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td) hätte das am Ende wahrhaftig vergessen. Warte mal — wir fällt etwas Nettes ein. Ich werde Hans die schöne, alte Silberschale schenken, die ich vorn Onkel Poldewitz geerbt habe, dann kostet's niich auch kein bares Geld, und dn brauchst dich nicht zu grämen."
„Die Silberschale! .Dein schönstes Stück!" zeterte Mille. ^.Das erlaube ich nich — die is unmenschlich viel wert — die rannst du selber gebrauchen!"
„Wozu denn? Ms Ruhebett für deinen „Pufs"? Groß genug wäre sie beinahe. — Nimm Vernunft an, Mille, und bringe mir nkeine Stiefel; ich will die Schale gleich zum Juwelier tragen, damit er sie aufarbeitet."
Mer Mille nahm nicht „Vernunft" an. Sie zankte und jammerte abwechselnd, während jsi.ch Marie ihre Stiefel selber holte. Und sie blieb in einem Gemisch von Borwürfen und Bedauern bis zu dein Augenblick, wo Marie das Auto bestieg, das sie und ihr Gepäck zur Bahn bringen sollte.
Hans empfing die Jugendfreundin mit strahlendem Gesicht auf dem Braunschweiger Bahnhofe.
„Zu nett, daß du gekommen bist —! gutes, altes Mädel! 6ch freue rnich diebisch!" versicherte er, wahrend er ihr immer wieder herzhaft die Hände schüttelte. „Pbipp kommt auch — gegen Mend kommt er — ihr beiden durftet mir wahrhaftig nicht fehlen an meinem Ehrentage! Seid ja das einzige bißchen, was mir von der Jugendzeit übrig geblieben fit."
Marie ließ die fröhliche Begrüßung sehr schweigsam über sich ergehen. In demselben Moment, in dem die Gestalt des alten Freundes wieder vor ihr auftchichte, war ein sekundenlanger, würgender Krampf über sie gekommen, der ihr das Herz zusammenpreßte, das Blut dunkel ins Gesicht trieb, während es sie doch zugleich kalt überrieselte — mit einem lähmenden, erstarrenden Kältegefühl . . .
„Draußen — vorm Bahnhof — wartet nock jemand auf dich!" berichtete Hans vergnügt, während er sich mit Maries Handgepäck belud. „Elfe wollte dich durchaus selbst mit ein- holeu. Aber den Bahnsteig mit seinem LLrm und Rauch fürchtet sie immer, und so Hab' ich sie aus einer Bank in den Anlagen zurückgola^sen. Wir gehen zu Fuß nach deinem Hotel, wenn's dir reckt ist —- ich übergebe dies Zeugs und den Gepäckschein für deinen Koffer dein Hausdiener."
„Diese Kiste will ich aber selbst tragen," fiel Marie nun -ästig ein. Es war so ziemlich das erste.Wort, was sie her- dvrbrackte.
„Aber, liebe Marie — sie ist ja so schwer!" widersprach Hans.
„Egal, die vertrau' ich niemand anders an."
„Auch mir nicht? Sehr schmeichelhaft! Ich meine doch —"
„Aber ich will nicht —" trotzte M«rie. — Zankend er- sichten fie den Bahnhofsausgang. Während Hans mit dem Hmrsdi^er des Hotels sprach, marschierte Marie triumphierend aufs Geratewohl mrt der! «Kiste davon.
^ r Hans erreichte sie noch gerade mit ein Paar sehr langen Schritten. 13
„Halt!" rief er lachend. „Hier herum geht's! Du läufst ja gerade in der entgegengesetzten Richtung! Und nun sei ^rstandrg, du Dickkopf, und gib mir die geheimnisvolle Klste her; du siehst, ich habe beide Hände frei, während du dich mit Schirm und Handtäschchen schleppst."'
r fie blieb stehen und sah ihn an, noch immer zum Wider- uch bereit. Seine hellen Augen strahlten sie so fröhlich, siegessicher an — da gab sie nach.
„Du kannst es schließlich nehmen," sagte sie nachdenklich, ^gehört eigentlich dir — es ist mein Hochzeitsgeschenk für
. Hans überrascht und errötend. „Liebe Marie,
rührend gut! Daß du daran gedacht hast! — Sei viel, vielmals bedankt!"
Marie wandte sich dem bezeichneten Promenadenweqe zu, der quer durch die Anlagen führte.
„Erst besieh^ ehe du dich bedankst!" erklärte sie kühl. „Uebrrgeriv hat Mille daran gedacht, nicht ich. Ich hätt's vermutlich vergessen. — Ist das deine Braut, Hans?"
„Ja, das ist sie," versetzte Hans glückleuchtend. Er ging rasch aus das junge Mdcheu zu, das ihnen sanft schweben- Mar^u"b^ buigegenkam, ergriff ihre Hand und führte sie
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Maries erste beklemmende Verwirrung war in dem alt
gewohnten, kleinen Wortgefecht sehr wohltuend untergegaw- aen. Munter uild harmlos sah sie der Begegnung mit seiner Braut entgegen. Aber jetzt starrte sie sie doch zunächst sprachj- los an. Der Liebreiz dieser kteiiien, zarten, in der Tat elfen- haft seinen Gestalt, des holdesten Kinderköpfchens, der strahlendsten Blauauaen, die sie je gesehen, überwältigte sie nahezu. — Förmlich erschreckt sah!ste sich nach Hans. um.
