Ausgabe 
19.3.1917
 
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Börtsen-Tsensal!" wiederholte sie. und war glücklich, toenigr stens das letzte s fast richtig heransgebracht zu haben.

Der Titel ist mir unbekannt! Ich bitte mir Ruhe aus!" wandte er sich gleich darauf streng an die mrderen Schülerinnen, denen das Kichern auf den Lippen arstarb.Was soll denn das heißen! Wer mir noch einmal jemanden auslacht, der ivirds mit mir tun bekommen!"

O Gvtt, so energisch hatte noch keiner von den Lehrern ge­sprochen. MucksmäuschenstÜl saß die Klasse. Und Suse konnte voll heimlicher Dankbarkeit für die Hilfe antlvorten:

Mein Vater ist an der Börse Aügelassener Makler und führt Lmtlich diesen Titel."

So das ist mir interessant! Da Hab ich von Ihnen also Was gelernt."

Das war so freundlich gesprochen, daß Suses Herz dem neuen Lehrer entgegen schlug. Und sie blieb Dr. Mmnlntens Liebling das Kauze Jahr hindurch bis zum Abgang von der Schule, zum gehei­men Aerger der Klassengenossinueu. Offen wagten sie nie wieder, Suse zu kränken; denn der junge Doktor erwies sich als ein Mann, der nicht mit sich spaßen ließ.

Jahre waren seitdem verflossen. Dr. Mammen weilte längst schon in einer mrderen Stadt als ständiger Lehrer, da wollte es das Schicksal in der Pfingstwoche 1914, daß sich sein Weg plötzlich mit den: ferner einstigen Schülerin kreuzte. In Bad Gottleuba war's, wohin Suse ihren Vater zur Kur begleitet hatte. Mitten auf dem Markt gab es eine so herzliche Begrüßung zwischen eurem Tourist«: mrt dem, Ranzel ans dem Rücken und einenr zart-duftig mrge-, Zogencn jungen Mädel, daß der Provisor in der Apotheke deit Mörser fallen ließ rrnd wie gebannt auf die ungewöhnliche Szene schaute.

v, war die Suse Sinz doch für ein hübsches, stattliches.

Mädel geworden! Jedem jungen Mann schwebt eine ideale f^au«:- erscheinung vor, nach der seine Sehnsucht verlangt. Die Phantasie gestalt, die durch Dr. Mammens Träume ging, trug die Züge dieser Suse Sinz. Dessen wurde er sich erst jetzt bewußt.

Aus der geplanten Fußimmderung Dr. Mammens über die Berge der sächsischen Schweiz ins böhmische Mittelgebirge hinein Wurde ein achttägiger Badeaufenthalt in Gottleuba. Und am Sonn­tag nach Pfingsten, kurz vor der Mreise, sah der Hochwald am Mugnftusberg ein junges Menschenpaar, das sich in scheuer Hin­gebung den ersten Kuß gab.

Keiner noch wusste darum. Suse trug es als seliges Geheimnis, das erst der Christbaum den Elten: und Geschwistern offenbaren sollte.

Dann aber schmetterte der Krieg auch in ihr junges Glück seine mißtönende Fanfare. Nun lag er draußen als Leutnant vorn: Feind, mehr als ein Jahr schon vor der Feste Verdun. Heißere Gebete stiegen aus keinem deutschen Mädchenherz empor als von Suses bebenden: Mund. Und wunderbar behütet frafte ihn die Vorsehung bis jetzt. Aber auch sein Sinnen u:ü> Sehnen gingt täglich, ja stündlich fast zurück zu dem schönen Mädchen, des sei: große, blaue Auge:: in so bitterem W-eh ihm nachgeschaut hatten, als gein Zug ins Feld Susens Heimatstadt berührte. All die Erinnerungen, die er noch von jener Zeit her hatte, wo Suse als Selektaner in vor seinen: Pulte saß, wachten auf. Und der Zungen- fehler, d-er anderer: so oft lächerlich erschien«: war, dünkte ihn etwas so Charakteristisches an Sufe, daß er ihn gar nicht hätte missen wollen. Es lag geradezu ettvas Zartes/ Hilfsbedürftiges u: dwsem Lispeln. Oh, wie lvoltte er sie schützen vor der Tattlvsig- wtt der Menschen, wie wollte er ihren Mund bedecken mit Küssen!

sich zwar auch mit zwei s, und er hatte herausgefunden, datz Suse alle, solche Worte ängstlich vermied. Aber das brauchte man ja gar nicht aus za: sprechen; aus gedrückt war der Kuß ja an: schönsten. Und dann das hatte ec sich vorgenomlnen wollte er die Suse an den beiden niedlichen Ohren fassen und fragen: Wie heißt Du?"Was ist Dein Vater?" Und Suse müßte, antworten, wie damals, als er sie zum erster: Male sah: ,Tsutse Tsmtz! Börtfen-Tseutsal!" Und dann würde Suse vor lauter Kussel: überhaupt nichts inehr sagen können.

