Ausgabe 
5.11.1914
 
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männsaugen, tn ttefen Gedanken. Es >var ein gesährttckzes Unter­nehme», in diesen Krtegszeiten die Reise zu ivagen! Aber eS >var von höcktster Wichtigkeit für das Vaterland, wenn er sein Schiff glücklich hinüberbrachte. Er hatte tausend Kviegspflichtige an Bord, eine große Sendung Gold- und Silberbarren, einige tausend Tonnen Fleisch und Rohstoffe, Der Ozean war so groß, sollte es da eine Unmöglichkeit sein, ungesehen zu passieren?

Trüben an Land ragte aus dem Dämmern des Morgens ein hoher Mast, die Station für Funkspruch, Wenn die Nachricht vom Auslaufen desWallenstein" nun schon htnausgeblitzt war? dachte Jachmann. Wenn feindliche Kreuzer, von seinen! Unter­nehmen verständigt, schon Tamps aufmachten, ihn und sein wert- vollcs Schliss zu fangen? Unmöglich! Die Funkenstation stand unter behördlicher Aufsicht, und die Behörden hatten seiner Aus­reise nichts in den Weg gelegt. Aber ein plötzlicher Gedanke schoß ihm durch den Kopf, Er pfiff auf seiner kleinen, schrillen Pfeife, ein Mann der Wache sprang zur Brücke hinauf,

,.Für den Funkenlelegraphistcn!" sagte Jachmann und reichte dem Matrosen einen Meldezettel; dieser enthielt den Befehl, jedes von Fahrgästen abzusendendc Funkentelegramm ihm vor^ulegen. Es wurde ein schöner Tag. Die Sonne stieg klar herauf, und ein örciler Streifen leuchtenden Goldes slulele Uber die 'schäu­mende, in leichten Wellenhügeln heranrollende See, Der Wind Fischte auf, 'und bis an bas Promenadendeck sprangen bi? mun­teren Wogen,

Allmählich belebten sich die Decks, Im Borschliff waren es diesmal nicht diekümmerlichen, verelendeten Rückwanderer, 6ie hohläugig dort auskäuchten, sondern stramme Geslakten, beulsche Reservisten und Wehrmänner, die htzimkehrten,Der Deütsche, bieder, fromm und stark, er schützt die heilige Landesmark", klang es begeistert über die weite, wogende See, Auch die Promenaden­decks füllten sich, auch hier viel Kriegspslichtige, meist zedoch Kausleute, Künstler, Künstlerinnen, Sie alle ioollten in die schützende Heimat zurück. Unten im Speisesaal saßen sie an der langen, glänzenden Tafel; die Kellner liefen auf und ab mit Schüsseln und Tassen, ein Bild von Behagen und Reichtum, nicht als drohten feindliche Kreuzer mit ihret, offenen Stück­pforten, Unterseeminen und Torpedos,

Ter Funkentelegraph wurde eifrig in Anspruch genommen, meist von den Vertretern großer Häuser, Kapitän Fachmann las aufmerksam die Depeschen, Eine fiel ihm auf wegen ihres nichts­sagende» Inhalts;Grüße Meine Marie, Leo," Darum das viele Geld ausgeben? dachte Fachmann, Na, es war bezahlt, Marie sollte gegrüßt werden. Und der Funkspruch blitzte hinaus in den Ozean,

Gegen Mittag zog Gewölk auf, es wurde kühl, die See nahm einen kalten, grauen Don an, und die Damen der ersten Kajüte nahmen fröstelnd ihre Pelzkragen um.

Eben kam Kapitän Jachmann über das Promenadendeck, da trat einer der Reisenden auf ihn zu, es war ein .Herr in grauem Sportanzug, dessen Gesicht mit den vorspringenden Backenknochen und der gebogenen Nase dem eines Papageien sprechend ähnlich war, und sagte in einem nur wenig ausländisch klingenden Deutsch: Nh! Herr Kapitän! Ich freue mich, wieder mit Ihnen zu fahren."

