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Dichter und Uind.
Carl Spittelers „früheste Erlebnisse".
' Von Tr. Friedrich Spreen.
„Jedes fiiitb ist gewissermaßen ein Genie, und jedes Genie «ewilserinaßen ein Kind." Dies Wort Schopenhauers verleiht den schärfsten Ausdruck einem uralten Glaube», der im Spiel der Kleinen ein der Kunst vcrtvandtes Tun sieht und den nach Plato besonders Schiller verherrlicht hat. Auch heute noch findet diese An- schauung, das; Kunst Spiel sei, in der Wissenschaft Vertreter, roch hat sic Wundt dahin berichtigt» dass er das kindliche Treiben nur noch als Vorstufe genialen Schaffens gelten läßt: „Die Mutter der Kunst ist das Spiel." In der stärkeren Empfindlichkeit des it indes äußeren Eindrücken gegenüber und in seinem unbewußten Sinnen und Träumen scheinen die dichterischen Kräfte der Reizsamkeit und der visionären Phantasie vorausgenommen zu sein. Welche geheimnisvoll ticsen Bande den Poeten mit dem Kinde verknüpfen, wieviel das Genie dem wundersamen Erleben seiner Jugend verdankt, das wird aber kein Gelehrter ergründen können; das kann uns nur der Künstler selbst offenbaren. Viele unsrer Großen, wie Goethe, Jean Paul, Hebbel. Keller, haben uns von ihrem jungen Sein und Werden erzählt; keiner jedoch ist so tief hinab- geslicgen zu den leise rauschenden Quellen des Kindcrlandes, hat das Wesen des Dichters so wundervoll aus der Seele des Kindes erklärt wie Carl Spittelcr, der große Schweizer Meister, in seinem vor kurzem im Verlag von Eugen Diederichs in Jena erschienenen Bekenntnisbuch „Meine frühesten Erlebnisse".
Der Schöpfer des „Olympischen Frühlings", dieses einzigen modernen Epos, das reinstes Schauen mit klarstem Denken vereint, gibt hier eine Autobiographie seines 1. bis 4. Lebensjahres, wendet also ein Buch an einen Zeitabschnitt, für den Goethe in „Dichtung und Wahrheit" nur ein paar Seiten hat, und es ist ihm gelungen, in diesen so hell gesehenen und zart gedeuteten Visionen, in denen ein großer Dichter noch einmal zurücklaucht in das Paradies der Jugend, nicht nur oin poetisch reifes Werk, sondern auch eine wichtige Fundgrube für den Psychologen zu schaffen. Wie wundervoll schildert er gleich zu Beginn den Traum des Kindes als den Urgnell des Dichters; .Tausend kleine Dinge und Vorkommnisse des wachen Lebens, die den abgestumpften Erwachsenen gänzlich kalt lassen, die er nicht einmal mehr sicht und, wenn er sie sieht, nicht bemerkt, rühren dem Kinde, weil es noch irisch fühlt und weil ihm die Erdendinge neu sind, bis in die Seele und erzeugen Traumspiegelungen int Schlafe. Ich kann aus meiner Erfahrung berichten, daß mir ein Eisengittcr um ein Haus, ein flüchtiger Blick in ein Kellergeschoß in der darauffolgenden Nacht ernste, tiefsinnige Träume verursachten, daß aus größere Neuigkeiten, zum Beispiel aus den erstmaligen Anblick strömenden Wassers, ein wahrer Traumsturm folgte. Und wie golden schon die Landschaftsbilder in den Träumen Enoachsener leuchten mögen, die Landschaften, die der Traum des Kindes malt, sind noch viel seliger und süßer. Die Träume meiner ersten zwei Lebensjahre sind meine schönste Bildersammlung und mein liebstes Pvcsiebuch." Wie goldene Blüten sprießen uns solche Träume allenthalben aus dem Buche entgegen. Aber der Dichter n>arnt davor, feilte Erinnerungsbilder für Phantasien zu halten, bie er in die Natur hineingetragen; sie wurden ihm vielmehr vor', außen ausgedrängt. Das Kind „lernte die Formen auswendig", erfaßte das spezifische Aussehen einer Sache „und sog an der seelischen Stimmung, die sie enthielt". Erst dem Dreio und Vierjährigen erschließt sich so das Ülntlitz der Erde, offenbart sich ihr äußeres tKewand. mi-5 der „Urzeit" des Daseins ist weniges ihm geblieben. „Nur wie etwa aus Trümmerschutt Bruchstücke altehrwürdiger geheimnisvoller Schriftdenkmäler, so leuchten iwch vereinzelte Erinnerungsbilder an die Stunden nach, wo die Seele, noch Neuling auf Erden, als vermeintlich unbeteiligter Zu- schaucc in den Weltraum staunte. So entsinne ich mich, ergriffen wie vor einem ernsten, erhabenen Kunstwerk, nüe und wo — ich könnte die Stellen zeigen — ich zum ersten Male meines Lebens einen Wald schaute, einen Regen im Freien erlebte, einen Fluß strömen sah und ähnliches."
