Du erweist mir gelegentlich kleine Gefällig­keiten und ich finanziere deine vornehmen Passio­nen eine glatte Sache, sollte ich meinen."

Ich will nicht mehr, Sam." Mikeny sagte es ganz einfach, ganz leise, aber dieser Ton überzeugte mehr als seine empörte Abwehr vorhin.

Jetzt wurden Mister Griffins Augen zu schmalen Schlitzen.Wenn du mich verpfeifst, mein Junge Sing-Sing ist dir sicher, dafür laß mich sorgen."

Und wenn du mich verpfeifst, erwartet auch dich ein Stuhl, nicht ganz so bequem, wie der, auf dem du augenblicklich sitzt. Oder ziehst du die englische Methode vor: to be hanged on the neck, until you are dead." Voll ätzenden Hohn zitierte er die For­mel. Unwillkürlich faßte Mr. Griffin sich in den Kragen, die Vorstellung war doch verdammt un« gemütlich. Wie aufsässig der Junge mit einem Male war ob er irgendwo eine andere Geld aber an­geschlagen hatte? Aber richtig war es schon: ver­pfeifen konnten sie sich gegenseitig nicht, dazu wuß­ten sie zuviel voneinanber. Wenn er aber nicht mehr arbeiten wollte, war er nur ein überflüssiger und gefährlicher Mitwisser man mußte überlegen, was zu tun war.

Mr. Griffin pflegte seine Pläne immer reiflich zu überlegen. Daher war es ihm auch stets geglückt, im Hintergrund zu bleiben, während anbere für ihn arbeiteten. Nur die Sache mit demBlue Ray", die hatte er selber machen müssen, soviel Geschicklich­keit traute er keinem seiner Mitarbeiter zu. Jetzt griff er wieder zu seiner bewährten Methode, nichts zu übereilen.

Nun reg dich bloß nicht künstlich auf, mein Lie­ber!" Er hatte schon wieder das Biedermanns» gesicht.Vorläufig will ich ja gar nichts von dir. Daß ich mich hier einmal ein bißchen erholen möchte, wirst du mir kaum verwehren können."

Warum hast du dir dazu ausgerechnet Arosa ausgesucht?"

Ein Ort ist so gut wie der andere. Im Trubel einer Wintersportsaison kann man am besten unter­tauchen, und das will ich mal für ein paar Wochen.

Vis die Erinnerung an den Reverend Bruuns etwas verblaßt ist", spottete Mikeny.

Stimmt. Vorläufig wird man ihn allerdings mehrfach in Paris sehen, ich habe ein paar ganz geschickte Leute in meiner dortigen Organisation. Unb darum wird man auch den Stein in Pans glauben."

Mikeny machte eine abwehrende Bewegung. mag nichts davon hören."

(Fortsetzung folgt.)