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Male! Nun aber ganz rasch.-Also: den vierten, den
Schlußakt, lassen wir doch natürlich schießen, nicht wahr? Und bleiben den Rest des Abends zusammen — ich erwarte dich nachher hier, sobald dieser Mt zu Ende ist —"
Sie wollte Mnwäude machen, aber er hörte sie gar nicht mehr. Er sauste mit gewaltigen Sprüngen die Treppe empor, an deren Kuß sie gestanden, und Marie ward vom Türschließer noch eben rasch zurechtgewiesen und im letzten Augenblick auf ihren Platz zurückbugsiert.
Hans kan: zu spät nach oben, um seinen zu erreichen. Ihm war's recht so. Er lehnte stehend mit verschränkten Armen an der Tür, die sich hinter ihm geschlossen, und konnte so beinahe besser sehen als vorhin. Uebrigens interessierte ihn das Stück nicht sonderlich. Ern auslLnoflcher Schmarren der wohl kaum an einer reichshauptstädtischen Bühne auf- geführt worden wäre, wenn ihn zufällig nur ein Deutscher geschrieben hätte. — „O, du dummer Michel, du!" Hans schüttelte nachdenklich den Kopf und wandte den Blick in den verdunkelten Zuschauerraum hinab. Wo mochte sie da unten stecken, die lange nicht gesehene Jugendgespielin? Er rechnete rasch nach: Ostern vor zehn Jahren war er aus der Lehre gekommen — und hatte die Vaterstadt verlassen, um nach Hamburg zu gehen — zehn und ein halbes Jahr war das wahrhaftig schon her! Und zu derselben Osterzeit war Maria Krumpa konfirmiert worden — und an ihrem Konfirmationstage, am Abend vor seiner Abreise, hatte er sie zum letzten Male aesehen. Da war er zum Abschiednehmen zum Onkel Poldewrtz gekommen, und Marie hatte unsäglich steif, verlegen und ehrpußlig neben dem alten Doktor auf dem großkarierten Sofa gesessen — ein hochaufgeschossener Backfisch mit langen, glänzendschwarzen Zöpfen — ganz in feierliches Schwarz gehüllt, mit einem feierlichen Schnupftuch in der Rechten. —
Ein Backfisch war sie nun grad' nicht mehr, und die langen Zöpfe wanden sich jetzt als schwere Kronreifen um den kleinen, braunen Kopf. Ader im übrigen.,— Hans Jmhoff lächelte still vor sich bin — im übrigen war sie äußerlich noch dieselbe — grade, lang und schwarz, in hilfloser Würde aufgepflanzt. Und wie sie die Treppe hinaufgefallen war —- das war so ganz sie gewesen, daß sie sein innerster Mensch durch alle Nebel der Zeiten und Dinge hindurch eigentlich daran schon erkannt hatte.
Marie Krumpa saß auf ihrem Eckplatz in der ersten Parkettreihe und blickte auf die Bühne, ohne etwas zu sehen. Ihre Gedanken wanderten abseits gelegene Pfade. Bis in die dämmriae frühste Kindheit pilgerten sie zurück. Wunder- Uch, wre alles mit einem Male wieder da war! Die große Pechsiederei am Flußufer mit dem bescheidenen Wohnhäus- chen, rn dem sie zur Welt gekommen war — und der Mutter das Leben gekostet hatte, und als einziges Töchterchen des verarmten Besitzers trübe Kinderjahre verlebte —: Haus wnb nun schon so lange abgebrannt, vom Erdboden
verschounden, und doch heut' wieder für sie vorhanden, mi i Händen greifen. Dann erstand das t alten menonMZ vor ihr, wo sie nach dem fand, die wunderliche Figur des Pflegevaters selbst. Und auch die Gespielen ihrer Jugend waren mit einem Male alle wieder da, der eine Vorhallen der immer der Führer, der Herrscher der kleinen Schar b^Kn war: Hans Jmhoff, der Bürgerineistersohn. „Hans # n dre anderen Jungens, halb neidisch, AS ^wundernd; denn ihm schlug selten oder nie etwas et ^ch an faßte. Und sie selbst, die arme aus der Pechhütte, hatte der unbarmherzige 5nnderwitz die „Pechmarie" genannt.
w ^^uwrie ! Das stimmte allerdings! Ihr war der Ernst § o5, U ^ ^gegangen. Und seitdem? Schule - Se- ?!^uar Lehrerrnberuf: Arbeit, immer nur Arbeit. Das !?u^.Ringen fürs tägliche Brot. Bis vor wenigen Wochen.
(S T a 8 e ' beruhigend, ja verwirrend, die ^ Unb zwecklose Freiheit, mit der sie so
gar nichts anzufangen wußte.
f ~*! cr Glücksjunge, hatte ja auch geerbt. Dasselbe wie sie, die andere Hälfte von ihres aemeinsampn ^a^^?^^^lussenem Vermögen. Für den bedeutete das Geld sicher ein Gluck. Der würde etwas damit anzu- fangen wissen, es nutzbringend verwenden. So ein Mann
l at t E l ü™L er ^cherlich leicht. Und der Hans gerade - der hatte immer so getan, als ob ihm altes von Rechts wegen iUfallen wüßte. Unglaublich, wie er sich auch eben wieder »enommen! Das Kommandieren konnte er eben nicht lassen.
