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„Auch Sie habe» inzwischen bereits erkannt, daß das Kind schwer z» behandeln ist?"
„Sie mag in maisther Hinsicht anders veranlagt sein als der Durchschnitt der kleinen Mädchen ihres Alters. Mer es gibt nach meiner Ueberzeugung in einer Kindesseele keinen Widerstand, der sich nicht durch geduldige und ausdauernde Liebe überwinden ließe."
Ans Bardelebens Lippen lag die Frage, ob sie noch immer gesonnen sei, seinem Kinde diese geduldig liebende Führertn zu sein. Aber er sprach sie nicht aus. Müßte ep sich doch sage», daß nach allem, was dies junge Mädchen unter seinem Dache bereits erlebt hatte, eine verneinende! Antwort um vieles wahrscheinlicher sein würde als eine bejahende, und weil er nicht *» hören wünschte, daß es ihre Zlbsicht sei, Klcin-Ellbach wieder zu verlassen, unterdrückte er lieber ein Wort, das sie vielleicht nur um so schneller; zur Entschließung gedrängt hatte.
Er ahnte nicht, daß während der in ihrem Gespräche eingetretenen Stockung etwas Aehnliches auch in Margaretes Innern vorging. Seit dem Augenblick seines Eintritts war sie sich darüber klar gewesen, daß es eine unerläßliche An- standSpslicht für sie sei, ihm ein Wort der Teilnahme an seinem schweren Verlust zu sagen, und nun, da er ihr die Antwort auf ihre letzte Bemerkung schuldig geblieben! war, wäre wohl der rechte Augenblick dazu gewesen. Abeö irgend etwas in ihrer Seele lehnte sich dagegen auf und machte sie verstummen. Sie wache nicht, ob es eine Nach- ioirkung seines gestrigen Benehmens war oder eine Erinnerung an die traumhaften Eindrücke der letzten Nacht, sie wußte nur, daß zwischen ihr und diesem Männe immer «ine unsichtbare Schranke aufgerichtet bleiben würde, die es ihr unmöglich machen mußte, so zu ihm zu reden wie zu jedem anderen Menschen. ff
So standen sie einander für die Tauer einiger Sekunden schweigend gegenüber. Da verriet ihnen ein leichtes Geräusch im Nebenzimmer, daß. Dietlinde erwacht sei. Margarete eilte zuerst an das Bett, und langsam folgte ihr Bardeleben nach.
Das Kind, das mit großen, offenen Augen dalag, hatte ihn noch nicht gesehen. Bei dem Anblick der Erzieherin huschte es wie der Schatten eines Lächelns über das blasse Gesichtchen der Kleinen, und sie sagte leise: „Wie schön, daß Sie da sind, Fräulein! Ich hatte geträumt, Sie wären forrgegangen und kämen niemals wieder."
„Das war ein falscher Traum, Dita. Bevor du nicht Imeber ganz gesund bist, werde ich gewiß nicht fortgehen. r- Mer sieh, wer gekommen ist, dich zu besuchen!"
Sic trat zur Seite, um dem Baron Platz zu machen, und mit einem mühselig erkämpften Lächeln beugte Bardeleben sich über das Bett.
Ta aber vollzog sich auf Dietlindes Antlitz jäh eine erschreckende Veränderung. Ihre Züge wurden starr, in ihre dunklen Augen kam ein Ausdruck des Entsetzens. Sie lag ohne Betvegung, aber als seine Lippen mit einem zärtlichen Wort ihre Stirn berührten, ging ein Zucken durch die schmächtige Gestalt, und sie drehte in rascher, ausweichender Bewegung den Kopf zur Seite. 4
Der Baron richtete sich auf. Das Blut war ihm bis in die Stirn hinäufgestiegen, und er sah wieder so verstört und finster aus, wie ihn der Sanitätsrat vorhin unten in der Bibliothek gefunden.
„Mas ist das? Was soll das heißen? Wer hat das Kind gelehrt, sich vor mir zu fürchten?" (
Die Wopte waren an Margarete gerichtet, die Mühe hatte, ihre eigene Bestürzung zu verbergen.
„Sicherlich niemand, Herr Baron," flüsterte sie. „Sie müssen Dietlindes Benehmen mit ihren, Zustand entschuldigen."
„Mer war sie nicht eben noch ganz ruhig und beinahe heiter, während sie zu Ihnen sprach? War es nicht ganz unverkennbar mein Anblick, der sic erschreckte?"
Noch ehe die Berlvirrte daraus eine Antwort gefunden, >var sie genötigt, ihre ganze Aufmerksamkeit der Kleinen zu- zuwende». Die hatte das Gesicht jetzt völlig in die Kissen tingetöühlt, und ihr Körper erzitterte unter einem plötzlich losbrechenden wilden Schluchzen. Begütigend, mit den zärtlichsten npd liebevollsten Worten, die ihr der Augenblick eingab, sprach die Eiszieherin auf sie ei».
