Ausgabe 
5.11.1914
 
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Walzers, und die jungen lebenshüugriigen Paare schwebten auf den Klängen der Musik dahin. Inniger schlangen sie sich ineinander tiefer als sonst senkte sich Blick in Blick. Etwas schwermütig Berauschendes lag in der Lust. Wenn der Mor­gen graute wenn die Fanfaren bliesen, dann ging es aus dem Arme der Geliebten hinaus in die Schlacht und, Gott allein wußte es, vielleicht in den Tod! '--

Es war um dieselbe Stunde. Draußen beim Wäldchen vor Fleurus.

Im tiefen Dunkel einer weitästigen Eiche halten zwei. Kerzengerade sitzen sie, ein jeder auf seinem Roß. Die Augen starr in die Ferne gerichtet.

Eine stille weihevolle Nacht ist's. Auf dem samt­blauen Himmel schwimmt die silberne Sichel des Mondes. In ferner Himmelstiefe Stern um Stern. JU keuscher Klarheit. Schwarz und massig und doch dustumwoben im geheimnisvollen Lichte der Nacht zeichnen sich die sanften Hügel gegen den Himmel ab. Irgendwo murmelt ein Bach wie im Traum. Irgendwo singt eine Nachtigall ein Käuzchen schreit.

Und jetzt geht durch den Busch ein heimliches Wispern und Flüstern. Nächtlichem Spuke gleich, lagern in seinem Schatten Mann und Rotz.

Waffen blitzen wie gespenstiges Leuchten im Mondlicht

auf.

Vorposten müssen es sein.

Plötzlich murmelt der eine unter der Eiche:

Gottfried!"

Du meinst ?"

Ein schwerer Atemzug, fast wie der Hauch eines Stöh- nens. Dann ein kaum verständliches, abgerissenes Flüstern:

Wenn du wüßtest, wie deine Nähe mich beglückt und zugleich mit Schrecken erfüllt! Aber die Angst überwiegt wenigstens in dieser Stunde so nah vor der Schlacht! Wenn ich dich verlöre--!"

Ulrich! Wir stehen in Gottes Hand! Wäre es mir be­stimmt, morgen zu sterben, so würde mich der Herr ab­berufen,i sei ich, wo ich sei. Schenkt er mir in seinch. Gnade noch das Leben, so bin ich gegen jede Kügel gefeit."

Der Sprechende wendet das Haupt dem andern zu. Die Strahlen des Mondes gleiten in diesem Augenblick durch das dunkle Eichenlaub herab und über sein weiß aufleuch^ tendes Antlitz hin, auf dem sich ein Ausdruck innigster Frömmigkeit malt.

Das Auge des andern hängt sekundenlang an diesem leuchtenden Antlitz der Mond rückt ,weiter oder ge­schieht es durch eine Bewegung des Freundes? das Ant­litz taucht wieder ins Dunkel unter. Doch durch das Herz des Mannes strömen mit einem Male Ströme des Lichts:

£> du ! du !" murmelt er mit geschlossenen Augen. Schreib's in dein Hertz Erdmnthe. Was das Morgen uns auch bringen mag. Iw habe dich lieb und liebe dich über Grab und Tod hinaus!"

Volk tieftnnerlicher Feierlichkeit kommt's von seinen Lippen.

Sie aber neigt erschauernd das Haupt.

*

Ein brennend heißer Juuitag ist dieser Nacht gefolgt. Aus der Höhe neben der Moulin de Bussy halten Blücher und Wellington hoch zu Roß. Wellington im knapp anlie­genden, unscheinbaren Rock, den Reitstock in der Hand, mit forschendem, nüchtern wägenden Blick, mit kaltem, berech­nenden Ernst in oe» bartlosen, eisernen Zügen. Blücher, mit der Schirmmütze, im offenen Ueberrvck, der ans weißer Weste das breite Orangeband des Schwarzen Adlerordens sehen läßt, die kurze Tabakspfeife im Munde Flammen lodern­der Begeisterung in den tiefblauen Augen.

So überschauen sie beide die Gegend.

Die Sonne schießt ihre Strahlen, glühenden Pfeilen gleich, aus das hügelige, von Dörfern und Gehüsten durch­zogene, von hohem goldgelben Korn bestandenem Gelände hinab. Einer Landzunge gleich, schiebt sich die Windmühlen­höhe, die breite Basis im Nordvsten an Sombrefse anlehnend, sich verjüngend gegen Südwesten in die Erdwellen vor, an ihrer äußersten Spitze aus die Ortschaft St. Amand stoßend, in der südöstlichen Flanke von Lignh, an ihrer nordwestlichen von Brye umgeben. Wohlhabende Dörfer sind's jedes der massiven Steinhäuser mit seinen Hecken, seinem Buschwerk, seinen starken Hof- uird Gartenmauern eine kleine Festung!

