Ausgabe 
28.2.1917
 
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Königsträume.

Roman von Karl Busse.

(Nachörack verboten.)

(Schluß.)

Der Aufstand schleppte sich noch eine ganze Zeit hin. Aber es stellte sich heraus, dnß Kasimir Rzonka recht gehabt hatte. Die Bauern, die der kaiserliche Ukas von schiveren Lasten befreite, unterstützten die Bewegung nicht mehr. Hier und bHi ward wohl noch ein Sieg erfochten, aber er konnte das Schicksal der Polen nicht ändern. Und als das Jahr sich seinem Ende zuneigte, war der Aufsband so gut wie erloschen.

Die polnischen Edelleute, die unter VLapoleon Rutkowski gekämpft hatten, feierten das Weihnachtssest teils in Paris, teils auf ihren angestammten Besitzungen.

Im Februar 1864 stellte auch die Nationalregierung ihre Tätigkeit ein. Schon vorher waren die preußischen Trup­pen zum größten Teil von der Grenze abgezogen worden und in ihre alten Garnisonen gerückt. Nach einer längeren Unter­redung mit Hans Albert und Ernst August erbat Fritz von Versen seine Entlassung aus dem Militärdienst.

Man hatte sich dahin geeinigt, daß um Ostern 1864 heruni die Hochzeit Hannas stattfinden sollte. Ernst August, der mit Leib und Seele Offizier war, wollte im Militär^ dienst bleiben: Versen sollte Nasgora übernehmen und all­mählich Ernst Augusts Vermögensanteil herauszahlen. Der alte Baron übergab seinem Schwiegersohn die Zügel der Ver­waltung gern.

Mit einem Arm kann ich sie doch nicht kräftig genug packen," sagte er.Und was die Hauptsache ist: Ich habe mit mir selbst so viel zu tun, daß ich Ruhe brauche!"

Das war keine Phrase. Es ging ihm jetzt im Alter wie andern Leuten in der Jugend. Er mußte aufbauen, an sich arbeiten, uni sich selbst ins Gleichgewicht zu bringen, um den neuen Standpunkt sich ganz zu eigen zu machen, daß er fest und unerschütterlich ward. Auch das Fluchen verschwor er. Aber ganz wurde er es nicht los. Manch kräftig Mörtlein, das er nicht rasch genug verschlucken konnte, entfuhr ihm nach alter, lieber Gewohnheit.

Hatlnas Hochzeit wurde ziemlich still aefeiert. Wieder kam der Sommer und die Ernte. Dann hing sich Hans Albert den Jagdstuhl über den rechten^lrm und ging in die Felder. Er saß mitten im Glühen der Sonne, mitten im Reifen und Schivellen. Immer nachdenklicher ward er.

Zu Hause rechnete er bei verschlossener Tür, schrieb Briefe nach alten Seiten, knikpfte langst abgerissene Be­ziehungen von neuem an, und er wurde fröhlicher dabei.

Ich glaube," sagte er zu Versen,daß ich alter Esel doch noch zu etwas auf der W^elt Nütze biu. Ich habe noch einen Leliensztveck."

Aber fragte man ihn, so klopfte er sich auf den Mund.

Die Zeit wird's lehren. Ich muß meiner Sache erst sicher sein!"

Was Hans Albert plante, war nichts Geringeres, als dem Dorf zu einer Kirche zu verhelfen. Was er selbst schlecht gemacht hatte, sollte ein anderer gut machen. Unaufhörlich war er tätig, einflußreiche Kreise für sein Vorhaben zu ge­winnen. Es kam ihm zugute, daß nach dem Fehlschlagen des Aufstandes unter der Bevölkerung eine geftcicjcrte Religiosi­tät platzariff. Und die polnischen EdeTente, die für die Kirche stets Gew hatten, gaben um so lieber, als ein deutscher Prote­stant es war, der sich, so eifrig für den Bau eines katholischen Kirchleins ins Zeug legte.

Nun werden sie nicht mehr sagen können, daß ich sie habe abtrünnig machen wollen."

Er sprach es halblaut vor sich hin und lächelte. Ihm war, als ob er damit eine letzte Schuld tilge.

An einem Junitage saß er auch wieder anr Rain der Felder. Er sah ans das heilige Korn und hörte auf die Lerchen, die in der Luft standen. Mit der Spitze seines Stockes hatte er in großen Strichen ein Gotteshaus mit schlankem Turm in den warmen Sand gemalt. Da kamen Schritte heran. Er sah auf. Fast gleichzeitig erhob der Näherkommende den bis­her gesenkten Blick. Es war Michael Laskowicz.

Unwillkürlich war der Baron aufgestandcn. Der Schmied taumelte zurück, als hätte er einen Stoß empfangen. Die? Spitze seines Stockes, auf den er sich stützte, grub sich tief in den Boden.

Guten Tag, Pan Laskowicz", sagte Haus Albert.

Fast widerwillig nahm der Schmied die Ntutze ab. Er war grau geworden in den zwei Jahren. Sein Rücken war gebeugt.

,Wollt Ihr mir nicht die Hand geben?"

Es arbeitete in ihm; immer wilder wogte die Brust.

Laßt das, Herr!" Die Worte rissen sich vom Munde. Ihr wißt, woher ich komme."

Scheu war sein Blick auf den Boden gerichtet.

Ich weiß es, Pan!"

Nun also. Aus dem Gefängnis!"

Tiefer noch grub sich der Stock. Er ward jäh zurück­gebogen, daß ein Stück grasiger Erde gelockert ward. Dann fuhr sich Michael Laskowicz mit dem Aermel über die Stirn, an der Schweißtropfen hingen.

Gefängnis klingt besser als Zuchthaus."

Er wandte sich. Schwerfällig ging er weiter. Da trat ihm der alte Baron in den Weg.

Wohin wollt Ihr, Meister? Nack) der Schmiede? Dann gehen wir, wenn's Euch recht ist, zusammen."

Er wollte auffahren. Er strich sich wieder nur über die Stirn. Er sagte nichts, als Hans Albert neben ihm schritt. Eine ganze Weile gingen sie schweigend durch die scmnüber- glühten Felder.

Das Dorf wird sich freuen, wenn es Euren Hammer wieder hört. Ein Schmied ist uns nötig."

Meint Ihr, Herr?" Rauh klang es. Und plötzlich rich­tete er sich zur alten Größe auf.

.Herr, Herr, was quält Ihr mich; was Nwllt Ihr noch