Ausgabe 
19.3.1917
 
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Pechmarie und Hans im Glück.

Die Geschichte einer Jugendfreundschaft von C. v. D o r n au. Nachdruck und Ueberseyungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.

(Forts etznng.)

Ihr verstorbener ehemaliger Bormund hatte Marie außer der Hälfte seines Barvormögens einen Teil der Ein­richtung seines Hauses vermacht. Sie hatte diese Gegen­stände nun vom Testamentsvollstrecker eiugesordert und sah einige Tuge später ihrer Ankunft mit einem. Gemisch von Bangen und Sehnsucht entgegen. Ihr war zumute, als ob mit den altvertrauten Möbeln ohne weiteres ein Geist des Behagens in die leere, öde Wohnung einziehen müsse. Und dabei konnte sie sich selber nicht so recht hineindenken, in dies Heim, das ausschließlich ihr eigenes sein sollte.

Mille traf fast gleichzeitig mit dein Möbelwagen ein. An einem schneidend kalten, widerwärtig unfreundlichen Nachmittage Anfang November. Sie brachte ihren Hund mit, der sofort einem Packer kriegerisch gestimmt zwischen die Beine fuhr. Und ihr bißchen Hab und Gut, peinlich ordentlich verpackt irr und auf einer Gepäckdroschke. Marie war etwas besorgt gewesen, ob die Alte sich nach so langer Abgeschlossenheit im brausenden Großstadtleben zurechtfin- ben würde. Aber Frau Kamille trat Berlin im allgemeinen, Droschkenkutschern, Packern, Portierleuten und dergleichen im besonderen mit bewunderungswürdiger Fassung gegen­über. Es war freilich die Ruhe vor dem Kampfe. Einem zähen, hartnäckigen Kampfe für Maries Recht und Wohl­ergehen bis zum siegreichen Ausgange.

Marie selbst geriet bei diesem Feldzuge mehr und mehr ins Hintertreffen. Es Nuckelte sich schließlich alles ohne ihr Zutun ab. Die Möbel wurden aufgestellt, wie Kamille es für zweckmäßig hielt, Hilfskräfte geworben und abgelohnt, die unter dem Kommando der Alterr fleißig schafften. Ka­mille selbst arbeitete für drei. Das winzige Weibchen fegte wie ein Wirbelwind umher und erregte selbst in abgehar- ten Tapezierer- und Scheuerfrauengemütern Furcht und Schrecken.

Nach zweimal vierundzwanzia Stunden besaß Marie eine zwar altfränkisch und nüchtern eingerichtete, aber leuchtend saubere, tadellos geordnete Häuslichkeit, die Zen­tralheizung funktionierte trotz winterlichen Schneegestöbers draußen, die Mahlzeiten ersckstenen mit dem Glockenschlage pünktlich auf dem Tische und waren mustergültig zubereitet, der Haushalt schnurrte geräuschlos wie ein 'wohlgeöltes Uhrwerk Marie hatte damit nicht das geringste zu schaffen. Sie hatte überhaupt nichts zu tun, gar nichts als im Wohnzimmer zu sitzen und zu lesen oder spazieren zu gehen,, falls ihr das andere zu eintönig ward. Die Alte er­laubte ihr kaum die geringste Handreichung. Sie weigerta sich auch entschieden, sich abends nach getaner Arbeit zu Marie ins Wohnzimmer zu setzen. Sie fand das nicht

passend.Du gehörst in die StubePuff" in den Flur« ich in die Kirche!" behauptete sie jedesmal.Alles muß seinen Platz' haben sonst gibt's Unordnung!"

Und so saß Marie jeden Abend ganz allein zu Hause, wenn sie nicht gerade einmal ein Theater oder einen Vor­trag besuchte allein und völlig unbeschäftigt dadurch, daß sie der alten Kinderfrau die Möglichkeit schuf, für ihren winzigen Haushalt zu arbeiten, zu leben, hatte sie alles getan und empfangen, was sie der Alten geben und von ihr empfangen konnte.

Durch die langen, dunklen Wintermonade hindurch wuchs die innerliche Leere und Oede dieses nach außen so behag­lich schmucken Daseins. Wie eine Erlösung erschien's ihr, als in den ersten Märztagen die Einladung zu Hans Fm- hoffs Hochzeitsfeier in ihr stilles Heim flatterte.

Mit flüchtig feinen Zügen stand's unter.Hansens knapp, aber herzlich gefaßten Worten:Bitte, kommen Sie. Ich sehne mich schon nach Ihnen! Ich. habe Sie schon so lieb ! Ihre Elfriede."

Marie war sofort entschlossen, der Einladung Folge zu leisten. Es geschah doch damit etwas! Es wurde etwas von ihr erwartet, gefordert! Damit kam ein Hauch frischen Lebens, zielbewnßter Tätigkeit in ihre dumpfe Zwecklosig­keit. Sie emp'and nichts anderes als das der verwirrende Traum jenes Oktoberabends, in Minntenspanne vorbet- gegaukelt, vom Nebel aufgesoaen, hatte dieser reinen Seele keinen tieferen Schaden zugefügt. Sie hütete sich, in ihren Gedanken daran zu rühren, wie der Ernüchterte sich des vor­ausgegangenen Rausches schämt. Das tvar die einzige Scho- nung, die sie sich zugestano. Fm übrigen batte sie recht­schaffen und ehrlichSchluß gemacht", und die unbarm­herzige Kritik, die sre mit dem Bilde der lieblichen Braut in der Hand an ihrem eigenen Spiegelbilde übte, hob wun­derlicherweise ihr Setbstbewußtsein, statt es zu vernichten: Einem so übermächtigen Rivalen erliegen, ist keine Schande.

Daß Kamille sich Maries Reiseplänen keifend wider­setzte, stählte nur des Mädchens Entschluß. Das kleine Wott- geplänkel mit der Alten erftischte sie geradezu. Ihr Hang zur Ironie, ihr trockener Humor ergötzten sich an der Wider­sinnigkeit, die in Kamillus angemaßter Haustvrannei lag. Es machte ihr mit einem Male Spatz, die Alte zu reizen.

Noch heute besorge ich mir eine hübsche Hochzeits­toilette," erklärte sie lustig.Du sollst staunen, wie wunder­voll ich mich herausputzen werde!"

Und das Geld zum Fenster hinanswerfen," ergänzte Mille giftig. Sie lief hinter Marie her, die leise vor sich hinsummend die Küche, den Schauplatz ihrer lebhaften Unter­haltung, verließ, und hielt die junge Herrin am Aermel sest:

Und das Hochzeitsgeschenk'? Hast du auch schon bedacht, daß du 'neu Geschenk machen mußt^ rief sie vorwurfsvoll. Da hast du natürlich noch nich dran gedacht, und das kostet wieder 'ne ganze Masse"

Ein HochzeitSgeschenk! Natürlich!" Marie blieb über> legend stehen.Gut, daß du mich daran erinnerst, Mille!