Ausgabe 
23.7.1914
 
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das Tuten der Automobildrvschken und alle die ungezählten anderen Geräusche des nie stockenden Großstadtlebens hätten ein Zurücksenden in den erlösenden Schlummer unmöglich gemacht, auch wenn ihn nicht schon das qualvolle Arbeiten seines schmerzenden Gehirns wachgehalten hätte. Zehn Mi­nuten lang hielt er eS aus; dann raffte er zusammen, was ihm noch an Willenskraft übriggeblieben war, und richtete sich ächzend auf.

Unsinn! Es ist ja doch alles Unsinn!" sagte er laut, indem er sich mit den flachen Händen über die heiße Stirn und durch das schon dünn werdende Haar fuhr.Wozu noch die ganze scheußliche Quälerei!"

Er stand auf und ging an den Waschtisch.^ Aber er vermied geflissentlich, in den darüberhängenden Spiegel zu blicken, während er seine Morgentoilette machte. Und als- er fertig war, blieb er eine ganze Weile mit schlaff herab­hängenden Armen initten im Zimmer stehen. Endlich ging ec zur Tür, um nach dem Frühstück zu llingeln. Aber auch das wurde ihm wieder leid, und er ließ die Hand sinken, ehe sie den Druckknopf berührt hatte. Die Borstellung, zu essen oder zu trinken, hatte das Gefühl des Ekels gesteigert, das ihm seit dem Erwachen würgend in der Kehle saß, und mit der ganzen Hilflosigkeit eines Menschen, der nicht mehr weiß, was er mit sich und der Welt anfangen soll, starrte er durch das Fenster in den grauen, trübseligen Regentag hinaus.

Der Koffer, dem er die frische Wäsche entnommen hatte,

J dand noch haW offen, und irgend eine geheimnisvolle Kraft >er Anziehung schien von ihm auszugehen, denn nach einer Weile drehte Reibnitz langsam sein fahles Gesicht nach jener Richtung, und in seine matten Augen kam etwas wie ein Glitzern der Angst oder der wildaufbäumenden Verzweif­lung. Er machte zwei rasche Schritte, beugte sich über den Koffer und fuhr mit der Hand in eine der Seitentaschen. Lin eleganter Armeerevolver war es, den er herausgczogcn hatte, und den er jetzt von allen Seiten betrachtete, als hielte er eine derartige Waffe zum ersten Male zwischen den Fingern. 9hm hoib er ihn langsam empor und setzte, ohne die Sicherung zu lösen, die Mündung des Laufs zwischen die Augen auf seine Stirn.

Er wußte ja, daß kein Schuß losgehen würde, auch wenn sein Finger aus den Abzug gedrückt hätte, und er wußte auch, daß er in dieser Stunde noch nicht den Mut haben würde, Ernst zu machen. Aber es dünkte ihn schon wie ein erster Schritt zu dem Ziel, das er wie etwas Unaustveicht- kiches vor sich sah, wenn er wenigstens sich! darin übte, die unheimliche Berührung des niörderischen Eisens ohne Er­schauern auszuhalten.

Draußen auf dem Gange zwischen den Zimmern näherte sich ein Schritt, und nun wurde an die Tür geklopft.

Rasch warf Reibuitz die Waffe in den Koffer zurück und hob horchend den Kopf. Erst als sich das Klopfen stärker wiederholte, ging er, um den Riegel zurückzuschieben. Seine gespannten Züge wurden wieder schlaff, als er nur das gleichgültige Gesicht des Zimmerkellners vor sich sah.

Was gibks?" fragte er.Einen Brief?"

Nein. .Aber eine Dame ist da, die Herrn v. Reibnitz sprechen möchte."

Eine Danie? Was siir eine Dame?"

Ein junges Mädchen. Aber da ist sie schon. Bitte!" Er war zurückgetrctcn, als er bemerkt hafte, daß die Gemeldete ihm auf dem Fuße gefolgt war, aber er versagte sich's nicht, noch ein paarmal neugierig zurückzuschielen, während er sich gemächlich entfernte. So konnte er gerade noch wihinehmen, daß Reibuitz die Besucherin mit einem wahrhaft entsetzten Blick anstarrte, und daß kein Wort der Begrüßung zwischen ihnen ausgetauscht wurde.

Endlich sagte Reibuitz!Bitte kvnun herein!"

Die Tür hatte sich hinter dem jungen Mädchen ge­schlossen. W>e zwei Menschen, deren jeder von dem anderen auf d>>s Schlimmste gefaßt ist, standen sie einander gegen­über. Die einfach, aber nicht ohne Schick gekleidete Besucherin war recht hübsch wenn auch keine auffallende Schönheit. Ihre Gestalt war etwas zu klein und zu voll, ihre Züge zu wenig ausdrucksvoll; aber daß sie Reibuitz in diesem Augen­blick als die schrecklichste aller Erscheinungen vorkam, mußte seinen Grund doch wohl in anderem haben als in ihrem Aeußeren.

