461

Dichter und Uind.

Carl Spittelersfrüheste Erlebnisse".

' Von Tr. Friedrich Spreen.

Jedes fiiitb ist gewissermaßen ein Genie, und jedes Genie «ewilserinaßen ein Kind." Dies Wort Schopenhauers verleiht den schärfsten Ausdruck einem uralten Glaube», der im Spiel der Klei­nen ein der Kunst vcrtvandtes Tun sieht und den nach Plato be­sonders Schiller verherrlicht hat. Auch heute noch findet diese An- schauung, das; Kunst Spiel sei, in der Wissenschaft Vertreter, roch hat sic Wundt dahin berichtigt» dass er das kindliche Treiben nur noch als Vorstufe genialen Schaffens gelten läßt:Die Mutter der Kunst ist das Spiel." In der stärkeren Empfindlichkeit des it indes äußeren Eindrücken gegenüber und in seinem unbewußten Sinnen und Träumen scheinen die dichterischen Kräfte der Reiz­samkeit und der visionären Phantasie vorausgenommen zu sein. Welche geheimnisvoll ticsen Bande den Poeten mit dem Kinde ver­knüpfen, wieviel das Genie dem wundersamen Erleben seiner Ju­gend verdankt, das wird aber kein Gelehrter ergründen können; das kann uns nur der Künstler selbst offenbaren. Viele unsrer Gro­ßen, wie Goethe, Jean Paul, Hebbel. Keller, haben uns von ihrem jungen Sein und Werden erzählt; keiner jedoch ist so tief hinab- geslicgen zu den leise rauschenden Quellen des Kindcrlandes, hat das Wesen des Dichters so wundervoll aus der Seele des Kindes erklärt wie Carl Spittelcr, der große Schweizer Meister, in seinem vor kurzem im Verlag von Eugen Diederichs in Jena erschienenen BekenntnisbuchMeine frühesten Erlebnisse".

Der Schöpfer desOlympischen Frühlings", dieses einzigen modernen Epos, das reinstes Schauen mit klarstem Denken vereint, gibt hier eine Autobiographie seines 1. bis 4. Lebensjahres, wendet also ein Buch an einen Zeitabschnitt, für den Goethe inDichtung und Wahrheit" nur ein paar Seiten hat, und es ist ihm gelungen, in diesen so hell gesehenen und zart gedeuteten Visionen, in denen ein großer Dichter noch einmal zurücklaucht in das Paradies der Jugend, nicht nur oin poetisch reifes Werk, sondern auch eine wichtige Fundgrube für den Psychologen zu schaffen. Wie wunder­voll schildert er gleich zu Beginn den Traum des Kindes als den Urgnell des Dichters; .Tausend kleine Dinge und Vorkommnisse des wachen Lebens, die den abgestumpften Erwachsenen gänzlich kalt lassen, die er nicht einmal mehr sicht und, wenn er sie sieht, nicht bemerkt, rühren dem Kinde, weil es noch irisch fühlt und weil ihm die Erdendinge neu sind, bis in die Seele und erzeugen Traumspiegelungen int Schlafe. Ich kann aus meiner Erfahrung berichten, daß mir ein Eisengittcr um ein Haus, ein flüchtiger Blick in ein Kellergeschoß in der darauffolgenden Nacht ernste, tiefsinnige Träume verursachten, daß aus größere Neuigkeiten, zum Beispiel aus den erstmaligen Anblick strömenden Wassers, ein wahrer Traum­sturm folgte. Und wie golden schon die Landschaftsbilder in den Träumen Enoachsener leuchten mögen, die Landschaften, die der Traum des Kindes malt, sind noch viel seliger und süßer. Die Träume meiner ersten zwei Lebensjahre sind meine schönste Bilder­sammlung und mein liebstes Pvcsiebuch." Wie goldene Blüten sprießen uns solche Träume allenthalben aus dem Buche entgegen. Aber der Dichter n>arnt davor, feilte Erinnerungsbilder für Phan­tasien zu halten, bie er in die Natur hineingetragen; sie wurden ihm vielmehr vor', außen ausgedrängt. Das Kindlernte die For­men auswendig", erfaßte das spezifische Aussehen einer Sacheund sog an der seelischen Stimmung, die sie enthielt". Erst dem Dreio und Vierjährigen erschließt sich so das Ülntlitz der Erde, offenbart sich ihr äußeres tKewand. mi-5 derUrzeit" des Daseins ist weniges ihm geblieben.Nur wie etwa aus Trümmerschutt Bruch­stücke altehrwürdiger geheimnisvoller Schriftdenkmäler, so leuchten iwch vereinzelte Erinnerungsbilder an die Stunden nach, wo die Seele, noch Neuling auf Erden, als vermeintlich unbeteiligter Zu- schaucc in den Weltraum staunte. So entsinne ich mich, ergriffen wie vor einem ernsten, erhabenen Kunstwerk, nüe und wo ich könnte die Stellen zeigen ich zum ersten Male meines Lebens einen Wald schaute, einen Regen im Freien erlebte, einen Fluß strömen sah und ähnliches."

