den Gräber, besonders deS letzteren, daS noch so unheimlich frisch ist. — So waren meine Gedanken, und ich war begierig, die Frau jenes Mannes zu sehen, den auch ich gekannt als den schönsten, schneidigsten Offizier seines Regimentes.
Und ich habe sie vor einigen Wochen gesehen!
Eine große, volle, fast zu üppige Erscheinung, der die hochelegante Trauertoilette sehr gut zu dem weißblonden Haar und der rosigen Gesichtsfarbe steht. Ich habe sie beobachtet, wie sie auf jedes Grab einen Kranz legte, den ihr der Diener reichte, wie sie sich dann in graziöser Hdltung auf der Ruhebank niederließ — — und nach einer kleinen. Weile einen Taschenspiegel in die Hand nahm, vor dem sie sich die Stirnlöckchen zurechtzupfte. — Was mochte in ihrer Seele Vorgehen? — Mich faßte ein förmlicher Haß gegen dieses üppige, so gesund aussehende Weib — nein, sie hatte das Mitleid fremder Leute bei dieser Seichtheit des Emp-, sindens nis!h-t üötig, und da begriff ich auch, wie der Mann mit dem groß und edel denkenden Herzen unmöglich an der Seite eines solchen Wesens glücklich werden konnte. Was mag in ihm vorgegangen sein, was muß er gelitten haben, ehe dieser Hügel seine sterbliche Hülle bedeckte? — Da ruht er nun ,der Herrlichsten einer — dereinst geachtet und geehrt von seine» Vorgesetzten, geliebt von seinen Kameraden und vergöttert von seinen Untergebenen! Ost bleibe ich stehen an dem kunstvoll getriebenen Gitter und blicke auf das frische Grab, das stets mit den herrlichsten Blumen geschmückt ist. Vergilbte Lorbeerkränze mit halb vermoderten Schleifen und ehrenvollen Widmungen liegen noch da; doch was hast du davon, du armer Mann! Tu verlangst sicher nicht danach — was du sucklest, war Ruhe, und die hast du ja endlich gefunden» du und jenes Weib, das da hinten an der großen Linde schlummert unter dem einfachen, schmucklosen Grabhügel. — — — — — >— >— —
— — Tie Lust hatte mich müde gemacht; ick sucht« mein Lieblingsplätzchen auf — eine schlichte Bank unter jener alten sclMien Linde — vor mir meine beiden Gräber und nickt weit davon das von Mary Winters! Ta sitze ich nun und denke — die laue Luft umschmeichelt mich kosend, warmer Sonnenschein liegt auf all den Gräbern, daß die weißen und schwarzen vergoldeten Kreuze flimmern, so daß ich, davon geblendet, die Augen schließe. Ueber mir rauscht es so geheimnisvoll in den Zweige» des Baumes und mich überkommt eine süße Mattigkeit — es ist hier auch ein so weltverlorenes einsames Plätzchen, wohin sich selten jemand verirrt. Eine eigene Stimmung bemächtigt sich meiner — es rauscht stärker, geheimnisvoller über mir, und mir ist, als hörte ich eine sauste, unendlich süße Stimme, und ich sehe auch das Wesen, dem diese Stimme angehört — ein wunder- holdes, blondes Mädchen mit unergründlich tiefen Augen, au§ denen eine Welt von Schmerz und Leid spricht. Sie hebt die schmalen, kinderkteinen Hände — doch als ich genauer nach ihr blicke, zerfließt sie in weichen Nebel. Die alte Linde aber raunt mir zu: Höre, ich will dir von jenem Grab erzählen; ich weiß, alles. Aufmerksam lausche ich. den Worten — es war eine ergreifende Geschichte von zweien, die nicht zueinander kommen konnten.
---Ta fühlte ich mich am Arme gepackt. Erschreckt
sprang ich auf. Vor mir stand der alte Berger, der Friedhosswärter, verlege» seine Mütze in der Hand haltend.
„Entschuldige» Sie nur," sagte er, „aber ich meine, es wird zu kühl, und die Frau Doktor könnten sich leicht etwas holen. Sie haben nämlich lange geschlafen!" s „Wahrhaftig, Alter," entgegnete ich, einen Blick nach der Sonne werfend, die schon tief am Horizonte stand, „wahrhaftig, ich glaube, ich habe geschlafen! Und denken Sie, was mir Sonderbares int Schlafe begegnet ist — jene Mary Winters ist mir erschienen und hat zu mir gesprochen." Ungläubig schüttelte er den Kopf.
„Ja, ja, Berger, Sie können es mir glauben! Uebrigens, wollen Ste mir denn nicht die Geschichte von ihren, Leben erzählen?" bat ich.
„Ich weiß nichts," beharrte er.
„O doch," erwiderte ich. „wenn Sie nur wollen, könnten Sie mir sicher erzählen! Ich verspreche Ihnen, zu schweigen — und ich sollte meinen, daß Sie mich genügend kennen, Berger!"
„Ja, Frau Toktor, das tue ich — und Sie haben recht, ich weiß alles. Nur spreche ich nicht gern darüber, weil es gar zu traurig ist."
„Ach, Sie haben Mary Winters gekannt?"
