Samrtag, des 3. März.
Pechmarie und Hans im Glück.
Die Geschichte einer Jugendfreundschaft von C. v. D o r itau. Nachdruck und Uebersetzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten.
1 .
Hans Jnchoff kam die Treppe vom zweiten Rang her> unter und steuerte durch die Vorhalle des Theaters aufs Büfett zu. Es war die große Pause nach dem ztv-eiten Akt, und das Erreichen seines Zieles nicht ganz leicht Mischen all diesen gleitenden, hastenden, plötzlich stockenden Gestalten. Aber das focht seine gute Laune nicht an. Er schleu- derte behaglich, er ließ sich vom Strome treiben, er blieb lächelnd stehen, wo ihm das Fortschreiten versperrt ward, und sein Helles, munteres Auge spazierte dann statt seiner
lveiter.-So viel des Schönen und des befremdend
Wunderlichen gab's ja zu sehen! Er konnte sich nicht satt schauen. Vielleicht lieferte das Widersinnige, das gewollt oder ungewollt Bizarre diesem klaren Auge noch mehr fröhliche Weide, als das schlichtweg Schöne. Der lächelnde Mund über dem festen Kinn legte Zeugnis dafilr ab. Kein Zug des Spottes entstellte ihn. Selbst wenn Hans Jnchoff über die Menschen lachte, tat er's mit Güte.
Was war das mm wieder für eine köstliche Figur: die Lange, Schlanke grad' da drüben an der Äiule! Puritanev- haft schlicht das schwarzseidne Gewand, das m unmodischen Falten um die hageren Glieder hing. Diese lange, dunkle Gestalt war ihm schon vorhin aufgefallen, als sie die Stufen des tiefer gelegenen Restaurationstunnels emporstieg und gestolpert war — über das weite Kleid, die eigenen Füße, was immer. Und bei dem Stolpern hatte ihn irgend etwas durchzuckt — ein Gedankenblitz, ein Erinnerungszeichen — : So hatte er schon einmal — öfters — ein weibliches Wesen
stolpern sehen — so hilflos, so eckig —--Nun stand die
schwarte Gestalt grad vor ihm, an eine Säule geklemmt — ja, geNemmt? — das war der richtige Ausdruck! — und hielt einen Teller krampfhaft zwischen zwei langen, schmalen Händen und traute sich nicht zu essen, weil sie dann doch mit einer Hand loslassen mußte — und der Teller dabei sicher ins Kippen geraten würde.
Hans Jmhosf lachte auf — so hell, so freudig, daß sich die Zunächststehenden erstaunt nach ihm umwandten. Dann schoß er gewandt um alle Hindernisse herum, hindurch, war schon neben ihr — nahm ihr den Teller aus den Händen, ruhig und sicher — ein Augenzucken später hätte sie den klirrend hinfallen lassen vor Schreck — und sprach:
„Gib nur her, Marie! Ich halte ihn dir solange."
Sie stand wie ein Bild. Wie festgewachsen an der Säule hinter ihr. Und starrte ihn mit den großen, schwarzen Augen au — dem einzigen wirklich Schöllen in ihrem dunklen, scharfgeschllittenen Zigeunergesicht.
„Hans!" stammelte sie. „Wenn das nicht Hans ist —!"
„Aber natürlich ist's Hans! Wer sonst wohl? — Aber wenn du dein Butterbrot noch intus haben willst, ehe es
klingelt, mußt du dich wirklich beeilen. Warum hast du eigentlich nicht gleich unten gegessen? Da gibt's doch Tische und bequeme Sitzgelegenheiten
„Da unten war's so voll —!"
„Na, ob's hier oben leerer ist —! Aber du ißt ja gar nicht—?"
„Ich kann doch jetzt nicht essen!" sagte Marie unwillig. „Wie sollt ich bloß daran denken — ich wundere mich ja des TlKres, daß du pWtzlich da bist —
„Darüber wundere dich lieber nachher. Jetzt wollen wir gefälligst essen. Ich habe nämlich auch kannibalischen Hunger. Gib mir ein paar Happen ab — ja? Da, halte du lieber den Teller! Aber laß ihn nicht fallen, bitte. Ich besorg' dann die Fütterung."
Sie nahm den Teller gehorsam und hielt ihn steif, mit ausgestreckten Händen. Er zerteilte das Brot geschickt in mundgerechte Streifen, die er abwechselnd ihr und sich zwischen die Lippen schob. Sie aß rein mechanisch und sah ibn dabei immer starr au. Sprechen konnten sie natürlich beide nicht bei dem hastigen Essen. Ms der letzte Bissen verschwunden war, klingelte es. Hans brachte den leeren Teller beiseite und wandte sich Marie wieder hastig zu.
„Du bist allein hier?" fragte er rasch.
,La."
„Und sitzest — wo?"
„Parkett. Ganz vorn. Und du?"
„Hoch oben im zweiten Rang. Ich sitze immer gern möglichst weit ab von der Bühne. Da wahr' ich mir die Illusion am besten."
„Und ich muß ganz vorn sitzen. Sonst macht's mir keine Freude. Ich muß alles ganz genau sehen können —"
„Die Schminke? Den gepappten Wald? Mer ich vergaß, daß du kurzsichtig bist."
„Auch. Aber das ist nicht der einzige Grund." Marie erwärmte sich nach und nach beim Sprechen. „Ich mag mir gar keine Illusionen machen — ich will oie Dinge so sehen, wie sie wirklich sind — und im Theater will ich mir klar machen, warum der Künstler so und nicht anders spielt. Das kann ich nur, wenn ich ihn genau beobachte."
„Hm!" Hans zuckte die Achselrr. „Ich glaube nun gerade nicht, oaß dies das höchste Ziel des Künstlers ist: die Leute zum Nachdenken über seine Mittel und Wege zu bringen. — Ich meine, es muß ihm lieber fein, daß sie die über seiner
Kunst vergessen. --Wer Marie!" Aaus Jnchoff lachte
plötzlich wieder hell auf. „Sind wir nicht unaussprechlich lächerlich alle beide? Da unterhalten lvir uiqs über künstlerische Standpunkte — statt uns einfach zu freuen, daß wir uns endlich mal wieder begegnen- v denn ich wenig
stens freue mich mächtig, du! Und wir haben doch auch unglaublich viel zu fragen, zu erzählen —
,La," murmelte sie ganz hilflos. „Wo soll man da nur anfangen?" —
„Hübsch eins nach dein andern, meine gute Marie! 9lber natürlich nicht hier, jetzt-da klingelt'- zum zweiten