Suse aber war daheim, nicht müßig. Wenn sie nicht gerade ^eldpo,tbr:efe schrreo oder Feldpostpakete packte oder der Mutter in der Wirtschaft half, dann studierte sie mit einer staunedswerteu Energw ein Buch. Das hieß:Wie verlerne ich das Anstoßen mit der Zunge? Anleitung Mm Selbststudinnt und zu praktische!: Ueoungen. Sobald sie nur eine fteie Viertelstunde hatte, schlüpfte sie :n ihr ZrrAner und übte vorm Spiegel. Und ihre Ansdauer -wurde belohnt. Gestern hatte der Vater dein: Abendbrot gesagt - Was rst nur mit unsrer Suse! Ich glaube, die kaiu: jetzt ganz r:cht:g Soße sagen !"

Flarunmndrot war sie geworden. Es wußte ja keiner von ihren lleoimgen. Leicht waren sie gewiß nicht. Aber der Gedanke, ihrem hemittchen Verlobten eine Freude bei seiner Rückkehr zu bereitem neß sie alle Sckmnengketten über wurden. In keine»: Briefe schrieb s:e was davon. Es sollte eine Ueberrafchung werden

Und dann ran: die Sckstacht vor Verdun. Auf den Knien hatte sw vor .ihrem Bett gelegen und gefleht, ihn zu beschirmen: dem«

^ den Brandenburgern, die dm Sturn: aus Donau mont

aUsgefE-- hatten. Fünf lange, bailge Tage blieb jede Nachricht

KoM verwundet!" Und eine Wock-e water.Bin aus der Fahrt rus Berernslazarett nach D.!"-

Und jituu saß sie an feinem Lager auf eurem niedrigen Holz­schemel. Von seinem Gesrcht ließ der dicke, werße Verbaird ikur Augen, Nase und Mund sehn:; aber die Augen leuchtete!:, seligen Glückes voll,, in die ihren, u;:d seine Hände hielten ihre fest um- schlossen, daß es ihr fastffwehe tat.Sstfe," sagte ec und loie. Spannung und verhalte'.^ Heiterkeit war st: seiner Sttnmre,ich Hab Dir auch was nritgebracht!"

Heinrich Hab' Dich doch wieder!"

Na, Suse, über das andere freust Tn Dich auch. Willst Du nur's nachsprechen? Bloß es sind ein paar s darin!" Da flog e:n Zug von Willenskraft in ihr Gesicht.Gern, Heini!"

Also dann sag n:al", er griff in das Tischchen zu seiner Lutten Und legte ein«: glitzernden Steri: auf die Bettdecke, , sag' 'mal:Eisernes Kreuz erster Klasse! Aus den Händen des Kaisers!"

Ihre Augen strahlten wie ein Stern. Fest sah sie ich: ai: und sagte:Eisernes Kreuz erster Klasse! Aus des' Kaisers Händen!"

Mit einem Ruck richtete er sich halb auf, Staunen in: Blick.

Suse, was ist denn das!?"

Da strich sie sauft über sein«: Verband.Für Dich! Ich Hab' auch gekämpft, gegen das garstige Lispeln!"

Da riß er sie in seine Arme, und unter seinen heißen Lippen versank ihr alles, sogar die.-Frau Oberin, die sie gerade noch lachend hatte vorübergehen sehen.

Daun gab er ihr den Kops ein wenig frei:Du, Liebes, sag' noch 'mal, wie Du heißt, weißt Tu, wie cnmals! ES klang mimer so lieb! Und ich Hab's da draußen in all' dem Lärm immer gehört."

Und da öffnete sie die schöngeschwungenen Lippen und die Zunge legte sich, widerspe!lstig loie einst, an die weißen Mäusen zähn che:::

Tsutse Mammen, geborene Tsmtz!"