Der untere Teil der Höhe zwischen St. Amand und Lignh ist mit preußischer Artillerie bespickt. Dahinter hat

die Reserve-Kavallerie des tzietenschen Korps ihre Aus sieb, lung gefunden. Und noch weiterhin gen Norden das Weite, im Westen bei Sombrefse und darüber hinaus das dritte Korps der Preußen. Bülow steht mit seinem, dem ersten Korps, noch weit vom Schlachtfeld entsernt. In St. Amand, Lignh und Brye selbst hat die Infanterie des Zietcnschen Korps sich eingenistet, so gut es eben gehen will. Denn eigentlich ist ihre Truppenzahl noch viel zu gering. Doch um den von Nordwesten herannahenden Truppen Wellingtons und dem vom Osten her kommenden eigenen Korps Bülow möglichst bald die Hand reichen zu können, muß die Stellung der Preußen eine ausgedehnte bleiben. Im Süden aber, zu beiden Seiten von Fleurus, sind die Massen der französi­sche» Streiter sichtbar. Am Nordausgange des Städtchens, auf einer sanften Erhebung, glaubt Gncisenau, der dicht neben seinem Feldmarschall hält, deutlich Napoleon mit seinem Stabe zu erkennen.

Er ist's!

Auch er hat sein Fernrohr auf die beiden Feldherren! ans der Windmühlenhöhe gerichtet.

Schweigen zittert hinüber herüber. Atembeklcmmen- des, schicksalschweres Schweigen.

Wer von ihnen wird morgen der Sieger sein?!

Da durchbricht Gneisenau mit raschem feurigen Wort die Stille. Er weist darauf hin, wie verhängnisvoll ein Flan­kenstoß des britischen Heeres von Nordwesten, von Quatre- bras aus, den Franzosen werden würde.

Wellington blickte ans seine Karte. Er nickt. Er reicht Blücher die Hand und erneut mit kurzen, bestimmten Wor­ten das Versprechen, seine Truppen so rasch als möglich um Kampfe wider de» gemeinsamen Todfeind heranzu- ühren.

Dann reitet er, vom Feldmarschall eine Strecke be­gleitet, davon.

Otto von Jäger, der soeben aus! Brüssel znrückgekchvt ist, folgt den Feldherren in gemessener Entfernung. End­lich, als der englische Heerführer sich vom preußischen ver­abschiedet hat, findet er Gelegenheit, sich bei Blücher zurück zu melden. Der greise Held sagt ihm ein paar herzliche Worte wärmster Anerkennung. An seiner Seite darf Otto die Fronten der Drrcppenteile entlang reiten, an denen sie gerade vorüberkommen. Für jedes hat der Feldmarschall ein aufmunterndes, ein glühend begeisterndes Wort. Jedes Herz flammt ihm in feuriger Hingebung entgegen. Aus aller Munde bricht hell schallender Jubel.

Und nun hält Blücher dicht hinter Lignh vor der Re­serve-Kavallerie des Aietenschen Korps, bei den branden- bnrgischen Ulanen. Otto meldet sich bei seinem Obersten. Blüchers Auge aber schweift d: Reihen hinaus hinab.

Kinder!" bricht er mit m.chtiger Stimme los.Wißt Ihr noch, wie wir an der Katzbach und bei Leipzig den Rot- Hosen die Jacken ausgeklopst?! Das muß heul wieder so ein Ehrentag werden! Zeigt dem Napoleon, daß Eure Piken noch scharf sind!" Ei» ungeheurer Beifallssturm ist die Antwort.

Blücher winkt gnädig mit der Hand. Er lenkt, weiter­reitend, sein Roß bei Ulrich Erlen vorbei, der an der Spitze seiner Schwadron hält.

Recht so, alter Freuird! Noch immer tapfer dabei!" sagt er mit herzgewinnender Freundlichkeit.Aber warten Sie man, wir werden den Napoleon bald wieder in die Fälle haben! Und dann geht's heim zur kleinen Frau!"

Von neuem schallt brausender Jubel durch die Lust, der Ulrichs Antwort verschlingt. Blücher sieht nur, wie der, mit strahlendem dantbaren Blick salutierend, die Farbe wechselt. Einer der wenige» freiwilligen Jäger des Regimentes aber, die in nächster Nähe des Rittmeisters halten, hat mit knall­rotem Gesicht sich abgewandt.

(Fortsetzung folflt.)

falsches Spiel.

Skizze von Cur t Kuhns.

Der Morgen dämmerte trübe über der amerikanischen Küste/ die sich als dunkler Stressen gegen den Himmel abzeichnete.

Der große LlvhddampserWallenstein" nahm, eine lange Rauchsal.ne hinter sich lassend, hier seinen Kurs. Der mächtige Rumps des Schisses erzitterte leise unter dem Arbeiten der riesigen Maschine, während er mit sansleni Wiegen in die Wellentäler sank.

Ans der Brüäe stand KavUän Jachmanu, ein Mann von etwa 50 Jahren, mit kurzem Vollbarl und hellen, scharsen See-