Verfügte über sie, als sei sie noch das dumine Gör von ehedem. — Aber so ließ sie sich nicht mehr behandeln. Von Hans Jmhoff nun schon gar nicht. Eigentlich müßte-er sich doch darauf besinnen, daß sie ihm auch damals schon oft genug die Zähne gezeigt — ihm widersprochen, den Versuch gemacht hatte, als einzige aus der Schar der Gespielen, seinem Willen den ihren eiltgegenzustemmen. Beim Versuch war's fieilich geblieben. Aber schon der hatte ihr die staunende Bewunderung der ganzen Schar eingetragen.
Mso: es fiel ihr gar nicht ein, seinetwegen den letzten Akt „schießen zu lassen". Sie wollte doch natürlich wissen, wie's ausging, wie das — freilich ziemlich fadenscheinige
— Problem sich löste-die Weiterentwicklung-ja,
hebet Himmel, wußte sie denn, wie sich's weiter entwickelt hatte? Besaß sie denn auch nur einen schwachen Begriff von dem, was da vor ihr seit mindestens zwanzig Minuten geredet und getan ward? Sie starrte entsetzt aus die Bühne
— das hier hatte ja gar keinen Sinn mehr! Sie fand den Zusammenhang nicht wieder. Sie hatte mit blinden Augen gesehen, mrt tauben Ohren gehört.
Und daran war wieder der Hans Jmhoff schuld. Was brauchte er mit einem Male da zu sein? Freilich er hatta das Recht, ins Theater zu gehen, so gut wie sie und jeder- mann — aber mußte er sie derartig überrumpeln, sich so gänzlich ungeniert benehmen und sie selber dadurch jeder Fassung berauben? Wie dumm, wie stocksteif sie dagestanden hatte, um sich füttern ziu lassen wie ein kleines Kind! Mit ihrem eignen Butterbrot, was sie sich geholt und bezahlt Hatte, und wovon er ohne die geringsten Ulnstände die Hälfte sich selber zu Gemüte führte! Sie hatten fieilich schon so manchs Butterbrot miteinander geteilt im Leben, und da war nie die Rede davon gewesen, wem's eigentlich gehörte, wenn sie gantz gerecht blieb: meistens hatte er's wohl mitgebracht. Aber das war doch in jenen grauen Kindertagen gewesen! Jetzt standen sie sich als Erwachsene gegenüber: letzt wurde die Selbstverständlichkeit Dreistigkeit!
^rr, sie hatte es nun ganz fest beschlossen: sie bliebi hier. Der Vorhang fiel über die unverstandene Schlußszene des dritten Aktes, Marie blieb trotzig sitzen. Sie sah sich gar nicht um, aus Furcht, er könne ihr von irgendwoher zuwinken. — Sie würde ihn dann allerdings kaum so leicht einmal Wiedersehen. Dableiben tat er nun keinesfalls, J l€ sch"". Und es war doch im Grunde ganz hübsch gewesen, einem zu begegnen, der so vieles von einem wußte, nack)dem man lange, lange Jahre nur mit fremden „SH * un 6ehabt hatte, denen man ebenso grenzenlos) gleichgültig war, wie sie uns. —
Bescheid wollte sie ihm wenigstens doch sagen. Soviel wu»te fie wohl schon tun, um der alten Bekanntschaft willen. Marne rang noch ein paar Augenblicke mit sich -- Ö™ 5 ’ als das Klingelzeichen zum Wiederaufgehen ^^rhangs ertönte, sprang sie plötzlich auf und rannte
größter Eile hmaus — an dem sehr erstaunten, kopfschüttelnden Türschließer vorüber.
Awhoff schon im Paletot, Hut und
in der Hand. Er lachte ihr fröhlich entgegen'
nicht mehr^^' had)U wahrhaftig schon, du kämst gar
Sie sah ihn groß an:
„Was hättest du denn da getan?"
„Selbstmord begangen vermutlich! Nein — Scherz bei- >E- Weggegangen wäre ich natürlich! Ich werde mich doch nicht ausdrangen meine.Gnädigste. Wenn du dich auch nur den zehnten Teil so über dies unvermutete Wiedersehen fieutest wie ich, mußtest du eben kommen. Und nun gib mir nal rasch deine Marke, daß ich dir deine äußere Hülle be- orgen kann, ich muß erst mal draußen sein urrd „Hurra«"
ch mich nämlich!^ ift mir E wohl, stehst du: so freu'
Da streckte Mari« die Waffen. Stillschweigend lieferte ,e chm d,e Garderobenmarke aus, stillschweigend ließ sie sich WnV^r 1 ’ den schlichten dunklen Regenmantel helfem Aach als sie an seiner Serie rn den lauen Spätherbstabend, hrnaustrat, fiel noch kern Wort von ihren Lippen Desto zwangloser plauderte ihr Begleiter.
„Ein gräßlich albernes Stück!" sagte er. So innerlich hohl, so unwahr, frndest du nicht auch?" ^
gepaßt^ ~ ^ I,a6e äuIe ^ t — 9a>: nid>t Ehr so genau auf-.
irh tl 1 ’ ist es gerade so gegangen! Freilich war
ich auch zerstreut, das Wrederseheu mit dir hatte so viele«