Dii kommst hierher du?" stieß er hervor, und seine Stimme war klanglos vor Aufregung.Ja, was soll denn das heißen? Wie hast du es überhaupt augestellt, mich zu siuden?"

Es toar nicht sehr schwer," erwiderte sie leise und mit

dem sichtlichen Beinühen, ruhig zu erscheinen.Huhndorf, der dich nach der Station gefahren hat, sagte mir, daß du eine Fahrkarte nach Berlin gelöst hättest. Und hier auf dem polizeilichen Meldeamt, von dein ich eben konlme, nannts man mir ohne weiteres deine Adresse."

Reizend wirklich ganz reizend! Eine Neberraschung, wie sie gar nicht schöner hätte sein können. Fehlt nur noch der Herr Werlrneister. Tenn der ist doch natürlich auch mit- gekommen."

Das junge Mädchen schüttelte den 'Kopf.Ich bin ohne den Vater gefahren, Botho, und gegen seinen Willen. Ich kann niei nie mehr nach Reinswaldau zurück."

Herrgott im Himmel!" Er schlug die Hände zusammen und begann mit verzweifelten Gebärden auf und nieder zu rennen.Ist denn die ganze Welt gegen mich losgelasseu? Wie konntest du nur auf einen so wahnwitzigen Einfall ge­raten, Regine? Hast du den Brief nicht erhalten, den ich dir vor meiner Abreise geschrieben?"

Ich habe ihn bekommen. Und eben deshalb bin ich gefahren."

Das habe ich ja sehr hübsch gemacht. Eben deshalb sagst du? Ich meine doch,, es wäre recht wenig darin ge­wesen, das dich zu solchem Schritt hätte ermutigen können."

Es war ein so schrecklicher Brief, Botho so voll Verzweiflung. Einen Mensche», den mau lieb hat, läßt man in solcher Verfassung doch nicht allein!"

Sie hatte es ganz einfach gesagt, ohne Feierlichkeit und ohne Tränen. Aber es war doch etwas im Klang ihrer! Stimme gewesen, das Reibuitz seltsam getroffen haben mußte, denn er blieb plötzlich stehen und sah ihr mit etncw ungewissen Blick ins Gesicht.

Deshalb wärest du gekommen? Wer das ist doch un­möglich! Du hast einfach gar nicht verstanden, was ich dir geschrieben."

O doch ich habe es ganz gut verstanden. Es ist der Tod der Baronin Bardeleben gewesen, der dich in solche Verzweiflung gestürzt hat. So lieb hast du sie gehabt, daß du meinst, du könntest ihr Hinscheiden nicht überleben undi"

Nun ja. Wer trotzdem"

Trotzdem habe ich auf der Stelle den Entschluß gefaßt, dir nachzureisen und dich zu trösten, so gut ich es eben kann." i

In der stillen Hoffnung natürlich, daß ich mich jetzt vielleicht doch entschließen würde, dich zu heiraten, jetzt, wo keine andere mehr dazwischen steht."

Wenn er geglaubt hatte, sie durch diese schonungslose Enthüllung ihrer geheimen Wünsche niederzuschmettern, so sah er sich getäuscht. 1

Sie hatte wohl ein wenig den Kopf sinken lassen, aber ihre Antwort kam ohne alles Zögern.Ich werde dich gewiß nicht drängen, mich zu deiner Frau zu machen. Wer warum sollte ich nicht darauf hoffen, daß es eines Tages geschieht? Hast du nur nicht hundertmal gesagt, daß du mich lieb hast? Und habe ich nicht deinetwegen alles andere aufgegeben i einen Menschen, der mich ans den Händen getragen hätte, und jetzt sogar meinen alten Vater? Darum, daß du auch die Baronin geliebt hast, bin ich dir nicht mehr böse."

Wirklich?" höhnte er.So großmütig bist du? Darach daß man auch eine Tote noch lieben könnte und vielleicht tausendmal mehr als die Lebende daran hast du in dev Einfalt deines Herzens selbstverständlich nicht gedacht?"

Gewiß habe ich daran gedacht. Aber ich glaube nicht, daß du sie immer lieben wirst. Das ist gegen die Natnr^ Botho! Und dann dann verlange ich ja auch gar nicht, daß du mich ans dieselbe Art lieben sollst wie sie. Zu ihc hast du doch nur emporgesehen ivie zu einem überirdischest Wesen. Es konnte nicht anders sein, weil sie als die Frau eines anderen für dich immer unerreichbar geblieben wäre. Und ich lverde dich gewiß nicht lstndern, mit solcher Ver­ehrung auch künftig an sie zu denken. Aber das Leben hat doch auch seine Rechte nicht wahr? Und mich sollst du nicht anbeten, denn ich weiß ivohl, daß ich danach nicht angetan bin. Mir sollst du nur erlauben, dein treuer und guter Kamerad zu sein, dir beizustehen und alles für dich zu tun, was ein Mensch für den anderen tun kann."

(Fortsetzung stlgt.)