Jachmann grüßte höflich, den Herrn aus seinen scharfen See­mannsaugen musternd,Merkwürdig, daß ich mich auf dieses Kakadugesicht gar nicht besinne," dachte er,

Hoffentlich werden wir durchkommen?" fragte der Herr wieder, Gewiß!" versetzte Fachmann,

Wir steuern Nordkurs, nicht?" fragte der Herr und lächelte, lange, gelbe Zähne zeigend,Man läuft dem Feind doch nicht gern in den Rachen,"

Was an uns ist, werden wir schon tun," erwiderte Fachmann kühl und ging weiter.

Eine Stunde später trat der Telegraphist in das Steuerhäuschen und legte Fachmann, der den Kurs berechnete, eine Depesche vor: Marie! Marie! Ich sehne mich! Leo,"

Albern!" sagte Fachmann,Wer ist denn eigentlich Maries Anbeter?"

Nun, der Papagei!" versetzte der Funkenkelegraphist und lachte,

Ach der?" erwiderte Fachmann und lachte ebenfalls, Der muß seine Verrücktheit innerlich haben, äußerlich sieht er mehr nach Dollars als nach Verliebtheit aus, Mso geben Sie Marie die tröstliche Gewißheit, daß ihr Leo sich nach ihr sehnt," Der Telegraphist ging, und mich dieser Gruß an Marie fand seinen Weg über den Ozean,

Das Wetter schlug um. Die stahlgraue See ging hoch, mit schwerem Seegang, und der Wind zog hohl. Man sah bei den Fahr­gästen bereits bleiche Gesichter, und viele verschwanden in ihren Kabinen,

Gegen Abend hätte die Küste von Neufundland in Sicht kom- nien müssen, doch nichts erschien, nur See und See ringsum.

Der graue Herr mit dem Pavageiengesicht er stand als Mr, Braun aus Chikago in der Schisssliste hatte einen Tauer­lauf an Deck gemacht, oft anhaltend, um mit seinem Glas, das, groß wie ein Wurstkessel, vor seinem hageren Leibe hing, Ausschau zu halten,

Haben wir Neufundland noch nicht?" fragte er den Ersten Offizier, der eben vorüberging.

Wir laufen einen anderen Kurs," versetzte der, ein alter-

treuherziger Seebär,

Herr Braun hastete zum Funkentelegraphen,Hier, bitte, noch eine Depesche!" sagte er,Wenn's auch ein Heidengeld kostet. Meine Frau ängstigt sich so unsagbar," Damit reichte er dem Telegraphisten die Depesche:Marie, ängsttge dich nicht! Nehmen sichern Weg! Leo!"

Diese Marie wird einem wirklick er das Blatt etwas zweifelnd in der

über, dachte Jachmann, als and hielt. Ach was, er hatte

anderes zu tun, als sich damit zu befassen,

Gut!" sagte er und gab das Blatt mit einem Achselzucken zurück.

Es wurde eine bös? Nacht, Schwere See! Nebelschleier flogen gegen das Schiss heran, die Luft war dick und unsichtig, Fachmann stand die ganze Nacht ans der Brücke; er dampfte mit abaeblendeten Lichtern, auch die Sirene durfte nicht ihren Warnungsruf erschallen lassen. Stumm ging es dahin.

Der Morgen graute,Schiff voraus!" schallte die Meldung vom Ausguck, Fachmann'nahm das Glas: ein Schiff dampft» heran, ein Kriegsschiff! Ein englischer Kreuzer!

Am Vormast des Kreuzers stieg ein Signal, zugleich knallt« ein Warnungsschuß, Um denÄallenstein" hatte sich der Nebel letzt zusehends gelichtet, aber in Steuerbord lag eine dichte Nebel­wand, Fachmann ließ ohne einen Augenblick des Zauderns das Ruder herumwerfen, und derWallenstein" verschwand in den grauen Dunstschleiern,

Diesmal hatte der Raubvogel danebengestoßen, Fachmann lachte in seinen Bart,

Stunden um Stunden ging es so dahin, ohne Warnungssignale, mit Volldampf, Den Tod vor^Augen, Jeder Augenblick konnte ihn bringen, wenn ein anderes Schiff den Kurs desWallenstein" kreuzte. Doch man war außerhalb aller Schiffahrtsstraßen, Endlich am Vormittag klarte das Wetter, Dre See ging noch immer schwer, aber man hatte wieder Ausblick, Fachmann sucht» den Gesichtskreis, an dem ttef die Wolken hingen, auf das schärfst» ab. Von dem feindlichen Kreuzer war nichts zu bemerken. Er hatte die Spur verloren.