Mer alles, >vas sie erreichte, wär, daß Dietlinde, ohne den Kopf zu erheben, stoßweise herausbrachte:
„Der Papa soll gehen! — Der Papa soll fortgehen!
Ich will —- ich will ihn nicht sehen!"
Mit einem dnmpfen Lant, vielleicht des SihMerzes, vielleicht auch des Zornes, kehrte Bardelebcn ab und schritt zur Tür. , -
Ta aber blieb er noch ciumal stehen. „Versuchen Sie'S also init Ihrer geduldigen Liebe, Fräulein!" sagte er bitter, „Ich bin nicht sanftmütig genug veranlagt, sie auf- zubringen." i
Gegen zehn Uhr abends erst war Dietlinde unter der Wirkung des von Mittelmann verabreichte» Mittels von! neuem einaeschlafen. Nur eine sorgsam abgedämpfte Nachtlampe verbreitete vom Tische aus matte Helligkeit dlirch das Zimmer, Margarete und Josepha aber hatten sich in das Nebengemach zurückgezogen, durch dessen offene Tür sie die schlummernde kleine Patientin beobachten konnten. Sie hatten während des ganzen Tages kaum mehr miteinander gesprochen, als ihnen durch die gemeinsame Sorge mn das Kind eingegeben worden war, und jetzt lrnrr es schon seit geraumer Zeit still geblieben zwischen ihnen. Margarets beschäftigte sich mit einer Handarbeit, während die Alte chre Hände in den Schoß gelegt hatte und mit leeren Blicken vor sich hinstarrte.
Endlich brach das junge Mädchen das Schweigen. „Wollen Sie sich nicht lieber schlafen legen, Josepha? Wenn ich Ihren Beistand nötig haben sollte, kann ich Sie ja loeckcn."
Die Angeredete schüttelte den Kopf. „Lassen Sic mich! nur, Fräulein! JU meinen Jahren braucht inan nicht mehr viel Schlaf. Wenn er mir's nicht verböten hätte, würde ich freilich lieber drüben bei der Baronin wachen. Tenn das hätte sich geziemt für einen Dienstboten, der schon so lange im Hause ist,"
„Wer hat es Ihnen verboten, Josepha? Herr von Bardelebcn?"
„Ja. Es wäre nicht nötig, daß jemand bei der Toten bliebe, sagte er. Mer daß war bloß so ein Gerede. Er wollt's eben keinem anderen vergönnen. Und so ist's auch gut und recht."
Zweiselnd blickte Margarete cmf. „Sie glauben also, daß der Baron selbst —"
„Jcnoohl. Als ich vorhin noch einen Blick in das Sterbezimmer tat, sah ich ihn neben dem Bette sitzen. Er sah nicht gut aus, der Herr. Gott erhalte ihm seine Gesundheit! Wie versteinert saß er da und hatte die Augen immer auf dem Gesicht der Baronin. Mer genierkt hat cr's darum doch, daß ich mich an die Tür herangeschlichen hgtie. Und! wie er mich gewahr wurde, sprang er auf. Gergd' fürchten hätte man sich können, so wütend war sein Gesicht. Ich sollte mich packen, schrie er. Dann warf er die Tür zu, und ich habe gehört, wie er zweimal den Schlüssel nmdrehte. Wie ich ihn kenne, kriegt den vor morgen früh keiner mehr zu Gesicht."
Margarete wußte ihr nichts zu antworten. Mer die Alte, die bisher ihr gegenüber von so mürrischer Schweigsamkeit gewesen war, zeigte sich mit einem Male merkwürdig! gesprächig.
„Daß man sie schon so bald wieder hinaustragen würde, hätte wahrhaftig keiner gedacht, als sie vor acht Jahren hier eingcholt wurde wie eine Prinzessin. Damals hätten Sie unseren Herrn Harro sehen sollen, Fräulein, tvic lustig er war, und wie's ihm gar nicht laut und ansgelassen genug hergehen konnte bei dem Tanz in der großen Scheune. Sogar mit mir hat er getanzt. Es war seit Hermann Kg« balkes Tod das erste und letzte Mal in meinem Leben. Die Baronin freilich hat schon damals keine rechte Freude gehabt an alledem. Man konnt's ihr ordentlich vom Gesicht ablesen, ivie zuwcher es ihr war, daß sie mal eine Stund« lang mit uns einfachen Leuten reden sollte wie mit ihresgleichen. Und dabei war sie nicht einmal vom Adel, nur eine Tochter von dein reichen Rasmussen, der damals die großen Webereien halte drüben in Reinsivaldau."
(Fortsetzung Ictflt]
Alte Ambe im vogelsberg.
Wenn heute der Tourist fröhlichen Mutes durch die alle» Forst« des Vogelsberges dahinschreilet, oder wenn der friedliche Landmanni über den uralten Ackerboden seiner Heimatflur mit dem Pstuge dahiniieht, dann bedenke» sie >oohl raum, daß sich unter ihren Füßen noch Spurm urch Uxberrcste vorstudeu könnte» von Meid»