Das Kind empfing seine ersten Eindrücke aus dem Dorfe, in engster Berührung mit Baum und Strauch, mit Wiese und Feld, und Spittelcr preist sich darob glücklich.Ueberhaupt schasst es ja ein ganz anderes Gemütsverhältnis zurNatur", das will sagen zu.den irdischen Dingen unter freiem Himmel, wenn man sie im frühesten Kindesalter erlebt, als wenn man sie erst nachträglich durch Spaziergänge und Ausflüge kennen lernt. Vollends wenn ihre erste Bekanntschaft aus dem Grund und Boden des Familien- eigentums geschlossen wird, entsteht etwas wie Scelenverwandt- schast mit den Dingen. Die trauten Gestalten der Angehörigem färben aus das Gefilde ab. Aus diesem Gruiche, ich meine, weil ich als kleines Kind dieNatur", also die Landschaften der Erd- obersläche, nie anders als in Gesellschaft der Meinigen gesehen habe, wird mir das, was andere ihr Naturgefühl nennen, zum Heimatsgefühl. Ter Kirschbaum der Aphrodite, der Nnßbaum der Pandora, das Gras des Baldur, das Korn der Mittagsfrau sind auf den Feldern meines Großvaters gewachsen. Das Versehen haben sie gut vertragen, sogar bis aus den Olymp." Und wie ihm die Natur mit Heimat und Kindheit in eins verwebt ist, so erklingen überall in seiner Entwicklung und in seinem Weltbild die Glocken aus dein stillen Liestal, da er geboren wurde. Welch eine Rolle spielt die Wirtsstube bei den Großeltern!Weil aber erst im zwei­

ten und dntten Lebens,ahr des Menschen der Wachzustand über den Schlaszustand das Uebergewicht gewinnt, empfand mein Be­wußtsein die Wirtsstube als die Geburtsstälte meines Ich und das ganze frühere Wiegen- und Wohnstnbenleben als unvordenk­liche Vergangenheit. Wenn ich daher am Mittag zum Essen und am Abend zum Schlafen aus der Wirtsstube der Großmutter in die Wohnung meiner Eltern Hinausstieg, so überkam mich ein Gefühl, als begäbe ich mich aus der Gegenwart in längst über­wundene Urzeiten zurück." Nicht minder wichtig ist für den Drei­jährigen der Hausbau des Vaters.Der wirkte natürlich aus wich wie ein gewaltiges Ereignis, das sick> als lief und nach- haltig erwies. Jedesmal ivenn in nieinen Schriften von einem Hausbau die Rede ist, habe ich die Gemütsfarben dazu aus dem Hausbau meines Vaters bezogen." Und von der Freude an den lneuen Räumen behält ereine Borliebe für Oelfarbengeruch"

t tf immer zurück. Das Läuten der Betzritglocke, das m sein chlafzimmer dringt und das Abendgebet begleitet, ist ihm un­vergeßlich.Ihr Ton ist nie in meinem Herzen verklungen, weil er zum Äbckndsprüchlein der Großmütter das Schlummer­lied saiig". Und.weil zu Frühlingsanfang in der Brauerei des Paten Bier gebraut und Fässer geteert wurden, sind ihmMalz­geruch Und Pechgewölk zeitlebens Symbole des Vorfrühlings ge­blieben". Eine freundliche stets lustige Nachbarinlebt als Fee des Frühlings in meiner Erinnerung". Frühlingseindrücke, die Auge und Ohr in früher Jugend eingesogen, kommen ihm später erst zu Bewußtsein. Der Blick für Himmelshühen, Erden­fernen, Luft- und Wolkeuspicle, für Lichtströme und Dustschleier ging ihm schon ganz unvermerkt damals auf.Aus diesem Grunde, ich meine wegen solcher Augencrlebnisse in meiner Kinder- zcit, wurde .ich dann, gls ich mich der Poesie verschloor, durchs meine Natur gezwungen, meine Stoffe aus der blauen Luft zu beziehen. . . Im Winter vor meiner Konstrmation hörte ich im Basler Theater den Freischütz. Ms der Freischützwalzer erklang, llberkam mich eine Verzückung;Den hast du vor unvordenk­lichen Zeiten als Kind schon vernommen." In Bern hörte ich einmal Knaben auf Weidenflöten pseijen. Beim Klang dieser Flötentöne erfaßte mich die Sehnsucht nach Liestal".

