Die hundert Tage.
Noma>> aus dem Jahre 1815 von M von Witten.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Wie aus ein ungelöstes Rätsel blickten die runden Augen des Franzose» auf Otto von Jäger. Daß er so rasch seinem Ziele pah. kommen würde, das hatte er denn doch nicht gedacht.
„Monsieur, ich tverde mir die Ehre geben, Madame Ihre Worte getreulich auszurichten", glitt es noch zögernd, unl- gläubig von seinen Lippen.
,,Tui> Sie das!" nickte der andere.
Da ging das Lächeln einer unverhohlenen Befriedigung, eines leuchtenden Triumphes über des Grasen Züge.
Bon da an hatten die zwei kein Wort mehr miteinander gesprochen.
Endlich lag das Städtchen Fleurus in ihrem Rücken. Lign» nnd St. Amand zur Linken lassend, ritten sie dann auf Soinbresse z»
Dort im Posthause, wo sie den Feldmarschall, der hierhin sein Hauptquartier verlegt, erwarten sollten, fanden sie be-< reits den General Bourmont, zu dessen Umgebung Graf Duboit gehörte, mit seinem ganzen übrigen Stabe vor. Tie Herren waren aus ihre Kundgebung, sich nach Gent zum König Litdwig XVIII. begeben zu wollen, von den preußischen Borposten zuni Kommandeur des Westfälischen Kavallerie Regiments gebracht worden, der sie zunächst an den Brigadckommandeur, den Grasen Henkel verwiesen, welcher sie dann seinerseits zum Fcldmarschall selber geleiten ließ. Rur dem Grasen Duboit war es gestattet worden, seiner persönlichen Angelegenheit wegen, den etwas weiteren Weg über Fleurus nach Soinbresse zu nehmen. —
Bald daraus war Blücher mit seinem Stabe eingetros- feu. Er hatte die Herren vor sich kommen lassen. Auch Otto, der auf Beseht seines Obersten den Gras Duboit zum Feld- marschall geleitet, halte das kleine Zimmer betreten. General Bourmont brachte sein Anliegen vor, —> ihm und seinem Stabe zu gestatten, sich nach Mut zum König zu begeben.
Da wetterte Blücher los. Seine Auge» schossen Blitze, die Wände schienen zu zittern, die Scheiben zu klirren. Solch ein Verrat!
Und mit welch ruhiger Entschiedenheit sich General Bourmont auch wehrte, er und seine Begleiter seien nur ihrer besseren Einsicht gefolgt, und sic wollten ja nur der gerechten Sache dienen — Blücher, blieb dabei, Verrat bleibe Verrat, und wenn er auch tausendmal an dem Todfeinde verübt würde! —
Für Otto war das stolze Zürnen leS Alten Oel in eine brennende Wunde gewesen.
Nun hing er aus seinem dahinrasenden Pferde. Nicht nach Fleurus zurück — nach Brüssel führte sein Weg. Blücher, dessen eigener Stab aus Anlaß der in rascher Folge
eintressenden Nachrichten über den machtvoll anrücke-ndei Feind aufs äußerste in Anspruch genommen war, und den Bourmont mitgeteilt hatte, daß Napoleon für morgen eines Angriff plane, Blücher hatte Otto nochmals mit einer dementsprechenden Meldutig an Lord Wellington gesandt.
Für Otto bedeutete dieser Befehl eine Erlösung von uw glaublicher Marter. Reiten wie der Wind — wie der Ge- wittersturm reiten! Reiten bis zum dumpfen Vergessen - bis zur persönlichen Bewußtlosigkeit, — nur den einen br«w nenden Gedanken des zu erreichenden Zieles im dunkel unv nächteten Hirn.
Als er in Brüssel eingaloppierte und vor dem Palast de. Herzogin von Richmond, seines zusammenbrechenden Pfer des nicht achtend, zur Erde sprang, au allen Gliedern zid ternd, staubbedeckt, in Schiveiß gebadet — da war es Mitternacht.
Hell flammten die Kerzen des Schlosses durch die Dun. kelheit. Wellington tvar hier mit seinen Offizieren zu Gask Ter Herzog wußte also noch von iiichts — Otto mußte jede, andern Ördonuanzvfsizier überholt und als Erster der vor Blücher oder General Zieten abgesqndten Meldereiter ein getroffen sein
Kaum daß er sich notdürftig gesäubert, betrat er die Festsäle.
Im anmutige» Reigen schwangen sich die Paare. Lachen und Scherzen rings uinher. Nirgends eine Ahnung von dem drohend über den Häuptern hängenden Damoklesschwerte.
Eine tolle Idee durchschoß Ottos Hirn. Wie, — wenn auch sie hier wäre?! Ihr Galan ist nicht weit! Wahnsinn, Wahnsinn solch ein Gedanke! lind doch und doch! Wie er ihm das Blut zum Herzen jagte! Mit wilde» Blicke» musterte er jede weibliche Gestalt, jedes Gesicht, an dem er vorübereilte — vor und zurück flog sein Auge, — da sah er sich plötzlich dem englischen Heerführer gegenüber. Am Eingänge eines Seitenkabinetts. Mit dem Herzog von Braunschivelg stand er im ernsten Gespräch.
Lord Wellington winkte den sich Meldenden in das kleine Gemach — Otto übergab ein Schreiben des Feldmarschalls und erstattete, noch halb ate>nlos, Bericht, daß die französischen Truppen die Sombre überschritten und die preußischen Vorposten angegrifsen und znrückgedrängt hätte».
Wenige Augenblicke später lvaren in dem kleinen vornehmen Raume Offiziere, ?ldjutanten, Ordonnanzen um Wellington versammelt. In fieberhafter Eile wurden Boten nach allen Standquartieren seiner weit auseinander liegenden Trirppcn ausgesaudt, um sie zusammenzuziehen und di« zunächststchendeu sofort in Marsch zu setzen. Die Höhe von Quatrebas wurde zum Sammel- lind Verteidigungspunkt bestimmt.
Und während hier in dem engen Zimmer vom eisernen Herzog in fiebernder Eile aber ohne geräuschvolle Aufdringlichkeit die Bolzen für den nabenden Kampf geschmiedet wurden, spielten drüben im Saale die schmelzenden Töne eines