Das Kind empfing seine ersten Eindrücke aus dem Dorfe, in engster Berührung mit Baum und Strauch, mit Wiese und Feld, und Spittelcr preist sich darob glücklich. „Ueberhaupt schasst es ja ein ganz anderes Gemütsverhältnis zur „Natur", das will sagen zu.den irdischen Dingen unter freiem Himmel, wenn man sie im frühesten Kindesalter erlebt, als wenn man sie erst nachträglich durch Spaziergänge und Ausflüge kennen lernt. Vollends wenn ihre erste Bekanntschaft aus dem Grund und Boden des Familien- eigentums geschlossen wird, entsteht etwas wie Scelenverwandt- schast mit den Dingen. Die trauten Gestalten der Angehörigem färben aus das Gefilde ab. Aus diesem Gruiche, ich meine, weil ich als kleines Kind die „Natur", also die Landschaften der Erd- obersläche, nie anders als in Gesellschaft der Meinigen gesehen habe, wird mir das, was andere ihr Naturgefühl nennen, zum Heimatsgefühl. Ter Kirschbaum der Aphrodite, der Nnßbaum der Pandora, das Gras des Baldur, das Korn der Mittagsfrau sind auf den Feldern meines Großvaters gewachsen. Das Versehen haben sie gut vertragen, sogar bis aus den Olymp." Und wie ihm die Natur mit Heimat und Kindheit in eins verwebt ist, so erklingen überall in seiner Entwicklung und in seinem Weltbild die Glocken aus dein stillen Liestal, da er geboren wurde. Welch eine Rolle spielt die Wirtsstube bei den Großeltern! „Weil aber erst im zwei
ten und dntten Lebens,ahr des Menschen der Wachzustand über den Schlaszustand das Uebergewicht gewinnt, empfand mein Bewußtsein die Wirtsstube als die Geburtsstälte meines Ich und das ganze frühere Wiegen- und Wohnstnbenleben als unvordenkliche Vergangenheit. Wenn ich daher am Mittag zum Essen und am Abend zum Schlafen aus der Wirtsstube der Großmutter in die Wohnung meiner Eltern Hinausstieg, so überkam mich ein Gefühl, als begäbe ich mich aus der Gegenwart in längst überwundene Urzeiten zurück." Nicht minder wichtig ist für den Dreijährigen der Hausbau des Vaters. „Der wirkte natürlich aus wich wie ein gewaltiges Ereignis, das sick> als lief und nach- haltig erwies. Jedesmal ivenn in nieinen Schriften von einem Hausbau die Rede ist, habe ich die Gemütsfarben dazu aus dem Hausbau meines Vaters bezogen." Und von der Freude an den lneuen Räumen behält er „eine Borliebe für Oelfarbengeruch"
t tf immer zurück. Das Läuten der Betzritglocke, das m sein chlafzimmer dringt und das Abendgebet begleitet, ist ihm unvergeßlich. „Ihr Ton ist nie in meinem Herzen verklungen, weil er zum Äbckndsprüchlein der Großmütter das Schlummerlied saiig". Und.weil zu Frühlingsanfang in der Brauerei des Paten Bier gebraut und Fässer geteert wurden, sind ihm „Malzgeruch Und Pechgewölk zeitlebens Symbole des Vorfrühlings geblieben". Eine freundliche stets lustige Nachbarin „lebt als Fee des Frühlings in meiner Erinnerung". Frühlingseindrücke, die Auge und Ohr in früher Jugend eingesogen, kommen ihm später erst zu Bewußtsein. Der Blick für Himmelshühen, Erdenfernen, Luft- und Wolkeuspicle, für Lichtströme und Dustschleier ging ihm schon ganz unvermerkt damals auf. „Aus diesem Grunde, ich meine wegen solcher Augencrlebnisse in meiner Kinder- zcit, wurde .ich dann, gls ich mich der Poesie verschloor, durchs meine Natur gezwungen, meine Stoffe aus der blauen Luft zu beziehen. . . Im Winter vor meiner Konstrmation hörte ich im Basler Theater den Freischütz. Ms der Freischützwalzer erklang, llberkam mich eine Verzückung; „Den hast du vor unvordenklichen Zeiten als Kind schon vernommen." In Bern hörte ich einmal Knaben auf Weidenflöten pseijen. Beim Klang dieser Flötentöne erfaßte mich die Sehnsucht nach Liestal".
