Ausgabe 
23.7.1914
 
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Kinderseele.

Roman von Rein hold Ortmanrk.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Es war wie ein Klang von Geringschätzung in dem Ton ihrer letzten Bemerkungen gewesen. Die Ehrfurcht vor der bevorzugten gesellschaftlichen Stellung ihrer angestammten Gutsherrschast saß dieser auf der Klein-Ellbacher Scholle geborenen Taglöhnerstochter offenbar ebenso tief iin Blute wie ihr Merglaube.

Nicht aus neugierigem Interesse, sondern nur, um nicht nnsreundlich zu erscheinen, sah sich Margarete veranlasst, eine Frage zu tun.Die Herrschaften haben nach ihrer Vermählung immer auf KleiwLllbach gelebt?"

Nein nicht immer. Bei der Hochzeit war ja der alte Herr Baron noch am Leben, und Herr Harro stand in Bres­lau als Offizier. Das tvac ein Offizier, Fräulein, tvie ich vorher und nachher keinen sonst gesehen habe! Wenn er in seiner Kürassicrunisorm daherkam, hätt' man tvahrhastig meinen sollen, es wir" der heilige Erzengel Michael, wie er auf dem Bild in meiner Kammer abgcmalt ist mit dem Panzer und dem flammenden Schwert. Ta. war kein Mädel in Reinwaldsau und aus Klein Ellbach, das sich nicht bei­nahe den Hals abgedrcht hätte, um ihm nachznschauc». Und mit den seinen Tarnen wird eS auch nicht anders ge-- wesen sein, wie ich denke. Aber er hat sich um keine geküm­mert, als uni seine Frau. Und wenn alles mit rechten Din­gen zugegaugcu iväre, hätt' sie so glücklich sein müssen, wie keine zweite auf der Welt. Gott allein kann wissen, wie es geschehen ist, daß sie ihm kein freundliches Gesicht gezeigt hat seit dem Tage, wo sie als Gutsherrschaft ans Klein^Ellbach eingezogen sind, nachdem der alte Herr Baron in die Ewigkeit hinübergegangen war. Ihm nicht und dem Kindchen auch nicht, das sie doch als Mutter unter ihrem Herzen getragen. Es war wie ein Fluch auf diesem Hause, Fräulein, alle die Fahre hindurch. Und ich habe so meine Gedanken, daß er noch lange nicht gebannt und beschworen ist mit dem Hingang der Frau Mrronin."

Margarete hatte die Alte reden lassen, obwohl es ihr peinlich toar, so von der Toten sprechen zu hören. Ihre Gedanken aber waren unausgesetzt bei denl einsamen Manne zewesen, den sie da nebenan als Toteiuoächter am Lager eines Weibes wußte, und wie heigbs Mitleid war es in hrem Herzen aufgestiegen bei der Erinnerung an das Elftere, gramvolle Gesicht mit dem er vorhin daS Zimmer eines Kindes verlassen hatte. Das Geschwätz der alten Jo- epha mochte in Wahrheit nicht ganz so töricht sein, als es hr wohl unter anderen Umständen erschienen wäre. Auch ie glaubte etwas von dem beklemmenden Druck eines Ver­hängnisses zu fühle», das auf diesem .Hause lastete, und in­

brünstig sehnte sie die Stunde herbei, da sie es fvieder würde verlassen dürfen.

Sie hatte der Alten nicht geantwortet, und mit auf die Brust gesunkenem Kopse schien Joscpha ganz in ihre trübe» Gedanken und Erinnerungen verloren.

Da klangen von unten herauf gedämpfte Hammcr- schlnge, und das graue, verwitterte Haupt der Dienerin richtete sich horchend auf.

Jetzt richten sie unten den Saal sür die Totenfeier," sagte jje.Wer weiß, wie bald sie ihn wieder für eine Hoch- zeit richten werden! Aber ich möcht' es nicht erleben."

So sollten Sie nicht sprechen, Joseph«," mahnte Mar­garete.Es gibt heute unter diesem Dache gewiß niemand, der sich ein solches Zukunftsbild ausnialen kann."

Der da drinnen gewiß nicht. Aber eine weiß ich, die von heute ab keinen anderen Gedanken mehr haben wird als den. Und sie wird es durchsetzen ich weiß, daß sie es durchsetzen wird. Denn sie ist eine von denen, gegen die sich kein Mann zur Wehr setzen kann, wenn sie zur Beisetzung herkommt! Tie und keine andere wird Dietlindes zweite Mutter."

Wenn cs sich so verhielte, liebe Fosepha, kommt es wohl keiner von uns beiden zu, Betrachtungen darüber an- zustellen. Wir wollen lieber nicht weiter von diesen Dingen sprechen."

Tie Alte nickte nur ein paarmal und versank dann aufs neue in ihre Grübeleien, die schließlich in einen sanften Schlummer übergingen.

Aus dem unteren Stockwerk klang noch iininer in kurzen Zwischenräumen das unheimlich dumpfe .Nstopfen herauf, und bei jedem Schlage, den sie vernahm, mußte Margarete daran denken, wie schmerzlich er das Herz des Mannes treffen mochte, von dem sie nur durch den schmalen Raum des verdunkelten Kinderzimmers getrennt war.

9. Kapitel.

Als Botho von Reibnitz am zweiten Morgen seines Ber­liner Aufenthalts erwachte, mußte er sich sekundenlang besinnen, bevor er zu klarem Bewußtsein der ihn umgeben­den Wirklichkeit gelangte. Kurz vor Tagesanbruch erst war er ins Hotel zurückgekehrt und hatte srch halb angekletdet aufs Bett gelvorfcn. Tie reichlich genossenen geistigen Go- tränke hatten ihm tvohl zu einem tiefen und traumlosen Schlummer verholfen; aber sie machten sich firr diese Wohltat jetzt überreich bezahlt. Ein dumpfer, bohrender Schmerz saß ihm in den Sck,läsen, und er hatte eine Empfindung, als ob ihm der Hinterkopf mit Blei ausgefüllt wäre. Dazu fühlte er sich am ganzen Körper zerschlagen wie bei einer schweren Krankheit, und von Zeit zu Zeit fuhr es ihm durch die Brust, als hätte man ihm eine lange, spitze Nadel in die Lunge gestoßen.

Stöhnend drehte er den Kopf auf die andere Seite und schloß von neuem die Augen. Aber das Klingeln der Straßenbahnen, die drunten unablässig vorüberrasselten,