- „Du — die ist ja viel hübscher als ihr Bild!" rief sie. Im uächsten Augenblick flog ihr das Elfchen silbern lachend um den Hals. Und küßte sie mit den frischen, rosigen Lippen, streichelte ihr die Wangen, plauderte unsäglich lieb- lich mit einem feinen, hohen Stimmchen, das grad wie ihr Lachen an silbernes Glöckchenspiel erinnerte. —
Hans stand mit seiner Kiste daneben und freute sich. „Gr<ck so Hab' ich rnir's gedacht," sagte er. „Elfe hatte ein bißchen Angst vor dir, Marie — aber ich Hab' sie gleich ^^ostet: ihr würdet sehr bald die besten Freunde von der
5. toir Non," versicherte die kleine Braut, wäh
rend sich Marie noch ganz benommen, aus ihrer Umarmung frei machte und verlegen, beinah' scheu, einen Schritt zurück- w-ich. Ein so rasches Hingerissensern entsprach ihr sonst ganz und,gar nicht. Aber hier schwieg jede Kritik. Rückhaltlos, mit emer gänzlich fremden Weichheit, gab sie sich deni Zauber hin, den dres ;unge Geschöpfchen in jeder Bewegung, jedem Blick ausstrahlte.
(Fortsetzung folgt.)
Der Zungensehler.
Novelle vonGeorg Müller-Heim.
,Sie hieß Suse Sinz- und — stieß mit der Zunge an. Jvt Übrrsan war sie ern hubick-es, bloiidcs. Mläjdel, das sich auf M Geburtstag freute, weil sie daun im Kreise der Familie gelt«! »vürde. Denn die Suse, das jüngste der, Minder des Börsensensals Sun. wurde immer noch wie ein Kind belXindelt. Drs ioar der eine Kummer, den sie hatte, fühlte sie sich dochsichon, lanae icker das BackfisckMter hinaus gewachsen, niertl Ue eure,heimliche, aber innige Liebe m einem Manne im Herzen Umn^osx, der wert draußen vorm Feind ihrer in Sehnsucht gedacme. ^ ‘
n aber war noch größer: Sie lispelte
^ler Zungenfehler schon kür Herzeleid IN der Tanzstmrde im Kranzrhen! Und 2f? ^ Schicksals!, ja als Grausamkeit empfand
lLL, daß sre nun auch 2 wch diesen FaMckbew- mck Bornanre-n siihrte, in dem es nur so säuselte und zischte. Suse Sinz! Keine, Latte sä viele s-s-s-s- im Namen,
M, daß ihre Eltern auch noch diesen unglücklichen Barnanren!'
Suse! Ms ob es nicht hiindert andere gegeben Kelispelt zu werden brauchte! Bei Gott, sie hatte lieber Aurelie oder Karolme oder Friederike gehertzen, wenn s auch nicht gerade schön klang.
, 0 r~ J e sagen mußte, wurde sie immer purput-
s^s-^Scham, aber auch vor Ansttengimg; denn welche Mühe 1 6, c^ er s ^ber diesen dummen Fehler zu werden, das ahnte ja keiner «jv. der Schule, 'wAm sich jedes mjal z-n Mifanq des! neuen Schuljahres der Klassenlehrer die FamUienverhältnisse auf- m T 16 ^ Buch crnzutragen, da hatte es immer
ein Kichern oder gar cm Helles Gelachter gegebeii, wenn die Reihe ö "J r 2 Sic war fest entschlossen: Heute stößt du aber ganz gewiß nicht mrt der Zunge an! Viertel,tundenlang hatte sie's M Hause probiert, nocy am Morgen vorm Spiegel. Da schien, ^br^ckt"^^ Wtoovtyn wäre. Sie hatte es richtig, fertig
Ziinglein leicht an den Gaumen zu drnÄn und S-u--s-e S-in-z zu sagen.
. . < " s drauf ankam, versagte ihr die Zunge dock
Mänsezähnch^n.^^ ^ 9n ‘ iet ibv bie blendend weißen
,Me Nächste! Wie heißeii Sie?" fragte der junge Tr Mammen, der den erkrankten Oberlehrer in der Selekta vertrat'.
lrch: „Tslutse Tsintz!" Sie hätte in die Eide sinken mogm. Eui schrreller Blick des Lehrers traf sie Das
c^nerkU ^ <ml " %ll1t Ijatte cö auch schon
„Was ist der Vater?"
^<^^bängnis. Denn wenn sich die Klasse bisher ^verhalten hatte, nun platzte sie totsicher heraus. Mle Kraft nahnc sie Mammen, aber cs nützte ihr doch nichts. Und wie ein Hauch kam es von ihren Lipven:
„Börtsen-Tsentsal!"
„Was. bitte?"
tü ^ m . n seS°n. N.ul rnu&te fte’s aar noch sagen Das war ia immer so gewesen! Warnm war ihr «ater aber auch ausgMchmet Sensal «nd nicht lieber Doktor ob« Pfarrer oder Hofrat! Es gab doch wahrhaftig gering Titel ohne S!


