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natürlich kombinierte ich und zog nähere Erkundigungen cm, in denk Gedanken an Tie."
Während Strachwitz sprach, saß Wols da, den Kops tu die Hand gestützt urid vor sich hinstarrend — es machte säst den Eindruck, als hörte er nichts. „Wölfchen, wollen Sie nicht jetzt endlich den Brief lesen?" mahnte Strachwitz. „Nebrigcus muß ich gehen, habe gar keine Zeit; ich wollte nur nach Ihnen sehen"
„Wenn das alles wahr ist, wie habe ich da meinen Liebling gekränkt," sagte Wolf mit leiser Stimme. Er öffnete den Brief und überflog seinen Inhalt. Dann lachte er ta aus >— „hier, Strachwitz, lesen Sie, und sehen Sie, was ich für ein schlechter Kerl bin!" Damit gab er dem Freunde das Briesolatt, dessen Schrift durch Tränenspuren schwer leserlich geworden war, und warf den Kops auf die Arme, wobei ein mühsam unterdrücktes Schluchzen-seinen Körper erschütterte. Strachwitz las und blickte daun mitleidig auf ihn; zärtlich strich er über Wolfs lockiges Haar.
„Armer Kerl — es geht jedem im Leben etwas quer; suchen Sie zu überwinden, und nehmen Sie die Sache nicht so tragisch," sagte er. „Jetzt muß ich aber gehen — vielleicht komme ich nachher noch mal mit vor." Er ging, weil er wußte, daß für den geliebten Kameraden Alleinsein jetzt das beste war. „Armer Junge," murmelte er beim Fortgehen, „wie tut er mir leid! Also auch das noch! Hab mir's doch beinahe gedacht! Und das Mädchen, wie wird sie es überwinden? Weiß der Kuckuck, warum ich sie auch so gern haben muß!" —
Wolf hatte kaum gehört, daß Strachwitz gegangen war; er lag noch immer so da. Endlich richtete er sich auf. Er griff wieder nach dem Briefe, den der Freund aus den Tisch gelegt hatte, und las ihn nochmals durch. „Arme, kleine Maus, kannst du mir denn verzeihen? Wie konnte ich nur einen Augenblick an dir zweifeln? Nein, dieses holde Gesicht kann nicht lügen; Strachwitz hat recht! Wenn ich dich hoch nur einmal noch sprechen könnte!"
Mary schrieb ihm in ihrer feinen, etwas flüchtigen Schrift:
„Mein lieber Wolf!
Darf ich Dich noch so nennen? Dies eine Mal gestatte es mir noch und höre meine Rechtfertigung an! — Wie hast Du nnr doch weh getan mit Deinen Zeilen! Ich konnte kaum glauben, daß Tu es warst, der mir so harte Worte geschrieben. Was Hab' ich Dir getan, daß Du mir so begegnest! Du weißt ja doch, wie unsäglich ich Dich liebe. — Beiseite werfen willst Du mich wie ein Spiel- »eng, an dem man seine Launen befriedigt hat! Ich >oar Deine Geliebte, Fräulein Ulrich aber wird Deine Frau sein! Ja, ich weiß, daß Du mit ihr verlobt bist, trotzdem Du mir so oft sagtest, Du mögest sie nicht leiden!
Wolf, ich will Dir keine Vorwürfe machen; Du wußtest ja, was Du tatest! Ich habe Dir ja auch immer schon gesagt, daß es mit uns beiden doch nichts werden könnte — ich passe nicht zu Dir, dem glänzenden Offizier. — Du hättest mir aber vorher sagen sollen, daß es ein Ende hat zwischen uns beiden — Du brauchtest mich nicht mit jener brutalen Tatsache zu überraschen und mir noch dazu den Vorwurf der Untreue zu machen, der mir das Herz zerrissen hat! — — Gar seltsam, das glaube ich, mußte Dir mein Verweilen auf dem Friedhof erscheinen, weil ich Dir abgeschrieben — jedoch die Verhältnisse nötigten mich zu jener Heimlichkeit, da ick nicht den Mut zur Wahrheit fand. Doch so groß mußte doch Dein Vertrauen sein,^nich nicht ungehört zu verurteilen!
So höre, Wolf! Von meiner Familie habe ich mit Dir gesprochen, hatte Dir allerdings verschwiegen, daß ich noch einen Bruder habe, der aber nicht gut geraten, der sogar int Gefängnis gewesen ist! — Vor ein paar Tagen nun bekam ich nach langer Zeit den ersten Bries wieder von ihm, worin er mir mitteiltc, daß er mich not-- wendig besuchen müßte. Was sollte ich tun? Mir ahnte nichts Gutes! In die Wohnung konnte ich nicht mit ihm gehen — mir hätte ja dqch keiner geglaubt, daß es mein Bruder ist. So ging ich ,nit ihm nach dem Friedhof, da wir dort am sichersten waren. Er war sehr niedergeschlagen, bat mich um Geld, das ihm dazu helfen sollte, wieder ein ordentlicher Mensch zu werde» — sein Leben als Clown in dem Zirkus X. ekelte ihn au! Was anderes hätte er nicht werden können; trotz seiner Bemühungen hätte ihn keiner nach der langen Hast anstellen wollen.