Heut standen die langen Tafeln in dem reich ausgestattetest Speisesaal ziemlich leer. Die meisten Fahrgäste waren bei der schweren See mehr für ihre Leiden, als für ein üppiges Frühstück empfänglich. Nur der Papagei, wie er jetzt allgemein hieß, strich ruhelos umher.

Vom Kapitän hielt er sich sern. Der war ihm zu zugeknöpft. Aber der Erste Offizier, diese biedere, grundehrliche Haut, schien ihm sympathisch.

Dieser stand an der Reeling und sah nachdenklich ins Wasser. Der Kurs macht wohl Kopfzerbrechen?'^ redete Herr Braun ihn an und bot ihm seine mit schweren Havannas gefüllte Zi­garrentasche an,

I wo!" versetzte der Offizier,

Wo sind wir denn ungefähr?" fragte Herr Braun,

Der alte Seebär lächelte,Mitten im Atlantischen Ozean," versetzte er,zwischen Neuyork und Hamburg, wenn Sie's genast wissen wollen,"

Herr Braun lachte, seinen Aerger verschluckend,Ihrer Schisssführung wird die>e Ortsbestimmung wohl nicht genügen," erwiderte er. Alsbald lcnkic er seine «chrkste abermals her Tele- graphenkäbkne zu,

Mitten im Ozean, Mles gut. Grüße meiner Marie!" las Jachmann, dem der Telegraphist die Depesche vorlegte,

Es tut mir leid um Marie," sagte Fachmann,aber es geht kerne Depesche mehr ab. Verstanden? Es könnte den Kreuzer uns auf die Fersen lenken,"

Der Erste Ofsizier hatte den Vorgang mit angehört. Das ist ein komischer Kerl!" sagte er,Mich hat er nach dem Schisssort gefragt. Ich habe ihm sehr ausführlich geantwortet: im Atlanti­schen Ozean, Für die Begriffe einer Landratte ist das genug," Fachmann lachte. Dann wurde er nachdenklich,Wissen Sie was, Lürssen," entgegnete er,Sie können ihm ruhig em paar genauere Angaben machen. Der Telegraph ist ja gesperrt. Und Sie, Herr Telegraphist, nehmen die Depeschen dieses Herrn ruhig ab, ich bin neugierig, was er noch zu funken hat,"

Am Nachmitwg empfing der Morseapparat eine Depesche für Herrn Braun,Wie geht's dir? Wo bist du? Deine Marie!"

Jachmann ließ, die Depesche aushändigen,Ja, wo sind wir?" fragte Herr Braun seinen Freund, den Ersten Osstzier, Nach dem Kompaß lausen wir Nordost-Kurs, als wollten wir Grönland dampfen. Wir," er faßte den Ersten Offizier ver- ttaulich am Rockknopfwollen wohl oben der Island so herum durchbrechen?"

Lürssen machte sein schlauestes Gesicht,stimmt!" versetzte er. Ein Schein von Befriedigung zog über die hohlen Wangen des Papageis, Er rückte diesmal seine dickste Regatta heraus, gleich daraus sah man ihn wieder zur Telegraphenkabrne rennen, Grüße meiner Marie! Wir sind, wo du nicht ahnst. Aber sicher, Leo,"

Donnerwetter!" Diesmal warf Fachmann das Blatt auf den Tisch, Diese Marie das war doch nicht am Ende der verfolgende Kreuzt, dem so Richtlinien gegeben wurden, nach einem verabredeten System? Bersl - ---