Er sprach kein Wort, küßte sie auch nicht. Aber aus der Tiefe seiner Augen sah sie einen Quell steigen Tränen nennen es die Menschen das war wie ein heißer Dan? zum Himmel, daß es nach all den: .Furchtbaren da draußen doch noch eine erlösende Seligkeit auf dieser von Wut und Mut und Schinerz«: erfülltrÄ Welt gibt: an der Brust einer liebenden Frau!

Vermischter.

* Das Papier als Mädchen für alles. Unter den Materialien, die sich auf die verschiedenste Werse und fcm den versch-redensten Zwecken verarbeiten lassen, steht das Papier mehr als je mit an erster Stelle. Die mannigfaltige Verwendbarkeit, die das Papier heute zu eiuer Art Universalstoff gemacht hat, wurde aber bereits im Frieden praktisch verwertet. Pavier imd Papierstoff wurden, wie Ingenieur Udo Haafe im Prometheus ausführt, schon seit langen: zur Herstellung von anancherle: Waren benützt, zu den«: man sonst Holz, Metall oder andere starke Massen ge­brauchte. Die geringe iKiderstandskraft, die dem Papierstoff nr- sprünglich zu «gen war, wrwde dirrch das Verfahren des Zu- sammenpressens voi: mehreren Papierlagen unter Benutzung emes Bindennttels, wie z. B. Leim, in solchem Maße überwind«:, daß schließlich sogar Walzen:md andere gegenüber hohen Belastung«: widerstandsfähige Konstrukttonsteile aus Papier angesertigt werden konntei:. Tre Eigenschaft des Papiers, dar; es fid> angewuchtet und mrt emem nach Erstarruiw als Härteunttel wirlenden Zusatz ohne Lchwrerigkeck in Form ei: Pressen läßt, machte die H erstell» im der verschiedensten Gebrauchsgegenstände aus Papier möglich. Auch benutzte mau je nach Art der herzustellkichen Gegenstände entweder eme große Zahl dünner Papierlagen, die zusammengepreßt ivurden,

Er auch nur 'ivenige starke Papplagen, oder inan setzte» dein Papier- . bre: geeignete Füllstoffe wie etwa Gips hinzu. Durch besondere Bearbettung und Verbindung mit anderen Stoff«: kam: d.:S Papier, bezüglicherweise daS Rohmaterial, zu einen: Ersatz Fe ff von geradezu beispielloser Vielseitigkeit g«nacht loerden. Durch schartiges Schichten des Papierstoffes geuxnin man einen Filzersatz, w:e er z. B. als Bierglasnutersatz bekannt ist. Wo die große Brennbarkeit des Papiers störerst» Unrkt, kann sie durch Zumiscküing von Asbest stark herabgemindert werde::. Bekannt ist die Bar» Uu'ndnng des Papiers als Handtuch- uiü> Servietteuersatz, wobei es durch Kreppung als Kreppapier oder durch Faffrverfisznng we:ch und schmiegsam gemacht wird. Ern. anderes Becmhren und zivar die Tränkung mit Oel icnb Paraffin uracht das Papier durchsichtig, so daß es sich als Glasersatz in Laternen, als Lampen­schirm uflv. eignet. De nach Art des verwendeten TränkungsmitleG rönnen auch vpalisiekbnde Wirkung«: erreicht u erden, uwdirrch man auch Milchglas und Mattglas durch Papier zu ersetz: vermag Z« selbst zu entern Ersatzstoff für Lichtbildpwjeffion«: konnte das Paper durch <oaurebelku:dluug grinacht werden. Man erreicht« enken derartigen kolloidalen Zustand d-er Papi er fasern, daß die eigentliche Faserstrnktur, die natü rlich lichtvrechend und ^.trübend verschwand und man einen vollkonunenen Glasers»''.. Gelatineevsatz und Zelluloid erst: tz erhielt. Auf diese Weise sonnte

dem Paper eine Art biegsamen Glases geschttüm werden.

^16 Leichtigkeit und Mannigfaltigkeit der Färbung ließen das Pamer seit wher zu d«: manmgfaäffwn YSachnnhmoi: geeignet erscheinen. Lange vor den: Kriege gab es bereits ein Patent, nach »v-elehci;: sogar Diosaikplattau aus Papier augesortigt umttxrn.