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Uniyersitaets-
Ein Frühlingstraum.
Roman von Fr. Lehne.
(Nachdruck verboten.)
Wtnn alle Schmerzen auch ein Der; durchbohren, Tem man sein Liebstes senkt zur Grube nieder. Doch glaubt es leichter hier: wir seh'n uns wieder, Es sind die Toten uns nicht ganz verloren.
Lenau.
1. Teil.
Es war ein wunderschöner, warmer Septembertag. Ein wolkenloser blauer Himmel lachte aus die schon etwas herbstlich geschmückte Erde herab, und die Sonne strahlte in wahrhast sommerlicher Glut, als wollte sic die Menschen über das Nahen der rauheren Jahreszeit hinwegtäuschen. Mir wurde der Krage« zu warm: ich nahm ihn von den Schultern, während ich meinem Lieblingsausenthalte, dem St. Anncn- kirchhose. zustrebte. Dort umsängt mich stets ein tiefer Friede, wie ich ihn selbst im Gotteshaus nie empfinde; eine himmlische Ruhe überkommt mich, und losgelöst von allem Irdischen ist dort meine Seele.
Wie du weiht, habe ich in meinen jungen Jahren viel gekämpst und gelitten, und als ich das Glück endlich zu halten glaubte, da wurde es mir von neidischer Hand entrissen — mein heißgeliebter Mann starb mir plötzlich nach sechsjähriger glücklicher Ehe, und mein einziges süßes Kind folgte ihm nach einem Monat schon. Bon meinem Schmerze will ich nicht sprechen; still habe ich ihn in mir niedergekämpst — meine Tränen sah nur Gott allein! Ich kann mein Unglück und mein Leid nicht in die Welt hinausschreien, aber mein Haar ist grau geworden und mein Auge trübe; — die Hände habe ich mir wund gerungen im Kamps mit meinem Sckmerz und gar oft gruben sich in heißer Verzweiflung meine Nägel tief in den grünen Hügel, der mein Liebstes in sich birgt.
In einem stillen Schweizerdorse endlich, im Angesichte der ewigen, großartigen Natur, habe ich Heilung sür meine angegrissene Gesundheit und Linderung sür meinen Schmerz gesunden, und dort auch habe ich mich durchgerungen zu einer Ruhe und Ergebenheit, wie ich sie früher nie sür möglich gehalten: da habe ich die stürmischen Wünsche und Hoffnungen der Jugend sür immer begraben. Das mir beschiedenc Glück habe ich genossen — mehr als viele andere — und mehr als viele andere habe ich dem Erdenleid und Erdcnschmerz meinen Tribut zollen niüssen. Das hat mich indes nicht hart und selbstsüchtig gemacht; ich habe ein warmes Herz sür andere behalten, wenn ich auch einsam und allein bin!
Doch davon will ich Iveiter nicht reden, sieben Jahre sind seitdem vergangen, und die Zeit lindert ja alles! — Meine Erholung ist der tägliche Gang nach dem Friedhofe, wo ich die Gräber meiner Lieben schmücke, und wo ich so gern eine Stunde stiller Beschaulichkeit verlebe. — Doch wenn man so oft wie ich an jener Friedensstätte iveilt, bekommt mau auch Interesse für andere Gräber, und für dieienigen,
die darin ruhen. Da frage ich mich tvohl: Woran ist er gestorben? — Hat ihn der Tod mitten aus dem blühenden Leben gerissen? Kam er unerwartet oder schmerzlich herbeigesehnt? Und mächtig bewegt sind dann oft meine Gedanken.
So stehe ich gar häufig sinnend vor einem einfachen Grabhügel, der ganz von Efeu übersponnen ist — nur ein einziger Rosenstock, der herrliche weiße Blüten trägt, ist darauf gepflanzt. Eine schwarze Marmortafel trägt die kurz« Inschrift:
Mary Winters.
Geb. ain 26. Juni 18.. gest. am 18. Dezember 18 ..
Ruhe sanft!
Wer niochte das junge Wesen sein, das in der Blüte der Jahre dahingerafst und hier zur Ruhe gebettet ist, die es vielleicht auf Erden nie gefunden? Keine liebende Hand pflegt das Grab, verlassen liegt es da — nur vom Friedhof' Wärter oder seiner Frau notdürftig in Ordnung gehalten, wie ich beobachtet habe. Einmal habe ich den Mann danach gefragt, der hat aber nur die Achseln gezuckt rmd mir kurz erwidert, er ivüstte cs nicht: er besorge das Grab im Aufträge eines Dr. Hamann, der kürzlich verzogen sei! Jedoch bemerkte ich, wie sein Auge feucht wurde und wie es um seinen Mund zuckle. Ich hatte mir vorgenommen, ihn doch nochmals danach zu fragen: damals ivollte ich nicht weiter in ihn dringen, wer weiß, wessen Geheimnis er hüten wollte! — Mir tut das einsame Grab, das mir ein mir selbst unerklärliches Interesse einslößt, leid, und hin und wieder lege ich ein einfaches Sträußchen darauf nieder. —
Dann ist mir in der Nähe des Eingangs noch eine Grabstätte besonders bemerkcnsivert, die zwei Gräber enthält
— ein großes und ein kleines.
Ruhestätte der Familie Wolfsburg.
Die Platte auf dem Kindergrab trägt die Inschrift: Unser Hasso.
Geb. 10. Juli 18.. >
gest. 10. Oktober 18..
Wie einfach und rührend die Worte: Unser Hasso! Welch eine Fülle von Schmerz und Liebe bergen sie! Ach, ich kann mir wohl denken, was die armen Eltern gelitten haben, ihren Liebling dahinzugeben! Die arine Mutter — der arme Vater
— doch er ist ja mit seinen« Kinde vereint; denn die andere Grabstätte birgt seine sterbliche Hülle. Auf kostbarer Mar-- inortafel ist zu lesen:
Hier ruhet mein heißgeliebter Mann Hasso Wolf Freiherr von Wolfsburg Hauptmann im 10. Infanterieregiment geb. 2. Avril 18 . . gest. 1. Juli 18 . .
Groß ist mein Schmerz!
Wie hat sie mir leid getan, die Frau, der das Schicksal ebenso wie mir mitgespielt — die ebenfalls ihr Liebste» hat hingeben müssen — wie mustte sic leiden beim Anblick der bei-