Er tat mir leid — er ist ja mein Bruder — ich sagt« ihm meine Hilfe zu, wenn er mir verspräche, inich nicht wieder aufzusuche» und sich wirklich zu bessern! Am anderen Morgen schickte ich ihm mein Sparkassenbuch, und er reiste sofort wieder ab. Das >var alles! — Wie ostj atte ich angesetzt. Dir von Feodor zu sagen, und doch rächte ich es nicht fersig — so schämte ich mich! Auch wollte ich die Stunden unseres Beisammenseins nicht mit so bitteren Erinnerungen trüben; daher unterließ ich es. Das ist meine ganze Schuld! — J!ch hoffe, daß Du mir glauben wirst, Wolf! Mache aber keinen Versuch der Annäherung; ich kann Dich nicht mehr sehen! Tu bist nicht mehr frei — Du gehörst einer andern! Ich will Dich nicht dazu verleite», etwas LU tun, was sich mit Deiner Pflicht als Bräutigam nicht verträgt. Für die Stunden des Glückes, die Du mir bereitet hast, danke ich Dir! Sie werden in meinem künftigen einsamen Leben der einzige Lichtblick sein! Jeden Tag, niein Wolf, will ich den lieben Gott bitten, daß Du recht glücklich werden mögest.
Lebe wohl, mein Wolf, und Gott behüte Dich!
Mary!."'
Ties erschüttert legte Wols den Brief wieder hin. „Mein armes Märchen." Er barg sein Antlitz in den Händen, und schwere heiße Tropfen lösten sich aus seinen Auge». Er mußte weinen — er könnte nicht anders; das Hem war ihm zu schwer — so nahm er Abschied von seinem Glück und seiner Liebe. Sorgfältig verschloß er den Brief und das Bild, nachdem er es noch einmal a» seine Lippen gedrückt hatte; daun nahm er die wissenschaftliche Arbeit wieder vor, mit der er sich in seiner freien Zeit beschäftigte. Er Ivollte schreiben —, um die Gedanken abzulenken — um zu vergessen! — —
So fand ihn Strachwitz, der nach zwei Stunden Ivieder vorsprach. Es hatte ihm keine Ruhe gelassen; er mußte sehen, was Wolf trieb. „Das ist recht, Wölfchen," sagte er, „Arbeit hilft über alles hinweg! Kommen Sie jetzt, wir bumnieln ein wenig nach dem Waldschloß, dort lassen Sie uns ein lvenig plaudern!"
„Letzteres ja — bei mir! Erstereö nicht," versetzte Wolf, „vergessen Sie nicht, daß meine Braut Anspruch auf nicine freie Zeit hat! — —i Sie haben Marys Brief gelesen? —- alles — loas sagen Sie nun zu dem mocalpredigcnden Freund?" fragte er leise. Strachwitz legte ihm die Hand auf die Schulter — „Was ich dazu sage? daß er doch auch ein Mensch i,st — und wenn einer ein Mädel gern hat — zum Kuckuck — na — da ist alles zu verzeihen! — Uebrigens scheint der Bruder ein ganz gehöriger Leichtfuß zu sein ! Da hat er dein Mädel die sauer verdienten Groschen abgeschwaht und verbringt sie sicher in leichter Gesellschaft! De» Eindruck machte er! — Er sagte mir auch erst, daß er hier gewesen, als er hörte, daß ich von hier wäre! Ich möchte sein schönes Schwesterlein grüßen, die da und da wäre! Ich solle sie von ihrer Schwerfälligkeit kurieren, iinmer und ewig Hüte zu garnieren — wo sie bei ihrer Schönheit ganz andere Ehan- cen haben könnte! Tann brauche sic nicht so kümmerlich ihr Leben zu fristen usw. Ein Valentin ist er nicht! — Ich könnte Ihnen noch mehr von ihm sagen! Schade, daß er so leichi- sertig ist — scheint ein begabter Mensch zu sein! — Mir tut die arme Kleine leid! Warnen Sie sie doch vor dem sauberen Mosjöh". Strachwitz sprach und erzählte von allem möglichen, um den Freund abzulenken von den Gedanken, die er durch jene unbedacht getane Bemerkung heraufbo- schworen hatte. Wolf war sehr still; hin und ivieder zwang er sich zu einem Lächeln. — — Es wurde Zeit, zur Braut zu gehen; es waren verschiedene Gäste zuni Abendbrot geladen, und er mußte pünktlich sein. Er sagte dies dem Freunde, vertauschte die bequeme Litewka mit dem Wassen- rock, und beide verließen das Haus.
(Fortsetzung jolgt s
Der Anfang des winterfel-zuges M4.
Von Brünne bis Etoges. (29. Januar bis 14. Februar.)
Bon Tr. Kurt Haack.
Wollte man in Napoleons Kainvt und Unterliegen vor 100 Jahren eine Tragödie „ach aristokratischen Gesetzen sehen, so müßte der erste Teil des Wintcrseldzuges als das letzte retardierende Moment vor der Katastrophe erscheinen. Das »st eine Situation der höchsten Spannung, der leidenschasrlichsten Erregung voll. Schon hat sich der grausige Ring der tragischen Notwendigkeit um das Schicksal des Helden geschlossen, keine Rettung scheint mehr möglich, kein Ausweg, da rafft er sich noch


