Königsträume.
Roman von Karl Busse.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
9. Kapitel.
Als Napoleon Rutkowski ain nächsten Vormittag zu Pferde stieg, zitterte er wie im Fieber'. Eine fast ganz durchwachte Nacht lag hinter ihm, ein Tag vor ihm, der wie kein anderer seines Gebens gewaltige Entscheidungen bringen sollte. Da er Zeit hatte, ließ er das Pferd langsam gehen.. Viele- Hunderte Male hatte er diesen Weg gemacht, niemals in .dieser Nervenspannung wie heute. Wenn er die gleiche Strecke zurückritt, war alles erledigt, alles entschieden. Es war eigentlich kaum daran zu zweifeln, daß Hanna von Graßnick seine Werbung annehmen, daß ihr Jawort seine Zukunft nt die alten, sicheren Bahnen lenken würde.
Und doch, wie ein Schulbnbe zitterte er, wenn er an sden Augenblick dachte, wo er ihr gegcnübertreten, wo er ihr die bestimmende Frage vorlegen sollte. Hatte er eine geheime Furcht vor einem Nein? Vor einem Nein, das seine ganze Natur aufwühlen, das ihn in die schwersten Kämpfe verstricken mußte?
Er atmete tief. Die Aufregung des gestrigen Tages, die schlaflose Nacht hatten ihn mitgenommen. Bald fühlte er sich uralt unb zerschlagen, bald klopften alle Pulse fieberhaft/ Jetzt tat die frische Lust ihm wohl: sie machte den Kops, klarer. Im Galopp sprengte er eine Strecke dahin. Plötzlich rutschte der Gaul etwas ails, und beinr Weiterreiten merkte der Graf, daß an dem Hufe des rechter! Vorderfußes nicht altes in Ordnung war. 'Er stieg ab und unterrichte.
Nichtig, das Eisen hatte sich gelockert. „Pech!" mur- melte er vor sich hin, und als wär's eine böse Vorbedeutung, flog ein Schatten über sein Gesicht. Nun, Nasgora war nahe, und das Eisen hielt wohl auch noch auf dem Rückweg, wenn er das Pferd vorsichtig gehen ließ. Er zog die Uhr. Der Zeiger ging auf zwölf. So kam er gerade zurecht. Jetzt die Zähne zusammenbeißen und eine schneidige Attacke reiten, wenn man auch nicht Dragoner-Offizier war.
Der Gedanke an Versen kam ihn« gerade, als er in die Kirschbaumallee einbog. Im Schloßhvs übergab er sein Pferd einem Knecht, der es langsam herunisühren sollte, ohne den Sattel abzunehmen. Dann stieg er die Freitreppe empor, und ivenig^ Minuten später stand er vor Hans Albert von Graßnick. waren beide nicht ganz sicher. Der Baron begann von der Jagd, schimpfte aus die Leute, erklärte den. Winter für eine unangenehme Jahreszeit und drückte sich um die Frage, was Rutkowski eigentlich wolle, mit vielen Worten herum. Rutkowski merkte es. Da ward er ruhig.
.-Verzeihung, Herr Baron, Sie f>abcn meinen gestrigen Brief erhalten?"
Hans Albert prustete.
„Natürlich, lieber Graf,' hm, was ich sagen wollte, was ist «denn nun los?"
„Darf ich um einige Minuten Gehör bitten?"
„In drei Deubels Namen! Entschuldigen Sie. Ich habe nämlich Aerger mit den Leuten, da bin ich wohl kratzbürstig. Aber schießen Sie los!"
Hans. Albert war doch nicht ganz so sicher wie sonst. Die Kraftworte waren da, aber sie lvurden nicht mit der saftigen Natürlichkeit herausgepoltert: sie schienen beinahe beab sichtigt zu sein, um eine halbe Verlegenheit zu verbergen.
„Nun gut! Ich hatte die Ehre, öfter in Ihrer Gesellschaft verkehren zu können, Herr Baron. Ich hoffe, daß Sie mich dadurch als anständigen Mensckzen kennen gelernt haben. Ueber meine "Familie, nreinen Adel brauche ich nichts zu sagen. Wir sind stets stolz darauf geroesen, zu den ersten und ältesten Geschlechtern Polens zu gehören. Daß der Familienbesitz, der in meinen Händen ist, dem Namen und Stande entspricht, darf und muß ich des weiteren hinzufügen. Mucho- cin und — "
Skhdlelvo, wollte er sagen, aber er kam nicht dazu.
i,Al(e Wetter," polterte der Baron, „das klingt ja gerade so, als wollte ich Ihre Ställe revidieren."
Mit roten: Gesicht war er aufgesprungen. Und er fuchtelte mit dem Krückstock, als wollte er dceinschlagen, obwohl er nicht im geringsten zornig, sondern nur gräßlich verlegen war.
Rutkowski kannte ihn. „Nein," erwiderte er, „Sie müssen schon weiter zuhören. Ich wollte nur sagen, wie die Verhältnisse liegen. Denn ich bin hier, Herr Baron, um mir das Teuerste zu erbitten, was ein Vater vergeben kann. Kurz: Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter. Als ehrlicher Mensch bekenne ich Ihnen, daß ich Fräulein Hanna schon lange von Herzen liebe nnb verehre, und daß ich hoffe — "
Krach! dröhnte der Krückstock ans die Diele, daß der Graf erstaunt innehielt. Stiernackig und grollend saß Hans Albert da, die Blicke auf der Erde. Er hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und schob jetzt den Krückstock, mit den: er den Schlag geführt hatte, in der Dielenrinne auf und nieder.
„Herr von Rutkowski," grollte Hans Albert, nachdem der (Aas seine Werbung vorgebracht hatte, „der Deubel soll mich bei lebendigem Leibe vraten, wenn ich nicht gestern nach Ihren: Brief schon Lunte gerochen habe. Nehmen Sie mir das nicht krumn:, aber daß die Sache mir nicht gerade angenehn: ist, kann sich jeder Mensch an seinen zehn Fingern abzähten. Da sitze ich hier auf ^kasgora und ziehe rneinen Kohl. Meine Frau ist tot. Hat mich oft genug geärgert, aber war sonst ein gutes Weib. Wen habe ich noch? Mein Junge ist beim Militär und wäre unglücklich, wenn er den bunten Rock ausziehen müßte. Bleibt gerade noch das Mädel. Und nun kommen Sie und haben nichts Besseres und nichts Schlechteres vor, als mir auch noch das Mädel wegzunehmen. Und dafür soll ich womöglich noch Krokodilstränen heulen und Sie gerührt umarnren! Ist das nicht wnwückt? Das mag ein Vater tun, der ein halbes oder


