Ausgabe 
9.7.1917
 
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Die blonde Drossel.

Ron ran von E. Fahrow.

Fortsetzung.)

' Der Justiz rat lächelte diskret. Noch »mi&t-c die gute Ulrich nicht, uni Mas es sich handelte, und schon schwang sie die Siegesfahne. Aber has sah ihr ähnlich; sie war ja nicht nur Berlinerin von altein Schrot und Korn, sie war Ü berha upt deutsch in alle Fasern und Gedanken hinein.

Natürlich siegen wir," sagte er beschwichtigend,ob­wohl es mit den Russen gar nicht so einfach werden wird. Sie sind gegen uns das, was der Niese Goliath gegen den kleinen David war."

Und doch erschlug David den Riesen!"

Ja, ich weiß. Wenn nun aber auch England gegen Ans ginge?"

England? Gegen uns? Herr Justizrat, Sie sind nicht bei Trost!"

Kurzius seufzte, aber er schwieg; seine Zeit war immer gemessen, und zum Kannegießern war ja wohl Frau Ulrich nicht hergekommen.

Sie wollte eben von ihren Angelegenheiten ansangen, da klopfte es, und gleich darauf trat Heinz Riethling in die Tür.

Er verbeugte sich und stammelte, scheinbar verlegen:

O, entschuldigen Sie, Herr Justizrat ich dachte Sie M-och allein zu finden."

Guten Tag, Herr Referendar!" rief ihm Frau Ulrich gemütlich zu.Kommen Sie nur rräher, ich habe noch eine Weile Zeit"

Sie kannte den hübschen jungen Mann, da er schon, mehrmals bei Notariatsakten und dergleichen mitgewirkt Hatte.

Er eilte auf sie zu, küßte die dargereichte Hand und strahlte die gute Frau an, die eine so schöne Gesellschafterin und so furchtbar viel Geld hate.

Nun, was gibt's noch, Herr Kollege," fragte Kurzius

4hn.

Es ist itodj der Schriftsatz gekommen, über den mir vorhin sprachen; soll ich ihn gleich beantworten oder bleibt rs bis morgen?"

Fangen Sie, bitte, damit an, ich spreche nachher noch weiter darüber mit Ihnen."

Der Referendar zog sich zurück, und Frau Ulrich rückte nun mit der Sprache heraus.

Der Justizrat nickte ein paarmal, ließ sie ihr Herz er­giebig ausschütten und zog dann einen Bogen Papier näher Heran. ^ . r ,

Also ein neues Testament?" sprach er.Das i|t ja jehr erfreulich, Frau Ulrich, daß Lie nun Blutsverwandte ge­funden Huben; und es ist nicht mehr als recht und billig, haß Sie Ihre Nichte bedenken »vollen. Auch ist die Sache sehr einfach. Ich denke, wir machen jetzt einen Entwurf, den

ich Ihnen »nitgebe, und Sie überlegen sich das Ganze noch einige Tage oder Wochen man muß dergleichen natürlich nicht überstürzen . . .

Aber ich bin ganz entschlossen, Herr Justizrat."

Gut, um so besser. Trotzdem bitte ich Sie, erst nur d« Entwurf mitzunehmen, den wir gleich durchsprechen können. Und damit Sie ganz beruhigt sind, gebe ich Ihnen auch gleich das frühere Testament mit, und Sie können es ver­brennen. Dann werden Sie, sobald Sie nur wollen, wieder zu mir kommen, und mit einem Federstrich ist es dann voll­zogen, nicht wahr?"

Sie sprachen eine Stunde ruhig und eingehend, wäh­rend Kurzius dabei mit geübter Hand mederschrieb, was sie besprachen.

Im Nebenzimmer saß Heinz Riethling regungslos und lautlos an seinem Schreibtisch und hörte jedes Wort; denn er hatte vorhin aus Versehen die Tür nicht ganz fest ein- geklingt. , .

Als Frau Ulrich fortging, und Kurzius sie höflich bls auf den Flur begleitete, drückte Riethling vorsichtig und leise die Tür zwischen den beiden Zimmern wieder zu.

Er war etwas zerstreut, als nachher der Justizrat noch mit ihm den neuen Schriftsatz besprack), aber der alte Herr achtete nicht besonders darauf. Er legte keinen großen Wert auf die Arbeit seiner Referendare, denn er wußte, daß die wichtigen und verantwortungsvollen Dinge doch immer vor» seinem alten, getreuer! Bureauvorsteher erledigt wurden, und nicht von den eleganten, jungen Rechtsbeflissenen, die er zu­weilen beschäftigte.

In Riethling aber wirbelten die Gedanken durch­einander.

Die Enthüllung, die ihm hier so überraschend geworden, bedeutete für ihn eine unerhörte und blendende Glücksmög­lichkeit.

Das entzückende Mädchen, dem erzu tief in die Augen geschaut", rvie er sich mit plötzlich poetischer Färbung auö- drückte, dieses goldblonde Geschöpscheu, das war nun auch noch zu alledem eine grandiose Partie? Sollte die Universal­erbin der reichen Ulrich sein?

Da müßte ja die ganze Welt aus den Fugen gehen, wenn er sich das nicht zunutze machte! Heinz Riethlurg. deine Glücksstunde hat geschlagen! Jetzt oder nie machst du den großen Treffer, dem du schon so lange Nlichjagst!

Sv zuckte und klang es dem schönen Riethling durch Kopf und Sinn, als er nach Bureauschluß seiner Wohnung zustrebte.

Er wollte sich dort nur umziehen, beileibe nicht elrva philisterhaft dortbleibeu. £> nein! Wozu war man in Berlin, rvenn man sein Leben nicht genießen wollte? _

Aber bevor er untertauchte in dem trüben Strom des Lebensgenusses", wie er ihn verstand, wollte er doch noch einen Pfeil als Probegeschoß versenden.

Und er bestellte bei seinem Blumenlieferanten einer» lose aebundenert Strauß herrlichster Trcibbausblrnnen nicht