Ausgabe 
9.6.1917
 
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Die blonde Drossel.

Roman von E. Fahrow.

(Fortsetzung.)

' Ruth wunderte sich nicht über die springende Art der Freundin. Sie wußte, daß es Franziska heimlich verlegen machte, wenn nran ihre im Grunde stets edlen und selbst- losen Gedanken durchschaute.- sie konnte bei solchen Gelegen­heiten von Herzen grob werden, und es war vorgekommen, daß sie dann zynisch und mokant wurde, was Ruch nicht er­tragen konnte.

Die Frisuren der Damen, der stillere und vornehmere Glanz der Linden, und glech darauf das verwirrende Ge­triebe der Friedrichftraße beschäftigten sie so, daß sie, atem­los schauend wie ein Kind, kaum noch hinhörte, was Fran­ziska sagte.

Diese warf fortwährend verstohlene Seitenblicke zu ihr hin.

Wie wunderreizend sie aussieht!" dachte sie.Hub da- bet ist es nur das Innere, was aus ihr herausleuchtet, was sie so hübsch macht? Wieviele Männer werd n sich in sie ver­lieben! Freilich, ich sehe, daß sich auch der Berliner Frauen­typus außerordentlich zum Vorteil verändert hat. Vor zehii Jahren noch stand es iiicht zum besten damit; aber mit Niese,ischritten eilen solche Kulturerscheinungen vor- tvarts-

DieKulturerscheinung", die Franziska soeben im Sinne hatte, interessierte auch Ruth. Und wie ein junger Strwent, der das erstemal in eine große Stadt kommt, rief sie begeistert:

Ach, Fränze, diese Menge entzückender Mädchen? Ich begreife Nicht, wre es so viele davon geben kann! Sieh nur diese Große, die hier kommt!"

Franziska warf einen Blick auf die Bezeichnete und konnte es m Muße tun, denn es war eine augenblickliche St«kung eingetreten, und die endlose Wagenreihe stand still. , . «Ach. sieh da!" rief sie aus,das ist ja Fräulein Ber-

r? te ^l nte lc ^ sie ist Photographin, ein netter Mensch - ich werde euch bekannt machen das trifft sich la vorzüglich!"

Sie winkte so energisch nach dem nahen Bürgersteig hin­über, daß Therese, die' dort eilig dahinschritt, es bemerken mußte.

Freundlich grüßend trat sie heran und reichte Franziska bie Hand:

Sie hier, Frau Sebius? Wie nett!"

Haben Sie Zeit, Fräulein Berber? Steigen Sie ein, rch freue mich, gerade Sie hier erwischt zu haben. Ich bringe soeben emen fremden Vogel nach Berlin, der hier heimisch werden soll Fräulein Stockton, Amerikanerin, Buchhal­terin, Künstlerin urrd meine Freundin."

Lache ,\b gaben sich die beiden Mädchen die Hand.

Das letztere," rief Therese,genügt als Einführung vollständig! Wo fahren wir aber hin? Ich habe nur ein« halbe Stunde Zeit."

Sie war eingestiegen, und Franziska nickte:

Das ist vorläufig genug. Wir kommen vom Bahnhof und fahren nach der Pension Schubert in der Königgrätzsr Straße. Meine Freundin sucht hier eine anständig bezahlte Stellung, die ihr noch einige Stunden eigne Zeit läßt. Sie war bisher in meinem eigenen Ort beschäftigt, hat dort ihre Stellung gekündigt, was den ehrenwerten Chef veranlaßt hat, ihr ein ganz nichtssagendes Zeugnis zu geben, was aber nichts schadet, denn sie hat hier noch einige Empfehlungen von mir, hat genug Geld, um einige Wochen ohne Sorgen leben zu können, und wird bei Frau Tribaldi Gesangsstun­den nehmen, wobei Frau Tribaldi einiges lernen wird."

Fränze," rief Ruth,so hole doch Atem!"

Therese lächelte und blickte wohlgefällig Ruths zartes Gesicht an.

Frau Sebius hat immer ein Tempo, bei dem einem selber der Atem ausgehen kann," sagte sie.Aber ich weiß doch nun schon alles Wichtigste über Siei Ich für meine Person. . ."

Sie," siel ihr Franziska ins Wort,ist die rechte Hand des Hofphotographen Professor Otter..."

Mit rächten!" unterbrach sie Therese.Sondern ich bin seit acht Tagen ein selbständiges Wesen, Tierphoto­graphin, urrd zwar eine vortreffliche Tierphotographür.! Doch, Fräulein Stvckton, das kann Sie unmöglich inter­essieren. Frau Sebius kennt mich auch nur aus dem Otter- scheu Atelier und von einer achttägigen Somrnerreise her, die uns beide nach Rügen fiihrte. Sie kann also ga Frücht so sicher wissen, daß ich für einen Neuling in diesen: Spree­babel ein passender Umgang bin. Wer ich bin's! Und ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen irgendwie von Nutzen sein könnte."

Ruth reichte ihr die Harrd.

JD, ich danke Ihnen," rief sie fröhlich. ,^Jch glaube, ich darf mich glücklich schätzen, daß ich gleich so freundliches Errt- gegenkommen siirde! Und es gibt mir schon ein tröstliches Gefühl, daß ich doch nun einen Menschen hier kenne!"

Liebes Kind," sagte Franziska trocken, {/ bn wirst bald mehr als genug kennen! Durch die Tribaldi allein machst du zahllose Bekanntschaften. Wer die sind mit Vorsicht zu genießen, während Fräulein Berber du wirst es schon allein fi'lhlen eine SärUe für dich sein kann. Uebrigens erzählen Sie doch, Fräulein Berber, wie sind Sie denn zu einem so mutigen Entschluß gekommen?"

Angeborene Dreistigkeit!" erwiderte Therese ernsthaft Mein Onkel, von dem ich Ihnen ja erzählte, hat mich bei­nahe verstoßen, weil ich meine sichere Brotstellung aufgab Wer ich hatte doch recht. Schon habe ich einige Dutzend sehr fesselnder Tieranf nahmen gernacht. Sie gm üben gar rächt, wieviel Vergnügen das macht!"

Doch, ich glaub's! Auch ich habe ott lieber mit Tieren