Ausgabe 
22.7.1914
 
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Kinderseele.

Roma» iw» Reinhold O r t m anrk.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Josepha zog de» Doktor geheimnisvoll beiseite, und Nacken» sie vorsichtig utnhcrgeblickt hatte, flüsterte sie dicht an seinem Ohr:Soll ich Ihnen was sagen, Herr Sanitäts- vat? Unsere kleine Dietlinde hat das zioeite Gesicht."

Das ztveite Gesicht? Was für ein Unsinn ist das nun »nieder?"

,Aeh konnte es Ihnen bis seht nicht erzählen, iveil das Fräulein immer zugegen tvar. Und die braucht es nicht zil tuiffeu. Aber eS ist, ivic ich sage^ das Kind weiß Sackten« die eS mit seinen Augen nicht gesehen habeil kann. Hatte unsere Frau Baronin nicht eine große Beule an der Sckstäse, als Fanni und ich in der Nacht zu ihr geruse» wurden?"

Freilich. Sie hatte sie siel, zugezogen, als sie in ihrem blitzartig austretenden Ansall zu Boden stürzte. Wahrschein­lich ist sie dabei mit dem Kopse gegen ein Möbelstück ge­schlagen. Ader es loar nur eine ganz belanglose LMetschuntz, die selbstverständlich in keinerlei Zusammenhang steht mit ihren» Tode."

Josepha nickte.Das lveiß ich schon. Mer als Fanni stnd ul> die Baronin in der Morgenfrühe herrichteten, damit sie den Leuten gezeigt werden könnte, haben lvir ihr das Haar tief über die Stelle herabgekämmt, lvo sie die Ver­letzung halte. Denn die Leute brauchten das doch nicht zu sehen. Und als loir später Dietlinde zu ihr führten, Inas meinen Sie, das sie tat? Sie suchte mit ihren kleinen Fingern unter dem Haar der Leiche, bis sie die Stelle ge­funden hatte. Und als sie dahin gekommen >oar, fiel sie ohn­mächtig uin. Nun frage ich Sre, Herr Danitätsrat; wie konnte sie wissen, daß so etioaS da itwr wie konnte sie es wissen?"

Mittmann »nachte eine ärgerliche Bewegung.Sie kerben tvieder einmal Gespenster gesehen, Verehrteste. Das sind nichts als törichte Einbildungen. Und ich bitte inir ans, das» Sie nicht ellva noch andere damit anstecken oder am End« gar das Kind mit unsinnigen Fragen ausregen. Das fehlte gerade noch, daß ihin mit solchen Narrheiten das arme Köpfchen verloirrt lvürde."

Er lief »nit kurzen Schritten dem Hanstor zu, vor dem sein Wogen hielt.

Josepha aber sah chm mit unbefriedigtem Kopfschütteln nach, und eine finstere Traurigkeit war in ihren» harten« Elten Gesicht. ,

fg 8. Kapitel.

Als Bardelobe» eine Stunde später das Zimmer seines Töchterchens betrat, >r»»r nichts Unordentliches und Ver­nachlässigtes mehr in seiner äußeren Erscheinung, und er bemühte sich )>ach besten Kräften, a»(ch seinem Gesicht einen

Ausdruck zu geben, der nichts Erschreckendes für Dietlinde haben konnte. >

Auf den Fußspitzen kain ihm SNärgarete Othmär ent­gegen, um ihin onrcy Zeichen zu bedeuten, daß die Kleine schlafe. '

Der Baron toarf einen Mick nach dem voll tveißen Vor­hängen umwallten Kirrderbette hinüber, dann flüsterte er: Gestatten Sie inir, fiir einen Augenblick in Ihr Zimmer einzutretcn? Ich hätte über Dieflindes Befinden gernes einiges von Ihnen erfahren."

Margarete schritt durch die offene Verbindmiastür. An den Tisch gelehnt, blieb sie stellen, und auch Barde­leben dachte nicht daran, sich zu setzen. Vielleicht tvar es nur die Wärme, »nit der Mittmann vorhin von der Er- zieherin gesprochen, die ihn veranlaßte, sie prüfend zu be­trachten, als sähe er sie jetzt zum ersten Male. Und kr mochte überrascht sein, daß sie in der Tat wie eine gam neue Erscheinung auf ihn wirkte. Die Schüchternheit und Hilflosigkeit, die gestern einen so rührenden Eindruck aus ihn geinacht hatten, waren nicht inehr vorl>andcn, nnd an ihre Stefle war ei» Ausdruck ruhigen Ernstes getreten, der sie tvohl älter und reifer, aber auch vornchiner und selbst­bewußter erscheinen ließ. Gestern hatte Bardeleben sie rocht hübsch und niedlich gesunden, heute sah er, daß sie mir ihre Befangenheit abzustreifen brauchte, um z»t einer tvirk- liche» Schönheit zu tverden.

Der Sanitätsrat hat sich znxir zien»!ich hoffnungsvoll über den Zustand des Kindes ausgesprochen," sagte er mit vorsichtig gedämpfter Stimme,aber ich habe ihn in den» Verdacht, daß er dabei nicht ganz ehrlich gewesen ist. Ich erbitte darr»»» von Ihnen vollste Offenheit. Wie denken Sie über Dietlindes Erkrankung?"

Ich glm»be nicht, Herr Baron, daß es sich uni ettvas Gefährliches handelt. Mer ich keime die Meine zu wenig, um ein ganz sicheres Urteil zu haben. Sie ist leider nicht zu betvegen, sich über ihr Befinden zu äußern. Wir tverden den Verlaus der Nacht äbivarten müssen, mn Marheit übev ihren Zustand zu erl>alten."

Die ruhige Bestimintheit ihrer Rede überraschte Barde- leben auss neue.Sie haben, wie es scheint, einige Erfah­rung in diesen Dingen?" fragte er.

Ich tvar jahrelang die Pflegerin meines häufig krän­kelnden Vaters. Auch die Fainilie, in der ich das letzte Jahr zngebracht, wurde vielfach von Krankheiten l^imgesucht."

Um so mehr muß ich in Ihrem Interesse bedauern) daß Sie auch hier gleich toieder an ein Kcaiikenbett ge­raten sind. Mer ich bin, tvenn Sie es wünschen, selbstver­ständlich bereit, sofort eine Pflegerin aus Waldenburg kom­men zu lassen." > i

Das (tft nicht nötig. Wenn toir einander äblösen, könneir Josepha und ich sehr wohl alles verrichten, tvas hier zu tun ist, Und Dietlinde hat eine ausgeprägte Scheu vor freinden Gesichtern,"