Seine Phantasie wird zuerst durch die Märchen der über alles geliebten Großmutter geweckt.Nachdem ich von dieser Kost geschmeckt hatte, verlangte ich nach nichts andrem. Nur immer und ewig erzählen, meinetwegen stets das nämliche, die Geschichte von den Geißlein und dem Wolf, von der Kohle und dem Strohhalm; ob ich das schon auswendig wußte, ich mochte es immer von neuem hören, und zwar von der Großmutter, von niemand anders." Erst später im dritten und vierten Jahr kamen die Bilderbücher dran und weckten zunächstnicht meine Phan­tasie zu selbständiger Spielgeschäftigkeit". DerStruwelpeter" mißfiel dem Kinde; am meisteil entzückte ihn ein Prachtwerk aus des Vaters Schrank, in demdie gesamte Menschheit und Tierheit" abgcbildet war. Spittelcr hält überhaupt nicht viel vom berühmten Spielglück des Kindes".Die gähnende Kluft livischen der Wirklichkeit irnd den Phantasieträumen beim Spielen MM ir wohl zum Bewußtsein. Ich hatte

kommt nämlich dem Kinde gar .. ... ___________

es bald gelernt, daß die Bleisoldaten und irdenen Schästein und Rößlein, die ich aufstellte, wieder in die Schachtel zurück­müssen, und daß sic einen trotz dem schönen Traumleben, da- man ihnen leiht, stumm und dumm anglotzen. Das Spiel hat einen glücklichen Auftakt, aber die Fortsetzung langweilt, weil sie der Erwartung keine Antwort bringt; darum bedarf es des ewigen Wechsels, um immer von neuem den Auftakt zu geunimen. Das .Spiel beruht aus Täuschung, darum endet es mit Enttäu­schung." Viel besser dünkt ihm dasHandwerkerglück", wenn das Kind schon eine richtige kleine Arbeit verrichten kann und sich als Schöpfer fühlt. Und auch einen Blick über die HeUc des Tages unddie freundliche Großmutterwelt" hinaus tut er schon, als er einmal im Dunkeln allein auf dem Dachboden gelassen wird. Ein eigentümliches ernstes Gefühl durchschauert ihn.Ich bin weder willens noch befugt, aus lenes Stündlein auf dem Dachboden deswegen überlegen zurückzublicken, weil ich damals ein winziges gedankenloses Menschlein war. Der Gedanke ist nicht der einzige Weg zur Wahrheit; ich bin sogar versucht zu sagen, ein Irrweg. Kur», ich schaute damals einen Augenblick m das Antlitz der Meduse". Nun beschäftigt sich seine Phantasie viel mit den Wintergeistern, die im Dunkel der Nacht im Walde hausen . . . Und als er dann die erste größere Reise macht, wird ihm Solothurn zur goldenen Märchenstadt und in Bern interessiert ihn nichts als ein großer gemalter Elefant über einem Hauseingang.

Zahlreiche Fäden spinnen sich von diesen Eindrücken und Ge­fühlen des Kindes zu den Dichtungen des reifen Mannes. Ein Aus­flug, den der Zweijährige mit demSalomelt" nach dem rei­zenden Waldenburg macht, blldet den Keim zu dem schönen Idyll Gustav": das dort gefchilderteFensterli" ist dasMünsterli", in dem das Kind sich wie verzaubert vorkommt, und auch ine Ente» fehlen nicht, die das Baby entzückten. Sehr oft kehrt in seinen Schriften die FelsschluchtClus" toieder, die sich ihm bei der Fahrt mlt der Upitter in die Seele prägte.Die geheime utsvoUen Täler des Olympischen Frühlings auf der Reise zu Ura­nos, die Talvisionen im Imago sind die Nachkommen der Visionen, die dem Dreijährigen auf seiner ersten Berner Reise in der.Gegend