,,^n, und ein schöneres Mädchen gab es wohl nicht; wie ein wirklicher Engel sah sie aus mit ihren blonden Locken und dem weißen Gesicht. Sie hat mir auch ihr Bild gegeben?" >
„Darf ich das Bild sehen?" fragte ich.
„Tann müssen Sie sich schon zu mir bemühen," cnt- gegncte er, „meine Mte hat es in Verwahrung, und dann! wollen wir Ihnen auch erzählen, Ivas wir wissen — aber nicht darüber sprechen."
So ging ich mit ihm nach seinem schmucken Häuschen, das gar lauschig inmitten hochragender Bäume lag. Wir beide kannten uns schon lange. Tamals vor sieben Jahren hat er meinen Mann nnd niei» Kind begraben und mich! manchmal durch seine schlichte» Worte getröstet, wenn mich der Schmerz an den frischen Gräbern zu übermannen drohte. Während der langen Zeit meiner Abwesenheit aber hat eri gar treulich für die Gräber meiner Lieben gesorgt, und so etwas bringt die.Herzen einander näher, als manches andere.
„Ja," sagte er im Gehen, „sie hat sich mal mit ihrer»! Liebsten hier getroffen; das war ein schmucker Osfizier, dessen Bild wir auch l)aben. Im Glück der jungen Leute sind!
wir wieder jung geworden--und dann das traurige
Ende! Ich möchte mich wohl noch inehr um das Grab kümmern; doch ich habe zu viel zu tun, ichid ich werde auch immer älter. Den weißen Rosenstock habe ich ihr darauf gepflanzt — sie hatte einmal zu mir gesagt: „Wenn ich sterbe, Berger, möchte ich ei» ganz einfaches Grab haben —i nur Efeu und weife Rosen!" — —
In der einfachen, blitzsauberen Stube saß seine Frau am Fenster und strickte, während neben ihr auf der Fensterbank behaglich schnurrend eine graue Katze lag.
„Hier bringe ich dir Besuch, Frau," ries der Alte, „die Frau Doktor Schöne will gern etwas von deinem Engel! hören."
„Ach Gott," entgegnete Frau Berger ausstchend, indem sie sich mjt der Hand über die Augen fuhr, „ach, ich werde immer so traurig, wenn ich an das arme Mädchen denke, trotzdem sie uns eigentlich gar nichts angeht, und wir gar nichts weiter von ihr wissen; aber sie ivar so schön und gut!"
Ich setzte mich auf das Sofa, und nach allerlei alltägliche» Fragen und allerlei Umständen holte sie endlich die Bilder, die sorgsam in Seidenpapier gehüllt waren. Ich nahm eins davon zur Hand, und mit Mühe unterdrückte ich einen Ausruf des Erstaunens — das war ja Leutnant Wolf von Wolfsburg, der mir da im Bilde entgegentrat, so lebensfrisch, wie ich ihn zuletzt gesehen — ein stolzes, edles Gesicht, ein seingeschnittener, von einem dunklen Bärtchen beschatteter Mund, um dessen Lippen ein herzgewinnendes Lächeln lag. Ten feurigen, geistsprühenden Blick, der ihm eigen ivar, den konnte der Photograph freilich nicht so wiedergcben — überhaupt war das Bild, trotz seiner guten Ausführung, nur ein schwacher Versuch, sein interessantes, edles Gesicht naturgetreu wiederzugeben. Also er ivar der „Liebste" von Mary Winters! Ich war aufs höchste neugierig, das Bild derjenigen zu sehen, die es verstanden hatte, sein .Herz zu bezwingen. Und wie ich es sah, begriff ich ihn! Ein Gesicht, so wunderhold, war mir noch nie begegnet: ein wahrhaftes Engelsgesicht mit seinen edlen Zügen, ivie nian sie in solcher Reinheit selten findet, dazu ein paar Augen von hinreißendem Ausdruck, ein Mund von entzückendem Liebreiz — ein Mund, der nur zuin Küssen geschasten schien! Lange betrachtete ich die Bilder, auf deren Rückseite geschrieben stand: Z. srdl. Andenken. Aus Tankbarkeit gewidmet von Mary Winters und Wolf von Wolssburg.
Schweigend legte ich sie endlich aus der Hand, doch so, daß ich sie noch 'immer betrachten konnte. Ich habe eine Schwäche für schöne Gesichter, für schöne Mensche», und gar manche interessante, auffallende Erscheinung habe ich gesehen und kennen gelernt, jedoch noch kein Weib, das so viel Liebreiz in sich vereinte, wie dieses Mädchen hier. Wie berückend muß das Original gewesen sein, wenn schon das Bild einen solchen Eindruck aus mich machte! —
(Fortsetzung tctgt )
Nur eine kleine Leutnantssrau.
Skizze von Ilse-Tore Tanner.
Ter Eßtisch ivar abgeräuint und das Licht der Petroleum!» Hängelampe siel auf Stosfballeir, Pavierschnittmuster, Spitzen- Garnrollen und all den sonstigen Krimskrams, der zur Schneidert» gehört. Die blasse junge Frau, die damit herumhantierte, sentztg