Seine Phantasie wird zuerst durch die Märchen der über alles geliebten Großmutter geweckt. „Nachdem ich von dieser Kost geschmeckt hatte, verlangte ich nach nichts andrem. Nur immer und ewig erzählen, meinetwegen stets das nämliche, die Geschichte von den Geißlein und dem Wolf, von der Kohle und dem Strohhalm; ob ich das schon auswendig wußte, ich mochte es immer von neuem hören, und zwar von der Großmutter, von niemand anders." Erst später im dritten und vierten Jahr kamen die Bilderbücher dran und weckten zunächst „nicht meine Phantasie zu selbständiger Spielgeschäftigkeit". Der „Struwelpeter" mißfiel dem Kinde; am meisteil entzückte ihn ein Prachtwerk aus des Vaters Schrank, in dem „die gesamte Menschheit und Tierheit" abgcbildet war. Spittelcr hält überhaupt nicht viel „vom berühmten Spielglück des Kindes". „Die gähnende Kluft livischen der Wirklichkeit irnd den Phantasieträumen beim Spielen MM ir wohl zum Bewußtsein. Ich hatte
kommt nämlich dem Kinde gar .. ... ___________
es bald gelernt, daß die Bleisoldaten und irdenen Schästein und Rößlein, die ich aufstellte, wieder in die Schachtel zurückmüssen, und daß sic einen trotz dem schönen Traumleben, da- man ihnen leiht, stumm und dumm anglotzen. Das Spiel hat einen glücklichen Auftakt, aber die Fortsetzung langweilt, weil sie der Erwartung keine Antwort bringt; darum bedarf es des ewigen Wechsels, um immer von neuem den Auftakt zu geunimen. Das .Spiel beruht aus Täuschung, darum endet es mit Enttäuschung." Viel besser dünkt ihm das „Handwerkerglück", wenn das Kind schon eine richtige kleine Arbeit verrichten kann und sich als Schöpfer fühlt. Und auch einen Blick über die HeUc des Tages und „die freundliche Großmutterwelt" hinaus tut er schon, als er einmal im Dunkeln allein auf dem Dachboden gelassen wird. Ein eigentümliches ernstes Gefühl durchschauert ihn. „Ich bin weder willens noch befugt, aus lenes Stündlein auf dem Dachboden deswegen überlegen zurückzublicken, weil ich damals ein winziges gedankenloses Menschlein war. Der Gedanke ist nicht der einzige Weg zur Wahrheit; ich bin sogar versucht zu sagen, ein Irrweg. Kur», ich schaute damals einen Augenblick m das Antlitz der Meduse". Nun beschäftigt sich seine Phantasie viel mit den Wintergeistern, die im Dunkel der Nacht im Walde hausen . . . Und als er dann die erste größere Reise macht, wird ihm Solothurn zur goldenen Märchenstadt und in Bern interessiert ihn nichts als ein großer gemalter Elefant über einem Hauseingang.
Zahlreiche Fäden spinnen sich von diesen Eindrücken und Gefühlen des Kindes zu den Dichtungen des reifen Mannes. Ein Ausflug, den der Zweijährige mit dem „Salomelt" nach dem reizenden Waldenburg macht, blldet den Keim zu dem schönen Idyll „Gustav": das dort gefchilderte „Fensterli" ist das „Münsterli", in dem das Kind sich wie verzaubert vorkommt, und auch ine Ente» fehlen nicht, die das Baby entzückten. Sehr oft kehrt in seinen Schriften die Felsschlucht „Clus" toieder, die sich ihm bei der Fahrt mlt der Upitter in die Seele prägte. „Die geheime utsvoUen Täler des Olympischen Frühlings auf der Reise zu Uranos, die Talvisionen im Imago sind die Nachkommen der Visionen, die dem Dreijährigen auf seiner ersten Berner Reise in der.Gegend


